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Full text of "Die Therapie des Auges mittels des farbigen Lichtes : Lehrbuch"

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Boston 

Medical Library 

8 the fenway 



Die 



Therapie des Auges 



mittels des 



farbigen Lichtes. 



I** 



DIE 



THERAPIE DES AUGES 



MITTELS DES 



FARBIGEN LICHTES, 



LEHRBUCH 



DR- LUDWIG BOEHM, 

Geheimen Medicinal - Rath und Professor an der Universität zu Berlin. 



Mit zwei Tafeln in Farbendruck. 



Berlin, 1862. 
Verlag von August Hirschwald, 



Unter den Linden 68. 



J- ££? /&7. 



UisH 




Inhalt. 



Seit« 

Vorwort I 

I. Physikalische Vorbemerkungen 1 

1) Das Licht 1 

2) Die Brechung des Lichtes 2 

3) Die Zerlegung des Lichtes in Farben. . . 3 
II. Das blaue Licht als therapeutisches Mittel ... 6 

III. Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen 
Lichtes (im Vergleiche mit dem weissen und 

den übrigen farbigen Lichtern) 11 

1) Das blaue Licht ist brechbarer 11 

2) Das blaue Licht ist schonender 15 

3) Das blaue Licht ist wahrnehmbarer ... 21 

4) Das blaue Licht ist dauergebender .... 25 

IV. Der technische Apparat zur Verwendung des 
blauen Lichtes 28 

V. Die grauen Augengläser (Rauchgläser) 37 

VI. Ueber die binocularen Combinations - Störungen 
als besonderes Krankheitsgebiet, und über die 
darauf bezügliche Heilmethode, das blaue Licht 
für das rechte und linke Auge — inwieweit 
beide verschieden sind — auch verschieden ab- 
zustimmen 45 

VII. Physiologische Erscheinungen, welche bei ver- 
schieden blauen Lichtströmen in der centralen 



VI 

Seite 

Verbindung gleich sehkräftiger Netzhäute wahr- 
genommen werden 85 

VIII. Pathologische Erscheinungen, welche bei ver- 
schieden blauen Lichtströmen in der centralen 
Verbindung ungleich sehkräftiger Netzhäute 
wahrgenommen werden, und die daraus sich er- 
gebende Licht -Therapie . * 91 

IX. Die Erfolge der Licht - Therapie 97 

IX 1. Das blaue Licht hebt die Blendung, meistens 

die Wirkung des Lichtes auf ungleich sehkräf- 
tige Augen 101 

1X2. Das blaue Licht erhöht die Unterscheidungskraft 

und giebt Deutlichkeit 111 

1X3. Das blaue Licht giebt die Ferne 137 

1X4. Das blaue Licht giebt die Nähe 161 

IX 5. Das blaue Licht beseitigt — namentlich bei der 

einseitigen Verwendung — den Schmerz .... 183 
1X6. Das blaue Licht gewährt die Dauer 203 

X. Andeutung der äussersten Grenze der Licht- 
Therapie 237 



Vorwort. 



Die Lehre von einer methodischen Behandlung 
und Zurückführung kranker und schwach gewor- 
dener Augen zur erneuten Brauchbarkeit durch 
Hülfe des farbigen Lichtes habe ich nach dem 
Ergebnisse vieljähriger Erfahrungen in der vor- 
liegenden Schrift darzustellen versucht. Dieses 
Unternehmen dürfte vielleicht in unseren Tagen, 
nachdem der histologische und pathologische 
Theil der Augenheilkunde durch das Ophthalmos- 
cop so wesentliche der Therapie zu Gute kom- 
mende Fortschritte gemacht hat, zeitgemäss und 
nicht ungeeignet sein, wieder einmal auch solchen 
Untersuchungen Beachtung zu verschaffen, die 
zunächst auf die subjectiven Sinneswahr- 
nehmungen der Kranken gerichtet sind, und 
die unmittelbar dem Zwecke dienen, den unter 
den mancherlei Einzelheiten pathologischer Verän- 
derungen zwar klarer erkannten, aber nichts desto 
weniger in ihrer Function oft niedergehaltenen 
Augen aufzuhelfen, und etwa so beizukommen, 



VIII Vorwort. 

wie man schadhaft gewordenen Lungen durch an- 
dere Luft, oder den gesunkenen Digestions -Or- 
ganen durch eine zusagendere Nahrung leichte- 
ren Fortgang und Genesung zu verschaffen weiss. 

Zahlreich wird voraussichtlich noch lange 
Zeit hindurch die Klasse der Augenkranken blei- 
ben, bei denen die sonst mit allem Recht so hoch 
gehaltene Rücksicht auf die Art der pathologischen 
Entwicklung für die Heilung nicht mehr in das 
Gewicht fällt. Denn entweder müssen wir in die- 
ser Beziehung, wie bei den erblichen und Rück- 
bildungs-Fehlern , unsere Ohnmacht früh genug 
einsehen, oder das Krankheitsziel ist fertig und 
erfüllt, und die Zeit, demselben zuvorzukommen, 
ist längst verronnen, ehe noch der Leidende über- 
haupt sich für krank erachtet, oder Hülfe in An- 
spruch nehmen zu müssen glaubt. 

Auch hat man sich über dieses Sachver- 
hältniss in Betreff vieler äusserlich wahrnehm- 
barer Mängel und namentlich der Formfehler des 
Auges niemals getäuscht; dass aber auf dem Grunde 
des Auges, und in dem wichtigsten Theile des 
Organs, noch ein so reichhaltiges Gebiet abge- 
laufener pathologischer Veränderungen ausge- 
breitet liegt, Angesicht dessen es eines gar star- 
ken Glaubens bedarf, um die Hoffnung auf eine 
restitutio in integrum überall aufrecht zu erhal- 
ten: davon hat uns, — so denke ich wenig- 
stens — in neuerer Zeit der unparteiische 



Vorwort. IX 

Augenspiegel mit seiner täglich wachsenden 
Musterkarte ebenfalls klar genug überzeugt. 

Wenn dem freimüthigen Bekenntnisse einer 
solchen Ansicht die Zustimmung vieler Sachver- 
ständigen nicht fehlt, wenn bei aller Anerken- 
nung des schon Gewonnenen der Zeitpunkt noch 
weit entfernt ist, wo die auf den Grund des 
Auges gerichtete, im Bereich der Möglichkeit lie- 
gende, radicale Therapie zu der erforderlichen 
Reife gelangt sein wird, und wenn die Krauken 
selbst am wenigsten geneigt sein möchten, der 
Zukunft einer solchen vollendeten Kunst entge- 
genzuharren: so gilt es, eine neue Bahn zu er- 
öffnen und ein Mittel zu finden, das vorläufig, 
unerachtet der Fortdauer mancher jetzt klar 
unterscheidbarer Netzhaut-Leiden, 

1) möglichst für Dasjenige Ersatz zu geben 
vermag, was das Auge unter den natürlich 
gegebenen Beleuchtungs- Verhältnissen zu 
leisten aufgehört hat, 

2) und welches die Missverhältnisse auszu- 
gleichen im Stande ist, die, im binocularen 
Sehen liegend, mehr als man bisher ge- 
wusst hat, bei den Kranken die Function 
beirren, und ihren Gesichts-Sinn herabsetzen 
und entwerthen. 

Darf ich der Vorzüge einer solchen aus der 
Physik entnommenen Therapie, ohne die Besorg- 
niss zu hegen, dass ich dadurch gegen sie ein- 



X Vorwort. 

nehme, im Voraus Erwähnung thun. und unbe- 
fangen aussprechen, wie diese Vorzüge mir er- 
scheinen, nachdem ich langer als zwei Decennien 
mit ihnen vertraut geworden : so möchte ich mein 
Urtheil dahin abgeben, dass die Behandlung. 
durch ein Mittel, wie das farbige Licht ist. sich 
durch Fasslichkeit und Biegsamkeit für den Arzt 
empfiehlt, durch Zugänglichkeit und Gefahrlosig- 
keit den Kranken gewinnt, von Entbehrungen 
und Schwächung frei, von jedem Zeitverlust fern 
ist. etwa dem vierten Theil der Augen- 
kranken hilft, und auch denen in uner- 
i tz lieber Weise zu Gunsten kommt, 
welche unwiderruflichen Organisations- 
fehlern schon verfallen sind, und sich 
dadurch jedem Einfluss sonstiger Mittel 
fest verschliessen. 

Zur Erläuterung dieses Urtheils. welches jetzt 
noch Manchem, von Vorliebe getragen und gegen 
die Wirklichkeit gehalten, zu grell und zu ge- 
wagt erscheinen möchte, wird es dienen, wenn 
ich den Standpunkt der Sache von Vorn herein 
•ezeiehne. dass hier zum Zweck der Behand- 
lung auf das Studium der objectiven Erschei- 
nungen zwar alle zeitgem; ä irfalt verwen- 
det, aber doch kein grösseres Gewicht gelegt 
worden ist. als auf die genaue Beachtung und 
Abwägung der feinsten subjectiven Sianf 
Wahrnehmungen, durch welche sich der Kranke 



Vorwort. XI 

als von der Norm abweichend, und als ein Hülfs- 
bedürftiger in seiner Art erweist. Ist erst so 
der einzelne Kranke in seinem einfachen Man- 
gel, oder in seinen zusammengetretenen Män- 
geln erforscht: so soll durch eine darauf eben so 
genau eingehende Licht -Zutheilung, oder durch 
eine Zusammenstellung von Licht-Modificationen 
möglichst direct ersetzt oder ausgeglichen wer- 
den, was der Leidende in den Fähigkeiten sei- 
nes Gesichts wirklich verlor, oder auch wegen 
vorhandener Missverhältnisse im binocularen Se- 
hen zu verwerthen nur verhindert ist. 

In diesem Sinn ist allerdings diese neue 
Heilmethode mittels qualitativ geänderten Lichtes 
zunächst palliativer Natur, und wird einen ver- 
vollständigenden Theil derjenigen Kunst aus- 
machen, welche nach geschichtlichen Angaben 
im Anfange des vierzehnten Jahrhunderts ein 
Mönch Alessandro da Spina durch Anfertigung 
und menschenfreundliche Vertheilung der ersten 
Brillengläser ins Leben gerufen, und deren Theo- 
rie erst drei Jahrhunderte später Johann Kepler 
aus der Brechung des Lichtstrahls erklärt hat. 
Sind die Physiker heutiger Zeit mit den span- 
nenden Untersuchungen beschäftigt, aus den 
Zeichnungen, die das Farbenspectrum aufweist, 
die Urstoffe der Sonne zu ermitteln, welche, über 
Zwanzig Millionen Meilen von uns entfernt, in 
deren Gluth verbrennen: so sollen hier für un- 



XII Vorwort. 

sere Zwecke die einzelnen Wirkungen aufgesucht 
und genau verzeichnet werden, die der blaue 
Strahl bei seiner Berührung im Nerventapet des 
Auges hervorruft, und mittels derer die Sehkraft 
in merkwürdiger Weise von Stumpfheiten befreit 
und mit vielen Eigenschaften, die ihr im weissen 
Licht verloren gingen, von neuem betraut wird. 

Den Wirkungen der Lichtbrechung, welche 
auf die Fehler der Accommodation gerichtet 
sind, und deren man sich zeither in der Augen- 
heilkunde im weitesten Umfange bediente, sollen 
die ebenso positiven Wirkungen des in der Far- 
benzusammensetzung geänderten Lichtes zur Seite 
gestellt werden, welche in der erkrankten Netz- 
haut einen eben so empfänglichen als dankbaren 
Boden finden. Sehr oft kann es durch die Um- 
stände geboten sein, dass man die alten Gesetze 
der Lichtbrechung mit den hier nachgewiesenen 
neuen Gesetzen des qualitativ geänderten Lichtes 
gemeinsam wirken lassen muss. Aber einem 
solchen in doppelter Weise geordneten Vorgehen 
lösen sich auch dann erst die in der Tiefe des 
Auges allzu fest geschlungenen pathologischen 
Knoten und zeigen sich oft die am wenigsten 
erwarteten therapeutischen Resultate. 

Dass es für eine solche, unmittelbar auf die 
subjectiven Krankheits - Erscheinungen zuge- 
richtete Therapie mittels Licht- Modificationen so 
lange Zeit an einer sorgfältigen Pflege und an 



Vorwort. XIII 

leitenden Grundsätzen gefehlt hat, kann nicht 
befremden, wenn man erwägt, dass die beiden 
Netzhäute auch der Tummelplatz der subjectiven 
Täuschungen sind, dass die Vorgänge im bino- 
cularen Sehen auch physiologisch erst in neue- 
rer Zeit in erfolgreicheren Angriff genommen 
worden sind, und dass auch für den Therapeu- 
ten ohne eine besondere und langjährige Belau- 
schung dieser Verhältnisse kein klarer Durch- 
blick und kein geregelter Kurplan zu gewinnen 
war. Noch weniger darf ich befürchten, dass 
man, gegenüber dem jetzt mit manchem schönen 
Erfolg ausgebildeten direct radicalen Heilverfah- 
ren, in der Wiederaufnahme und Erweiterung 
einer mehr palliativ vorgehenden Handlungsweise 
etwa einen Rückschritt erkennen werde, nachdem 
der feinere Theil der Brillenkunde- neuerdings 
schon an manchen Punkten in hervorragenden 
Männern der Wissenschaft Vertreter gefunden 
hat, und ganz dazu geeignet ist, Vieles in der 
Therapie zu leisten, was sonst unerreichbar bleibt. 
Zu den subjectiven Symptomen-Gruppen, 
welche sich mir bei dieser Art der pathologischen 
Anschauung immer mehr von einander lostrenn- 
ten, um eben so reichen Stoff zu neuen Beob- 
achtungen zu geben, als der Farben-Therapie ganz 
bestimmt unterscheidbare Gebiete zu eröffnen, in 
denen man auf ihre sicheren Erfolge rechnen 
kann, zähle ich: 



XIV Vorwort. 

1) die Verminderungen in der Deutlichkeit des 
Erkennens, 

2) die gestörte Beherrschung der Nähe oder 
der Ferne, 

3) die Schmerzempfindungen bei dem Gebrauch 
der Augen, und 

4) die Verminderungen in der Ausdauer beim 
Sehen. 

Und während ich in diesen so wesentlichen 
Gebieten festzustellen suchte, bis zu welcher 
Grenze, und unter welchen Umständen der blaue 
Lichtstrahl die zu Stande gekommenen Verluste 
zu ersetzen vermag, gelangte ich zu jener noch 
specielleren Erkenntniss, dass bei der ent- 
schiedenen Mehrzahl der Augenkranken 
eine Störung in der Verbindung der Ein- 
drücke beider Augen zu einem Gesammt- 
Eindruck obwaltet, und dass durch die blosse 
Berücksichtigung dieser meistens sehr verborgen 
liegenden Störung eine ungemeine Verbesserung 
in allen jenen genannten Symptomen -Gruppen 
erreichbar ist. Denn wie der kleinste einseitige 
Verlust sich dem Kranken sofort in der Gesammt- 
heit der Sinnesthätigkeit fühlbar macht, so ist 
das kleinste Maass, in welchem man dem blauen 
Strahl auf der betreffenden Seite das Ueberge- 
wicht giebt, auch das Mittel, den aus der bino- 
cularen Störung hervorgehenden Verlusten ver- 
schiedener Art abzuhelfen. Während das blaue 



Vorwort. XV 

Licht schon im Allgemeinen die Sehkraft unter- 
stützt, heben noch nebenbei seine rechts und 
links verschieden gewählten Abstufungen den 
Mis'sklang der Augen. 

Ich kann mir kein Urtheil darüber anmaassen, 
ob und in wieweit es mir gelungen ist, diese 
therapeutische Schrift, welche aus lauter neuen, 
aber nichts desto weniger durch die Zeit besie- 
gelten Kranken -Beobachtungen hervorging, dem 
heutigen Standpunkte der Wissenschaft gerecht 
zu machen, und den sehr in einander greifen- 
den, überall die Gefahr der Wiederholung in 
sich schliessenden Stoff so zu ordnen und dar- 
zustellen, dass dessenungeachtet jeder Abschnitt 
durch seinen Inhalt und in seiner Reihefolge für 
das Ganze erläuternd mitwirken könne. Mein 
Fleiss hat dabei nicht gefehlt; dennoch ist es 
bei der Natur des Gegenstandes leicht möglich, 
dass der Physiker und Physiolog von seinem 
Standpunkt aus gegen meine Schlussfolgerungen 
diesen oder jenen Einwand zu machen hat. 

Indessen kommt es bei der Durchführung 
eines jeden, und namentlich eines therapeutischen 
Gegenstandes vor Allem auf die Feststellung 
bestimmter Thatsachen an. Die wissenschaft- 
liche Erklärung derselben steht erst in zweiter 
Linie, und ist nach den Ansichten der Zeit oft Abän- 
derungen unterworfen. Für den bleibenden practi- 
schen Werth der hier verfolgten Therapie wird, 



XVI Vorwort. 

abgesehen von Tausenden der von mir Geheilten, 
der Umstand bürgen, dass die Behandlung durch 
das Licht im Allgemeinen, so wie die Behand- 
lung der binocularen Combinations-Störungen im 
Besonderen, auf einem sehr einfachen und nahe 
liegenden Gedanken beruht, dass solche Gedan- 
ken aber, — wenn sie ins Einzelne verfolgt wer- 
den — am meisten ihre Fruchtbarkeit und Nütz- 
lichkeit bewähren, und am ehesten Hoffnung auf 
Bestehen und auf Weiterentwickelung in sich 
tragen. 

Berlin, am 15. Julius 1862. 

Dr. Böhm. 




I. 
Physikalische Vorbemerkungen. 



1. Das Licht. 

jDei der Frage über die Entstehung und das Wesen 
des Lichtes hat man verschiedenen Ansichten gehuldigt. 
In früheren Zeiten war man geneigt, das Licht als einen 
feinen unwägbaren Stoff zu betrachten, der von den 
leuchtenden Körpern, namentlich von der Sonne ausgehe, 
und sich mit grosser Geschwindigkeit verbreite (Isaak 
Newton's* Emanations-Theorie). Später aber 
suchte man den Ursprung des Lichtes durch die Er- 
schütterung einer feinen elastischen im Raum verbrei- 
teten Materie (des Aethers) zu erklären, so wie man 
die Entstehung und Fortpflanzung des Schalls durch eine 
Erschütterung oder schwingende Bewegung der Luft er- 
wiesen hat. Ch. Huygens**) war der Schöpfer dieser 
sogenannten Vibrations- oder Undulations-Theo- 
r i e und seitLeonhardEuler's ***) weiterer Entwicke- 



*) Isaak Newton, geboren 1642, gestorben 1727. 
**) Ch. Huygens, geboren 1629, gestorben 1695. 
***) Leonhard Euler, geboren 1707. gestorben 1783. 

Böhm, Licht - Therapie. j 



2 Physikalische Vorbemerkungen. 

lung war sie unter den Physikern allgemeiner ange- 
nommen worden. Doch erst in neueren Zeiten haben be- 
sonders Y o u n g ' s *) und F r e s~n e 1' s * *) Arbeiten der Un- 
dulations- Theorie einen so entschiedenen Sieg verschafft, 
dass die Emanations-Theorie jetzt allgemein als unhaltbar 
verlassen ist. Sämmtliche Erscheinungen des Lichtes ist 
man im Stande, durch die Undulations-Theorie mit mathe- 
matischer Schärfe abzuleiten und ihren notwendigen Zu- 
sammenhang mit den Grundthatsachen nachzuweisen. 

Leuchtend ist also der Aether nicht, sondern nur 
diejenigen Körper, welche ihn in Schwingungen versetzen 
können. Wenn sich die Bewegungen des Aethers bis 
zur Netzhaut des Auges fortpflanzen, so bewirken sie 
das Sehen. 

2. Die Brechung des Lichtes. 

Die Erfahrung lehrt uns, dass sich das Licht, so 
lange es in einem Medium von gleich materieller Be- 
schaffenheit bleibt, auch in gradliniger Richtung fort- 
pflanzt. Die Erfahrung lehrt aber auch, dass das Licht 
beim Uebergang aus einem Medium in ein anderes 
eine Brechung erleidet. Beim Durchgang der Licht- 
strahlen durch ein anderes Medium linden sogar zwei 
Brechungen , eine beim Eintritt und eine in umgekehrter 
Richtung beim Austritt Statt, so dass diese beiden Bre- 
chungen sich gegenseitig ausgleichen können, und das 
Licht beim Durchgang durch Platten mit parallelen 
Flächen, z. B. durch eine Fensterscheibe, schliesslich 



*) Thoraas Young, geboren 1773, gestorben 1829. 

*) Augustin Jean Fresnel, geboren 1788, gesorben 1827. 



Physikalische Vorbemerkungen. 3 

keine Abweichung von seiner ursprünglichen Richtung 
erfährt. Wenn aber das Licht durch einen Körper drin- 
gen muss, dessen Flächen schief zu einander geneigt 
sind, z. B. durch ein dreiseitig geschliffenes Glasprisma, 
so ändert es beim Durchgang seine ursprüngliche Rich- 
tung in dem Verhältniss. als die Flächen des betreffen- 
den Körpers schief zu einander geneigt sind. 



3. Die Zerlegung des weissen Lichtes 
in Farben. 

Die Brechung des Lichtes ist auch noch mit einer 
anderen auffälligen Erscheinung verbunden, die man die 
Farbenzerstreuung des Lichtes nennt. 

Der ursprünglich noch ungebrochene Lichtstrahl er- 
scheint uns, sowie die Sonne selbst, ohne Farbe oder 
weiss. Lässt man in ein verdunkeltes Zimmer durch 
ein kleines rundes Loch b einen Sonnenstrahl in der 
Richtung b d durch ein Glasprisma s fallen, des 
brechender Winkel nach oben gerichtet i-t. s<> erblickt 

Fi?. 1. 




4 Physikalische Vorbemerkungen. 

man auf der gegenüberstehenden Wand, statt des weissen 
runden Sonnenbildchens, welches ohne das Prisma in d 
erschienen wäre, ein tiefer unten in rv erscheinendes 
länglich ovales Bild, das Sonnenspectrum, in wel- 
chem man sieben verschiedene Farben unterscheiden 
kann. Das weisse Licht des Sonnenstrahls ist also 
zusammengesetzt und enthält die farbigen Lichter in 
sich. Wir erkennen nur diese Farben ohne Zerlegung 
durch das Prisma nicht, weil sie in ihrem Zusammen- 
wirken auf jeden Punkt der Netzhaut den Eindruck, 
welchen wir Weiss nennen, hervorbringen. 

Da jedes der farbigen Lichter eine andere Brech- 
barkeit besitzt, so gehen sie in verschiedenen Richtun- 
gen aus dem zerlegenden Prisma hervor, und erschei- 
nen in einer bestimmten Ordnung. (Siehe Taf. I, Fig. 1.) 
An dem Ende des Spectrum, welches dem brechenden 
Winkel des Prisma zunächst liegt, befindet sich 

Roth, 
dann folgen Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo, 
und an dem vom brechenden Winkel am meisten ent- 
fernten Ende liegt endlich 
Violett. 

Die rothen Strahlen sind also die von ihrer ur- 
sprünglichen Richtung am wenigsten abgelenkten und 
die am wenigsten brechbaren, die violetten dagegen 
von allen die am brechbarsten. 

Die Helligkeit des Lichtes wird der Undulations- 
Theorie gemäss durch die Verhältnisse ässige Weite der 
Schwingungen des elastischen Mediums (des Aethers) 
bedingt. Durch die Anzahl der Schwingungen dage- 
gen wird die Farbe erzeugt. 



Physikalische Vorbemerkungen. 5 

So entsprechen z. B. dem äussersten Koth 458 und 
dem am anderen Extrem liegenden Violett 727 Billio- 
nen Schwingungen des Lichtäthers in der Secunde. 
Da nun aber die Fortpflanzung alles Lichtes mit glei- 
cher Geschwindigkeit geschieht, so folgt daraus, dass 
die einzelne Wellenlänge des rothen Lichtes fast die 
doppelte sein muss, wie die des violetten und blauen 
Lichtes, dessen merkwürdige und für die erkrankten Seh- 
organe unvergleichlich heilbringende Eigenschaften wir 
in der vorliegenden Schrift zum ersten Male einer un- 
geteilten augenärztlichen Beobachtung unterwerfen, 
und einem systematisch geordneten Gebrauch zuführen 
wollen. 



IL 



Das blaue Licht als therapeuti- 
sches Mittel. 



_Im vorigen Capitel ist versucht worden, die wichtig- 
sten Thatsachen und Anschauungen, welche die Optik 
über das Licht und die darin enthaltenen Farben ge- 
wonnen hat, in gedrängtester Kürze zusammen zu fassen. 
Für das gesunde Auge hat die Physiologie ihre eigenen 
Lehren daran geknüpft. Aber noch etwas anderes ist es, 
dem erkrankten Auge gegenüber das farbige 
Licht zu erforschen, um dasselbe entweder als 
ein die Netzhaut radical umstimmendes, dyna- 
misches Mittel planmässig zu verwenden, oder 
— was nicht weniger wichtig ist — da, wo es 
sich um unheilbare Zustände handelt, durch 
entgegenkommende Lichtmodificationen ein 
dem physiologischen Sehen möglichst nahe 
kommendes Unterscheidungsvermögen wieder 
herzustellen. Denn so lange wir nicht gegen die 
mannigfachen organischen Veränderungen der Netzhaut, 



Das blaue Licht als therapeutisches Mittel. 7 

deren Diagnose sich unter der Hülfe des Augenspiegels 
mit jedem Jahre mehrt und verfeinert, auch in gleichem 
Verhältniss neue therapeutische Wendungen ge- 
winnen können, werden wir vorläufig noch in der pallia- 
tiven Behandlung durch Lichtmodificationen den ein- 
zigen Anhaltpunkt suchen müssen und dort auch in der 
That eine grössere Befriedigung finden, als man erwar- 
tet hat. 

Wohl möchte der Zukunft noch die Darlegung an- 
heim fallen, wie mehrere der Farben eine eigene Kraft 
besitzen, um dem Auge unter Umständen Vortheile zu 
gewähren. Schon manche zweifellose Andeutungen sind 
mir dazu geworden. Soviel aber glaube ich beweisen zu 
können, dass das blaue Licht als ein mächtiges Heil- 
und Erleichterungsmittel hervorragt, mit dessen Eigen- 
schaften der Augenarzt vertraut sein muss, wenn ihm 
nicht eine grosse Lücke fühlbar, und der Einfluss auf 
ungemein viele Augenkranke verschlossen bleiben soll, 
welche im blauen Strahl gedeihen oder genesen, gleich- 
wie erstarrte Organismen in erwärmender Luft sich wie- 
der beleben. Die positiven Wirkungen, welche dieses 
rein physikalische, für Jeden so leicht zugängliche Agens 
ausübt, lassen sich mit solcher Unumstösslichkeit der 
Reihe nach aufzählen und in so feste Regeln der An- 
wendung bringen, dass die gewöhnliche Anschauung, 
welche zeither in dem blauen Strahl nur etwas Nega- 
tives, nur ein blosses Schutzmittel zu besitzen 
glaubte, und Nichts weiter in ihm sah, als einen be- 
quemen Weg, die Intensität des Lichtes zu schwächen, 
ganz in den Hintergrund treten muss, weil sie kaum 
den kleinsten Theil der thatsächlichen Erfolge in sich 



8 Das blaue Licht als therapeutisches Mittel. 

schliesst, und wie eine nur unbestimmte Ahnung den 
genau fasslichen Wirkungen gegenübersteht. 

So gelangt das blaue Licht in den eigent- 
lichen positiv wirksamen Arzneischatz und 
kommt mit anderen physikalischen Kräften und Hülfs- 
mitteln, mit der Wärme und ihren Abstufungen, mit 
dem Druck, der Electricität u. s. w. in gleiche Linie, 
aber mit dem sowohl wissenschaftlich günstigen als 
praktisch willkommenen Unterschiede, dass, während 
jene Agentien meist eine zeitraubende, dem Zweifel, der 
Missgunst, der Selbsttäuschung, der Ungeduld unterlie- 
gende Anwendung erheischen, oder eine Sonder -Wirk- 
samkeit des ausübenden Arztes bedingen, bei dem blauen 
Strahl im ersten "Moment der richtig getroffenen Anwen- 
dung der Aufschwung der Sehkraft in ganz bestimmten 
Leistungen hervorleuchtet und sich nach der gewonne- 
nen Sehschärfe und Kleinheit der sichtbaren Gegen- 
stände (Cap. IX, 2.), nach der gewonnenen Entfer- 
nung (Cap. IX., 3. u. 4.) und nach Zeit (Cap. IX., 6.) 
messen und feststellen lässt. Die Farbenlehre des 
Physikers kann und wird sich durch solche gegenseitig 
sich bedingende Wirkungen zur Farbentherapie ge- 
stalten. 

Aber die Ergebnisse der von mir verfolgten The- 
rapie durch Verwendung farbig abgeschatteter und ge- 
schliffener Gläser, welche ich während vieler Jahre stiller 
Beobachtung und Ausübung schon in immer weiteren 
Kreisen zum Eigenthum des Volkes habe werden sehen, 
wären rein empirische und vereinzelte Thatsachen ohne 
inneren Zusammenhang und ohne System geblieben, 
hätte nicht gleichzeitig die Optik in ihrem eigenen Ge- 



Das blaue Licht als therapeutisches Mittel. 9 

biet während der jüngsten Jahre so manche lebendig 
aufklärende Einblicke gerade in das Wesen des Lichtes 
und seiner Farben gethan, und sich dadurch, wie schon 
an so vielen anderen Punkten, als eine thätige und för- 
dernde Hülfswissenschaft der Arzneikunde genähert. 

Vor Allem muss ich in dieser Beziehung die mit 
eben so scharfsinniger Combination angestellten, als für 
die Physiologie und Pathologie des Sehens so reich nutz- 
baren Forschungen Heinr. Wilh. Dove's*) dankbar 
hervorheben, deren Resultate mich wesentlich darauf hin- 
leiteten, den eigentlichen Sinn der Klagen der Augen- 
kranken (den Inhalt der subjectiven Symptome) 
auf eine neue und der Therapie näher tretende Weise 
aufzufassen. Denn wir sehen, dass die Klagen, so sehr 
es sich auch im einzelnen Fall um die heterogensten 
Krankheitszustände handeln möge, dennoch in gewisser 
Einförmigkeit wiederkehren, sich auf Verlust der Deut- 
lichkeit, Ferne, Nähe, Ausdauer, oder auch auf 
Schmerzen beim Sehen beziehen, und dass meistens 
nur die eine oder die andere dieser Klagen die übrigen 
übertönt und formell zurückdrängt. Für alle diese Kran- 
ken ist schwerlich noch ein Hülfsmittel vorhanden, das 
ebenso verschieden ablösbare heilende Eigenschaften in 
sich einschlösse als das blaue Licht, Eigenschaften, von 
denen jede in eigenthümlich ausgleichender Weise je- 
nen Schwächen entgegenkommt und jenen Klagen zu be- 
gegnen im Stande ist. Denn 

das blaue Licht ist brechbarer für das Auge, 



*) H. W. Dove, Darstellung der Farbenlehre und optische 
Studien, Berlin 1853. — H. W. Dove Optische Studien. Fort- 
setzung. Berlin 1859. 



10 Das blaue Licht als therapeutisches Mittel. 

das blaue Licht ist wahrnehmbarer für das Auge, 
das blaue Licht ist schonender für das Auge, 
das blaue Licht ist dauergebender für das Auge. 
Welch ein Verein brauchbarer Attribute, sobald 
wir mit ihnen vertraut, und mit einem geeigneten tech- 
nischen Apparat versehen, dem Bedürfniss der Leiden- 
den in eingehender Weise zu entsprechen verstehen! 
Hat der Augenspiegel uns den Durchblick geöffnet, um 
die objectiven Symptome der Netzhaut, das forr 
melle und histologisch localisirte Wesen ihrer Krank- 
heiten klar zu beobachten, und aus der sinnlichen An- 
schauung heraus therapeutische Maassregeln zu schöpfen, 
hat der grosse Strom augenärztlicher Interessen erklär- 
licher Weise zur Zeit fast ganz dorthin sich gewendet: 
so ist hier daneben her der Versuch gemacht, den sub- 
jectiven Symptomen „den eigentlichen Klagen 
der Kranken" einen Spiegel zu bieten und ihnen 
ein zerlegendes Studium zu widmen, mit dem unver- 
wandten Bestreben, diesen Klagen auf symptomatisch 
heilendem Wege zu begegnen, und den Kranken durch 
geändertes Licht die unmittelbarste Befriedigung zu brin- 
gen, die ihnen die übrige Augenheilkunst bis auf heute 
versagt. 

Wenden wir uns deshalb zunächst zu der Betrach- 
tung dieser vier therapeutischen Eigenschaften des 
blauen Lichtes. 



-C30- 



III. 



Die vier wirksamen Eigenschaften 
des blauen Lichtes, 



1. 

Das blaue Licht ist brechbarer 

für das Auge als das weisse Licht, und um vieles brechbarer 
als das rothe Licht. 

jL/as menschliche Auge ist einem stark lichtbrechenden 
Instrument vergleichbar, so dass die Frage entsteht, 
ob dasselbe auch gleich diesem lichtstreuend oder ob 
dasselbe dieser Eigenschaft nicht theilhaftig (achroma- 
tisch) sei. Leonhard Euler*) war der erste, wel- 
cher die Achromasie des Auges zur Geltung brachte 
und als Grund den Umstand nachwies, dass dasselbe 
aus mehreren hintereinander gelagerten Medien zusam- 
mengesetzt ist, von denen jedes einzelne eine andere 



*) John Dollond (geboren 1706, gestorben 1761) benutzte 
die Entdeckung, welche sein Zeitgenosse Leonhard Euler im 
Auge gemacht, und stellte 1758 aus verschieden brechenden 
Medien (Crown und Flintglas) die achromatischen Fernröhre dar. 



12 Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 

lichtbrechende Kraft besitze. In neuerer Zeit ist jedoch 
durch die Untersuchungen von Brücke und Anderen 
Euler's Ansicht dahin eingeschränkt worden, dass das 
Auge bloss innerhalb der Grenzen des deutlichen Sehens 
achromatisch ist. Nur innerhalb dieser in jedem Auge 
sich anders verhaltenden Grenzen werden sämmtliche 
farbige Strahlen auf der Retina zu Weiss vereinigt. Vor 
und hinter dieser Distanz trennen sie sich. 

Die bedingte Achromasie und namentlich die 
grössere Brechungskraft, welche das Auge für das 
blaue Licht im Gegensatz zum rothen Lichte be- 
sitzt, zeigt sich vor Allem deutlich, wenn man Dove's*) 
Experiment anstellt, und in einem dunklen Zimmer 
aus verschiedenen Entfernungen eine Flamme durch eine 
gut gewählte violette Glasscheibe anschaut. 

Die Flamme erscheint dann in der Weite des 
deutlichen Sehens wirklich violett und ohne Saum, 
d. h. die rothe Flamme erscheint eben so gross als die 
blaue. Das Auge ist hier vollkommen achromatisch. 

Aber in einer grösseren Entfernung als in der deut- 
lichen Sehweite, zerlegt sich das Violett wegen der ver- 
schiedenen Brechbarkeit seiner Grundfarben, und ein 
schön blauer Rand umsäumt die violette in's röthliche 
ziehende Flamme, d. h. die blaue Flamme erscheint 
grösser als die rothe. 

Und wiederum näher als aus der Weite des deut- 
lichen Sehens erscheint dem Auge eine violette Flamme 
mit einem scharfen rothen Saum, d. h. die rothe Flamme 
ist grösser als die blaue. 



*) Dove 1. c. Seite 174. 



Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 13 

Erprobt man nun mehrere Individuen nach einan- 
der durch das Anschauen einer Flamme mittels der vio- 
letten Glasscheibe, so sieht der Einzelne die Flamme 
in je verschiedener Entfernung violett. Derjenige aber 
ist der Weitsichtigste zu nennen, der die Flamme in 
der grössten Entfernung violett sieht, und derjenige ist 
der Kurzsichtigste von Allen, der sich der Flamme, 
um sie rein violett zu sehen, am meisten nähern muss. 

Ein anderer die grössere Brechbarkeit des blauen 
Lichtes beweisender Versuch ist folgender: Ausserhalb 
der Weite des deutlichen Sehens erscheint ein Mikro- 
meter von schwarzen Linien auf weissem Grunde wie 
ein grauer, ein Mikrometer von weissen Linien auf 
schwarzem Grunde wie ein heller Fleck. 

Betrachtet man nun das Mikrometer, d. h. die Reihe 
der Linien, durch ein blaues Glas, und geht mit dem 
Auge so weit zurück, bis das Gitter durch das Zusam- 
menlaufen der Linien undeutlich und als Fleck erscheint, 
so sieht man bei Anwendung eines rothen Glases das 
Gitter noch vollkommen klar in seinen einzelnen Linien 
ausgeprägt*). Hierin liegt der sicherste Beweis, dass 
die Sehweite für rothes Licht erheblich grösser ist als 
für blaues, und dass die Sehweite für weisses Licht 
grösser ist als für blaues. 

Dasselbe Factum hinsichtlich der verschiedenen 
Brechbarkeit des rothen und blauen Lichtes lässt sich 
auch so ausdrücken: dass die Convergenzlinien beider 
Augen beim deutlichen Sehen für rothes Licht einen 
spitzeren Winkel bilden als für blaues. Und in sofern 



*) Dove 1. c. Seite 181. 



14 Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 

können wir mit allem Recht behaupten, dass die far- 
bigen Lichter auch eine mittelbare Beziehung zur Acco- 
modation haben, und dass wir da, wo kleine und na- 
mentlich einseitige Abweichungen in dieser physio- 
logischen Function vorkommen, und undeutliches Sehen 
veranlassen, durch die farbigen Lichter die Ordnung 
wieder herstellen können, sobald wir sie planmässig — 
wie später nachgewiesen werden soll — für das rechte 
und linke Ange in verschiedener Intensität zur Anwen- 
dung bringen. 

Die hier erörterte Eigenschaft des blauen Lichtes 
ist überhaupt von wesentlicher Bedeutung bei der Aus- 
übung der Brillenkunde. Ein blaues Planglas von einer 
bestimmten Abschattung besitzt die Fähigkeit, ein weisses 
Convexglas von einer gewissen Stärke zu vertreten, nur 
mit dem Unterschiede, dass das Convexglas dem Auge ein 
schon fertig gebrochenes, das blaue Planglas aber dem 
Auge ein um ebensoviel brechbareres Licht zuführt. 

Je dunkler blau das ausgewählte Planglas ist, ein 
um so convexer geschliifenes weisses Glas kann man 
durch jenes ersetzen. Und ein blaues Convexglas wirkt 
je nach der Intensität seiner Lichtart stärker als ein 
gleich geschliffenes, aber farbloses Convexglas. Keine 
Täuschung liegt also darin, wenn man häutig von In- 
dividuen mit guter Beobachtung hört: „sie sähen in dem 
Moment, wo man ihnen ein blaues Planglas noch zu ihrer 
Convexbrille hinzufügt, oder ihre weisse Convexbrille mit 
einer blauen Convexbrille von derselben Schleifungsart 
vertauscht, entschieden grösser und dadurch deutlicher". 

Diese Vertretung, welche das qualitativ geänderte 
Licht in Stelle des bloss gebrochenen weissen Lichtes 



Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 15 

ausüben kann, ist unschätzbar zur Wiederherstellung des 
gestörten binocularen Sehens. Die Augen dulden er- 
fahrungsmässig nicht für die Dauer zwei nebeneinander 
gestellte Gläser von verschiedener Convexschleifung; sie 
vertragen dagegen mit der grössten Leichtigkeit und Be- 
reitwilligkeit zwei Gläser von verschieden blauer Fär- 
bung. Eine unerwartet zahlreiche Klasse von Augen- 
kranken, welche man bisher ihrem Schicksal überlassen 
musste, wird künftighin in dieser so sehr modiiicirbaren 
Einrichtung eine angemessene Hülfe finden. 

2. 
Das blaue Licht ist schonender 

als das weisse Lieht, und als die übrigen farbigen Liehter. 

Schon in den Farbenvorstellungen des Alterthums 
zieht sich die Grundanschauung hindurch, dass Gelb 
und Roth dem Lichte näher stehen, Blau hingegen mehr 
dem Dunkel sich zuwendet*). 

Diese Auffassung, dass Roth und Gelb stärkere 
Leuchtkraft besitzen als Blau, macht sich auch in unse- 
rer Sprache durch die Bezeichnungen „brennendes 
Roth, schreiendes Gelb" im Gegensatz zu „tiefein 
Blau« geltend. 

In der Kunstsprache w r erden von den Malern die 
Farben, in denen die gelben und rothen Töne überwie- 
gen, warm genannt, Farben dagegen, in denen mehr 
das Blau sich geltend macht, als kalt bezeichnet, was, 



*) Dove 1. c. Seite 183. 



16 Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 

abgesehen von den hierbei leitenden ideellen Vorstellun- 
gen, auch in sofern nicht unrichtig ist, als mit der 
grössten Leuchtkraft annähernd auch stärkere Wärmeent- 
wicklung Hand in Hand geht . 

Die experimentelle Physik bestätigt die milde, und 
wenn man so sagen darf, bescheidene Einwirkung des 
blauen Lichtes auf den Sehnerven durch den exacten 
Beweis der relativ geringeren Intensität der blauen Farbe 
unter dem Einfluss der Helligkeit einer weissen Be- 
leuchtung. 

Fig. IL 




Um bei photometrischen Versuchen auf einer dreh- 
baren Scheibe mit blau und roth gemalten Ausschnitten 
(Farbenkreisel), ein in der Mitte stehendes Violett zu 
erhalten, muss man nach Plateau's Versuchen den 
rothen Ausschnitt viermal schmäler machen als den 
blauen. Eben so müssen, wenn man aus blauen und 
gelben Feldern bei der Drehung des Kreisels. Grün er- 
halten will, die gelben den viel geringeren Flächenin- 
halt einnehmen. 

Einen noch überzeugenderen Beweis erhält man, 



Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 17 

wenn man die von Fechner schwarz auf weiss aufge- 
tragene Spirale in den beiden Farben ausführt, deren 
Mischung man prüfen will. Sucht man bei der Rotation 
des Farbenkreisels die Stelle auf, wo in dem allmähli- 
chen Uebergang von Roth durch Violett zu Blau, oder 
von Blau durch Grün zu Gelb die beiden zusammen- 
wirkenden Farben einander genau das Gleichgewicht 
halten, so findet man diese Stelle nie in der Mitte des 
Halbdurchmessers der Scheibe, sondern stets nach der 
Seite des Blauen hin. 

Kg. III. 




Erklärt aber wird in der Physik diese geringer sich 
erweisende Leuchtkraft des blauen Lichtes aus der ge- 
ringeren Schwingungsweite desselben, und zwar 
beträgt nach genauen Messungen, die namentlich Jos. 
v. Fraunhofer*) darüber am Farbenspectrum anstellte, 
die Helligkeit in der Mitte des Indigo -Blau noch nicht 
den zehnten Theil der Helligkeit des Gelben, in wel- 
chem als dem Gegensatze das Maximum von Helligkeit 
vorhanden ist. 



*) Joseph v. Fraunhofer, geboren 1787, gestorben 1820. 

Böhm. Licht -Therapie. 2 



18 Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 

In der Physiologie wie in der Augenheilkunde kann 
man sich über diese von der Physik dargelegte That- 
sache nicht anders ausdrücken, als dass Gelb und 
Roth auf die Netzhaut reizender einwirken, 
Blau hingegen schonender sei. Auch fehlt es in 
der Physiologie nicht an Beobachtungen für die scho- 
nende Eigenschaft des blauen Lichtes, die wir für die 
Behandlung der Augenkranken als nutzbar nachzuweisen 
wünschen. Vor Allem gehört hierher das Experiment 
des Farbenabklingens. 

Schliesst man das Auge, nachdem man dasselbe 
vorher, z. B. durch Sehen in die untergehende Sonne, ge- 
reizt hatte, so durchläuft das Nachbild in der Netzhaut 
vom höchsten Reizzustande des Weissen ab die ein- 
zelnen Farben des Regenbogens, bis erst zuletzt das 
Blau auftaucht, um vermittels des Violetten den Ueb er- 
gang zum gänzlichen Verschwinden des Nachbildes in 
Schwarz zu machen, und den Beweis zu liefern, dass 
nun erst die betreffende Netzhautstelle so ruhig gewor- 
den ist als das übrige Feld. In der blauen Farbe drückt 
sich also offenbar der geringste Reizzustand deutlich aus. 

Der schwächer leuchtenden und schwächer reizen- 
den Eigenschaft des blauen Lichtes ist auch die phy- 
siologische Thatsache zuzuschreiben, dass dasselbe weit 
weniger zur Erweckung der subjectiven Complementair- 
farben anregt, als die übrigen Farben dies thun. Un- 
ter vielen Tausenden, welchen ich das Tragen blauer 
Gläser verordnete, erinnere ich mich nur eines einzigen 
Falles, wo nach Abnehmen der blauen Brille ein schwach 
orangefarbiges Licht erschien. Es war dies ein nam- 
hafter bejahrter Geistlicher, der sich viel mit gelehrten 



Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 19 

Studien beschäftigte und einen Theil der Nacht dazu 
verwendete. 

Bei einer krankhaften Alteration der Netzhaut pflegt 
es einen viel gefährlicheren Zustand anzuzeigen, wenn 
in derselben die subjectiven Lichterscheinungen in Gelb 
und Roth sich aussprechen, als wenn die Leidenden 
sich in blaues Licht versetzt glauben. Nach Staar- 
Operationen beobachtet man gar nicht selten diese blaue 
Lichterscheinung, ohne dass man deshalb den glückli- 
chen Erfolg ernstlich bedroht erachten müsste. 

Industrielle Unternehmungen geben oft ungesucht 
die schlagendsten Beweise in Betreff der verschieden 
schädlichen Einwirkungsart der einzelnen Farben auf die 
Netzhaut des menschlichen Auges. In dieser Beziehung 
war mir eine hiesige Stickerei -Anstalt überaus lehrreich, 
in welcher gegen fünfzig Arbeiterinnen beschäftigt sind, 
auf Seidenstoffen von den verschiedensten Farben und 
von meist glatter reflectirender Oberfläche, wie der At- 
las sie in hohem Grade besitzt, zu sticken. Und zwar 
werden die werthvollen Arbeiten nach Mustern ausge- 
führt, die auf den Stoffen in schwarzen Linien vorge- 
zeichnet sind. 

Hier hat es sich schon seit Jahren bei den ver- 
schiedensten und jugendkräftigsten Augen immer von 
Neuem erwiesen, wie unter allen Farben Gelb und son- 
derbarer Weise in noch höherem Grade Apfel grün die 
feindseligste und die Unterscheidungskraft geradezu auf- 
hebende Farbe ist. Bei Tage kann auf schönen Seiden- 
geweben nur unter steter Unterbrechung gearbeitet wer- 
den. Die vorgezeichneten Linien sind schon nach mehre- 
ren Minuten spurlos verschwunden, und die Stickerinn 

2* 



20 Di e vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 

hat nur den lichten Stoß", kein Muster mehr vor Augen. 
Bei künstlicher Beleuchtung aber ist es geradezu unmög- 
lich, auf apfelgrüneni Atlas zu sticken. Als den belieb- 
testen und die Sehkraft am meisten unterstützenden Stoff 
bezeichnen dagegen die Arbeiterinnen einstimmig den 
blauen. Ueber ihn geht eine andere Sage, nämlich, 
dass er Kopfschmerzen errege. Hier waltet offenbar ein 
Trugschluss ob, indem die blaue Farbe durch ihre scho- 
nende Berührung der Netzhaut eine so unablässig rast- 
lose Beschäftigung erlaubt, dass eher das Gehirn dar- 
unter büssen muss, als dass die Augen davon ermüdeten. 

Auch in der Thierwelt macht sich die vorwiegend 
reizende Wirkung der rothen Farbe in mancher sprechen- 
den Weise geltend: Der Truthahn geht zornig auf Men- 
schen an, die rothe Kleidungsstücke tragen. Des Stieres 
Wuth wird durch ein scharlachrothes Tuch des Mata- 
dore im Gefechte aufgestachelt, und des eigenen Lebens 
Gefahr lenkt der Kämpfende dadurch ab. Eine geschicht- 
lich bekannte Thatsache ist es, dass, als die Engländer 
in Indien Krieg führten, sich ihre Regimenter oft kaum 
vor den Angriffen der Horden wilder Stiere zu retten 
wussten, die sich auf sie stürzten, angereizt durch die 
rothen Uniformen der britischen Nation. 

So kommen die verschiedensten Erfahrungen darin 
überein, dass schon das gesunde Auge von den gel- 
ben und rothen Strahlen entschieden stärker erregt wird. 
Die Erregung nimmt aber einen verletzenden, ja mit der 
Zeit vernichtenden Charakter an, da, wo das Sehorgan 
krank, empfindlich und durch mancherlei noch so kleine 
Organisations - Störungen, die sich uns jetzt objectiv be- 
kunden, in seinem Verhalten gegen das natürliche Licht 



Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 21 

ein anderes geworden ist. Und keine blosse Milderung 
der Lichtintensität reicht dann an die Erfolge heran, 
welche wir durch eine Lichtwandlung erzielen, bei wel- 
cher die sympathischen blauen Strahlen im richtigen 
Ueberschuss der bedürftigen Netzhaut zuströmen. 



3. 
Das blaue Licht ist wahrnehmbarer 

als das weisse Lieht, und als die übrigen farbigen Liebt er. 

Wahrnehmbar und zum Bewusstsein kommend sind 
überhaupt nur die unmittelbar auf die Sinnesorgane wir- 
kenden Eindrücke. Doch gehört dazu, dass diese Ein- 
drücke oder Bewegungen sich schnell gleichmässig wie- 
derholen. Die bei gleicher Stärke verhältnissmässig am 
häufigsten auf die Sinnesorgane wirkenden Bewegungen 
werden auch am genauesten, die am langsamsten erfol- 
genden werden zuletzt einzeln gar nicht mehr empfunden. 
Bei dem Gehör- wie bei dem Seh -Sinn giebt es 
eine Menge von Erscheinungen, die eben in dieser Ab- 
stufung der Schnelligkeit begründet sind, und welche 
sich als gleichbedeutend für die Empfindung neben ein- 
ander stellen lassen. 

In der Akustik zunächst erklärt sich daraus: 
1) warum, um vernommen zu werden, die Saiten des 
tief tönenden Contrebasses weiter schwingen und 
energischer sein müssen als die der Violine, welche 
ihrerseits sich durch die Schnelligkeit ihrer Schwin- 
gungen geltend macht; 



22 Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 

2) warum wir, um einem Schwerhörigen ohne An- 
strengung verständlich zu werden, lieber in hö- 
herem, d. h. rascher schwingendem Tone sprechen 
als in einem tiefen; und 

3) warum, wenn die selbst durch das Sprachrohr ver- 
stärkte Stimme des Seemanns im Sturme verhallt, 
noch der schrillende Ton der Bootspfeife das Brau- 
sen der Wogen und das Geheul des Windes durch- 
dringt. 

Wie in der Akustik der höhere Ton zum tieferen, 
so verhält sich in der Optik das Blau zum Roth. Bei 
dem blauen Strahl sind die Berührungen der Netzhaut 
und deren Schwingungen häufiger als bei dem rothen, 
so wie die des Trommelfells zahlreicher sind bei dem 
höheren Ton als bei dem tieferen. Aus solcher Energie 
und Wahrnehmbarkeit des blauen Lichtes ergeben sich 
viele gewöhnliche Gesichtserscheinungen und viele That- 
sachen optischer Experimente. Aus dieser Eigenschaft 
erklären sich die in den späteren Abschnitten dieser 
Schrift einzeln dargelegten merkwürdigen Erfolge für die 
erkrankten und für die verbrauchten Augen. Gleich dem 
Ton der Bootspfeife durchdringt hier der blaue Strahl 
die dem Sehorgan sich entgegenstellenden Hindernisse 
und Verfinsterungen allerlei Art, und hilft noch erhellen 
und erhalten, w r o das weisse Licht Nichts mehr an Hoff- 
nung bieten kann. 

Als beweiskräftig für die grössere Wahrnehm- 
barkeit des blauen Lichtes dürften hier besonders fol- 
gende physikalische Thatsachen hervorzuheben sein: 
1) Wenn wir bei vorrückender Dämmerung in einer 
Gemäldegallerie verweilen, so verschwinden, wie 



Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 23 

Dove*) zuerst die Beobachtung gemacht hat, un- 
serem Auge mehr und mehr die rothen Gewänder, 
während die blauen noch in voller Kraft hervor- 
treten. Denn wie bei schwächer werdendem Tone 
die Grenze der Wahrnehmbarkeit tiefer (langsam 
schwingender) Töne abnimmt, so ist es vollkom- 
men entsprechend, dass bei abnehmender Hellig- 
keit die Grenze der Wahrnehmbarkeit des Rothen 
sich ebenfalls früher verengert; 

2) durch die betreffende Eigenschaft des blauen Lich- 
tes wird erklärlich, warum sich bei dem schwachen 
Sternenlichte das Blau des Himmels noch deut- 
lich geltend macht; 

3) in der Häufigkeit der Schwingungen beim blauen 
Strahl ist ferner der Grund zu suchen, warum ein 
durch blaue Glasscheiben erhelltes Zimmer viel 
länger in die Dämmerung hinein erleuchtet bleibt, 
als Zimmer mit anders gefärbten Scheiben; 

4) warum in gemalten Kirchenfenstern bei Tage zwar 
die dem Lichte näher stehenden gelben und rothen 
Farben greller und leuchtender sind, aber mit dem 
Abend die blauen Farben entschiedener hervor- 
treten ; 

5) warum ein violettes Glas bei zunehmender Däm- 
merung immer mehr ins Blau zieht; 

6) warum der oben angeführte Versuch mit dem Far- 
benkreisel eine andere Eintheilung der Felder ver- 
langt (so dass die blauen verhältnissmässig kleiner 
sein müssen), wenn bei der Rotation des Kreisels 



*) Vergl. a. a. 0. Seite 186, 



24 -Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 

zur Zeit der Dämmerung durch Blau und Roth das 
Violett, oder durch Blau und Gelb das Grün ent- 
stehen soll; 
7) auf der grösseren Wahrnehmbarkeit des Blau be- 
ruht endlich die exacte Beobachtung, welche Dove 
mittels des Stereoscops anstellte: Wenn man vor 
das rechte Auge ein farbiges Glas hält, vor das 
linke Auge ein anderfarbiges, und nun im Stereo- 
scop die für das rechte und linke Auge entworfene 
Protection eines Körpers mit weissen Linien auf 
schwarzem Grunde ausgeführt beobachtet: so er- 
scheint das Relief in der Mischungsfarbe, während 
alle Kanten aus getrennten einander der Länge 
nach berührenden farbigen Linien bestehen. Bei 
der Anwendung eines Glases, welches die blauen 
homogenen Strahlen durchlässt, und eines anderen, 
welches dasselbe für die rothen thut, ist die Er- 
scheinung am schönsten. 

Macht man nun die Beobachtung während der ' 
zunehmenden Dämmerung, so verschwinden die 
rothen Kanten immer mehr, zuletzt sind sie kaum 
mehr sichtbar, doch noch soweit mitwirkend, dass 
das Relief erscheint. Endlich aber verschwinden 
sie vollständig, so dass man statt des Reliefs nur 
die in blauen Linien ausgeführte Projection sieht, 
welche der Ansicht des durch das blaue Glas se- 
henden Auges entspricht. Legt man ferner zwei 
rothe Gläser vor die Oeflhungen des Stereoscops, so 
sieht man gar nichts, während bei zwei blauen 
Gläsern das Relief noch lange wahrgenommen wird. 
Der abendlichen Dämmerung in der Natur ent- 



Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 25 

spricht die schwindende Kraft des Lichtor- 
gans, und wie dort der blaue Strahl der noch 
am längsten leuchtende bleibt : so vermag derselbe 
dem kranken und erlöschenden Auge länger als die 
anderen farbigen Strahlen die Deutlichkeit in den 
Wahrnehmungen zu erhalten und zu bewahren. 



Das blaue Licht ist dauergebend für 
das Auge, 

mehr als das weisse und als die übrigen farbigen Liehter. 

Je mehr mit der Theilung der Arbeit die Beschäf- 
tigungen der Menschen sich in das Einzelne drängten, 
desto mehr haben auch die Anforderungen an eine ein- 
förmig andauernde Thätigkeit der Augen sich gesteigert. 
Der Tag reichte für das Maass der Aufgaben nicht mehr 
aus; die Technik musste ihn verlängern, und es ist ihr 
auch gelungen, das den Tag ersetzende Licht mannigfach zu 
erzielen, zu schärfen und auf das billigste herzustellen. *) 

Wenn aber bei einem solchen Umschwung der Le- 
bensverhältnisse die Besorgniss zur lauten Thatsache 
sich erhob, dass, diesen Neuerungen und Erfindungen 
gegenüber, die organischen Einrichtungen des Seh- 
sinnes nicht mehr stichhaltig sein können, wenn die 
durch Mangel an genügender Ausdauer Bekümmerten, 



*) Der Weber in den düsteren Stübchen Londons erhält das 
für seine achttägige Arbeit erforderliche Licht für die geringe 
Summe von noch nicht fünf Silbergroschen. 



26 Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 

über rasche Ermüdung der Augen Klagenden und an 
Erschpöfung der Sehkraft Leidenden sich in unbestreit- 
bar grösserer Zahl um die Augenärzte drängen als sonst, 
und als es selbst dem Maassstabe nach stattfinden dürfte, 
den entdeckbare organische Veränderungen im Auge zu 
erklären im Stande sind: so liegt meines Erachtens die 
deutliche Mahnung darin, dass an einer anderen Stelle 
— in unserer Therapie — noch der entsprechende Fort- 
schritt fehlt, um den bedrohten Sinn mit dem neuen 
Leben und den neuen Erfindungen vertraut zu machen, 
und um das Auge unbeschadet und ohne Ermüdung 
den gesteigerten Einflüssen Preis stellen zu können. 

Diesem so zeitgemässen Zweck dient die blaue 
Lichtart, nicht in dem untergeordneten Sinn blosser 
Schutzmittel, an denen es von je her nie gefehlt hat, 
sondern in der viel weiter tragenden Bedeutung eines 
positiven die dauernde Wahrnehmung erhöhenden 
Mittels, das nach bestimmten Gesetzen zu regeln ist. 

Die Physik spricht zwar die dauergewährende Eigen- 
schaft des blauen Lichtes an keiner Stelle als Thatsache 
aus; aber in der verwaltenden Hand des Arztes ist diese 
Kraft die nothwendige Folge der sonstigen nutzbaren 
Attribute, welche das blaue Licht dem lebenden Organe 
gegenüber entfaltet. Die vitale Seite des Sinnes mit 
seinen individuellen Abweichungen steht viel zu sehr 
im Vordergrund, als dass nicht die Beweisführung der 
dauergewährenden Kraft mehr Sache der Heilkunde 
als die der Physik wäre. Und so musste ich mich hier 
im physikalisch einleitenden Theil vorläufig darauf be- 
schränken, diese Eigenschaft des blauen Lichtes als 
die vierte nur anzuführen, aber dieselbe auch als die 



Die vier wirksamen Eigenschaften des blauen Lichtes. 27 

glücklichste und umfassendste von Allen hervor- 
zuheben. Der Beweis des wichtigen Satzes 

„blaues Licht gewährt die Dauer" 
wird erst das Ziel und der Schluss der vorliegenden 
Arbeit sein (siehe Cap. IX., 6.), und den Sammel- und 
Brennpunkt vieler einzelnen therapeutischen Erfolge bil- 
den, die das blaue Licht in so hervorragender Weise zu 
bringen befähigt ist. 



IV. 



Der technische Apparat zur Ver- 
wendung des blauen Lichtes. 



V\enn es sich um die Beschaffung einer Reihefolge 
blau abgeschatteter Gläser handelt, welche den speci- 
fischen Heilapparat für die Netzhaut bilden sollen, so 
ist zunächst hinsichtlich des Materials die Thatsache 
hervorzuheben 3 dass noch kein einziger unter den bis 
jetzt untersuchten durchsichtigen Körpern entdeckt wor- 
den ist, der ein vollkommen einfarbiges, ein sogenanntes 
homogenes Licht liefert. Und so besitzen wir auch 
keine Glasmasse, die für die Verwendung zu therapeuti- 
schen Zwecken ein rein blaues Licht bieten kann. Ein 
solches physikalisches Lichtsieb — wenn ich mich so aus- 
drücken darf — giebt es nicht, und stets sind den vom. 
Glase durchgelassenen blauen Strahlen noch mehr oder 
weniger andere farbige Strahlen beigemischt. 

Das blosse Durchblicken durch ein blaues Glas- 
scheibchen, mag dasselbe auch noch so intensiv gewählt 
sein, kann uns über die grössere oder geringere Rein- 



Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes. 29 

heit seiner Farbe wenig belehren. Eine zuverlässige 
Entscheidung über die wahre Farbe wird erst durch Er- 
probung mit Hülfe des Spectrums gewonnen. Dieses 
richtet man sich in der Weise vor, wie auf Seite 3 
beschrieben und in Fig. I. dargestellt worden ist, um 
alsdann noch unmittelbar hinter den Spalt, durch wel- 
chen die Sonnenstrahlen in den dunklen Raum treten, 
die farbige Glasplatte einzuschalten. Dann wird auf der 
gegenüberstehenden Wand ein Spectrum sichtbar wer- 
den, aber kein vollständiges, sondern nur ein solches, 
das der Farbenzusammensetzung der Glasplatte entspricht, 
die man zur Prüfung eben eingeschaltet hat. 

Zu therapeutischen Zwecken dient bis jetzt noch 
am besten die schön azurblau gefärbte Glasmasse, welche 
man durch grösseren oder geringeren Zusatz von Ko- 
baltoxydul von den dunkelsten bis zu den hellsten 
Abstufungen erhalten kann. Auch das Dünnschleifen ge- 
wisser gegebener Platten giebt uns Gelegenheit, die 
Farbenintensität gradweise abzuschwächen. Das Kobalt- 
oxydul hat zunächst die Eigenschaft, so intensiv zu 
färben, dass schon ein Tausendstel davon in einer Glas- 
masse sich bemerkbar macht. Was dagegen die Rein- 
heit der bewirkten blauen Farbe betrifft, so ist dieselbe 
von der Homogenität noch ziemlich weit entfernt. 

Bringt man, um sich von dieser Thatsache zu über- 
zeugen, eine genügend tief gefärbte Platte des azurblauen 
Kobalt-Glases zur Spectral-Untersuchung dicht hinter den 
Spalt, so dass nun nicht mehr weisses, sondern ko- 
baltblaues Licht auf das Prisma fällt, so verändert 
sich das auf der gegenüberstehenden Wand erscheinende 
Spectrum durch die so genannten Absorptions-Erschei- 



30 Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes. 

nungen nicht so wesentlich, a.h man dies wohl erwarten 
könnte. Vom violetten Ende ab gesehen bleiben na- 
mentlich die beiden ersten Drittheile des Spectrums (in 
welchen Violett. Indigo, Blau, Grün und ein Theil des 
Gelbs sich befinden) unverändert. Nur das letzte 
Drittheil erleidet einen Verlust in seinen Farben. Das- 
selbe ist von vier schwarzen Streifen (Absorptions-Streifen) 
durchzogen, welche einen Theil des in ihm befindlichen 
Gelbs, Orange und Rothes auslöschen. Je nachdem 
man eine intensiver blau gefärbte Glasplatte hinter den 
Spalt einschaltet, um so mehr sehen wir wohl die vier das 
Spectrum durchziehenden Streifen dunkler auftreten, aber 
dieselben nehmen nicht etwa an Breite zu, so das> 
sich endlich einander berühren könnten, um das zwischen 
ihnen liegende Gelb, Orange und Roth gänzlich verschwin- 
den zu lassen. 

Nach dem Ergebniss dieses Experiments vermindert 
also das kobaltblaue Glas die dem gereizten oder orga- 
nisch benachtheiligten Auge am wenigsten zusagenden gel- 
ben, orangen und rothe.n Strahlen und lässt dagegen 
die ihm sympathischen mit geringerer Leuchtkraft begabten 
blauen Strahlen im Ueberschuss zuströmen. Aber diese 
qualitative Veränderung in der Zusammensetzung des 
Lichtes ist für die krankende Netzhaut von ungemeiner 
Wichtigkeit. Denn wie deren Empfänglichkeit für Un- 
terschiede der Lichtbrechung einen hohen Grad 
hat, so dass sie die geringfügigsten Verbesserungen, die 
man den durchsichtigen Substanzen mittels Schleifung 
verschafft, bemerken, und z. B. selbst noch den Unter- 
schied zweier Gläser mit einem Focus von je 80 und 
90 Zoll wahrnehmen kann: so wiederholt sich in ihr 



Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes. 31 

ein eben so feines Gefühl für die qualitativen Verän- 
derungen des Lichtes. Je mehr der gewohnte Strahlen- 
complex, den das Licht bildet, durch Aenderungen 

in seiner Zusammensetzung zu einer sanfteren Mischung 
umgewandelt wird, desto mehr sehen wir die nur phy- 
siologisch unterdrückte oder organisch ge- 
hemmte Function d - wieder frei werden und 
an Nachhaltigkeit gewinnen. 

Ich glaubte daher einem wesentlichen Bedürfniss 
der Therapie zu entsprechen, indem ich für die Verwen- 
dung in der augenärztlichen Praxis eine Reihe verschie- 
dener Lichtmischungen mittels kobaltblauen Glases an- 
fertigen, und diese Nuancen nicht nur den Plangläsern 
zur Beschaffung der bis dahin schon gebräuchlichen Schutz- 
brillen, sondern auch allen geschliffenen Gläsern zutheilen 
Hess. Da bekanntlich je Hundert Nummern der Concav- 
und Convex - Schleifung in farblosem Glase verwendet 
worden, so ist mittels dieser durchlaufenden sechsfachen 
Nüancirung des Materials die Zahl der geschliffenen 
Brillengläser zur Auswahl noch um Zwölfhundert gel 
gen. Erinnere ich nun noch an die im sechsten Abschnitt 
dieser Schrift bewiesene Thatsache. dass die beiden Augen 
bei der Mehrzahl der Kranken Gläser von gleicher Schlei- 
fung, aber dabei eine je rechts und links verschiedene 
Lichtmischung erheischen, so steigert sich die Möglich- 
keit der Combinationen berechenbar in die Tausende 
und wir haben noch kein zweites Organ, dem wir mit 
solcher Bereitwilligkeit eines Mittels gegenüber standen, 
sei es um die Heilung beginnender Erkrankungen zu unter- 
stützen, sei es um bereits organisch gewordene Erkran- 
kungen auszugleichen, und des Fortbestehens der letz- 



3*2 Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes. 

tenm unerachtet. die Brauchbarkeit de? Organs zu 
ermöglichen. 

Diesen für eine geregelte Licht-Therapie notwen- 
digen Apparat stellte Ich im Jahre 1840 bei meiner An- 
wesenheit in der optischen Anstalt zu Rathenow gemein- 
sam mit dem umsichtigen Director derselben. Herrn 
Busch, durch eine Reihe farbiger Original-Gläser fest. 
und nachdem erst wieder die betreffenden Glashütten 
das dazu geeignete Material erzielt hatten, wurde das 
neue System gradweise abgeschatteter Convex- und 
Coneav-Gläser von Seiten der durch ihre Leistungen aner- 
kannten Anstalt in so zweckentsprechender Weise aus- 
geführt, dass dasselbe mit jedem Jahre eine grössere 
Aufnahme gefunden, ohne laute Empfehlung ein Gemein- 
gut unzähliger Leidenden geworden, und sich zu einem 
Lieblingsmittel in den Händen vieler namhaften Augen- 
ärzte herangebildet und bewährt hat. 

Auf Taf. IL sind die sechs kobaltblauen Nuancen, 
welche ich aus einer langen Erfahrung als die brauch- 
barsten erkannt habe, durch Farbendruck wiedergege- 
ben. Dieses Verfahren schien mir für die leichtere Ver- 
ständigung ausreichend. Für die wissenschaftliche Be- 
stimmung dagegen war eine genauere Feststellung not- 
wendig, und da wir eines geeigneten Cyanometers ent- 
behren, so versuchte ich diesem Erforderniss durch Hülfe 
chemischer Auflösungen zu entsprechen. 

Mit viel grösserer Genauigkeit als mittels des Glases 
und anderer festen durchsichtigen Körper — bei deren 
Darstellung nicht nur das verwendete Material, sondern 
auch der jedesmalige Hitzegrad auf den Ausfall der Farbe 
Einfluss übt — lassen sich Farbenabstufungen durch die 



Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes. 33 

Bereitung chemischer Lösungen erzielen, sowie ge- 
nau nach Maass und Gewicht feststellen. Und mit dieser 
technisch günstigen Seite verbinden die farbigen Lö- 
sungen noch ausserdem die therapeutisch wichtige 
Eigenschaft, dass man durch sie eine der Homogenität 
bedeutend näher tretende blaue Farbe erreicht, als durch 
irgend einen der festen durchsichtigen Körper. Nament- 
lich zeichnen sich unter den farbigen Lösungen, welche 
man bisher dargestellt hat, die schön- blaue Lösung des 
schwefelsauren Kupferoxyd-Ammoniaks in Wasser, und 
die Lösung des Berlinerblau in Oxalsäure aus. Erstere 
löscht die weniger brechbare Hälfte des Spectrums voll- 
kommen aus, und es bleibt nur Blau, Indigo und Violett 
übrig.*) Letztere nähert sich der Homogenität der Farbe 
noch mehr, löscht auch noch das Violett aus, so dass 
sie nur noch das Blau und Indigo in ihrem Spectrum 
erscheinen lässt.**) 

Die blauen Lösungen schienen mir daher durch 
ihre beiden Eigenschaften zu einer doppelten Nutzan- 
wendung geeignet, und zwar technisch zur Normali- 
sirung bestimmter Nuancen und therapeutisch zur 
Darreichung eines möglichst homogenen Lichtes. Ich 
sah mich deshalb zu der Construirung von hohlen 
Augengläsern veranlasst, welche in ihrem hermetisch 
verschlossenen Raum eine dünne Schicht der schön- 
blauen 'Flüssigkeit aufzunehmen vermögen. 

Zu diesem Zweck Hess ich zwei Plangläser mit 
ihren Flächen nicht unmittelbar — wie dies bekanntlich 
bei der Bereitung der plattirten und der achromatischen 



*) Siehe Tat". 1. Fig. 3. 
**) Siehe Taf. 1. Fig. 4. 

Böhm, Licht - Therapie. 



34 Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes. 

Augengläser geschieht — sondern so an einander kitten, 
dass sie den schmalen Rand eines dritten Planglases 
zwischen sich fassten, welches central so weit ausge- 
schnitten war, dass davon nur noch ein \\ Linien breiter 
(dem Felgenkreis eines Rades ähnlicher) Rand übrig ge- 
lassen wurde. Nach geschehener Verkittung der drei 
auf einander gelegten Theile mittels Mastix, wurde als- 
dann die Rand-Zwischenlage an einer Stelle durchbohrt, 
um die von ihr rings umfasste flache Zwischenhöhle zu- 
gänglich zu machen, die blaue Flüssigkeit einzuspritzen 
und die Oeffnung dann wieder durch Mastix zu ver- 
schliessen. 

Erforderten die Umstände, dass nicht Plan -Hohl- 
gläser, sondern geschliifene Gläser mit farbiger Flüssig- 
keit gefüllt, verwendet werden mussten, so wurden nach 
geschehener Zwischenlagerung des circularen Randes 
statt der Plangläser in ähnlicher Weise zwei plancon- 
vexe oder zwei planconcave Gläser mit ihren zugewen- 
deten ebenen Flächen ringsum an einander gekittet, um 
die blaue Lösung von bestimmter Saturation in sich auf- 
zunehmen. Waren also Kranke in dem Bereich ihrer 
Accomodation hülfsbedürftig und gleichzeitig in ihrem 
Netzhautleben schwer betroffen, so eröffneten diese com- 
binirten, ein gebrochenes homogenes Licht bieten- 
den Gläser durch ihre erweckenden und doch schonen- 
den Strahlen noch die Möglichkeit, den Rest der ver- 
bliebenen Sehkraft in allen den Beziehungen verwerthbar 
zu machen, welche in dem therapeutischen Theil 
(siehe Abschnitt IX.) auf das bestimmteste nachgewie- 
sen sind. 

Was aber hier die technische Seite der mit blauer 



Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes. 35 

Flüssigkeit gefüllten Augengläser in Rücksicht auf die 
Feststellung bestimmter Farben-Nuancen nach Maassgabe 
der Quantität des färbenden Materials betrifft, so habe ich 
zunächst der Lösung des Kupferammoniums den Vorzug 
gegeben, weil ausser der Homogenität auch noch die 
Dauerhaftigkeit der zu erzielenden blauen Flüssigkeit in 
Betracht gezogen werden musste. Um diese Eigenschaft 
beurtheilen zu können, kam mir der Umstand zu Statten, 
dass ich bereits seit vielen Jahren auf meinem Studir- 
tisch eine mit der Lösung von Kupferammonium gefüllte 
Glaskugel stehen hatte und dass diese alte Lösung mit 
einer frisch bereiteten von derselben Stärke verglichen 
keine Abweichung verrieth. 

Der durch seine zweckmässigen Erfindungen in der 
Technik bekannte, und wegen seiner Erfahrungen hoch- 
geschätzte Chemiker Herr Kindler hatte die Güte, 
auf meinen Wunsch eine solche Reihefolge von Lösungen 
des Kupferammoniums nach Maass und Gewicht anzu- 
fertigen, welche möglichst den von mir gebrauchten sechs 
Nuancen des Kobaltglases und den darüber auf Taf. IL 
gegebenen farbigen Abbildungen entsprachen. Selbstver- 
ständlich musste bei diesen Bestimmungen der Nuancen 
auch die Stärke der Schicht in Betracht kommen, 
welche die gefärbte Flüssigkeit bildete. Bei den gefüll- 
ten Augengläsern aber liess sich diese Schicht nach der 
Dicke des zwischengekitteten Circular-Randes genau er- 
mitteln. Sie betrug nach Herrn K i n dl e r 's Messungen 0,75 
preussische Linien, das sind 0,772 englische Linien oder 
1,634653 Millimeter. 

Den sechs blauen Abstufungen entsprachen folgende 
Lösungen: 



36 Der technische Apparat zur Verwendung des blauen Lichtes. 

der Nuance I: 

\ Gewichttheil Ammonium cuprico - sulphurieum, 
95 Gewichttheile Wasser, 

5 Gewichttheile Liquor Ammonii caustici; 
der Nuance II: 

1 Gewichttheil Ammonium cuprico -sulphurieum. 
95 Gewichttheile Wasser, 

5 Gewichttheile Liq. Ammonii caustici; 
der Nuance III: 

\\ Gewichttheil Ammonium cuprico - sulphurieum, 
95 Gewichttheile Wasser, 
5 Gewichttheile Liq. Ammonii caustici: 
der Nuance IV: 

2 Gewichttheile Ammonium cuprico-sulphuricum, 
95 Gewichttheile Wasser, 

5 Gewichttheile Liq. Ammonii caustici; 
der Nuance V: 

2\ Gewichttheile Ammonium cuprico-sulphuricum, 
95 Gewichttheile Wasser, 
5 Gewichttheile Liq. Ammonii caustici; 
der Nuance VI: 

3 Gewichttheile Ammonium cuprico-sulphuricum, 
95 Gewichttheile Wasser, 

5 Gewichttheile Liq. Ammonii caustici. 
Diese Verhältnisse können in ähnlich fortschreitender 
Weise verändert werden, um die noch tieferen Nuancen 
zu bilden, deren ich mich in seltneren Fällen von sehr 
gesunkener Sehkraft zu bedienen Veranlassung gefunden 
habe. 



Die grauen Augengläser (Rauch- 
gläser). 



Lch lasse hier die Betrachtung einer Art von Augen- 
gläsern folgen, durch welche der zur Licht-Therapie ver- 
wendbare Apparat in neuerer Zeit von England her 
eine Vervollständigung erfahren hat. Diese Gläser ver- 
binden mit ihrer Durchsichtigkeit eine graue milchfar- 
bige Beschaffenheit, und wurden deshalb von Hause aus 
nicht unpassend mit dem Namen Smoke- oder Neutral - 
tint-Glas bezeichnet. 

Durch einen Zusatz*), den man bei der Bereitung 
des Materials dem kieselsauren Kali gab. hat man die- 
sen Rauchgläsern das Vermögen verschafft, alle farbi- 
gen Strahlen des weissen Lichtes, das sie durchdringt. 



*) Schwarzes, alle Strahlen absorbirendes, mithin undurch- 
sichtiges Glas erhält man durch eine Mischung des kieselsauren 
Kali mit Kobaltoxydul. Kupferoxyd und Mangansuperoxyd (oder 
statt des letzteren auch wohl Eisenoxyduloxyd). Die grauen 
Gläser dürften auf einer ähnlichen Composition beruhen, welche 
einen verhältnissmässig geringeren Zusatz der färbenden Sub- 
stanzen enthält. 



38 Die grauen Augengläser (Rauchgläser). 

th eil weise zu absorbiren, und somit je nach der dunk- 
leren Abstufung, die man von ihnen auszuführen bemüht 
gewesen ist, eine blosse Lichtschwächung ohne 
alle Farbenwandlung zu bewirken. Weisses Licht, 
das durch diese Gläser geht, tritt also aus ihnen ohne 
alle Aenderung in seiner Zusammensetzung, d. h. als 
weisses Licht . und zwar von niederer Helligkeit oder 
schwächerer Leuchtkraft hervor. 

Macht man den Versuch, bei recht klarer Tages- 
beleuchtung zur Mittagszeit durch diese Rauchgläser zu 
blicken, so geben sie dem Auge den Eindruck einer 
milderen Beleuchtung, die man je nach der Wahl der 
dunkleren Nuancen beliebig bis zu dem schwachen Licht 
der vorgerückten Abenddämmerung herabstimmen kann, 
und so ist es unverkennbar, dass die Rauchgläser alle 
Eigenschaften besitzen, um in grösster Vollkommenheit 
dem Auge Schutz vor relativ zu hellem Lichte 
zu gewähren. 

Bei aller Anerkennung, die man von physikalischer 
Seite diesen Rauchgläsern nicht versagen kann, kommt 
es aber hier darauf an , zu beweisen , welcher geringe 
Werth in solchem blossen S c h u t z enthalten ist, wenn 
man damit die therapeutischen Erfolge vergleicht, die 
das qualitativ geänderte, das farbige Licht, in der po- 
sitivsten Weise und in namhaft aufzuführenden Beziehun- 
gen der schadhaft gewordenen Sinnesthätigkeit zu leisten 
vermag. Getrieben von dem Eifer, über diesen äusserst 
wichtigen Punkt auf empirischem Wege ins Reine zu 
kommen, habe ich mich lange Zeit hindurch bemüht, 
die Wirkung der grauen und blauen Gläser bei 
Kranken der verschiedensten Art, und von dem mannig- 



Die grauen Augengläser (Rauchgläser). 39 

fachsten ophthalmoscopischen Ergebniss, in Vergleich zu 
bringen, und so die feste Ueberzeugung gewonnen, dass 
unter Hundert Fällen etwa Einer für den Schutz der 
Rauchgläser geeignet ist, während alle übrigen für die 
Wohlthaten der gefärbten Gläser, welche einen Ueber- 
schuss von blauen Strahlen gewähren, empfänglich sind. 

Wie sehr man sich auch in früheren Zeiten mit 
einem Schein von Recht unbedingt gegen die Mög- 
lichkeit einer Therapie durch Farbenwandlung stemmte, 
so dass gefärbte Gläser von hervorragenden Autoritäten 
ohne Weiteres „als Instrumente einer missverstandenen 
und verderblichen Kunst" erklärt wurden, wie wenig der 
Widerwille dagegen auch noch heutiges Tages durch 
Darlegung bündiger Thatsachen ausgelöscht ist, insofern 
man hier und da durch eine zu excessive Anwendung 
und eine allzutiefe Färbung der Gläser der guten Sache 
geschadet und einen nicht ungegründeten Tadel*) „wegen 
Ueberschwänglichkeit in diesem Gebiete" hervorgerufen 
hat: so wird doch nach einer reiferen Würdigung dieses 
Gegenstandes die allgemeine Anerkennung der farbigen 
Gläser nicht ausbleiben, und werden daher die grauen, 
blos lichtmildernden Gläser den blauen gegenüber nur 
ein untergeordnetes Gebiet behaupten. 

Was man als einen Haupt-Beweis gegen die Zu - 
lässigkeit gefärbter Gläser betrachten zu müssen glaubte, 
ist die allerdings wichtige physiologische Thatsache, dass 
die gesunde Netzhaut nur dann sich in normaler An- 
regung befindet, und ihre natürliche Befriedigung erlangt, 



*) Siehe Dr. A. Schön Beiträge zur practischen Augenheil- 
kunde, Hamburg 1861, Seite IX der Vorrede. 



40 Die grauen Augengläser (Rauchgläser). 

wenn sie von allen farbigen Strahlen und zwar mögliehst 
in dem Verhältniss, wie sie in dem weissen Licht bei- 
sammen sind, einen Genuss hat, dass sie hingegen bei 
der Beleuchtung durch ein einseitig farbiges Licht leicht 
in Ermüdung versinkt, und alsdann die Empfänglich- 
keit allein für die jedesmal fehlend gewesenen Farben 
in sich aufrecht erhält. Dafür spricht deutlich genug 
nicht nur das nachträgliche Auftreten (sowohl das objec- 
tive Sehen wie das subjective Hervorrufen) der comple- 
mentären oder Contrast - Farben , sondern auch ein Ge- 
fühl des Missbehagens und der Anstrengung im Ge- 
sichts - Sinn. 

Aber abgesehen von dem Umstände, dass schon im 
gesunden Auge diese Ueberreizung und Ermüdung 
nicht für jede Farbe in gleichem Maasse gilt, handelt 
es sich ja bei der Anwendung farbiger Gläser um die 
Berücksichtigung eines kranken Zustand es, in wel- 
chem das Nervenleben der Netzhaut seinen physiologi- 
schen Standpunkt verloren hat, oder wohl gar durch 
wirkliche organische Veränderungen, wie sie uns der 
Augenspiegel zeigt, ein anderes geworden ist. Und hier- 
bei erweist es sich thatsächlich, dass unter Hundert Fällen 
Neun und Neunzig Mal nicht sowohl ein absoluter Ab- 
scheu vor dem Licht und aller Beschäftigung in dem- 
selben, als vielmehr eine einseitig erhöhte Empfind- 
lichkeit gegen die am hellsten leuchtenden und 
am meisten verletzenden gelben und rothen 
Strahlen stattfindet, während eine Sympathie für die- 
jenigen Strahlen fortbesteht, welche durch den wunder- 
baren Verein der grössten Schonung und der grössten 
Wahrnehmbarkeit ausgezeichnet sind. 



Die grauen Augengläser (Rauchgläser). 41 

In diesem Zusammenhange wird das Urtheil so be- 
greiflich als möglich sein, welches wir bei der Verglei- 
chung der Wirkung der grauen und der blauen Augen- 
gläser fast von allen Kranken vernehmen, dass nämlich 
erstere Gläser ihnen nur Milderung der Helligkeit bei 
einem damit in Verhältniss stehenden Verlust der Deut- 
lichkeit gewähren, letztere aber ihnen bei der nöthigen 
Lichtmilderung vor Allem die so sehr gesuchte Deutlich- 
keit wiedergeben, und die vielerlei einzelnen Wünsche 
befriedigen, welche ich in dem neunten Abschnitt dieser 
Schrift gesondert und ausführlich darzustellen mich be- 
müht habe. 

Nach meiner Erfahrung sind die grauen Gläser eine 
Wohlthat für diejenigen sehr vereinzelt vorkommenden 
und in grosser Hülfsbedürftigkeit dastehenden Kranken, 
deren Netzhautleben sich in einem ähnlichen Zustand 
von Hyperaesthesie befindet, wie ein solcher auch in ihrem 
ganzen übrigen Nervensystem obwaltet. Bei diesen Kran- 
ken handelt <>s sich nicht um eine grössere Wahrnehm- 
barkeit der Objecte, sondern, wie in allen übrigen Nerven- 
gebieten, um Verringerung des Reizes. Hysterischen und 
vielen in der Sphäre des Gehirns aufgeregten Kranken 
wird das rauchfarbige Glas ein unersetzliches Medium 
sein, um mit der Aussenwelt in Verbindung zu bleiben. 



Casuistik. 

Fall I. bis 3. Heilung durch graue Gläser. 

Fall 1. 
Louise Hagel, 16 Jahre alt, von gracilem Habitus, 
behielt aus ihrem sechsten Jahre angeblich in Folge der 



4? 

I n eine erhebliche Trübung der Hornhaut des rechten 
Auges. Obwohl ihr auf diesem .Auge nur eine äusserst 

uhe Unterscheidungskraft geblieben war. .^o erreichte 
sie doch ohne irgend einen Verlust oder Sehmerzempfindung 
beim Sehen ihr fünfzehntes Jahr. Das linke Auge hatte die 
volle Function übernommen. Um diese Zeit aber entstanden 
bei jeder Beschäftigung in der Nähe intensiv stechende 
Schmerzen zuerst im kranken rechten, und dann auch im 
linken Auge. Nach Verlauf von höchstens vier bis fünf 
Minuten war sie am Weiterarbeiten verhindert. 

rsten Versuche zur Beseitigung di S rungen 

wurden mit verschieden abgeschatteten blauen Gläsern ge- 
macht. Eine Brille. 

Cor^ - . in azurblauer Nuance II lh. 

in azurblauer Nuance VI r 
diente ihr für die Nähe, eine Planbrille in denselben Nuancen 
für die Ferne. Der ungebundenste Gebrauch der Augen 
kehrte wieder, und keine Spur von Schmerzen machte sich 
mehr geltend. 

.äter. um Weihnachten 1861. traten un- 
erach' mannten Hülfe die früheren Beschwerden in 

ihrer ganzen Stärke wieder auf. Vergeblich versuchte ich. 
um die Einwirkung der rothen und gelben Strahlen noch 
mehr zu K iäser in noch dunkler blauen Nuan- 

cen. Jeder Versuch blieb ohne Erfolg. Durch die Angabe 
der Kranken, dass nur mit der vorsehreitenden Dämmerung 
die Schmer . wurde ich darauf geführt, dass 

hier ausnahmsweise nicht allein die rothen und gelben 
Strahlen das feindselige Moment bildeten, sondern dass die 
ganze Farbenscala zu belassen und nur der Intensität nach 
herabzustimnien sei. Zu di- ■ k gab ich Gläser -j- 80 

für die Nähe und plangeschliffene für die Ferne in den ent- 
sprechenden grauen Abschattungen, und der Erfolg entsprach 
1 ständig dieser Erwartung, dass sofort die schärfste und 
ausdauernd Leidungskraft gewonnen wurde, und die 

Kranke jetzt nach vier Monaten mehr und mehr die Fähig- 



Die graue r (Rauchglii- 43 

keit gewinnt, zu Zeiten auch mit freien Augen schme 
zu arbeiten. 

Ophthalmoskopischer Befund. Linkes Auge. 
Form der Papilla optica kreisrund und scharf contourirt. 
Die central ein- und ausmündenden Netzhautgefässe ohne 
Lumenserweiterung, aber zahlreicher als gewöhnlich und 
schon im Bereiche des Sehnerveneintrittes feine Ramifiea- 
tionen bildend. Der übrige Augengrund wich von der Norm 
in Nichts ab. war hellbraun und ohne sichtbar- 
Rechtes Auge. Gerade im Centraltheil der Cornea 
fand eine so ergiebige Trübung statt, dai rscheidung 

Augengrundes durch das Ophthalmoscop sehr erschwert 
war. Nachdem aber die Pupille durch Atropin erweitert 
word :<:h beim Durchblick durch den ungetrübten 

Randtheil der Cornea die Papilla optica von nicht ganz run- 
der Form, kleiner al> die linke und dieselbe entbehrte nach 
Innen, wo überdies ein hellerer Bogen sie umgab, der genauen 
Contöurirung. 

Je weniger ich vermag, die Umstände näher zu bezeich- 
nen, welche gerade in diesem Fall die Hülfe durch blaue 
Strahlen so ganz entschieden zurückwiesen, und ausnahms- 
ein gleichmässiges Herabsetzen der ganzen Farben- 
scala zur Bedingung machten, um die volle Thätigkeit und 
i ermöglichen, um so mehr fand 
ich mich zur Mittheihü _ veranlasst. 

Fall 2. 
Bei einem andern solchen Ausnahmsfall, dem Maschinen- 
bauer Friedrich Rast, der im November 1.^61 durch rheu- 
matische Affection plötzlich in Strabismus divergens verfiel 
und von argem Doppelsehen belästigt wurde, gelang es weder 
durch ungefärbte noch durch blaue Prismen ein normales 
Sehen zu erzielen. Als derselbe dagegen versuchsweise ein 
Prisma No. 10. in grauer Nuance V vor seinem schielenden 
Auge erhielt, legten sich ohne Verzug die Doppelbilder willig 



44 Die grauen Augengläser (Rauchgläser). 

auf einander, und der Kranke arbeitet damit bis auf den 
heutigen Tag die feinsten Gegenstände mit grösster Ge- 
nauigkeit. 

Fall 3. 

In der eigenthümlichsten Weise gestaltete sich die Farben- 
therapie bei einem jungen Landwirth, R. Grosse, von dessen 
längerem Leiden ich nur hervorheben will, dass er einen rosa- 
farbenen, bisweilen dem Blutroth sich nähernden Schein vor 
Augen sah, wie ich ihn wohl ähnlich bei Kranken mit Em- 
bolie der Retinal -Gefässe beobachtet habe. Der ferne Him- 
mel wie das Schriftblatt, in dem er las, Alles war davon 
überzogen. Seine Sehweite hatte sich für gewöhnliche Druck- 
schrift bis auf 7 Zoll verkürzt, seine Ausdauer war bis 
auf wenige Minuten zusammengeschmolzen. Ohne dass das 
Ophthalmoscop etwas Besonderes erkennen liess, trug das 
schwächere und dabei doch gegen das Licht viel 
reizbarere rechte Auge die hauptsächliche Schuld. 

Der Kranke erhielt im Sommer 1857 eine Planbrille 
links in azurblauer Nuance III, rechts in azurblauer Nuance V. 
Der rothe Schein verschwand, das Lesen ging in der drei- 
fachen Sehferne, und auf die Dauer von Stunden von Statten; 
nur zeigte sich alsbald, dass die gewählte Farbentherapie 
für die küntliche Beleuchtung nicht passte. Die Brille ver- 
letzte bei der Lampe und erregte Stechen und Thränen der 
Augen. Ich fand mich desshalb zu einem Versuch mit den 
Rauchgläsern aufgefordert, stellte entsprechend graue Plan- 
gläser — in Nuance III links, und in Nuance V rechts — zu- 
sammen, und siehe da! die Brille leistete vollkommen das- 
selbe, was die blaue im Sonnenlicht vermochte. Grosse 
durfte nie seine Tages- und Abendbrille verwechseln, er- 
holte sich von seinen Sehschwächen, beseitigte kleinere Rück- 
fälle durch seinen doppelten Lichtschutz, und befindet sich 
zur Zeit (1862) in unbehinderter Thätigkeit. 



VI. 

Über die binocularen Combinations- 
Störungen 

als besonderes Krankheitsgebiet 

und über 

die darauf bezügliche Heilmethode, das 

blaue Licht für das rechte und linke Auge 

— insoweit beide verschieden sind — 

auch verschieden abzustimmen. 



xxuf ein noch leeres Blatt der Therapie gilt es hier die 
ersten Worte zu schreiben. Bis auf die ophthalmologi- 
schen Werke der neusten Zeit, welche den lebhaften 
Fortschritt ihrer Wissenschaft fast in jedem Abschnitt 
zu erkennen geben, ist man über die Störungen des 
binocularen Sehens, so wie über deren Heilung noch 
stillschweigend hinweggegangen, und nur beiläufig findet 
man des Namens Erwähnung gethan. In empfindlichem 
Grade steht also die Frage noch offen: 

„auf welche Weise ist in die Thätigkeit 
„zweier der Sehkraft nach verschieden 
„gewordener Augen wieder Ueberein- 



46 Ueber die binocularen Corabinations- Störungen. 

„Stimmung zu bringen, und durch wel- 
sches Mittel ist der störende Einfluss 
„des schwächeren Auges auf dieFunction 
„des besseren so umzuwandeln, das s statt 
„der Behinderung und Negation vonSei- 
„ten des ersteren wieder eine positive 
„Unterstützung gewährt werde, und dass 
„als Endresultat wieder ein erspriess- 
„liches Zusammenwirken beider Augen 
„erfolge?" 
Wenn in einer so wichtigen, nicht etwa auf verein- 
zelte Fälle, sondern auf eine ungemein reich vertretene 
Klasse der Gesichtsleidenden sich beziehenden Frage die 
Kunst noch schwieg, jedes Mittels entbehrte und der 
Methodik fremd blieb: so müssen wir diesen Mangel 
zum grossen Theil aus der Eigenthümlichkeit des Gegen- 
standes erklären. Die Untersuchung beschäftigt sich den 
binocularen Combinations-Störungen gegenüber, nicht mit 
einem unseren Sinnen und Einblicken unmittelbar zugäng- 
lichen Gebiet, worin die Pathologie, von neuen Werk- 
zeugen unterstützt, heut zu Tage manches Unerwartete zur 
Lösung brachte; sie geräth vielmehr auf einen sehr er- 
schwerenden Durchgangspunkt , sie ist grossentheils auf 
das Ur theil des Kranken angewiesen, welches mei- 
stens lieber falsche und nebensächliche Betrachtungen, 
als die Wahrheit bringt. Die Untersuchung betrifft ein 
Gebiet, wo selbst bei der vollkommen normalen Seh- 
kraft beider Augen die Physiker und Physiologen noch 
heutiges Tages beschäftigt sind, erst den festen Boden 
zu gewinnen. 

So musste ich zuvörderst das Urtheil der Kranken 



Ueber die binocularen Corabinations- Störungen. 47 

mir zu einem Vorstudium machen, und dieses in allen 
seinen Fehlschlüssen und Täuschungen kennen lernen, um 
dann erst auf das Heilmittel und auf die Art und Weise 
bedacht zu sein, wie ich dasselbe für die einzelnen Fälle 
nach einem System verwenden könne. Aber nach der Lö- 
sung gewisser hier entscheidender und zuletzt ganz ein- 
facher Gesetze ergab sich das kaum zu erwartende Resul- 
tat, dass eine grosse Klasse von Kranken trotz der Unheil- 
barkeit ihres Grundfehlers zugänglich und behandelbar 
wurde, und dass die Möglichkeit sich mir erschloss, 
bisher unwiderrufliche Sehstörungen so zu berücksich- 
tigen und wieder ins physiologische Gleichgewicht zu 
versetzen, dass dieselben fortan ihre schädliche Bedeu- 
tung und Hoffnungslosigkeit verloren. 

Darf ich mich zur näheren Bezeichnung dieses neu 
eingeschlagenon Weges der Therapie eines Vergleiches 
bedienen, so kann ich den so ungemein häutig functionell 
verschieden gewordenen Augenpaaren gegenüber nicht 
besser als an eine Wage erinnern, von deren Empfind- 
lichkeit man die genauesten Angaben erwartet , deren 
Schalen aber eine ungleiche Schwere erlangten, und de- 
ren Arme aus der Schwebe geriethen. Bei den Augen 
wie bei der Wage ist der Gebrauch unter solchen Ver- 
hältnissen, wenn auch nicht aufgehoben, doch unbequem, 
unzuverlässig, und nur annäherungsweise maassgebend. 
Wie es uns aber frei steht, die Leistungsfähigkeit der 
Wage bis auf die zartesten Angaben wieder zu ordnen, 
sobald wir nur Ein- für Allemal die leichtere Schale 
um ein genau gewähltes Gewicht -Theilchen beschweren 
und wirksamer machen: so bedarf es auch für uns nur 
der kunstgerechten Zutheilung eines bestimmten blauen 



48 Ueber die binocularen Combinations- Störungen. 

Schattengrades für das s c h w ä c h e r e A u g e , um dasselbe 
sofort wieder lebhafter zu hetheiligen, und dessen Wir- 
kung so zu vermehren, dass der Gesiehts-Sinn in der 
Totalität geordnet jetzt auch in seinen einzelnen Eigen- 
schaften sieh wieder stark bewähre und dass unter der 
Fülle von hier sieh vereinigenden Hülfsb dürftigen Diesem 
die Sehschärfe, Jenem die Fernsicht, einem Andern 
die Nähe, Vielen der richtige Blick, den Meisten 
aber die so schwer vermisste Ausdauer im Sehen wieder- 
kehre, ohne welche sie sich nur halb befähigt für die Ar- 
beit und nur geduldet in ihrem Berufe fühlen mussten. 
Der einer solchen Behandlung Unterworfene bleibt 
freilich im Wesentlichen, d. h. in seinen organisch ge- 
wordenen Mängeln derselbe ; der weisse Rand um seine 
Papilla optica verschwindet nimmer, die Chorioideal- 
Gefässe des schwächeren Auges treten uns nach wie vor 
hell und ausgespart entgegen, und das geschwundene 
Pigment kehrt nicht zurück! Aber des Kranken sehn- 
lichster Wunsch ist erfüllt, das Licht für sein je einzel- 
nes Auge anders gefärbt, jederseits in anders abgestimm- 
ten Schattengraden zusammengeführt, ist wie das Aus- 
gleichungs- Gewicht der Wagschale das Berichtigungs- 
mittel für den Gesichts-Sinn, und ausgeglichen wird, 
was für den Einzelnen höchst lästig, und doch in seinen 
Grundbedingungen nicht aufzuheben war. Denn es 
knüpft sich an jedwede Ungleichheit der Augen nicht 
etwa nur ein gewisses Entbehrniss von der schwächeren 
Seite her — das wäre der allergeringste Schaden — 
sondern fast immer tritt der schlimmere Fall ein, dass 
der Fehler des einen Auges unmaassgeblich auch das 
andere gesunde Auge in seiner Function hindert und irre 



Ueber die binoculareu Combinations- Störungen. 49 

macht, dass also eine gewisse Mitleidenschaft des 
gesunden Auges zu Stande kommt, durch welche die 
einzelnen Individuen in die allerpositivsten Nachtheüe 
gerathen, über welche man bisher hinwegsah, während 
man auf deren Berücksichtigung nicht genug Fleiss ver- 
wenden kann. 

Unter Mitleidenschaft verstehe ich hier noch 
nicht ein wirkliches und organisches Miterkranken, zu 
dem es ja bekanntlich in einzelnen Fällen kommt, und 
wovon manche Beispiele erzählt werden. Es handelt 
sich hier um die viel alltäglichere, und deshalb auf un- 
ser Interesse noch in viel höherem Masse Anspruch 
machende Anfeindung, die das zur Zeit noch voll- 
kommen gesunde Auge unvermeidlich erdulden muss. 
und durch welche mehr des Schadens erwächst als an- 
zunehmen man sich bisher veranlasst sah. Dieser An- 
feindung — wie ich sie nennen möchte — und allen 
ihren die Schwächung einer guten Sehkraft herbeiführen- 
den Folgen soll der Weg vertreten werden. Den Boden 
für die Hülfe bietet noch einzig und allein das eine, 
z. B. das schwächere linke Auge, während der Gesichts- 
leidende in Unkenntnis uoef seinen Zustand in der Re- 
gel seine beiden Augen als schwach und krank er- 
achtet, oder wohl gar seine Klagen oft genug nur auf 
sein ganz gesundes rechtes Auge richtet, irre geleitet 
durch den Umstand, dass dieses als das thätigere Organ 
die beständige Xebenaufgabe hat, die Hindernisse mit 
zu verarbeiten und zu besiegen, die ihm von der anderen 
Seite her an Stelle einer erleichternden Unterstützung 
erwachsen, und in ihm eine Reizung hervorrufen, die 
sich oft bis zum Schmerzgefühle steigern kann. 

Büh in, Licht -TlK-rapi«'. 4 



50 Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 

Eines eigenthümlichen Umstandes muss ich hier 
Erwähnung thun. Nichts scheint näher zu liegen, als 
dass ein Kranker, dessen rechtes Auge von der Mitwir- 
kung des linken zu dulden hat, es unbedingt vorziehen 
werde, das letztere zu schliessen, um sich lieber seines 
rechten Auges allein zu bedienen. Aber in Wahrheit 
müssen wir erfahren, dass ein solches versuchsweise 
angestelltes einseitiges Sehen nur selten eine Befriedigung 
gewährt, und den Krankheitszustand gar nicht trifft, um 
dessen Beseitigung es sich hier handelt. Ohne geordnete 
Mitbetheiligung des schwächeren Auges, zu deren Er- 
möglichung wir die Mittel und Wege eben angeben 
wollen, bleibt die Deutlichkeit der Objecte unbefriedi- 
gend, und, wo diese auch ausreichend wäre, fehlt jeden- 
falls die Stätigkeit im Sehen. Ein unbehagliches Gefühl 
von Anstrengung und Ermüdung entsteht in dem allein 
verwendeten Auge, und schmerzhafte Empfindungen, die 
sich auch dem zugeschlossenen Auge mittheilen, zwingen 
alsbald zur Unterbrecliun^jtlÄt^rbeit. 

So blieb in d^ffiC ffi ruffira& ftflfe^es übrig, als auf 
eine Einrichtuna^fiu sinnen, unter cßcen Vermittelung 
beide, wenn aulh ungFÜffcn *g$v\lfifl£nen Augen, dennoch 
mit Vortheil un&^clmejÄl&g^wieder zusammen wirken 
könnten. Dazu erw^aj spiRnihr^ ^blaue Licht als das 
beste Agens, sobald ich dasselbe jedem einzelnen Auge 
in richtiger Intensität, und zwar dem schwächeren Auge 
in einer verhältnissmässig dunkleren Abschattung ge- 
währte. 

Auf zwei wichtige Lehrsätze ist auch die neuere 
Experimental-Physik gekommen, welche theoretisch Das- 
selbe aussprechen und einzeln von den gesunden Augen 



Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 51 

beweisen, was sich mir bereits für die erkrankten Seh- 
organe in der Combination als eine ungemein brauch- 
bare und wirksame Hülfe erwiesen hatte. Es sind dies : 

1) Der Lehrsatz Dove's, „dass das blaue Licht 
„unter anderen Vorzügen, die es besitzt, wahr- 
nehmbarer sei, als jedes andere." 

2) Der Lehrsatz Fechner's*), „dass wenn zum 
„Licht in einem Auge Licht im anderen Auge 
„hinzutritt, je nach den Intensitäts- Verhältnissen 
„der Lichter, die Helligkeit, die das eine Licht 
„erzeugt, durch den Zutritt des anderen, ebenso 
„gut abnehmen als wachsen kann." 

Wachsen der Helligkeit aber mit gestei- 
gerter Wahrnehmbarkeit der Objecte durch ge- 
wisse Intensitäts-Verhältnisse des blauenLich- 
tes ist gerade das Bedürfniss für zahllose Kranke, deren 
Auffassungsvermögen sonst unwiderruflich dahin ist; und 
was die Physik hier von ihrem Standpunkte aus beweist, 
hatte sich mir bereits Seitens der Therapie auf das 
festeste bewährt. Blaues Licht musste dem schwächeren 
Auge, und zwar in einem ganz bestimmten und verhält- 
nissmässig dunkleren Grade, zuertheilt werden, damit 
dem durch besondere Umstände schwankend gewordenen 
Sehsinn wieder in entsprechender Weise aufgeholfen 
werde. 

Zur Begründung einer solchen auf Ausgleichung 
vorhandener Missverhältnisse beruhenden Licht-The- 
rapie musste ich, dem so verschieden vorkommenden 



*) G. Th. Fechner, über einige Verhältnisse des binocularen 
Sehens. Seite 41G. Leipzig 18G0. 

4.* 



52 Ueber die binocularen Cc-inbinations - Störungen. 

Abstände in der Sehkraft des rechten und linken Auges 
gegenüber, ursprünglich mannigfache Versuche anstellen, 
ehe es mir durch die Erfahrung und durch begünstigen- 
des Zutreffen gelang, die am besten zu einander stim- 
menden Farbentöne zu finden, und zu ermitteln, bis wie 
weit es überhaupt möglich sei, verschieden starke Augen 
wieder ganz gleich und wenn auch dies nicht, so doch 
wenigstens wieder einig und brauchbar mit einander 
zu machen. Als Beweis aber, dass dieses Ziel für den 
einzelnen Fall gelungen sei, konnte ich beiläufig mit Zu- 
versicht den Umstand betrachten, dass dann der Kranke 
bei abwechselndem Schliessen und Oeffnen der einzelnen 
Augen durch sein schwächeres, zur Zeit mit einem dunk- 
leren Glase versehenes Auge eine vorgelegte Papierfläche 
ziemlich ebenso gefärbt, und in den günstigen Fällen 
auch kleine Gegenstände (Buchstaben) eben so deut- 
lich erkannte, als durch sein besseres,mit einem helleren 
Glase versehenes Auge. 

Wie vorauszusetzen war, fand sich natürlich darin 
eine Grenze. Unter ein gewisses Maass gesunkene, durch 
vorliegende Trübungen, Formveränderungen der Papilla 
optica, stark vortretende Chorioideal - Gefässe, theilweise 
Ablösungen, krankhafte Pigmentirung oder wie sonst 
beeinträchtigte Netzhäute konnten freilich nicht mehr 
durch die entsprechend tiefen Abschattungen des blauen 
Lichtes bis zur Norm zurückgeführt, und zu ganz glei- 
cher Auffassung mit dem gesunden Auge gebracht wer- 
den. Aber auch diese der Zähl nach häufigen Fälle 
waren für meine Methode nicht verloren, sondern noch 
dadurch einer wesentlichen Verbesserung fähig, dass das 
bisher nur positiv störende Auge von jetzt an zur nütz- 



Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 53 

liehen Beihülfe für das andere, gesunde, oder gesundere 
Auge mit herangezogen werden konnte. 

Gleichfalls zeigte es sich, dass, zumal bei der noth- 
wendigen Wahl eines schon recht dunklen Licht -Tons 
für ein bedeutend schwächeres Auge, das gesunde Auge 
in der Regel nicht im absolut weissen Licht verbleiben 
wollte, sondern einen, wenn auch noch so geringen, 
blauen Gegen -Ton verlangte, damit nur verschieden 
blaues, nicht wirklich zweifarbiges (blaues und weisses) 
Licht sich central begegne. 

Diese und ähnliche Thatsachen stellten sich mit 
der Zeit fest. Dann aber traten Erfolge hervor, %die 
meine grössten Erwartungen übertrafen, und die Reife 
dieser Therapie bekundeten. Jeder neue Versuch mit 
zweierlei, dem individuellen Fall richtig angepassten blauen 
Farbenabschattungen gab mir den klaren Beweis, wie 
hier eine in das eigenthümliche pathologische Yerhältniss 
der beiden Augen zu einander in dem Grade eingehende 
und sachgemässe Wirkung erfolge, dass an der Ausbeute 
dieser therapeutischen Maassregel die allerverschiedenar- 
tigsten Augenkranken Theil nehmen konnten, weil darin 
mehr eingeschlossen liegen müsse, als die blosse Unter- 
stützung jedes einzelnen Auges. Eine centrale Wir- 
kung machte sich geltend, und unverkennbar war es, 
dass die beiden Farbentöne vor Allem durch ihre leichter 
gewordene Verschmelzung im Gehirn wohlthätig wirkten, 
dass sie dort das Gleichgewicht der beiden — gleich- 
viel aus welchen Gründen — sich anfeindenden Augen 
herstellten, die mannigfachsten Sehstörungen, von denen 
in den einzelnen Abschnitten dieser Schrift später die 
Rede sein wird, im Keime trafen, und selbst solchen 



54 Ueber die binocularen Combinations- Störungen. 

Reizungen ein Ende machten, welche von der betreffen- 
den Hirnstelle aus excentrisch an fernen Körperstellen 
wiederklangen. 

Merkwürdig und überraschend war — wenn ich 
mich so ausdrücken darf — die sofort erwachende un- 
widerstehliche Lust des schwächeren Auges, unter dem 
Schutz, oder besser unter der Anregung eines an blauen 
Strahlen reicheren, d. h. wahrnehmbarer und schonender 
gemachten Lichtes dem anderen seither fast oder ganz 
allein thätigen, ja von ihm angefeindeten Auge mit Einem 
Male wieder helfend beizustehen. Geweckt wurde 
sichtbar jene längst verlorene oder geradezu in das 
Gegentheil verwandelte Sympathie beider Augen, und 
wieder lebendig und leitungsfällig wurden die stumpf 
gewordenen tausendfachen Telegraphen-Linien, die, durch 
das centrale Nervenorgan geführt, die beiden Netzhäute 
in innige Verbindung setzen sollen. Die schwächere 
Netzhaut, unter ein milderes, mit feineren Wellen schwin- 
gendes Licht gebracht, ergänzte wieder die andere bisher 
unter gleichem Licht von ihr beunruhigte meistens durch 
ein Gefühl von Flimmern von ihr belästigte Netzhaut. 
Der in den verschiedensten Ausübungen seines Gesichts- 
Sinnes, im Fern- oder im Nahesehen, im deutlichen 
oder dauernden Sehen urplötzlich durch blosses schat- 
tigeres Licht von der einen Seite her um das Doppelte 
gehobene, oder von Schmerzgefühl befreite Kranke wurde 
wieder von dem frohen Bewusstsein durchdrungen, nicht 
mehr, wie er bisher sich fühlte, „einäugig" zu sein, 
oder gar mit noch grösseren Hemmnissen kämpfen zu 
müssen, als seine wirklichen und Jedem offenkundigen 
einäugigen Leidensgefährten. 



r die binocularen Combinations- Störungen. 

Was man bisher bo oft, aber fast immer 
für vereinzelte Fälle durch rechte und links verschiedene 
Schleifung der Augengläser zu gewinnen bemüh- 

war nunmehr im Grossen and Ganzen für die ungleich 
thätigen, und für die unverträglich mit einander hadern- 
den Augen erreicht Was die Lichtbrechung — zu- 
mal bei schon organisch begründeten ftietxhautaaec4M> 
nen - zu leisten ausser Stande war. sah ich durch die 
aasglei c h e nde Lichts c h attirnn g verwirklicht Und 
wie es einmal die Erfahrung Kehrt, da» ein kränkeln- 
de«, fast blindes Auge das andere absolut gesunde in 
Mitleidenschaft sieht, untüchtig macht, ja bis auf aas 
organische Substrat verdirbt: so lag nunmehr dasjenige 
naturgemasse Mittel in meiner Hand, w elches »eh noch 
unzähligen Kranken hüifreich erweisen wird, bei denen 
wir jetzt gleichsam mit umgekehrter Waffe vom schwäche- 
ren oder scheinbar blinden, in Wahrheit aber nicht aus 
dem optischen Connex getretenen Auge (siehe darüber 
Gap. X.) wohlthätig auf das andere bessere hinüherwirken. 
letzteres gegen begonnenes Nachsinken zur rechten Zeit 
schützen, und vor der oft unwiderruflich sich einschlei- 
chenden Unbrauehbarkeit. zu der das andere den 
zwingenden Aula-- giebt, bewahren können. 

Ein wicht der Therapie kommt 

also zur Sprache. Denn es handelt sich nicht um iso- 
lirte Falle, sondern um das Wohl und Weh der ganzen 
Niuime verschiedenartigster Kranken, welche, 
wenn auch bisher noch so zweckmässig im Einzelnen be- 
handelt, doch in ihrem gemeinsamen Schicksal „de r ein- 
geleiteten Abhängigkeit ihres 
von dem einmal schadhaft gewordenen" unbe- 



56 Ueber die binocularen Combinations- Störungen. 

rücksichtigt blieben und ohne Rath und Hülfe von uns 
gehen mussten. Der von einer einseitigen Ophthalmie 
Genesene, aber unserer Bemühungen ungeachtet mit 
einem schwachen Hornhautwölkchen, einer kleinen 
Linsentrübung, einer leichten Exsudation in der Pupille, 
einer kaum entdeckbaren Alteration des Glaskörpers, 
einem geringen Anflug von einseitiger Amblyopie mit 
oder ohne sichtbare Veränderungen des Augengrundes 
aus der Kur Entlassene musste oft erfahren und seine 
leisesten Befürchtungen immer schärfer und drohender 
sich bestätigen sehen, dass er nachträglich doch noch 
auf beiden Augen allmählig je nach Umständen reiz- 
barer, kurzsichtiger, dauerloser, selbst schwachsichtiger 
ward, und zwar aus keinem anderen Grunde, als weil 
er des vorsorglichen Schutzes gegen die viel schlimmeren 
Rückwirkungen entbehrte, weiche nach einer versäumten 
oder nicht ganz gelungenen Kur als Combinations- 
Störungen von dem einmal beschädigten Auge auf dem 
Wege durch die centrale Verbindung auch für das ge- 
sunde Auge langsam nachgezogen kommen. 

Durch den planmässigen, dem je einzelnen Auge 
entsprechend zugetheilten Verbrauch eines anders schwin- 
genden Lichtes, also durch eine leicht zu Gebote stehende 
Maassregel, die fast zu schlicht erscheint, als dass man 
davon etwas Wesentliches erwarten könnte, wird dieser 
grossen Gesammtzahl der Augenkranken gegenüber ein 
Resultat gewonnen, das von der nun bereits über fünf Jahr- 
hunderte ausgeübten, aber zu einseitig nur mit den Ge- 
setzen der Lichtbrechung sich beschäftigenden Augen- 
gläserkunde unbeachtet und unbenutzt geblieben ist. Die 
vielen Störungen und^ Verluste der Sehkraft, die lediglich 



Ueber die binocularea Combinations - Störungen. 57 

in dem gegenseitigen Verhältnisse der beiden 
Augen zu einander begründet, und als solche direct 
nicht zu heben sind, werden durch die qualitative Licht- 
wandlung fortan palliativ ausgeglichen und oft genug auf 
diesem Wege noch radical geheilt. 

Der Therapie ist mithin durch das rechte und links 
verschieden blaue Lieht nicht etwa ein ergötzliches und 
wandelbares, sondern ein bleibendes, physiologisch be- 
gründetes Mittel zugeführt und eine positive Einwirkung 
eigentümlicher Art einverleibt, die nicht auf den für 
die Menge schwer erreichbaren, oft schwankenden Spitzen 
der Wissenschaft, oder in den Händen selten begabter 
Aerzte ruhen, sondern wegen ihrer Natürlichkeit, Ein- 
fachheit und technisch leichten Ausführbarkeit gleich dem 
Verbrauch der geschliffenen lichtbrechenden Augengläser 
Eingang in's Leben finden wird, und unter der Leitung 
eines jeglichen Arztes, der sich dafür interessirt, oder 
einsichtvollen Optikers, der sich darin eine Gewandtheit 
zu erwerben bemüht war, gedeihen und gemeinnützig 
werden kann. 

Der Uebung wird es freilich auch hier für den Ein- 
zelnen bedürfen, um sich das richtige Urtheil zu erwer- 
ben, wie bestimmten Gradeunterschieden in der Sehkraft 
des rechten und linken Auges auch therapeutisch be- 
stimmte Abschattangs -Grade anzupassen sind, welche 
man in plane oder auch nach Umständen in convex- 
oder co n c a v - gewölbte oder in prismatisch geschliffene 
Gläser legt. Je längere Zeit man aber in dieser Therapie 
einheimisch wird, und je grössere Reife das Urtheil dafür 
gewinnt, desto umfangreicher und mannigfaltiger wird 
sich die Zahl der Fälle herausstellen, welche wir ferner 



58 Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 

nicht mit zeitrauben,den und zweifelhaften Kurversuchen 
des alten Verfahrens noch belästigen werden, da der un- 
mittelbarste und erschöpfendste Erfolg aus unserer licht- 
verwaltenden Hand für sie hervorgeht, und es uns 
unbenommen bleibt, bei den für die Fortsetzung ihrer 
Thätigkeit einstweilen befriedigten und vor Schaden ge- 
sicherten Kranken die sonst noch indicirten Mittel in 
vollem Maassc anzuwenden. Wie wichtig aber dieses 
Sachverhältniss bei chronischen, veralteten und auf or- 
ganischer Veränderung beruhenden Fällen ist, wo unsere 
Hoffnungen auf radicale Heilung überhaupt sehr gemässigt 
sein müssen, daran werde ich wohl kaum erinnern dürfen. 
Eine Hauptregel will ich als leitende Richtschnur für 
die Licht - Therapie nur hervorheben, von der aus die 
übrigen Farbencombinationen sich leicht ordnen lassen. 
Wie bei der Auswahl von Convexgläsern man annehmen 
kann, dass derjenige Presbyopische , der seines vorge- 
rückten Zustandes wegen gewöhnliche Druckschrift nur 
mit grosser Mühe oder gar nicht mehr liest, ungefähr 
schon ein Convexglas No. 20. erhalten muss: so ist bei 
der Farben -Therapie dem schwächeren von beiden 
Augen, welches aus irgend welchem Grunde bis zur Un- 
möglichkeit des Lesens angelangt ist, schon ein Farben- 
ton von meiner Nuance V oder VI zuzutheilen, während 
das bessere, noch zum Lesen fähige je nach Umständen 
als Gegenton die blaue Nuance I, II, III oder IV erhalten 
muss. Der Ungeübtere wird bei seinen Wahlen, ähnlich 
wie bei der Bestimmung der geschliffenen Gläser, sich 
noch viel nach dem Urtheil des Kranken zu richten haben, 
und erst probeweise die Farbenabstimmiingen zu finden 
im Stande sein, unter denen die Augen am besten har- 



Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 59 

moniren und die grössten Leistungen bringen. Der Ge- 
übtere hingegen wird sieh von dem Urtheil des Kranken 
immer freier machen, und nach einem je einzeln mit dem 
rechten und linken Auge angestellten Leseversuch, sofort 
die Farbencombination festzustellen vermögen, unter der 
die Unterscheidungskraft am meisten gehoben wird. Hier 
bleibt, wie ja überall in der Therapie, Vieles dem Talent 
des Einzelnen überlassen, und mit demselben Arzneischatz 
ausgerüstet, wird doch nicht Jeder bei seinen Kranken 
Dasselbe erreichen, zumal wenn es in complicirteren Fal- 
len darauf ankommt, die richtigen Farbencombinationen 
mit der zweckmässigen Schleifung der Gläser zu ver- 
einigen, und den verschiedenen Beschäftigungen gegen- 
über Mancherlei mit in Anschlag zu bringen. Wer 
möchte aber darin einen Grund zum Vorwurf erblicken, 
dass sich erst dem geübtesten und geschärftesten Urtheil 
die schönsten Resultate erschliessen? 

Endlich fehlt es nicht an bestimmten Erken- 
nungsmitteln für die glücklichste Wahl der Farben- 
Zusammenstellung, wo es in einzelnen Fällen auf die 
Beseitigung dieses oder jenes Sehmangels ankommt. 
Die Anlegung eines einfachen Maassstabes z. B. giebt 
unzweifelhaft an, unter welcher Farbencombination ein 
schwach- und kurzsichtig gewordener Kranke mit beiden 
Augen zusammen wieder am weitesten sieht. Und 
hier handelt es sich in Wahrheit nicht nur um Zolle, 
sondern oft um einen oder mehrere Fusse, die man durch 
die blosse Farbenabstimmung von Plangläsern für kleine 
Objecte gewinnt! Schriftproben zeigen an, bis in wie 
feinere Züge hinein das sonst keinem Mittel zugängliche 
Auge durch blosse Farbenverschmelzung im Bereich der 



(30 Ueber die biuocularen Combinations- Störungen. 

optischen "Wurzeln, sich seiner Amblyopie entschlaft. 

Die Uhr zählt die Dauer! Soviel Stunden unausgesetzter 
Thätigkeit wird mancher Kranke unter dem richtig \ 
wählten Gläserpaar verrinnen sehen, als er ohne dasselbe 
oft nur Minuten lang thätig zu sein vermochte. Ja zum 
Wettstreit kann es in ein und demselben Kranken kom- 
men, ob die F e nie. die D e u 1 1 i c h k e i t oder die Dan e r 
unter dem Doppellicht ihr höchstes Maass erreiche. 

Und in noch anderer Weise wird die Wirkung des 
einseitig verstärkten blauen Lichtstrahls bei denjenigen 
Kranken anschaulich, deren binoculare Comhinations- 
Störnag sich nicht sowohl durch diese oder jene Gesichts- 
Btkwäche, als in dem Umstände ausprägt, dass die un- 
gleich gewordenen Augen sich offenkundig durch Schie- 
len von einander trennen. Als nach Strom eye r's*) 
Rata und nach Dieffenbach's**) Vorgang der Weg 

onnen war. die Schielenden durch Operation zu heilen, 
gab dies wieder zunächst Veranlassung, dass man sich 
ernstlicher mit den Sehfehlern dieser Kranken beschäf- 
tigte. Ich wies damals den Schwächezustand des Aeeo- 
modations- Apparates für die Nähe nach, der meistens 
im abgewichenen, oft auch seeundär im richtig blicken- 
den Aime der Schielenden einheimisch ist, und lehrte. 
diesen bis dahin seiner Natur nach noch dunkel und 
unzugänglich gebliebenen Krankheitszustand von Kopiopia 
(heberudo visus) in Rücksicht auf die Netzhäute durch 



*) Dr. L. Strome ver, Beiträge zur operativen Orthopädik, 
Seite 22. Hannover 1838. 

**) J. F. Dieffcnb ach, Ueber das Schielen und die Heilung 
desselben durch die Operation. Berlin 1842. 



Ueber die binocularen Combinationa -Störungen. Gl 

blaue Convexgläser zu behandeln.*) Donders 
führte alsdann zum Zweck der optischen Heilung der 
Schielenden die prismatisch geschliffenen Gläser ein. 
Allein die Zahl der Kranken, deren abgewichene! Auge 
dem angefärbten Prisma folgt, ist verhaltnissmasfiig nur 
gering, und der physiologisch so ungemein scharfsinnig 
entworfene Kurplan scheitert zu oft daran, dass das 
schielende Auge entweder überhaupt zu schwachsichtig 
ist (kein Doppelbild erregt), um auf die Lockungen des 
Prisma einzugehen, oder dass dasselbe uneraehtet einer 
miflBigew Sehkraft und eines vorhandenen Doppelbildes, 
dennoch zu geringe Sympathie besitzt, um mit den an- 
deren Auge sich zur binocularen Combinaöon im rich- 
tigen Blick zu vereinigen. 

In solchen Fällen ist ein gewisser Ueberschuss von 
blauen Strahlen, den wir dem schielenden Auge gleich- 
zeitig mit dem Prisma zutheilen, das therapeutisrhe 
Mittel, um sofort die fehlende Sympathie zu wecken, 
und die binoculare Combination mit allen Yortheüen für 
die Sehkraft wieder flüssig zu machen. Manches schie- 
lende Auge, dem das farblose Prisma ein vollkommen 
gleichgültiges optisches Instrument ist, kehrt unter dem 
blauen Prisma ohne Verzug in -den richtigen Blick zu- 
rück und tlieilt mit dem anderen Auge gemeinsam die 
Arbeit. In unserer experimentirenden Hand liegt 
das schielende Auge nach Willkür entweder in den 
richtigen Blick eintreten oder in die falsche Stellung 



*) Dr. L. Böhm, Das Schielen und der Sehnenschnitt in sei- 
neu Wirkungen auf Stellang und Sehkraft der Augen. Seite 109 

bis i;>7. Berlin 1- 



62 Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 

austreten zu lassen, je nachdem wir vor das Prisma 
noch ein blaues Planglas vorlegen, oder davon entfernen. 
Bei der Aufgabe, die ich mir stellte, das blaue Licht 
als ein neues Mittel zur Erreichung so verschiedenartiger 
Zwecke einzuführen, wird die hier in ihren Principien 
entwickelte Methode „der einseitig verchiedenen 
Zutheilung des blauen Lichtes" alle weiteren Ab- 
schnitte dieser Schrift als ein integrirender Theil begleiten 
und darin ihre fernere Erledigung finden. Um aber den- 
jenigen meiner Fachgenossen, die sich dieser Methode in 
Fällen bedienen wollen, wo die bisherigen Verfahrungs- 
weisen eine therapeutische Lücke zu lassen scheinen, 
und wo namentlich der ophthalmoscopische Befund des 
einen Auges jede radical verbessernde Einwirkung mit 
aller Entschiedenheit zurückweist, nochmals den physio- 
logischen Faden an die Hand zu geben, soll nach kurzer 
Schilderung einiger hierher gehörigen die Combinations- 
Störung deutlich bekundenden Fälle, in den zwei zu- 
nächst folgenden Abschnitten in Erinnerung und in Ver- 
gleich gebracht werden, wie das rechts nud links ver- 
schieden geschattete Licht normal auf zwei gesunde 
Augen wirkt, ganz anders aber und in einer für 
uns therapeutisch ^nutzbaren Weise auf zwei 
krankhaft verschieden gewordene Augen seinen Ein- 
fluss übt. 



Ueber die binoculareu Combinations - Störungen. 63 



Casuistik. 

Fall 4. bis 12. Zur Behandlung der Conibinations- Störungen. 

Fall 4. 
Nebeneinander gestellte Plangläser in Nuance III 
und VI wirken in der Weise ein, dass mit der 
Wiederherstellung des binocularen Sehens die 
Augen aus vollständiger Unbrauchbarkeit für die 
Nähe wieder zu dauernder Thätigkeit 
zurückkehren. 

Auguste Mechert, 24 Jahre alt, hatte nach einer 
vierjährigen Beschäftigung mit Stickereien auf dunkelfarbigem 
Sammet eine erhebliche Abnahme ihrer Sehkraft wahrge- 
nommen. Sie ging deshalb zu Handarbeiten auf weissen 
Stoffen über. Nach einigen Monaten war auch hierfür alle 
Fähigkeit geschwunden. 

Die angestellte Untersuchung ergab, dass die Kranke 
noch lesen konnte, aber nur bei einer genau inne gehaltenen 
Sehweite von 9 Zoll. Und auch hierbei fehlte in der Art 
die Ausdauer, dass schon nach dem Durchlaufen von zwei 
Zeilen Schwere in den Augenlidern, Druck und Brennen in 
den Augen selbst entstand, so dass eine Unterbrechung des 
Sehens nothwendig wurde. Mit Nähen konnte sich — wie 
ich dies oft beobachtet habe — die Kranke scheinbar aus- 
dauernder . beschäftigen. Aber es kam dabei der Umstand 
zu Hülfe, dass durch regelmässiges Schliessen der Augen 
beim jedesmaligen Durchziehen des Fadens dem wirklichen 
Ausspannen der Netzhäute vorgebeugt wurde. Unter vielen 
sonstigen Mitteln waren auch schon sowohl hellblaue wie 
dunkelblaue Plangläser erfolglos versucht worden. 

Die alleinige Stelle, von wo aus die Kette des Leidens 
zu lösen war, lag in der gestörten Mechanik des binocularen 
Sehens. Ich fand alsbald, dass das linke Auge diese Störung 
anbahnte. Dasselbe war nur noch zum mühsamen Erkennen 



64 Ueber die binocularen Combinations- Störungen. 

einiger wenigen Buchstaben fähig, obgleich bei der ophthal- 
moscopischen Untersuchung desselben sich nicht die geringste 
Abweichung in den Medien oder der Netzhaut selbst ent- 
decken Hess. Auch jeder Versuch, der Kranken durch — 
oder + geschliffene Gläser zu helfen, blieb ohne Erfolg, zum 
Beweise, dass der Acconiodationszustand ausser Schuld sei. 

Therapie. Um die von rechts und links kommenden, 
feindselig im Centrum streitenden Lichtströme zu ordnen, und, 
mit der Wiederherstellung des binocularen Friedens, in un- 
mittelbarster Weise die Klagen der durch Kuren schon vielfach 
geprüften Kranken zu heben, verordnete ich die Lichtbrille 
Plan in Nuance III rechts, 
Plan in Nuance VI links. 

Die, wie oben bemerkt, genau auf 9 Zoll beschränkte 
Sehweite wurde sofort freier und rückte sowohl nach der 
Nähe als der Ferne hin um einige Zoll auseinander. Aller 
Schmerz blieb aus. Die Möglichkeit, zwei Zeilen zu lesen, 
dehnte sich auf ein Zeit -Ziel von Stunden aus. Zu ihrer 
früheren Arbeit zurückgekehrt, beschäftigte sich die Kranke 
unausgesetzt nicht nur den Tag hindurch, sondern des the- 
rapeutischen Versuches wegen auch noth mehrere Stunden 
bei künstlicher Beleuchtung, und zwar ohne Nachtheil. 
Denn als ich nach einigen Monaten die Sehkraft der Augen 
in unbewaffnetem Zustande erprobte, las die Kranke bereits 
statt zwei Zeilen eine volle Viertelstunde, und auch das linke 
Auge allein hatte in der Auffassung kleiner Objecte wesent- 
lich gewonnen. 

Um den radicalen Fortschritt ferner zu sichern, wurde 
in dem obigen Farbencontrast eine rückgängige Verordnung 
getroffen, und 

Plan in II rechts, 
Plan in IV links 
verschrieben. Mit dieser Lichtbrille arbeitete die Kranke 
ohne Schwierigkeit bis zur vierten Nachmittagsstunde, um 
dann mit grösserer Befriedigung zu den stärker differenten 
Abschattungsgraden überzugehen. 



Ueber die binocularen Combinations- Störungen. 65 

Gleich gefärbte Plangläser, in helleren so wie in dunk- 
leren Nuancen zur Gegenprobe gegeben, versagten sämmtlich 
binnen kurzer Zeit ihre Hülfe, denn sie trafen nicht die dem 
Leiden zu Grunde liegende Combinations- Störung. Das Um- 
kehren der für nützlich befundenen beiden Lichtbrillen, in 
der Art, dass die Augen ihre Abschattungsgrade vertauschten, 
war erklärlicher Weise vom schlechtesten Erfolge begleitet. 

Fall 5. 
Die Versetzung der linken organisch erkrankten 
und schwachsichtigen Netzhaut unter die Einwir- 
kung tief blauer Strahlen giebt der gesunden, aber 
durch Combinations-Störung entwertheten, rech- 
ten Netzhaut die volle Gebrauchsfähigkeit 
wieder. 

Ottilie Gelinde, 28 Jahre alt, trug seit der frühesten 
Jugend eine Hornhaut-Trübung des linken Auges, und hinter 
dieser kranken Aussenfläche des Organs befand sich — wie 
man so oft beobachtet — ein destruirter unseren Hülfsmitteln 
noch weniger zugänglicher Augengrund. Durch das Ophthal- 
moscop sah ich eine undeutlich contourirte und ausserdem 
von einem helleren Kreise umgebene Papilla optica, aus deren 
excavirten Fläche die Gefässe mit einem Knick in die Netz- 
hautfläche gelangten, und von denen man Eines bei Verän- 
derung der Focal-Distanz als einen abgelösten peitschenartigen 
schwarzen Faden in den Glaskörper hineinragend verfolgen 
konnte. Bei diesem Thatbefund war es nicht befremdend, 
dass das Auge nur mühsam einzelne Buchstaben aus der 
grössten Jag er 'sehen Schriftprobe (No. 20.) zu entziffern 
vermochte. 

Zu ihrem Glück gehörte die auf Handarbeiten angewiesene 
Kranke zu den massig myopischen ; sonst dürfte wohl schwer- 
lich das seit frühester Jugend allein im Gebrauch gewesene 
rechte Auge sich so lange zu angestrengtem Dienste herbei- 
gelassen haben. Seit den letzten drei Jahren spannte aber 
auch das rechte Auge immer mehr aus, und verfiel endlich, 

Böhm, Licht - Therapie. 5 



66 Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 

obwohl die Kranke die Beschäftigung mit weissen Stoffen 
ganz zu vermeiden suchte, bis zu dem Grade den binocularen 
Anfeindungen, dass sich diese bereits in einer vierfachen 
Symptomen - Reihe bekundeten : 

1) Der Kranken schwand, ihrer Myopie unerachtet, immer 
mehr die Ausdauer, und sie war bei ihrer Beschäftigung 
bis auf Minuten beschränkt. (Siehe Cap. IX., 6.) 

2) Dieselbe war genöthigt, während der Beschäftigung den 
Fernpunkt von Secunde zu Secunde kürzer zu wählen. 
(Siehe Cap. IX., 3.) 

3) Ein Gefühl von Druck und Schmerz entstand im linken 
Auge, das sich dem gesunden und zuletzt der Stirn- 
gegend mittheilte. (Siehe Cap. IX., 5.) 

4) Eine nebelhafte Verdunkelung schien ihr von der linken 
zur rechten Seite hinüber zu ziehen und raubte schliess- 
lich jede deutliche Unterscheidung. (Siehe Cap. IX., 2.) 

Irrte ich mich darin nicht, dass diese vierfach, sich ab- 
lösende Symptomen -Reihe auf einer von links nach rechts 
überwirkenden Combinations - Störung beruhte , so durfte 
schwerlich ein anderes Heilmittel erdenkbar sein, als das 
entsprechend abgetönte, die Disharmonie ausgleichende Licht. 
In diesem Sinne verordnete ich der Kranken 
Planglas in Nuance II rechts, 
Planglas in Nuance VI links, 
und rieth ihr, sich sofort der vollen Arbeit, woran sie vor 
längst vergangenen Tagen gewohnt war, wieder zu unter- 
ziehen. Und solches geschah ohne die geringste Einschrän- 
kung. Was allein die Kranke auszusetzen hatte, war der 
Umstand, dass bei künstlicher Beleuchtung der Abschattungs- 
ton von VI zu II sich noch zu schwach erwies, und dass 
sich ihrer ein sensuelles Missbehagen — wie sie sich aus- 
drückte — eine Art von Ungeduld bemächtigte, von der bei 
Tagesbeleuchtung Nichts zu bemerken war. 

Darauf hin verordnete ich zum Gebrauch für die Zeit 
der künstlichen Beleuchtung eine Brille mit stärkerem Farben- 
Contrast, 



Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 67 

Plan in II rechts, 

Plan in VIII links, 
und die Möglichkeit war dadurch gewonnen, an mehreren 
Abenden hintereinander die Arbeitszeit des Versuches wegen 
bis über Mitternacht hinaus auszudehnen, ohne dass sich ein 
Zeichen der Reizung kundgegeben hätte. 

Jeder später angestellte Gegenversuch, beiden Augen 
ein gleich schwingendes Licht durch Plangläser von dersel- 
ben Nuance zu geben, misslang. Bei den helleren Nuancen 
fand das organisch kranke linke Auge keine Beruhigung; 
bei gleich dunkel gewählten fühlte sich das rechte Auge zu 
sehr in der Beleuchtung beeinträchtigt. 

Fall 6. 
Kreisförmig um die Papilla optica abgelagertes 
plastisches Exsudat auf der Netzhaut des linken 
Auges, Mangel an Deutlichkeit und an Ausdauer 
durch Störung des binocularen Sehens, Herstellung 
der ganzen Arbeitskraft durch tiefer blaue Ab- 
schattung des Lichtes vor der leidenden Seite. 
Die Werkstätten der Cigarren- Fabrikation sind für die 
Schwachsichtigen die gesuchtesten und geeignetsten Zufluchts- 
orte, denn das Arbeitsstück kann beliebig in eine Nähe oder 
in eine Richtung zum Auge gebracht werden, je nachdem es 
die gesunkene oder die in der seitlichen Ausdehnung be- 
schränkte Sehkraft erfordert. Augenkranke allerlei Art 
pflegen daher bei dieser Beschäftigung zu verbleiben, nach- 
dem ihnen mancherlei Versuche mit sonstigen Berufsarten 
fehlgeschlagen sind. In dieser Lage befand sich auch der 
zwanzigjährige Cigarrenmacher Körte, dessen Sehvermögen 
schon von Kindheit an so unzureichend war, dass ihm das 
Lesenlernen nur mühsam gelang und dass ihm auch grosse 
Gegenstände in verhältnissmässig geringer Ferne schon un- 
deutlich erschienen. 

Status praesens. Der Kranke durfte beim Lesen 
das Schriftblatt nur wenig über einen halben Fuss weit ent- 

5* 



68 lieber die binocularen Combinations - Störungen. 

fernt halten, musste dasselbe allmählich immer näher rücken 
(Kopiopia myopica, siehe Cap. IX., 6.), war gezwungen, den 
Kopf in eine schiefe Lage zu bringen oder das Schriftblatt 
seitlich zu bewegen und ermüdete dennoch nach einer sehr 
kurzen Frist. Der hauptsächlichste Mangel lag im linken 
Auge, das zum Lesen unfähig war. Das rechte Auge, für 
sich allein erprobt, las, aber ohne alle Ausdauer und mit 
dem Gefühl der Anstrengung. 

Therapie. Bei den Versuchen, diesem durch alle 
früheren Kuren immer mehr entmuthigten Unglücklichen 
mittels der Licht- Therapie zu helfen, ergaben sich zwei 
wirksame Factoren. 

1) Aus der Lichtbrechung zeigten sich 

weisse Convexgläser No. 50. 
günstig, insofern schwache Augen — wie es hier der 
Fall war — schon frühzeitig in Weitsichtigkeit gerathen 
und dann für ihre Amblyopie stärker gesammeltes, für 
ihre Presbyopie stärker gebrochenes Licht brauchen 
können. Convexgläser entsprechen beiden Bedürfnissen. 

2) Aus der farbigen Lichtwandlung unterstützte wesent- 
lich das Erkennungsvermögen eine Zusammenstellung 
von 

Planglas in Nuance III rechts, 
Planglas in Nuance V links. 
Der grösste Erfolg aber lag in der Vereinigung der 
Lichtbrechung mit der eben erwähnten Lichtabschattung. 
Als ich den Kranken mit der combinirten Brille, 
-f 50 in III rechts, 
-f 50 in V links 
versehen hatte, erkannte derselbe doppelt so deutlich und 
daher auch doppelt so weit, ermüdete nicht mehr, und ver- 
lor das Gefühl der Anstrengung. 

Ophthalmoscopie. Der jetzt in Anwendung gesetzte 
Augenspiegel gab noch die eingehendere Erklärung des Lei- 
dens und zugleich den bündigsten Beweis, wie Vieles diese 
rein nach den Symptomen zugerichtete Therapie in sonst 



Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 69 

hoffnungslosen Fällen zu leisten vermag, indem sie den ein- 
mal unzugänglichen Fehler belässt, aber die daran sich an- 
schliessenden Störungen in der Gegenseitigkeit der Augen 
ausgleicht. 

Schon bei der inneren Beleuchtung des linken Auges 
durch den einfachen Spiegel machte sich ein ungewöhnlich 
weiss reflectirender Augengrund bemerkbar, und durch die 
zugefügte Convexlinse wurde ein plastisches Exsudat sicht- 
bar, welches, dicht um den Rand der Papilla optica anhebend, 
sich eine Strecke weit über den nächsten Theil der Netzhaut 
ausbreitete, sich aussen in mehreren scharfen Bogengängen 
begrenzte, und durch eine fast glänzend weisse Färbung 
auffällig gegen den sonst sehr dunklen Augengrund absetzte. 
Der Befund glich so der von Jäger auf Tab. XIII. sehr 
naturgetreu gegebenen und Seite 38 beschriebenen Abbil- 
dung*), als ob derselbe , Kranke zum Original gedient hätte, 
nachdem das Exsudat (welches dort nur einseitig an die 
Papilla optica sich anlehnt) zu einer ringförmigen Ausdeh- 
nung gediehen wäre. Wie in jener Zeichnung, tauchten auch 
hier die kaum der Papilla optica entstiegenen Blutgefässe 
sofort wieder in den inneren Rand des weissen Exsudat- 
Feldes, um an dessen Aussenrande wieder hervorzutreten und 
dann ihren normalen Verlauf durch die übrige Netzhaut zu 
verfolgen. 

Der Grund des rechten Auges war mit Ausnahme einer 
kleinen Stelle, wo ebenfalls dicht neben der Papilla optica 
ein weisses Exsudat sichtbar war, vollkommen gesund. 

Nachdem der Kranke im Januar 1859 durch die Licht- 
Therapie zu neuer Arbeitskraft gelangt war, habe ich den- 
selben zu verschiedenen Zeiten wiedergesehen und Gelegen- 
heit gehabt, mich von der Nachhaltigkeit der Hülfe zu über- 
zeugen. 



*) Dr. E.Jäger, Beiträge zur Pathologie des Auges. Wien 
1855. 



70 lieber die binocularen Combinations - Störungen. 

Fall 7. 
Unheilbares N et zh autleiden linker Seits; die rich- 
tige Abschattung durch blaues Licht ordnet die 
Störungen des binocularen Sehens, und bringt die 
volle Arbeitskraft zurück. 

Der Oberlehrer C. aus Quedlinburg, 56 Jahre alt, war 
von Jugend auf aus erblicher Anlage myopisch und mehrere 
seiner Geschwister hatten denselben Bau. Er trug zwei Bril- 
len, concav No. 22. für das Lesen, concav No. 9. für die 
Ferne. Dabei war sein linkes Auge von je her schwach- 
sichtiger gewesen, ohne dass daraus für das gemeinsame 
Sehen ein Nachtheil erwachsen wäre. 

Im November 1854 erkrankte sein linkes Auge urplötz- 
lich in einer höchst störenden Weise, nachdem er einige 
Wochen vorher an rheumatischen Zahnschmerzen gelitten, 
und während dieser Zeit sich ununterbrochen vom Lesen 
einer anziehenden Schrift hatte fesseln lassen. Mittags bei 
Tisch sitzend bemerkte C. plötzlich einen dunklen Schein in 
der Richtung, als ob sich ein fremder Körper auf dem 
Nasenrücken befände. Vergebens griff er öfters danach hin. 
Binnen einigen Tagen verbreitete sich die Verdunklung über 
den ganzen Gesichtskreis des linkes Auges, dasselbe konnte 
nicht mehr lesen und die einzelnen Zeilen erschienen ihm 
verbogen. 

Das eigentliche Unglück bestand aber jetzt in dem höchst 
störenden Einfluss, den das linke Auge auf jede Thätigkeit 
des rechten Auges ausübte, so dass C. nur mühsam und mit 
zugekniffenem linken Auge sich beschäftigen konnte. Je 
heller das Licht war, desto unbehülflicher war der Zustand. 
Bei künstlicher Beleuchtung war die Reizung am unerträg- 
lichsten. Umsonst unterwarf sich der Kranke ein ganzes 
Jahr hindurch den eingreifendsten Kuren und Entbehrungen, 
» bis ich ihn im Jahre 1855 zum ersten Male sah. 

C. erhielt durch Concavgläser No. 24. in Nuance IV 
zunächst ein milderes Licht. Er las, äusserte aber, dass die 



Ueber die binocularen Combinations- Störungen. 71 

Brille noch Etwas nicht zu leisten vermöge, was ihm freilich 
zum Theil in das Gebiet der Willenskraft zu gehören scheine. 
Es handle sich um eine Aufgabe, die er wohl eine Zeitlang, 
nicht aber dauernd lösen könne, und die ihm durch eine 
physikalische Hülfe noch abgenommen werden müsse. Der 
Kranke meinte nichts Anderes, als die Schlichtung des 
Combinations-Streites. 

Ich fügte der Concavbrille 24. in IV jetzt noch auf 
der linken Seite ein Planglas No. II. hinzu. Jede Störung 
war durch diese einseitig auf VI erhöhte Abschattung be- 
seitigt, und der Kranke suchte mir die ihm gewordene Hülfe 
durch einen Vergleich deutlich zu machen. „Wenn man ihm«, 
drückte sich derselbe aus, »die Aufgabe gestellt hätte, 40 Pfd. 
zu heben, so wäre er zeither (ohne die Brille) in der Lage 
gewesen, diese 40 Pfund mit dem rechten Arme allein heben 
zu müssen, jetzt (mit der Brille) habe er das Gefühl, dass 
er in Stand gesetzt sei, 30 Pfund dem rechten und 10 Pfund 
dem linken Arme zu überlassen. 

Nachdem ich mit der Therapie abgeschlossen, stellte 
ich die Untersuchung des linken Auges durch das Ophthal- 
moscop an. Das Ergebniss fiel hinsichtlich der Möglichkeit 
y-gend anderweitiger Hülfe sehr entmuthigend aus. Eine 
Papilla optica war nicht mehr vorhanden. Ihre Stelle gab 
sich nur durch den Eintritt von vier Gefässen zu erkennen, 
die sich rasch in abnorm viele und kleine Aestchen ver- 
zweigten. Das kranke Auge aber war befreit von jeglicher 
Gesichtsstörung durch eine Concav-Brille, 

— 24 in IV rechts ) 

— 24 in VI links für die Bescüäfti g un g in der Näne > 

— 10 in IV rechts ) 

— 10 in VI links für die Beschäftigung in der Ferne, 

und über die andauernd nützliche Wirkung dieser Brillen 
auf den ungehindert frei bleibenden Gebrauch der Augen 
gingen mir seit den verwichenen sechs Jahren günstige Be- 
richte zu. 



72 Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 



Fall 8. 
Eine in der Störung des binocularen Sehens seit 
langer Zeit begründete Unbrauchbarkeit der 
Augen wird durch verschieden gefärbtes und ver- 
schieden gebrochenes Licht dauernd gehoben. 

Im März 1^4& wandte sich an mich eine Kranke, die, 
bereits in den mittleren Lebensjahren stehend, von Jugend 
an mit einer Cataracta centralis des rechten Auges behaftet 
war und sich stets nur mit grosser Mühe hatte beschäftigen 
können. In den letzten vier Jahren hatte sich dieser Zustand 
noch verschlimmert, so dass der Gebrauch der Augen sich 
auf Minuten einschränkte, Lesen und Handarbeiten sich gänz- 
lich verboten. Auf den Vorschlag, sich operiren zu lassen, 
den ihr namhafte Aerzte früherer Zeiten wiederholentlich ge- 
macht, hatte die Kranke nicht eingehen wollen. 

Da die Verschlimmerung der letzten Jahre bei Fräulein 
Seefluth — so hiess die Kranke — wahrscheinlich aus 
einer beginnenden Presbyopie hervorging, so bemühte ich 
mich zunächst durch schwache Convexgläser dagegen ein- 
zuschreiten. Das linke Auge für sich allein las auch unter 
-f- 50 ganz geläufig, aber beide Augen konnten unter der 
Beihülfe einer einfachen Convexbrille keine gemeinsame 
Thätigkeit entwickeln, da das durch Staarpunkt getrübte 
rechte Auge stets eine Verwirrung in die Gesichtseindrücke 
streute. 

In damaliger Zeit noch unbekannt mit den wirk- 
samen, die Sehkraft positiv unterstützenden Eigen- 
schaften des blauen Lichtes, vermeinte ich dasselbe nur be- 
nutzen zu können, um das rechte Auge in Un thätigkeit 
zu versetzen. In diesem falschen Glauben fügte ich vor das 
rechte Glas der Convexbrille No. 50. noch ein blaues Plan- 
glas und versuchte in der Intensität des gefärbten Planglases 
so lange zu steigen, bis die Kranke für das gemeinsame 
Sehen beider Augen die grösste Befriedigung fühlte. % 



Ueber die binocularen Combinations -Störungen. 73 

Die Ausdauer für das Lesen war unter einer so ent- 
standenen Convexbrille 

-f- 50 in Weiss links, 
-j- 50 in Azurblau Nuance VI rechts, 
wesentlich verbessert, aber noch keinesweges zur Genüge 
gewonnen. 

So vermeinte ich das rechte Auge nicht nur durch Licht- 
schwächung, sondern auch noch dadurch ausser Mitwir- 
kung setzen zu müssen, dass ich dasselbe in der gewählten 
Brille der Unterstützung durch Convexschleifung beraubte. 
Der Erfolg war jetzt ein durchaus günstiger. Unter einer 
Brille 

-f 50 in Weiss links, 
Planglas in Nuance VI rechts, 
las die Kranke plötzlich nicht nur bei Tagesbeleuchtung, son- 
dern — was sie in ihrer ganzen Lebenszeit niemals vermocht 
hatte — während der künstlichen Abendbeleuchtung ohne 
alle Zeiteinschränkung. 

Ich wählte diesen Fall zur Mittheilung aus, weil der- 
selbe einer der ersten war, wo ich durch das Experiment 
auf ein richtiges Verfahren gelangte, ohne die richtige Theorie 
davon eingesehen zu haben. Denn das rechte Auge wurde 
keinesweges unthätig, sondern brachte jetzt unter seinem 
gefärbten Planglase ein so beruhigendes und dem bei der 
Arbeit sonst immer geblendeten Nebenorgan so förderliches 
Licht, dass das linke Auge dadurch seiner vollen Thätigkeit 
Herr wurde, die es weder für sich allein noch mit dem an- 
deren zusammen je hatte entwickeln können. Und der Man- 
gel an Lichtbrechung, den das rechte Auge unter der so zu- 
sammengesetzten Brille im Vergleich zu seinem Nebenorgan 
erlitt, verhinderte in richtiger Weise, dass dasselbe vermöge 
seines Staarpunktes sich störend in die Contouren der er- 
blickten Gegenstände mischen, und den gemeinsamen Sinnes- 
Eindruck verwirren konnte. 

Solche Fälle, bei denen man, um die gestörte binoculare 
Combination wieder zu gewinnen, nur den Lichtsinn des 



74 Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 

schwächeren Auges benutzt, während man dessen Form-Sinn 
absichtlich durch die fehlende Schleifung seines Brillenglases 
ausser Spiel lässt, sind im Allgemeinen selten. Das Verfahren 
aber wird für die Therapie stets unentbehrlich bleiben, und 
ist von den erfreulichsten Resultaten begleitet. Als einem 
hierher gehörigen sehr lehrreichen Fall möge man noch dem 
folgenden seine Aufmerksamkeit schenken. 

Fall 9. 
Eine durch organische Veränderung des Augen- 
grundes herbeigeführte unheilbare Gesichts- 
schwäche wird durcli Wiederherstellung der Ord- 
nung im binocularen Sehen mitt eis eines für jedes 
Auge anders gebrochenen und anders gefärbten 
Lichtes ausgeglichen. 

Der Königliche Arcliivar Herr v. H. erfuhr während des 
Sommers 1859 eine allmählige Abnahme seiner Sehkraft. 
Im October desselben Jahres bildete sich eine acute Augen- 
entzündung aus, deren tiefer Sitz sich durch heftige über 
den Kopf ausstrahlende Schmerzen und grosse Lichtscheu zu 
erkennen gab, und eine energische antiphlogistische Behand- 
lung erforderte. Mit der Genesung aus dieser Entzündung 
(Chorioideitis) kehrte aber dem Kranken die Gebrauchsfähig- 
keit seiner Augen nicht wieder, und als sich derselbe nach 
vielen Kuren und langer Schonung mir im März 1861 vor- 
stellte, war der Zustand folgender: 

Status praesens. Wollte Herr v. H. mit beiden Augen 
lesen, so traten schon nach Verlauf einer Minute Schmerzen 
im linken Auge auf, noch vor vollendeter zweiten Minute 
verhüllte ein von der linken Seite herüberziehender Nebel 
die Schrift und verhinderte bald ganz das längere Erkennen. 
Einzeln erprobt, las nur kurze Zeit hindurch 

das rechte Auge von 1 Fuss bis 1 Fuss 9 Zoll, 
das linke Auge von 1 Fuss bis 1 Fuss 3 Zoll. 

Das linke Auge war hiernach das mehr leidende, er- 
müdete schon nach vier Secunden, und zeichnete sich auch 



Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 75 

dauernd durch grössere Empfindlichkeit, namentlich Morgens 
nach dem Erwachen durch eine länger anhaltende Reizbar- 
keit gegen das Licht aus, so dass das freie Oeffnen seines 
Lides erst um Vieles später erfolgen konnte. 

Die Ophthalmoscopie ergab einen Thatbefund, der 
mit diesen subjectiven Symptomen im Einklang war. 

Die Vasa chorioidalia waren sichtbar und zwar im lin- 
ken Augengrunde noch deutlicher als im besseren rechten. 
Ein hellerer unregelmässiger Rand umkreiste ausserdem die 
Papilla optica im linken Auge. 

Therapie. Nach diesen Vorlagen entwarf ich den 
Plan, das rechte Auge als das Hauptorgan zu benutzen, und 
durch das linke Auge mittels der Lichtmodificationen so zu 
unterstützen, dass fernerhin die gemeinsame Thätigkeit der 
Netzhäute wieder "flüssig werden könne. 

Aus der Farben Wandlung des Lichtes griff hierzu eine 
Brille, 

Plan in Nuance III rechts 
Plan in Nuance V links, 
am besten ein. Während sich der Kranke früher schon 
mancher blauen Plangläser bedient hatte, die ihrer gleichen 
Färbung wegen keinen Erfolg hatten, wurde durch genannte 
Combination soviel erreicht, dass die Reizungen im Gesichts- 
Sinn sofort aufhörten und an ihrer Stelle sich das Gefühl 
der Ausgleichung und sensuellen Beruhigung einstellte. Nur 
das Lesen und jede Beschäftigung in der Nähe wollte für 
die Dauer nicht gelingen, wiewohl die doppelfarbige Plan- 
brille dazu schon eine fühlbare Unterstützung gewährte. 

Ich hoffte durch Convexgläser , die auch in Nuance III 
und V ausgeführt waren, die Dauer für die Nähe zu er- 
reichen. Allein die darüber mir zu Gebote stehenden Er- 
fahrungen wollten bei aller Ausdauer, mit der unser Kran- 
ker sich den Experimenten unterzog, zu keinem befriedigen- 
den Resultate führen. Wiewohl die Brille, 
-f- 30 in Nuance III rechts, 
-|- 30 in Nuance V links, 



76 Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 

sich noch von Allen als die hülfreichste erwies, so gab sie 
doch nur die Dauer von einer viertel, höchstens von einer 
halben Stunde, nach deren Ablauf Schmerz und Ermüdung 
den Kranken wieder überwältigten. 

So wurde ich zu dem Entschluss gedrängt, ausnahms- 
weise nicht nur durch Farbenunterschied, sondern auch auf 
dem Wege der Lichtbrechung für jedes Auge in anderer 
Weise zu sorgen. — In einer Brille, 

Plan in Nuance III rechts, 
+ 30 in Nuance V links, 
bewährte sich die Zweckmässigkeit dieses Kurverfahrens 
aufs Vollständigste. Der Kranke hatte sofort das Gefühl, 
dass s o sein rechtes Auge wieder zur Arbeit richtig heraus- 
gefordert wurde, und war in der nächsten Zeit schon im 
Stande, sich täglich fünf bis sechs Stunden angestrengt und 
unausgesetzt mit Lesen und Schreiben zu beschäftigen. Und 
da sich schliesslich ergab, dass nur die Arbeit bei künst- 
licher Beleuchtung nicht mit derselben Ungebundenheit von 
Statten ging, so wurden die einmal gefundenen Factoren 
der Licht- Therapie für diese Zeit noch erhöht. Eine Brille, 
Plan in Nuance IV rechts, 
+ 25 in Nuance VI links, 
rechtfertigte auch diese Erörterungen und gab den Beweis, 
dass der unter dem Druck organischer Veränderungen des 
Augengrundes gehaltene, für jede anderweitige Therapie 
noch ein Problem gebliebene Kranke sich wieder ungezwun- 
gen seines Gesichtssinnes bedienen konnte, und, wie die bis 
zum Jahre 1862 mir zugegangenen Berichte bestätigten, 
dauernd seinem Berufe zurückgegeben war. 

Fall 10. 
Beweiskräftiger Fall von der Wirkung des blauen 
Lichtes, bei Schielenden die geschwundene Sym- 
pathie der Netzhäute wiederherzustellen und deren 
vereinte Thätigkeit zu fördern. 

Der Schlosser Leidig, 26 Jahre alt, wurde am 
10. August 1856, als er erhitzt aus seinem Arbeits -Saal in 



Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 77 

die freie Zugluft trat , plötzlich von so starkem Strabismus \^[ ) 
befallen, dass der linke Augapfel mit seiner erweiterten 
Pupille während der ersten vierzehn Tage sich nicht aus 
dem inneren Augenwinkel rührte, und erst allmählich wieder 
einige Bewegung nach Aussen zurückerhielt. Dem Kranken 
fehlte es nicht an einer umsichtigen und thätigen Behandlung, 
und kein Mittel bis zur Electricität hinauf blieb während 
der ersten vier Monate unversucht, bis ihm schliesslich der 
Rath ertheilt wurde, gegen das störende Doppelbild sich 
einer Brille zu bedienen, in der das linke Glas mit einem 
schwarzen Papier verklebt war. Indessen war auch diese 
Art von Nothbehelf nur von kurzer Dauer, da das allein in 
Anspruch genommene rechte Auge alsbald versagte, und 
der Arbeitsunfähigkeit nicht abgeholfen wurde. 

Als ich in solchem Zustande den Kranken im Juli 1857 in 
meine Behandlung nahm, sah derselbe in der Accomodations- 
Breite von vier bis sieben Zoll einfach. Darüber hinaus trenn- 
ten sich Doppelbilder und glitten um so ergiebiger auseinan- 
der, als die Sehferne eines Objectes weiter gewählt wurde. 
Bei der grossen Deutlichkeit der Doppelbilder war der Versuch 
einer optischen Behandlung sehr einladend, und aus der 
Reihe von Prismen, welche ich zu diesem Zweck mit nach 
Aussen gerichteter Basis dem linken Auge vorlegte, hatte 
No. 18. den grössten Erfolg. Mit diesem Glase versehen 
Jas Leidig bis in die Entfernung von 1 Fuss 6 Zoll. Nur 
musste ich bald erfahren, dass die künstlich zusammenge- 
führten Doppelbilder sich nicht mit einander vertrugen und 
zwar um so weniger, je ferner das Sehobject abgerückt 
wurde. Höchstens bis auf die Dauer einer Minute konnte 
das Lesen fortgesetzt werden; dann entstand »Schwere und 
Wüstsein im Kopfe" und endlich „starker Schwindel", so 
dass die Augen geschlossen werden mussten, oder die bei- 
den Bilder plötzlich wieder auseinander schössen. 

Jetzt schattete ich während neuer Leseversuche das 
Prisma No. 18. mit der azurblauen Nuance V ab. Die Be- 
drückungen im Gehirn minderten sich in der auffallendsten 



78 Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 

Weise. Ich gab dann dem rechten Auge noch ein Planglas 
in Nuance III, und jede Spur von cerebraler oder sensueller 
Affection war verschwunden. Die bindende Kraft des von 
rechts und links in verschiedenem Blau zusammengeführ- 
ten Lichtes war für die Netzhäute so mächtig, dass der 
Kranke, statt unter dem weissen Prisma nur höchstens bis 
auf anderthalb Fuss, nunmehr mit Leichtigkeit bis auf 
2| Fuss einfach sah, und statt einer Minute das Lesen nach 
Willkür bis auf Stunden auszudehnen vermochte. 
Mit einer Brille, 

! Basis ] plattirt \ 
nach \ in Nuance l links, 
Aussen \ V \ 

Planglas in Azurblau Nuance III rechts, 
versehen, kehrte derselbe sofort zu seinen Berufsarbeiten 
zurück, und hat mir noch oft in Zwischenräumen von Mo- 
naten über die bleibende Nützlichkeit der optischen Ein- 
richtung, und über die immer wachsende Möglichkeit, die- 
selbe auch zeitweise entbehren zu können, Bericht erstattet. 

Fall 11. 
Blaues Licht einseitig verwendet, hebt die Stö- 
rung des binocularen Seh ens insoweit, dass für 
einen durch Apoplexie schielend und doppeltse- 
hend gewordenen Kranken auch das Lesen mittels 
prismatischer Gläser wieder möglich wird. 

An den Folgen einer vor zwei Jahren erlittenen Schlag- 
berührung leidend, consultirte mich im Sommer 1860 Herr 
G. von Berg aus Liefland. Die Sprache war bereits wie- 
dergekehrt, die Symmetrie der Gesichtszüge hatte sich ge- 
ordnet, aber Arm und Fuss der linken Seite waren noch 
schwach, und das linke Auge stand in geringem Grade ein- 
wärts schielend abgelenkt. 

Was den lebhaften und rüstigen, bis in sein 60 stes Le- 
bensjahr als Landwirth, Jäger und Reiter ausgezeichneten 
Mann vor Allem daniederdrückte, war die beständige Er- 



Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 79 

scheinung höchst prägnanter Doppelbilder, die ihn in steti- 
gem Schwindel erhielten, ihn keinen Schritt ohne Führer 
thun Hessen, ihm keine Zeile mit eigenen Augen zu lesen, 
oder mit eigener Hand zu schreiben erlaubten. Selbst das 
Schliessen des einen Auges konnte ihm kaum eine momen- 
tane Sicherheit gewähren. 

Die rechte Wahl einer Brille war unter den gegebenen 
Umständen das dringlichste palliative Mittel. Bei den ver- 
schiedenen Versuchen, die ich mit geschliffenen Gläsern an- 
stellte, zeigte sich die Combination, 

Prisma No. 10., Basis nach Aussen \ rechts, 
Prisma No. 11., Basis nach Aussen I links, 
als die hülfreichste. Die seit den letzten zwei Jahren ge- 
trennt gebliebenen Doppelbilder sowohl naher wie ferner 
Gegenstände legten sich augenblicklich genau zusammen. 
Von der plötzlichen Umwandlung überrascht, fuhr der Kranke 
von seinem Stuhl auf. Sein Taumel war verschwunden, 
umschlossene Räume genügten ihm nicht, er musste in den 
für ihn wieder geradlinig gewordenen Strassen und auf einfach 
aufsteigenden Treppen von seiner unabhängig gewordenen 
Bewegungsfähigkeit sich überzeugen. Alles erschien wieder 
einfach. 

Als Herr v. B. nach vier Monaten durch den Gebrauch 
von Marienbad in seinem Allgemeinbefinden gebessert zur 
'Herbstzeit sich mir wieder vorstellte, hatte derselbe den 
dringenden Wunsch, dass ihm die noch fehlende Fähig- 
keit zum Lesen zurückgegeben werde. Die prismatische 
Brille reichte dazu nicht aus. Sie legte zwar die Doppel- 
bilder der Zeilen und Buchstaben einfach zusammen, aber 
zunächst hinderte Weitsichtigkeit am deutlichen Erkennen. 
Durch Vorlegen von Convexgläsern No. 15. vor die prisma- 
tische Brille wurde auch dieses Hinderniss beseitigt. Der 
Kranke sah jetzt einfach und las, aber ein neuer und dritter 
Umstand eigenthümlicher Art trat in die Erscheinung, der 
mich namentlich zur Mittheüung dieser Krankheitsgeschichte 
veranlasste und ohne Zweifel in einer Störung der bin- 



80 lieber die binocularen Combinations - Störungen. 

ocularen Combination zu suchen war. Abgesehen da- 
von, dass es für den Kranken grosse Schwierigkeit hatte, 
den Uebergang von einer Zeile zur anderen zu finden, schien 
es ihm, als ob sogleich die Schrift zu schwirren und zu 
zittern beginne, so, als ob Jemand in rascher Bewegung 
mit der Hand vor den Augen hin und her fahre. Der 
Kranke hatte das unheimliche Gefühl, dass, wenn er dieser 
Beunruhigung nicht bald durch Unterbrechung des Lesens 
ein Ende setzte, ihn Schwindel und Verderben befallen 
müsse. Eine — so muss ich es auffassen — vom Gehirn 
kommende Mahnung an die Unverträglichkeit der bei- 
derseitigen zu einem Bilde zusammengeführten 
weissen Lichtströme! 

Jetzt legte ich noch als drittes Corrigens links ein 
Planglas in Nuance IV vor, und alle Bedingungen waren 
schlagfertig beisammen, um die centrale Gesichtsstörung 
durch ein Entgegenkommen von Aussen in vollständiger 
Weise auszugleichen. Eine oder die Andere der gedachten 
Eigenschaften aus der Brille genommen, und die optische 
Rüstung war zerstört. Was namentlich das zuletzt gewählte 
Hülfsmittel betrifft, so scheint — will man einmal den 
naturwissenschaftlichen Anschauungen zur Erklärung der 
therapeutischen Thatsache bis auf die äusserste Grenze fol- 
gen — das blaue Licht durch seine feineren und schneller 
schwingenden Wellen die träge gewordene Hirnmasse der 
afficirten Seite leichter zu durchdringen und besser mit dem 
farblosen Lichtstrom der gesunden Seite zusammenzutreffen, 
worüber sich der Kranke merkwürdig genug durch „Auf- 
hören eines Gefühls von Schwirren und Zittern" noch am 
klarsten ausdrücken zu können glaubte. 

Durch Zusammenfügen der verschiedenen optischen 
Eigenschaften zu einem einzigen Werkzeug erhielt also der 
Kranke 

1) für die Ferne: die Brille: 

Prisma No. 10., Basis nach Aussen, rechts, 
Prisma No. 11., Basis nach Aussen, links; 



lieber die binocularen Combinations- Störungen. 



81 



2) für das Lesen und Schreiben die Brille: 

auf der 
Vorderseite | 
plattirt mit l 
+ 15 



Prisma No. 10, 



Basis 

nach 

Aussen 



Prisma 
No. 11., 



Basis 

nach 

Aussen 



auf der \ auf der 
Vorderseite [ Rückseite 
plattirt mit [ plattirt mit j 

+15 ) Nuance IV 



rechts, 



links. 



Wiewohl nach den mir später zugegangenen Berichten 
der von der Apoplexie abhängige Rest des Schielens sich, 
wie zu erwarten war, nicht verlor, so vermochte doch der 
Kranke unter der combinirten Hülfe von zweifacherBre- 
chung und von farbiger Wandlung des Lichtes sich 
des gemeinsamen Gebrauches seiner Augen sowohl für die 
Ferne wie für die Nähe dauernd zu erfreuen. 

Fall 12. 

Blaues Licht ist das Einigungsmittel für zwei 

Augen von entgegengesetztestem Accomodations- 

Zustande, welchesich im weissen Licht unbedingt 

durch Schielen von einander lossagen. 

Fräulein v. C , 25 Jahre alt, ist die Tochter 

.eines verdienten Stabs-Officiers der Armee, welcher zu den 
geschichtlichen Beispielen von Scharf- und Weitsichtig- 
keit gezählt werden dürfte. Er unterschied als junger Mann 
während der Befreiungs- Kriege z. B. die Uniform -Kragen, 
wenn Andere mit den besten Augen kaum das Vorhanden- 
sein feindlicher Truppenmassen wahrzunehmen vermochten. 
Er hiess deshalb »das Auge seines Regiments". 

Der Tochter Sehorgan hatte eine Eigentümlichkeit, 
die in der Nähe und in der Ferne die Deutlichkeit der Seh- 
objecte nur bedingungsweise erlaubte. Es zeigte sich 
nämlich an ihren Augen die merkwürdige Zusammenstellung, 
dass das rechte Auge bedeutend myopisch, das linke aber 

Böhm, Licht -Therapie. 6 



82 Ueber die biuocularen Conibinations - Störungen. 

massig presbyopisch ist. Die Kranke hatte sich daher ge- 
wöhnt, sowohl beim Sehen in der Nähe als beim Sehen in 
der Ferne nur ein Auge zu gebrauchen, und zwar beim 
Lesen und Arbeiten das linke, beim Klavierspielen und 
sonstigen Fernsehen das rechte. Um aber den gleichzeitigen 
und die Deutlichkeit sehr störenden Einfluss des zweiten 
Auges jedesmal aufzuheben, lässt sie das nicht gebrauchte 
Auge regelmässig und ganz nach Willkür in Strabismus di- 
vergens abtreten. Unterlässt sie dies, so ist ihr Alles un- 
klar und undeutlich. Das sonst unwillkürliche Schielen ist 
ihr durch Uebung zur willkürlichen Muskel-Action geworden. 
Um hier die Augen wieder zur gemeinsamen Function 
zu stimmen, konnte man an einen dreifachen Kurplan den- 
ken. Die Wahl des besten darunter musste dem eigenen 
Ermessen der Kranken überlassen werden. 

1. Man konnte das linke massig presbyopische Auge 
durch -f 50 in Nuance V zum Sehen naher Objecte einzu- 
stellen suchen. Das Experiment gelang, beide Augen lasen 
mit einander, das Gefühl der Kranken aber war dagegen, 
und aus theoretisch wohl ersichtlichem Grunde. Denn man 
verfolgte hierbei die etwas überspannte Aufgabe, das linke 
Auge nicht nur auf eine normale, sondern auch auf eine 
dem sehr myopischen Auge entsprechende Weise einzu- 
stellen. Die Therapie hatte aber gewissermaassen einen 
neuen Fehler an die Stelle der vorhandenen zu setzen. 

2. Man konnte dem rechten sehr myopischen Auge 
durch — 24 in Nuance V zu helfen suchen. Die Augen ge- 
langten bei dieser Methode sofort schon in eine willigere 
und dem Gefühl nach genehmere Zusammenwirkung. Bei 
richtigem Blick gewann das Sehen an Deutlichkeit und 
Ausdauer. 

3. Als die beste und der Kranken entschieden am mei- 
sten zusagende therapeutische Einwirkung erwies sich aber 
eine Brille in der Zusammenstellung: 

-f 50 in V, links, 
— 24 in V, rechts. 



lieber die binocularen Combinations - Störungen. 83 

Dadurch wurde allen Anforderungen, welche man an 
ein normales Sehvermögen stellen konnte, genügt. Nahe 
und ferne Objecte waren klar, die Ausdauer war vollkom- 
men gewonnen, das Schielen blieb, ohne dass die 
Kranke sich deshalb zu bemühen brauchte, ganz 
von selbst aus; sie konnte im Gegentheil unter der Brille 
nicht mehr schielen, wenn sie auch den Willen dazu hatte. 
Selbst das Vorlesen bei Lampenlicht — unter allen Proben 
die empfindlichste — gelang bei vollkommen richtiger Ein- 
stellung der Augen mit Leichtigkeit. 

Die glückliche Versöhnung zweier so verschiedener Augen, 
die fast die Lebenszeit hindurch einander hatten meiden müs- 
sen, ist in der That ein Triumph der Kunst. Und dass dies 
gelingen konnte, ist wieder einzig und allein der 
vermittelnden Wirkung des blauen Lichtes zuzu- 
schreiben, das auch unter diesen sonst absolut unbesiegbaren 
Hindernissen und sogar ohne Intensitäts-Verschiedenheit vor 
dem rechten und linken Auge der Therapie den Weg ebnete. 

Um hierzu den negativen Beweis zu liefern, versah ich 
jetzt die Kranke mit derselben Zusammenstellung -f- 50 und 
— 24, aber aus farblosem Glase. Wie sehr die Kranke 
sich wiederhol entlich bemühte, damit zu lesen, sie. erreichte 
höchstens eine Zeitdauer von 8 Minuten, wonach alsdann 
Stechen und Brennen der Augen und ein verletzendes 
ziehendes Gefühl im Kopfe in solchem Maasse Ueberhand 
nahm, dass jedem Gebrauch der Augen ein Ende gemacht 
werden musste. Auch keine andere brauchbare Zusammen- 
stellung von weissen -f- und — Gläsern war ausfindig zu 
machen. Selbst die zweckmässigste Combination von + 50 
und — 24 in der niedrigeren Farbenabstufung No. IV. wider- 
strebte dem Gefühl der Kranken. Es fehlte dabei den Augen 
die zur gemeinsamen Thätigkeit nothwendige Lichtberu- 
higung, was sich auch objectiv durch bald erfolgende Ver- 
tauschung des richtigen Blickes mit dem schielenden deutlich 
zu erkennen gab. 



84 Ueber die binocularen Combinations - Störungen. 

Die optische Behandlung der binocularen Combi- 
nations-Störungen ist also — wie die hier angeführten 
und noch viele Beispiele der späteren Abschnitte dieser 
Schrift streng beweisen — durch eine vierfach modifi- 
cirte Lichtverwendung möglich: 

1) Lediglich durch eine rechts und links verschieden 
ausgeführte Abtönung des blauen Lichtes. 

(Fall 4. und 5.) 

2) Durch eine rechts und links verschiedene Ab- 
tönung des Lichtes, verbunden mit gleicher Bre- 
chung desselben. (Fall 6. und 7.) 

3) Durch eine rechts und links verschiedene Ab- 
tönung des Lichtes, verbunden mit ungleicher 
Brechung desselben. (Fall 8. 9. 10. und 11.) 

4) Durch eine rechts und links gleiche Abtönung 
des Lichtes, verbunden mit ungleicher Brechung 
desselben. (Fall 12.) 



-OQ- 



VII. 

Physiologische Erscheinungen, 

welche bei 

verschieden blauen Lichtströmen in der 

centralen Verbindung gleich sehkräftiger 

Netzhäute wahrgenommen werden. 



U m die im vorigen Abschnitt beschriebene, auf einer 
gegenseitigen Abstimmung zweier Lichtgrade beruhende 
Heilmethode der binocularen Combinations - Störungen 
richtig aufzufassen, müssen wir uns an folgende Gesetze 
der normalen Sehfunction erinnern. 

Wenn sich der Gesunde die vorhandene Lichtmenge 
durch Beschirmen des einen Auges mittels der Hand 
oder wie sonst um einen gewissen Grad verringert, so 
betheiligen sich beide Augen an dem Vortheil des da- 
durch bewirkten einseitigen Schattens. Deshalb ist es 
vielen Menschen zur Gewohnheit geworden, wenn sie in 
freier Sonne gehen, oder der Grad des Lichtes ihnen ir- 
gend zu blendend wird, das eine Auge fast oder ganz 
zu schliessen. Ihrem offen bleibenden Auge soll dadurch 
diejenige Lichtmilderung zu Theil werden, wobei dasselbe 



86 Physiolog. Erscheinungen der binocul. Combination 

dann sicher genug unterscheiden kann. Der Grad der 
Fertigkeit, mit dem Jemand das eine Auge zu schliessen 
gelernt hat, ist mir für die Ausübung der Licht- The- 
rapie ein wichtiger Anhaltpunkt. Je überwiegender 
z. B. die Fertigkeit des Schliess-Muskels der linken Seite 
ist, mit desto grösserer Zuversicht kann man auf eine 
Schwäche des linken Auges rechnen. Auch selbst in 
den Fällen, wo der Unterschied beider Augen von keiner 
wesentlichen Bedeutung ist, giebt dieser Umstand schon 
ein ungemein zuverlässiges objectives Zeichen ab. 

Abschatten lässt sich aber das Licht nicht nur da- 
durch, dass man seine sämmtlichen Strahlen (die blauen, 
rothen und gelben) miteinander vermindert, sondern 
auch in der Weise, dass man durch ein Glas von einer 
gewissen Farbe die übrigen Farben abhält, z. B. durch 
ein blaues Glas die rothen und gelben Strahlen ver- 
ringert, und so ein schattigeres, aber auch zugleich qua- 
litativ geändertes, d. h. ein dem Auge zuträglicheres 
Licht bewirkt. Die Sinneswahrnehmung wird durch 
eine solche sowohl quantitativ als qualitativ 
wirkende Abschattungs-Methode viel ergiebiger 
angeregt, und die Anwendung farbiger Gläser eignet sich 
deshalb nicht nur zu optisch -physiologischen Experi- 
menten in Betreff des gegenseitigen Verhältnisses zweier 
gesunden Augen, sondern ist auch insbesondere für den 
Augenarzt nutzbar zu machen, um vorhandene binocu- 
lare Missverhältnisse ausgleichen zu können. 

Legt man dem Gesunden nur vor sein eines 
Auge ein Glas von einer bestimmten blauen Farben- 
Intensität, z. B. Nuance VI, und ist sein anderes Auge 
nicht geschlossen, so vermeint derselbe sogleich die blaue 



bei rechts und links gleicher Sehkraft. 87 

Farbe vor beiden Augen wahrzunehmen und zwar 
zur Hälfte der Intensität, welche das Glas vor dem 
einen Auge in Wahrheit besitzt. Es ist ganz so, als 
ob vor jedem Auge ein farbiges Glas in Nuance III wäre. 

Oder legt man den Augen eines Gesunden zwei 
Gläser von verschieden blauer Intensität, z. B. rechts 
Nuance II und links IV vor : so entsteht der Mittelton die- 
ser Farben, und es ist wieder nicht anders, als ob beider- 
seits durch Gläser etwa in Nuance III geblickt würde. 

Begründet ist dieses physiologische Ergebniss in 
dem einen wie in dem anderen Falle darin, dass die 
quantitative Schätzung des unzerlegten (weissen) oder 
des zerlegten (farbigen) Lichtes zwar in jeder einzelnen 
Netzhaut vermöge ihres Lichtsinnes vor sich geht, 
dass aber ein Ausgleichungs-Vermögen oder eine bino- 
culare Combination da wohnt, wo die beiden Seh- 
nerven mit ihren Wurzeln im Gehirn sich verschmelzen. 
Und so läuft es im Ganzen auf Eines hinaus, ob ein 
gewisser Lichtgrad oder ein farbiges Licht von beiden 
Seiten zu gleichen oder zu ungleichen Theilen, oder 
selbst nur von einer Seite allein zur optischen Wurzel- 
faser-Masse des Gehirns gelange. Beim Gesunden 
kommt dort nur die gemeinsame Summe in Betracht, 
und die beiden Lichtströme, mögen sie auch noch so 
verschieden sein, werden dort ausgeglichen oder zum 
Mitteltone mit einander combinirt. 

Kehren wir aber nochmals zur Netzhaut zurück, so 
äussert sich deren Thätigkeit nicht nur durch die Wahr- 
nehmung von Helligkeit und von Farben und der darin 
begründeten Contraste, sondern die Netzhaut hat auch 
neben ihrem darauf bezüglichen Li cht- Sinne das Ver- 



88 Physiolog. Erscheinungen der binocul. Combination 

mögen, Dimensionen und Formen aufzufassen, sie hat 
einen Raum-Sinn. Auch im Raum-Sinn steht wieder 
die eine Netzhaut mit der anderen in einem besonderen 
gegenseitigen Verhältnisse, wodurch die räumlichen oder 
Flächen-Anschauungen sich zu einer einfachen Körper- 
Anschauung combiniren. 

Die zwei binocularen Combinationen, die des Lich- 
tes sowohl wie die des Raumes, sind aber an ganz be- 
stimmte physiologische Bedingungen geknüpft. Für die 
Combination des Licht-Sinnes ist es unerlässlich , dass 
die Netzhäute vollkommen gleich sensibel 
seien, für die Combinationen des Raum-Sinnes dagegen, 
dass die beiden Netzhäute auch räumlich rich- 
tig zu einander gestellt seien. 

Kommt eine der Netzhäute aus irgend welcher Ur- 
sache in ihrem lichtauffassenden Vermögen gegen die 
andere zurück, so erstarrt augenblicklich die sonst so 
leichtflüssige binoculare Combination und das Sehver- 
mögen entwerthet sich daraus in Form mannigfacher 
Mängel. Die Aufgabe dieser Schrift wird es sein, diese 
Mängel getrennt von einander aufzuführen und nachzu- 
weisen, dass der einzelne Kranke nicht der ganzen Gruppe 
von Sehbeschränkungen zugleich verfällt, sondern mit 
Vorzug einen bestimmten Nachtheil zu beklagen pflegt, 
den die Therapie nicht anders als durch eine Ausglei- 
chung des gestörten binocularen Sehens heben kann. 

Stellt sich dagegen räumlich die eine Netzhaut im 
geringsten falsch zur andern, so tauchen Doppelbilder 
auf, und zwar um so deutlicher, je untadelhafter dabei 
die beiderseitige Lichtauffassung geblieben ist. 

Die Doppelbilder fehlen erst dann, wenn die Sen- 



bei rechts und links gleicher Sehkraft. 89 

sibilität der einen im räumlichen Verhältniss zur anderen 
alterirten Netzhaut bis zu einem bedeutenderen Grade 
gesunken ist. Beiderlei Störungen stehen aber auffallend 
in consecutiver Wechselbeziehung zu einander, der Art, 
dass eine Störung in der einen Sphäre die entsprechende 
in der anderen nach sich zieht, und umgekehrt. Die 
späteren Abschnitte dieses Werkes werden hierfür manche 
auffallende und äusserst interessante Thatsachen bringen. 

Der Therapie erwächst mithin die doppelte Aufgabe : 
einzugreifen in die gestörten Vorbedingungen 
der Licht-Combination, oder abzuwenden die 
Ursachen der aufgehobenen Raum- Combination. 
Nur die letztere Aufgabe hat thatsächlich die Therapie 
zu lösen begonnen. Die Don der s'schen prismatischen 
Gläser sind es, welche die räumliche Veruneinigung 
der Gesichtsbilder durch eine Veränderung in der Rich- 
tung der Lichtstrahlen zu heben vermögen, wenn man 
auch gestehen muss, dass hier noch bedeutende Hinder- 
nisse im Wege stehen, und dem operativen Verfahren 
noch das Meiste zu thun verbleibt. 

Grösser aber und bei weitem wichtiger für den 
Augenarzt ist der Bereich derjenigen Gesichts-Störungen, 
welche aus der behinderten Licht-Combination entsprin- 
gen. Mehrere Hunderte solcher Kranken kann man 
immerhin auf einen Einzigen rechnen, dessen räum- 
liche Combination stockt. Und wieder in der Zahl von 
Hundert solchen, die in der Licht-Combination erkrankten, 
können wir Neunzigen helfen oder Erleichterung ge- 
währen, während das umgekehrte Verhältniss der Hei- 
lung bei Störungen der räumlichen Combination noch ein 
günstiges genannt werden dürfte. 



90 Physiolog. Erscheinungen der binocul. Combination etc. 

Um uns dieses neue Gebiet der Therapie zugänglich 
zu machen, ist es wiederum zunächst nothwendig zu 
ermitteln, unter welchen veränderten Erscheinungen die 
Licht - Combination vor sich gehe, sobald beide Augen 
nicht mehr einer ganz gleichen Lichtauffassung theil- 
haftig sind. 



VIII. 

Pathologische Erscheinungen, 

welche bei 

verschieden blauen Lichtströmen in der 
centralen Verbindung ungleich seh- 
kräftiger Netzhäute wahrgenommen 
werden, 

und 

die daraus sich ergebende Licht-Therapie. 



L/asselbe Experiment mit farbigen Gläsern, welches 
die Physiologie mit so grossem Nutzen anwendet, um 
die normal in einander greifende Thätigkeit des Licht- 
Sinnes gesunder Netzhäute klar zu machen, erwies sich 
mir auch als das geeignetste, um Combinations-Störungen 
des Licht-Sinnes zu veranschaulichen, die auf dem Wege 
centraler Verbindung ungleich sehkräftiger Netzhäute 
vorkommen, und den Totaleindruck schwächen. Es 
kam nur darauf an, jenes Experiment bei dieser zahl- 
reichen Klasse von Kranken so zu benutzen, dass in 
Farben Wirkungen objectiv zu Tage trete, was sich 
bis dahin nur in der Gestalt subjectiver Sinnes-Stö- 
rungen allerlei Art kund gab. 



92 Patholog. Erscheinungen der binocul. Combination 

Man lege zunächst dem Kranken, der ein gesundes 
rechtes und ein schwächeres linkes Auge besitzt, eine 
Brille mit zwei ganz gleich blau gefärbten Plan- 
gläsern (etwa meine Nuance V) vor, und veranlasse ihn, 
abwechselnd bald das eine bald das andere Auge zu 
schliessen: so erscheint ihm vor dem allein geöffneten 
gesunden Auge eine weisse Papierfläche in einem so 
angemessen intensiven Blau, als eben das vorgelegte 
Glas seiner Beschaffenheit nach mittheilen muss. Vor 
dem allein geöffneten schwächeren Auge dagegen ist 
die Papierfläche heller blau, und zwar genau in dem 
Grade heller, als eben das linke Auge gegen das andere 
in seinem Auffassungs-Vermögen — gleichviel aus wel- 
cher Ursache — zurücksteht. Ist das linke Auge z. B. 
so schwach, dass es gewöhnlichen Druck nur noch mit 
höchster Anstrengung liest, so nimmt es auch schon die 
während des Lesens vorgelegte blaue Nuance V fast 
gar nicht mehr w r ahr, und das Papier erscheint ihm bei- 
nahe so weiss, als ob das blaue Glasmedium gar nicht 
vorhanden wäre. 

Der Kranke, im Bewusstsein, bei dem Experiment 
zwei vollkommen gleich gefärbte Gläser in Nuance V 
vor Augen zu haben, wird von dein Unterschiede der 
Farben, der sich hier beim abwechselnden Schliessen 
und Oeffnen der einzelnen Augen ausspricht, auf das 
lebhafteste überrascht und in seiner Aufmerksamkeit 
eben so sehr, ja fast stärker angezogen, als von der 
verschiedenen Deutlichkeit der Objecte, z. B. der Buch- 
staben, die er beim Offensein des schwächeren Auges 
aus der Erinnerung gewissermaassen ergänzt. Die Farbe 
wirkt in dieser Beziehung um Vieles fühlbarer und giebt 



bei rechts und links verschiedener Sehkraft. 93 

auch selbst Personen, deren Beobachtungs - Sinn wenig 
geweckt ist, ein sehr hervortretendes und fasslicheres 
Resultat. 

Nun würde sicli an die experimental in so weit 
klare Erscheinung für die Kranken mit zwei verschieden 
sehkräftigen Augen kein wesentlicher Nachtheil knüpfen, 
und würde dieser Gegenstand nur von rein physiologi- 
schem, nicht therapeutischem Interesse sein, wenn bei 
gleichzeitigem Offeiisein ihrer beiden Augen die 
scheinbare Verschiedenheit der Farben von der rechten 
und linken Seite sich durch das Ausgleichungs- Vermögen 
so zum Mittelton vereinfachte, wie im rein physiologischen 
Experiment zwei wirklich gegebene auch noch so ver- 
schieden dunkle Gläser zur Ausgleichung gelangen. Dem 
ist aber keinesweges so, und hier kommen wir auf eine 
Erscheinung von der wichtigsten Bedeutung und von den 
grössten Folgen: Die beiden einzelnen Farben- 
töne, die der Kranke neben einander wahr- 
nimmt, geben sich nicht auf, sondern jeder be- 
hauptet seine Selbstständigkeit. Das Sensorium 
steht, gleichsam unfähig Frieden zu stiften, dazwischen. 
Eine von beiden Augen durch gleich gefärbte Gläser an- 
geschaute weisse Papierfläche erscheint daher nicht in 
ihrer ganzen Ausdehnung gleich massig blau und 
gleichmässig ruhig, wie zweien gesunden Augen, die 
durch gleich blau gefärbte Gläser blicken, sondern die 
rechte Hälfte ist entschieden dunkler gefärbt. Von der 
linken Hälfte des Papiers her breitet sich Seitens des 
schwächeren Auges ein selbstständiger hellerer Lichtton 
aus, der öfters auch das ganze Blatt gleich einem Nebel 
überzieht, mit dem dunkleren durchaus nicht ver- 



94 Patholog. Erscheinungen der binocul. Combination 

schmilzt , sondern mit ihm streitet, bisweilen sogar stär- 
ker das Uebergewicht bekommt, und ein Ungleichheits- 
Gefühl der Augen, ein optisches Missbehagen, 
ein Flimmern, eine Blendung, eine Unruhe, kurz 
ein Entbehrniss verursacht, das dem Kranken oft 
schwer wird mit Worten zu beschreiben. 

Das ist der durch die Farbe jetzt zur objectiven 
Erscheinung und gleichsam in ein sichtbares Kleid 
gezwungene heimliche Feind, der ohne dieses optische 
Hülfsmittel für den Kranken wie un verkörpert nur in 
seinen Wirkungen merkbar, und im Stande ist, sämmt- 
liche Eigenschaften eines guten Sehvermögens zu stören 
und je nachdem, die Deutlichkeit, normale Fernsicht, 
Ausdauer oder Schmerzlosigkeit bei der Sinnes-Ausübung 
gänzlich zu vernichten. Nur wohnend in dem schwäche- 
ren Auge, aber leise wirkend in der centralen optischen 
Verbindung, veruneinigt dieser Feind die beiden Augen 
und verübt so in der verschiedensten Art einen überaus 
lähmenden Einfluss auf die Arbeitskraft ungemein vieler 
Menschen! 

Aber noch wirksamer und belehrender als dieses 
Experiment mittels zweier gleich gefärbten Gläser ist bei 
unseren Kranken mit verschieden starken Augen die An- 
wendung von zwei ungleich blauen nebeneinan- 
der gestellten Plangläsern, z. B. von Nuance III 
und V. Darin besitzen wir dasjenige Mittel, wodurch 
es möglich ist, gerade die Gesichts -Störungen, welche 
aus dem Vorhandensein zweier ungleich thätigen Augen 
entspringen, entweder noch zu steigern und geschärft 
für die pathologische Erforschung zugänglicher zu machen, 
oder — was wichtiger und der in dieser Schrift verfolgten 



bei rechts und links verschiedener Sehkraft. 95 

Therapie zu Grunde gelegt ist — wir sind im Stande, 
diese Störungen auszugleichen und zu heilen, je nachdem 
man die beiden ungleich gefärbten Gläser so verwendet, 
dass man das dunklere Glas (Nuance V) dem besseren 
rechten, oder in umgekehrter Weise dem schwächeren 
linken Auge vorlegt. 

Der Contrast und Streit der Farben auf dem zum 
Lesen vorgelegten Schriftblatt, und das subjective Miss- 
behagen mit allen den im individuellen Fall vorhandenen 
Sehstörungen treten auf das schroffste hervor, sobald man 
in der Absicht, den Kranken nur. zu erforschen, in einer 
der Therapie zweckwidrigen "Weise das dunklere Glas 
(Nuance V) dem besseren Auge, das hellere Glas 
(Nuance III) dem schwächeren Auge vorlegt. Der 
Kranke wird dann von den im Experiment schon ver- 
schieden gegebenen, von seinen Augen aber noch ver- 
schiedener aufgefassten Lichteindrücken, deren Ausglei- 
chung für den Gesunden ein Leichtes wäre, so stark 
im Sensorium angegriffen, und mit solchem Erfolge 
bezwungen, dass er meistens, alles Widerstandes uner- 
achtet, bald vom Sehen abstehen und die Augen aus- 
ruhen lassen oder schliessen muss! 

Ganz das Gegentheil aber geschieht, wenn man als 
Heilkünstler in umgekehrter und zweckmässiger Weise 
die beiden blauen Gläser so verwendet, dass man dem 
gesunden, normal auffassenden Auge die schwache 
Nuance III, dem unthätigeren Auge die kräftiger ge- 
färbte Nuance V vorlegt. Die angeschaute Papier- 
fläche erscheint dann mit einem Male in einem 
für beide Augen gleichen, in einem weichen 
und milden, in einem nicht mehr flimmernden, 



96 Patholog. Erscheinungen der binocul. Combination 

im geebneten und ruhigen Licht. Die Buchstaben 
der Schrift stehen dabei klar, fest, schwarz und leser- 
lich da, und des Kranken besänftigte Augen fühlen sich 
davon um eben so viel mehr angezogen, als sie seither 
davon abgestossen worden. Ein optisches Behagen ent- 
steht, dem vergleichbar, welches im Bereich der Gefühls- 
nerven beim raschen Schwinden eines lange quälenden 
Schmerzes wohl Jeder einmal empfunden hat. 

Und damit kehren die einzelnen Eigenschaften 
eines guten Gesichtes, die individuell schon Jahre hin- 
durch vermisst worden, unverzüglich zurück. Wer von 
den Kranken aus gestörter binocularer Licht-Combination 
bis dahin mühselig und nur mit Anstrengung erkannte, 
sieht durch die zu einander zweckmässig gestimmten 
Farbentöne plötzlich deutlich ; wer kaum einige Sekun- 
den hindurch las, und jählings ermüdete, liest oft Stun- 
den lang mit Ausdauer; wer sich den Seh-Objecten 
immer mehr und fast bis zur Berührung derselben nähern 
musste, gewinnt seine längst aufgegebene normale Seh- 
weite stätig wieder, und wer von Schmerzen oder 
wenigstens vom stäten Bewusstsein seiner zu einander 
nicht stimmenden Augen gepeinigt und abgezogen wurde, 
fühlt sich wieder frei und unbefangen. Einfach in Zu- 
rüstung und einfach im Zweck greift ordnend diese 
Licht-Therapie in all die Sehstörungen ein, welche nur 
scheinbar von verschiedener Natur, eine wie die an- 
dere aus derselben Urquelle: „der erschwerten Licht- 
Combination", hervorgehen. 

C!*0 



IX. 

Die Erfolge der Licht -Therapie. 



vJhne die bisher üblich gewesenen Heilmethoden zu 
behindern, oder von diesen in irgend einer Weise ab- 
hängig zu sein, verfolgt die neue Behandlung durch 
das blaue Licht ihren eigenen selbstständigen Weg, und 
stützt sich auf bestimmte therapeutische Erfolge, die ihr 
die Netzhaut bewilligt und wie aus erster Hand ent- 
gegenbringt. 

Obgleich sich alle diese Erfolge, von denen die 
Rede sein wird, ohne Zweifel einfach auf ein ergiebiger 
angeregtes Nervenleben zurückführen lassen, und obgleich 
man zugeben muss, dass in sofern ein Erfolg den ande- 
ren schon mit bedingt, und dass z. B. ein Schwachsich- 
tiger, der im blauen Licht deutlicher erkennt, selbst- 
verständlich auch weiter sehen kann: so müssen wir 
dennoch eifrig bestrebt sein, so zerlegend als mög- 
lich zu Werke zu gehen, und jede Erscheinung, die 

sich hinsichtlich des gehobenen Nervenlebens in der er- 
Böhm, Licht- Therapie. 7 



98 I>ie Erfolge der Licht - Therapie. 

krankten oder verbrauchten Netzhaut empirisch wahr- 
nehmen lässt, einzeln hervorzuheben und je nach ihrer 
therapeutischen Zugänglichkeit methodisch zu betrachten. 
Denn nur in seinen Aeusserungen ist das Nervenleben 
für uns erfasslich und lenkbar und für ein Mittel, welches 
wir diesem schwierigen Gebiete der Therapie einverleiben 
wollen, müssen wir ganz bestimmte und unumstössliche 
Thatsachen, durch welche es seine heilsame Kraft auf 
das Nervenleben bekundet, und messbar bewährt, auf- 
zuführen im Stände sein, wenn dasselbe die Aufmerk- 
samkeit verdienen, und sich aufrichtige Vertreter er- 
werben soll. Dieser Nachweis tritt um so mehr als 
nothwendig in den Vordergrund, da das blaue Lieht 
seit einer geraumen Zeit in der beschrankten Bedeutung 
eines blossen Schutzmittels gegen Helligkeit sich einge- 
bürgert hat. und man. ohne eine Ahnung von seinem 
umfassenden Werthe zu haben, dasselbe nicht als ein 
selbstständiges und positiv wirksames Agens der The- 
rapie betrachtete, sondern als ein nur nebenher und bei- 
läufig unterstützendes Mittel gehandhabt hat. 

Deswegen sind mir im Laufe meiner therapeutischen 
Beobachtungen vor Allem solche Fälle von Wich- 
tigkeit und für die Mittheilung willkommen gewesen, bei 
denen die im weissen Licht daniederliegende und unter- 
drückte Sinnes -Thätigkeit durch das blaue Licht in 
einer ganz bestimmten und einseitigen Be- 
ziehung einen hellen Aufschwung nahm, wo also der 
blaue Strahl dem Kranken z. B. in der Sehweite statt 
einiger Zolle soviel der Fuss-Zahl oder ein anderes Mal 
statt einiger"? Minuten der Ausdauer im weissen Licht 
soviel der Stunden^gew'ährte. 



Die Erfolge der Licht -Therapie. 99 

Theilt der auf dem wissenschaftlichen Boden der 
pathologischen Anatomie Stehende, wie der auf den 
empirischen Befund des Ophthalmoscops Zurückgehende 
mit begründetem Recht die Kranken nach seinen auf- 
gefundenen Grenzen ein, und sind wir gebunden, diese 
Grenze eifrig zu verfolgen: 4 so sollen hier die 
Augenkranken einmal je nach den Erfolgen 
neben einander gereihet werden, wie sie de- 
ren aus den Einwirkungen des blauen Lichtes 
theilhaftig sind. Und stimmt man mir darin bei, 
dass jede Eintheilung von Krankheitsformen zuletzt doch 
auf den therapeutischen Nutzen hinblicken, und 
dass die Heilkunde noch anders verfahren muss, als 
die reine Naturwissenschaft, die sich selbst zum Zweck 
hat: so dürfte auch eine in diesem Schluss- Abschnitte 
versuchte Sichtung der Kranken, je nachdem denselben 
durch das blaue Licht 

1) die Blendung genommen. 

2) die Unter seh ei dungs kraft gehoben. 

3) die Ferne wiedergegeben, 

4) die Nähe zurück erworben, 

5) der Schmerz gestillt, 

6) die Dauer gesichert wird, 
nicht ohne Berechtigung sein. 

Diese einzeln aufgeführten Erfolge der Licht-Therapie 
sind zum Theil entschieden radicaler Natur. Meine 
in eine weit zurückgreifende Zeit fallenden Erfahrungen 
sichern mir darüber ein endgültiges Urtheil. Ein anderer 
Theil der Erfolge trägt freilich nur den Stempel pallia- 
tiver Einwirkung, und die Behandlung durch das 
farbige Licht ist in sofern eine symptomatische zn nennen. 



100 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Aber auch der Werth dieses palliativen Einflusses ist 
unantastbar; denn für die in Betracht kommenden Fälle, 
denen meistens irgend ein organisch abgelaufener und 
nicht wieder rückgängig zu machender Krankheitsprocess 
zu Grunde liegt, giebt es zur Zeit kein anderes Ersatz- 
mittel. Selten vergeht auch nur ein Tag, der mir nicht 
Gelegenheit böte, die gehemmte Sehkraft vieler Menschen, 
deren eingewurzeltes Leiden sich gegen jede sonstige 
Hülfe fest verschliesst, durch das farbige Licht wieder 
in freien Fluss zu bringen. 

Und wer wäre endlich sich nicht der Thatsache be- 
wusst, dass bei der Mehrzahl der Augenkranken entweder 
nur ein Auge leidet, oder dass die Schwäche des einen 
Auges die des anderen mehr oder weniger überwiegt? 
Auch für dieses bisher zu wenig beachtete Missverhält- 
niss und für den daraus entspringenden Schaden tritt 
das blaue Licht ausgleichend ein, und leistet, rechts und 
links verschieden abgetönt , noch abgesehen von den 
oben aufgezählten Erfolgen, für die harmonische Wieder- 
vereinigung der Augen zuverlässige Bürgschaft. 



-C3$^>- 



IX. i. 

Das blaue Licht hebt die Blendung, 

meistens die Wirkung des Lichtes auf 

ungleich sehkräftige Augen. 



iVauin mag es in der Zeiehenlehre der Augenkrank- 
heiten noch ein zweites subjektives Symptom geben, das 
wir so häutig verbreitet finden, als die Beschwerde über 
zu helles Licht. Dennoch ist dieses Symptom in seiner 
wesentlichsten Bedeutung bis jetzt verkannt und der 
Therapie nicht in der rechten Weise zugänglich geblieben. 
Leidende allerlei Art erheben dieselbe Klage über „Blen- 
dung" und in derselben Ausdrucksweise ; solche mit wirk- 
licher Hyperästhesie der Netzhaut Behaftete, solche, die 
von entzündlichen Affectionen befallen sind, wie solche. 
die an Trübungen und sonstigen organischen Fehlern 
kränkeln, ja salbst viele sogenannte Gesunde gesellen sich 
derselben Klage bei, insofern der Eine bei dem Licht- 
grade am genauesten unterscheidet, bei welchem der An- 
dere schon durch zu starken Lichtreiz daran verhindert 
zu werden behauptet. Und da eben die Individualität 
hier entscheidet, so dürfte e< schwer sein, eine Norm- 
Lichtgränze zu ziehen. Es ist daher verdienstlich, dass 



102 D' e Erfolge der Licht- Therapie. 

Foerster*) neuerdings über diese Sachlage genauere 
Untersuchungen angestellt hat, um einem wesentlichen 
Bedürfnisse abzuhelfen, indem er einen photometrischen 
Apparat ersann, wodurch es möglich wird, jedwede Be- 
leuchtung, wie sie dem Einzelnen am besten zusagt, 
gradweise zu bestimmen, so etwa, wie man die Wärme- 
grade, in denen sich der Einzelne am wohlsten fühlt, 
am Thermometer abliest. 

Aber gegenüber allen diesen sich neben einander 
reihenden Specialitäten hat die Klage über Blendung 
eine ganz andere selbstständige und practisch wichti- 
gere Bedeutung, auf welche die Therapie eingehen muss, 
wenn sie mit leichter Hand Unzähligen hülfreich sein 
will, denen jede andere noch so wohl berechnete Ra- 
dicalkur Nichts nützen kann, weil sie das Wesen der 
Blendung nicht trifft. 

Die Klage über Blendung gilt nämlich 
meistentheils nicht sowohl dem Gefühl eines 
unbedingt zu starken Lichteinflusses, sondern 
bezieht sich auf die gestörte bin oculare Com - 
bination des Lichtes, verräth das Vorhanden- 
sein zweier ungleichen Augen, von denen das 
schwächere Auge die Schuld trägt, und allein 
eines gedämpfterenLichtes bedarf, damitdas- 
selbe fortan aus einem für das gemeinsame 
Sehen schädlichen Organin ein positiv nütz- 
liches umgewandelt werde, und damit das 
Missverhältniss aufhöre, was derKranke unter 



*) Dr. R. Foerster über Hemeralopie und die Anwendung 
eines Photometers im Gebiete der Ophthalmologie. Breslau 1857. 



Das blaue Licht hebt die Blendung. 103 

der Benennung Blendung versteht. Von diesem 
Cardinal -Fehler der Licht - Combination hängen dann 
erst in zweiter Linie die verschiedensten Mängel im Se- 
hen : Schwachsichtigkeit, Kurzsichtigkeit, Dauerlosigkeit, 
Schmerzhaftigkeit, als Folgezustände ab. Sie alle weichen 
spurlos in dem Moment, wo ihre centrale Ursache „die 
Blendung in obigem Sinn" durch einseitige Ab- 
schattung gehoben wird. 

Eingehend auf das schuldige Auge selbst, werden 
wir sehr oft die Erfahrung machen, dass nicht sowohl 
dessen Licht -Sinn absolut gesunken ist, als dass in 
noch höherem Maasse sein Raum-Sinn gelitten hat. So 
ist in ihm der Lichtsinn vorwaltend vor dem Raum-Sinn 
geworden, d. h. das Auge leidet an Blendung und be- 
darf schliesslich des Schattens, damit es in seinen eigenen 
beiden Factoren nach Möglichkeit wieder ins Gleich- 
gewicht gebracht, fortan ablasse, auch das andere Auge 
durch mitgetheilte Blendung im deutlichen und dauern- 
den Sehen zu stören. 

Auf diese Weise erklärt sich der schlagende und 
weitumfassende Erfolg der Therapie, den ich bei un- 
gemein vielen und schweren Augenkranken in der ein- 
seitigen Abschattung mittels eines blauen Planglases ent- 
deckte, und so nur ist die Sinnes-Verbesserung zu deuten 
und der scheinbare Widerspruch zu lösen, den wir so 
oft hören, dass der plötzlich wieder seh kräftig Gewor- 
dene mit der grössten Entschiedenheit die Objecte heller 
beleuchtet (er will sagen „deutlicher") zu sehen be- 
hauptet, in dem Augenblick, wo wir ihm vor seinem 
schwächeren Auge blauen Schatten gewähren. Indessen 
ist die klare Einsicht über diese in der Therapie tief 



104 Die Erfolge ber Licht -Therapie. 

eingreifende Thatsache zu wichtig, als dass ich sie nicht 
in diesem Abschnitte durch mehrere Experimente er- 
läutern sollte. 

Versuchen wir zunächst einem über Blendung kla- 
genden Kranken, wie er hier gemeint ist, auf die her- 
kömmliche Weise durch zwei gleich blau nüancirte Gläser 
zu helfen: so fehlt der Erfolg allerdings nicht ganz, in- 
dem dabei auch das schwächere Auge bedacht wird, 
welches der Lichtniilderung wirklich bedarf. Allein die 
Maassregel ist nicht erschöpfend und verfehlt ihren Zweck. 
Das Licht ist zwar milde/, aber der Unterschied von 
Lichtwirkung rechts und links, aus dem die Störung 
des binocularen Sehens erwächst, dauert selbst unter 
dem gegebenen Schutze fort, wenn auch jetzt in anders 
gestimmter Weise. Das, was der Kranke „Blendung" 
heisst, ist nicht beseitigt. Die Therapie hat etwas Gutes, 
aber nicht das für die individuelle Sinnesstörung Ent- 
sprechende gethan. Das nur unter einer anderen Be- 
leuchtung fortbestehende Missverhältniss untergräbt von 
Neuem die Function der Augen, der nur scheinbar be- 
friedigte Kranke kehrt früher oder später mit seinen 
Klagen zu uns zurück. 

Hier im Sinnesgebiet spricht sich, nur auf eine fass- 
lichere Weise als irgend anderswo, eine alte Erfahrung 
aus, die wir so oft machen müssen, wenn ein gepriesenes 
Mittel wohl eine Zeit lang hilft, dann aber versagt, und 
was man wohl dadurch, dass der Kranke sich schon an 
das Mittel gewöhnt habe, zu erklären beliebt. Allein dort 
wie hier liegt die Schuld nicht in einer Gewöhnung 
an das betreffende Mittel, sondern nur in der ungefähren, 
nicht individuell scharf getroffenen Anwendung desselben. 



Das blaue Licht hebt die Blendung. 105 

Die Sinnes-Function der Kranken würde durch das 
gewählte Mittel vollständig geordnet gewesen und auch 
dauernd gut geblieben sein, wenn man ihm, anstatt 
z. B. das rechte und linke Auge gleichmässig mit der 
Nuance IV zu versehen, rechts vor dem besseren Auge 
Nuance III und links Nuance V oder VI gewährt hätte. 

Machen wir demnächst in der Licht - Abschattung 
eine zweite experimentale Modification, um dem Wesen 
der einseitig begründeten Blendung entgegen zu wirken, 
und geben wir von den beiden verschieden sehkräftigen 
Augen dem gesunden und, wie man leicht glauben 
könnte, auch deshalb der Blendung zugänglicheren Auge 
ein milderes Licht, so ist der Erfolg wieder kein 
günstiger, aber um desto belehrender. Die Sinnesstörung, 
die der Kranke „Blendung" nennt, mit allen daran haf- 
tenden Nachtheilen steigert sich gerade durch den Schatten 
vor dem seh kräftigeren Auge auf das entschiedenste, 
weil derselbe hier an der falschen Stelle wirkt und die 
centrale Disharmonie in unmittelbarster Weise erhöht. 
Wir sehen in Folge dessen den Kranken alsbald ge- 
zwungen, entweder wegen unangenehmer Lichtempfindung 
oder wegen eines Gehirnschmerzes oder wegen sonstiger 
ReÜexwirkungen an entfernten Stellen des Nervensystems 
die Augen dicht zu verschliessen. 

Die Wahrheit und das richtige therapeutische Ver- 
fahren ist in der That darin zu suchen, wo man es bis- 
her am wenigsten zu finden glaubte. In dem für die 
Auffassung der Objecte weniger brauchbaren und für den 
Totaleindruck beim Sehen weniger thätigen, oft vermeint- 
lich überflüssigen Auge ist der heimliche Sitz der Blen- 
dung. Ihm, dem schwächeren, ist das Licht zu mildern, 



106 & ie Erfolge der Licht Therapie. 

nicht, damit es noch mehr abdanke, sondern da- 
mit es positiv gehoben und wieder binocular brauchbar 
werde und bei schwindender Blendung Klarheit dem ge- 
meinsamen Bilde verleihe, so dass der Kranke im Ge- 
genspiel gegen sonst mit beiden Augen zusammen 
wieder viel deutlicher als mit seinem gesunden Auge 
allein unterscheide. 

Diese Hebung der Sehkraft ist eine Thatsache, die 
sich Jedem bestätigen wird, der sich nicht mit ein paar 
flüchtigen Versuchen begnügt, sondern lange und ge- 
duldig mit Experimenten vertraut gemacht hat, die sich 
allerdings auf das oft ungeübte Urtheil der Kranken 
stützen müssen. 

Aber es ist damit eine Methode gewonnen, durch 
deren Benutzung die Therapie in der bequemsten Weise 
aus den alltäglich wiederkehrenden Verlegenheiten ge- 
zogen wird. Das einfache Zutheilen von Licht und 
Schatten — nach Umständen verbunden mit einer passen- 
den Schleifung der Gläser — ist die oft einzige Maass- 
regel, um der zahlreichen Klasse von Gesichtsleidenden 
zu helfen, denen es unmöglich ist, ihre im Ganzen 
wirklich vorhandene, aber durch eine gegen- 
seitige Missstimmung der Augen unverwerth- 
bar gewordene Seh kraft nützlich zu verwenden. 

Treffen sich fortan als Resultat dieser optischen Be- 
handlung in dem centralen Vereinigungspuncte der Seh- 
nerven-Fasern wieder, wie im gesunden Zustande, zwei 
leichter mit einander verträgliche Licht- oder Schatten- 
Ströme: so äussern sich die Kranken einstimmig günstig 
über das unmittelbare Verschwinden ihrer Sehstörungen, 
doch drücken sie sich darüber in sehr verschiedenen 



Das blaue Licht hebt die Blendung. 107 

und laienhaften Weisen aus, die ich versuchen will treu 
wiederzugeben und zu analysiren. 

1 . Viele sagen : „Der unablässige Schimmer 
„oder das Flimmern, wodurch ihnen die deut- 
liche und dauernde Auffassung der Sehob- 
„jecte unmöglich gewesen, habe plötzlich auf- 
„ gehört." Schimmer oder Flimmern ist eine Gesichts- 
Affection, welche bekanntlich durch rasch auf einander 
oder gleichzeitig erfolgende Einwirkung verschiedener 
mit einander contrastirenden Lichtgrade hervorgerufen 
wird. Aber dasselbe Ergebniss wird sich herausstellen, 
wenn statt der Einwirkung zweier Lichtgrade ein und 
dasselbe Licht von zwei verschieden sehkräftigen 
Augen empfunden und dem Sensorium zugetragen wird. 
Wer könnte demnach den hier gebrauchten Ausdruck 
der Geheilten nicht verstehen, und den eingeschlagenen 
Weg der Behandlung nicht für den naturgemässesten 
erkennen ? 

2. Andere Kranke sagen in dem Augenblick, wo 
wir ihr schwächeres Auge beschatten: „Ein mildes, 
„ein weiches und sanftes Licht entstehe, eine 
„ungewohnte Ruhe verbreite sich vor ihrem 
„Blicke." Auch diese Aeusserung ist eine charakte- 
ristische Darstellung von der eintretenden Ausgleichung 
disharmonischer, im Streit mit einander gewesenen Licht- 
Empfindungen. Die Aeusserung drückt offenbar nur po- 
sitiv aus, was jene Ersteren negativ durch „Schwinden 
des Schimmers" bezeichnen wollten. 

3. Noch Andere behaupten: „Die betrachtete 
„Fläche (z. B. Papierfläche) würde zwar etwas 
„weniger lichter, aber die Gegenstände darauf 



108 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

„(die Buchstaben) werden um vieles bestimmter 
„und klarer." Diese Weise, den veränderten Ein- 
druck zu beschreiben, ist wohl die treffendste, und wird 
auch nur von Personen gebraucht, die in der Beobach- 
tung geübt und in der Deutung des Beobachteten ge- 
bildet sind. 

Denn der Laie macht gemeinhin keine Beobach- 
tungen, sondern bringt uns statt deren seine meist 
falschen Reflexionen. Und so leidet auch hier das Ur- 
theil der Menge über die genehmere Umwandlung der 
Sinnesaffection sehr oft an Begriffs- Verwechselungen. 
Fast von den Meisten hören wir im Moment, wo das 
schattige Glas von ziemlicher Intensität vor ihr schwä- 
cheres Auge tritt, die Behauptung : „sie sähen bedeu- 
tend heller". Selbstverständlich liegt in dieser Be- 
hauptung ein physikalischer Widerspruch, und offenbar 
soll durch dieselbe gesagt werden: „sie sähen klarer 
und deutlicher". 

Deshalb mnss der Augenarzt für dergleichen Unter- 
suchungen wohl geübt sein, ehe er mit allen solchen 
Fehlschlüssen bis ins Einzelne vertraut wird, und die 
Kranken auch in ihren falschen Beurteilungen und Aus- 
drücken sogleich richtig verstehen lernt. Aber die 
Leichtigkeit, mit welcher gerade hier über das in der 
innersten Sinneswahrnehmung eigentlich Vorgehende Ver- 
wechselungen und Trugschlüsse gemacht werden, spricht 
meines Erachtens um so entschiedener für die Zweck- 
mässigkeit und das Treffende des gegen die binocularen 
Gesichts -Störungen aufgefundenen Heilmittels. 

Als eigenthümlich. und nur des eben berührten Ver- 
ständnisses wegen, liessen sich noch manche bildliche 



Das blaue Licht hebt die« Blendung. 109 

Darstellungen aufführen, welche andere Kranke aus ihrer 
Individualität heraus über das in ihrer Licht- Combination 
Vorgehende vergleichsweise gebrauchen. Bequeme Per- 
sonen drückten sich über die Wirkung des schattigen 
Glases vor ihrem schwächeren Auge wiederholentlich aus : 
„es kommeihnen so vor, als ob sie sehr müde 
„sich in einen Lehnstuhl niederliessen", Em- 
pfindliche: „es wäre ihnen zuMuthe, als ob Küh- 
„lung auf einen entzündeten heissen Theil 
„käme", und ein Kirchlichgesinnter äusserte: „er 
„möchte die Einwirkung damit vergleichen, 
„als ob es vor seinen Augen Sonntag würde", 
d. h. : seine seit geraumer Zeit gereizten und angestrengten 
Augen fanden endlich die längst ersehnte Ruhe oder 
befriedigende gegenseitige Ausgleichung, und unwill- 
kürlich wird man hier an Goethe' s Betrachtung er- 
innert , dass die Farben , vermittelt durch den Sinn des 
Auges, bestimmte Wirkungen auf das Allgemeingefühl 
ausübten, die sich unmittelbar an das Sittliche anschlössen, 
das Gemüth beherrschten undStimmungen des- 
selben hervorzurufen im Stande seien. 

Alle diese Ausdrücke und bildlichen Vergleiche, wie 
man sie charakteristisch aus dem Munde des Volkes ver- 
nimmt, kommen darin überein, dass durch die Abschat- 
tung des schwächeren Auges etw T as Zweckmässiges und 
Wohlthuendes, etwas den inneren Zerwürfnissen des op- 
tischen Apparats Entgegenkommendes geschieht. Der 
Schatten paralysirt nicht nur die störende Wirkung des 
schwächeren Auges, nein, er wandelt eben in der Eigen- 
schaft als blauer Schatten das bisher störende Auge ge- 
radesweges in ein brauchbares um. 



1 10 Eifrige dar Lieht -Therapie. 

I da in diesem v Hülfe eine 

so korktet schhessüeh auch ein, dm die Dunkel- 
heit des schattigen * 

darf, sondern ihre ganz bestimmte rationelle Greme 
hat, bis mm der man mit vennetr igen 

kaum. Heber diese hinaus gewinn' laue 

- nicht nur die werthlosere Bedeutuiu 
■ andaaaai ^" r in man wob! basa den - bei hü dank« 
leres Glas vor das - 

Kranke bekommt das deutliche Gefühl, dass ihm durch 

- für 
das gemeinsame S I wird. 

Dem praktischen Talente des Therapeuten ia 
aber vorbehalte lor Wahl des Do ppellichte< 

Rechte la treffen, dass der Klag 

aber die harmonische Zusammen 1 _ \ugca 

wieder ihr gross - i und vie : ' 

sind daaa auch die Erfolge dieser harmonischen Zu- 
sammenwirkiins. welche wir in besonderen Abschnitten 
aoeb darlegen werden. Die Deutlichkeit kehrt mit 
dem Scbwinden dar Blendung inrü isammen- 

rerac deb \iuer 

vveigt. nir 

^rif irdischer 
seitignng der centralen Combinations-Störnag 
wieder bergestellr. 

O« 



IX.2. 

Das blaue Licht erhöht die Unterschei- 
dungskraft und giebt Deutlichkeit. 



|_/ai »eh wachsichtige Ange bedarf, ohne viel Licht 
zu ertragen, dennoch einer stärkeren Binneserngnag, 
doppelten Anforderung zu entsprechen iffl das 
blaue Lichl ganz geeignet In ihn ist der scheinbare 
Widersprach gelöst, dass Sc ho nun g und stärkere 
Erregung mit einander z u r M ö glichfc e i t m e r - 
den können. Durch seine lassen! leisen Schwingun- 
gen berührt dasselbe nur weich und schonend di- 
haut, aber durch die Zahl der Vibrationen, worin es <li f - 
übrigen farbigen Lichter überflügelt, ist es im Stande 
dennoch bei weitem nachdrücklicher auf die Netzhaut 
einzuwirken und d eu empfinde 

durch die Art -eine- Anschlages mehr zu erregen, und 
mehr zu leisten als die übrigen farbigen Lichter. 

So kann das blaue Licht den Gesichts-Sinn in seiner 
Gereiztheit besänftigen, und dennoch dabei au- seiner 
Schwache erwecken. Quantitati v geringer und minder 
als da- weisse Licht — denn es ist ja nur ein Theil des- 
selben — hilft ungeachtet der gesun kenen Wahr- 



112 1 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

nehmung der Netzhaut durch die Geschwindigkeit seiner 
Wellen qualitativ empor. Denn die Sinnesorgane allzu- 
mal sind naturgemäss dazu eingerichtet und angewiesen, 
den Anstoss zu ihrer Function nicht wie durch einen ner- 
vigen Schlag, sondern durch viele kleine Actionen zu 
hekommen. Auf die Summe dieser kleinen Actionen 
kommt es zuletzt an, wie schwach oder wie stark das 
Sensorium davon erregt wird. Je grösser diese Summe, 
desto stärker die Wahrnehmung. Das Bild auf der Geld- 
münze und das Bild auf der Netzhaut stehen sich in 
der Art ihrer Entstehung schnurstraks gegenüber; aber 
das von blauen Strahlen wie auf die Netzhaut hinge- 
hauchte Bild trägt an feiner Ausführung und Schärfe von 
Allen die höchste Vollendung in sich! 

Nur aus dieser, auf die Organisation der erkrankten 
Netzhaut höchst wunderbar passenden physikalischen Be- 
schaffenheit des blauen Lichtes konnte ich den Schlüssel 
für die mancherlei sprechenden Thatsachen finden, welche 
ich im Laufe einer langen Beschäftigung mit Schwach- 
sichtigen allerlei Art über die unmittelbare Kraft 
dieses Lichtes auf Belebung der gesunkenen optischen 
Energie zu machen Gelegenheit hatte. Von solchen 
Thatsachen will ich hier nur folgende hervorheben: 

1. Ein massig Schwachsichtiger, der in einer ihm 
vorgelegten Reihenfolge von Schriftproben nur eben noch 
die allergrössten Druckschriften erkennt, kann durch 
Vermittelung eines einfachen blauen Glasscheibchens, 
welches in der Tiefe der Nuance genau dem Grade sei- 
ner Amblyopie entspricht, geläufig auch in die kleineren 
und mit einiger Anstrengung selbst bis in die kleinsten 
Druckarten hinein lesen. 



Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. ' 113 

2. Ein in noch höherem Grade schwachsichtig Ge- 
wordener, der auch die grössten Druckschriften schon 
gar nicht mehr unterscheidet, fängt an, sobald man seine 
Netzhaut erst eine Zeitlang unter den Einfiuss tief blauer 
Strahlen gebracht hat, die Druckschriften zu unterschei- 
den, wenn auch zuerst nur in kurz vorübergehenden 
Zeitabschnitten. 

Am wirksamsten ist dieser Belebungsversuch durch 
gefärbte Plansch eibchen, wenn man mit der Verwendung 
des blauen Lichtes in ähnlicher Weise, wie bei einem 
durch Frost Erstarrten mit der Verwendung der Wärme, 
Geduld übt, und vorsichtig so verfährt, dass man das 
schlummernde Äuge zuerst unter die dunkelsten Nuancen 
versetzt, welche aus grossem Mangel an gelben und rothen 
Strahlen sehr schonend, aber freilich deshalb auch zu 
lichtraubend sind, um ein wirkliches Erkennen zuzu- 
lassen. Geht man aber alsdann ganz allmählich zu den 
helleren Nuancen über, so findet sich in der Reihenfolge 
Eines der Glasscheibchen, bei welchem das durch die 
vorausgegangenen tiefer abgeschatteten Scheibchen be- 
sänftigte und stufenweise vorbereitete Auge plötzlich 
functionsfähig wird und thatsächlich erkennt. 

3. Diesen Versuch kann man dadurch noch wesent- 
lich erfolgreicher machen, wenn man vorher den fast 
bei jedem Schwachsichtigen veränderten Accomodations- 
Zustand auszumitteln sucht, und statt einer Reihenfolge 
blau abgeschatteter Planscheibchen zweckmässiger noch 
eine Reihenfolge verschieden stark gefärbter Convex- 
oder Concav - Gläser von einer bestimmt zusagenden 
Schleifungs-Nummer zur Anwendung bringt, oder auch 
indem man selbst durch ein stärker gewähltes Convex- 

Böhm, Licht - Therapie. , 8 



114 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Glas, als es der im speciellen Fall veränderte Accorno- 
dations - Apparat erheischt, das durch den Mangel an 
gelben und rothen Strahlen äusserst schwache, fast nur 
auf blaue Strahlen beschränkte und in sofern unzurei- 
chende Licht in grösserer Menge auf die unempfind- 
liche Netzhaut concentrirt. 

4. Aus einem leicht zu wiederholenden Experiment 
kann man die belebende Kraft des blauen Lichtes noch 
in einer anderen Weise erkennen, wenn man darauf 
achtet, wie das amblyopische Auge, welches einem klei- 
nen Gegenstande, den es wahrnehmen will, bei weissem 
Lichte sich ganz dicht annähern muss, unter einem 
blauen Planscheibchen — das ihm die rothen und gelben 
Strahlen in gehörigem Grade absiebt — sich leicht um 
das Doppelte und mehr von demselben Gegenstande 
entfernen kann, ohne deshalb, wie im weissen Lichte 
zu sehr an Deutlichkeit einzubüssen. Die bessere Qua- 
lität des Lichtes, welche sich nahe und fern gleich 
bleibt, ersetzt die grössere Quantität, welche an 
die Nähe gebunden ist. 

5. Und wie zusagend diese Qualität wirkt, geht 
bei diesem Versuche auch ausserdem aus dem Umstände 
hervor, dass, während im weissen Lichte das amblyopische 
Auge, um dauernd zu sehen, sich allmählich dem Gegen- 
stande immer mehr nähern muss, dasselbe unter blauem 
Lichte im Gegentheil ohne Einbusse an Deutlichkeit sich 
immer mehr imd mehr davon entfernen kann. 

6. Hierher gehört ferner eine Erscheinung, die 
schon an der Grenze des physikalischen Gebietes steht, 
und in den Bereich organisch lebendiger Aeusserungen 
übergreift. Wir überzeugen uns, wie ein durch die schmei- 



Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 115 

chelnden Berührungen des blauen Lichtes zum Sehen 
erwachtes Auge in dieser seiner Thätigkeit noch eine 
ganze Weile gleich massig ausharrt, auch wenn das blaue 
Glasscheibchen in demselben Moment, wo es seine Wir- 
kung auf die Netzhaut gethan hat, schon wieder rasch 
entfernt worden war. 

7. Schliesslich gedenke ich des wichtigsten ganz 
in das Vitale hinüberspielenden Vorganges radicaler Hei- 
lung, dass nämlich in einem amblyopischen Auge, wel- 
ches zeither kaum grobe Umrisse unterschied, unter der 
mild anregenden Wirkung des blauen Lichtes die feineren 
und feinsten Bilder flüssig und flüssiger wurden, bis sie 
nach genügender Uebung des Auges im erleichternden 
Medium auch ohne dasselbe dauernd flüssig 
blieben, gleich den Blutkügelchen in den Lungen des 
wiederbelebten Asphyctischen. Hiernach sind, dem le- 
bensfähigen Organismus gegenüber, die blauen Strahlen 
im weissen Lichte genau das, was der Sauerstoff in der 
Zusammensetzung der atmosphärischen Luft bedeutet. 

Die überraschendsten in diese Analogie einschlagen- 
den Beobachtungs - Fälle haben sich mir von Zeit zu 
Zeit dargeboten, indem nach vorausgegangenem jahre- 
langen Stumpfsein, durch die methodische Anwendung 
des blauen Lichtes, sich ein deutliches und scharfes Un- 
terscheiduugs-Vermögen in raschem Uebergange, ja mit 
stürmischen Erscheinungen, und unter Schmerzgefühl neu 
entfaltete, so dass Einhalt gethan werden musste, um 
den Gewinn nicht wieder zu zerstören. 

Und wenn dergleichen Beispiele von acutester Hei- 
lung freilich nicht zu den häufigsten gehören, so sind 
sie deswegen nicht weniger lehrreich. Sie scheinen nur 



116 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

zu beweisen, dass in derartigen Fällen der optische Lei- 
tungs-Apparat von solchen materiellen Hindernissen frei 
geblieben sein mag, welche sonst der Functionsbelebung 
durch das blaue Licht einen unbedingten oder einen nur 
allmählich zu besiegenden Widerstand zu leisten pflegen. 

Der Werth des blauen Lichtes, auch palliativ eine 

grössere Deutlichkeit und bessere Wahrnehmung 

der Sehobjecte zu gewähren. 

Die radicale Heilung der Schwachsichtigkeit, 
von welcher eben die Rede war, ist nicht das alleinige 
und abgeschlossene Ziel, das w r ir mit dem blauen Lichte 
verfolgen. Im Gegentheil, dieser äussersten Anforde- 
rung der Therapie gegenüber läge sein Werth in den 
ziemlich beschränkten Grenzen so vieler anderer schon 
versuchten Mittel, die uns öfter im Stich lassen als un- 
seren Erwartungen und Wünschen entsprechen. Der 
grosse Vorzug des blauen Lichtes, den ich hier zur An- 
schauung und zur Anerkennung bringen möchte, ist in 
seiner gleichzeitigen palliativen Heilkraft enthal- 
ten, indem dasselbe fast überall mit Leichtigkeit solcher 
Modificationen in der Verwendung fähig ist, wodurch die 
geschwundene Deutlichkeit der Sehobjecte auch solchen 
Schwachsichtigen wiedergegeben werden kann , bei wel- 
chen unbedingt unheilbare Zustände zu Grunde 
liegen und die klare Auffassung verhindern. Mit dieser 
Eigenschaft des blauen Lichtes vertraut, werden wir gar 
viele Unglückliche nicht heilen, aber wir werden sie 
wieder dahin bringen, genau genug zu unterscheiden, 
wir werden im Stande sein, durch das blaue Licht ihre 



Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 117 

eigentlichen Wünsche zu befriedigen, d. h. sie zu befähi- 
gen, wieder wie in den Zeiten ihrer vollkommenen Ge- 
sundheit die Aufgaben ihres Berufes zu lösen. 

In Bezug auf den Werth der palliativen Licht- 
Therapie muss ich aber vor Allem einen Umstand her- 
vorheben, welcher im Stande ist, ihr ein unendlich 
grosses Gebiet zu eröffnen, den nämlich, dass bei den 
wenigsten an Augenschwäche Leidenden das Unvermögen, 
genau zu unterscheiden, auf einer gleichmässigen Be- 
hinderung beider Augen beruht, sondern dass die Seh - 
schwäche in der Regel einseitig entsteht, und 
sich aus irgendeinem kleinen störenden Feh- 
ler des einen Auges herausbildet, welcher — 
so verschiedener Art er auch sein mag — hin- 
reicht, um den ganzen in einander greifenden 
Act des Sehens zu verwirren und mit der Zeit 
die Wahrnehmung mehr und mehr zu unter- 
graben. 

Gelingt es uns, diesen einen Fehler auf eine leichte 
Weise auszugleichen und auch nur palliativ unschäd- 
lich zu machen, so sind wir dadurch auch befähigt, die 
begonnene gegenseitige Störung der Augen selbst noch 
nach Jahren wieder in eine gegenseitige Unterstützung 
zu verwandeln und den Knoten zu lösen, woran das 
Unvermögen, deutlich zu unterscheiden, bei den Meisten 
geknüpft war. Das Mittel dazu ist diejenige Ver- 
wendung des Lichtes, wobei das schwächere 
Auge ein um so intensiveres (wahrnehmbareres) 
Blau erhält, als es eben im Vergleich zu dem 
anderen Auge weniger wahrnimmt, namentlich 
die einseitige Abschattung. 



118 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Ein Kranker mit zwei verschieden starken Augen 
sieht jedenfalls die Objecte in dem Maasse undeutlicher 
als er der Hülfe seines schwächeren Auges entsagen 
muss. In dieser einfachen Entbehrung liegt aber noch 
das günstigere Verhältniss. Viel häufiger gereicht das 
schwächere linke Auge dem besseren rechten Auge gera- 
desweges zum Nachtheil, ist ein die Auffassung der Seh- 
objecte störendes Organ, und lässt die Gegenstände durch 
sein Zuthun undeutlicher, je nach dem Ausdruck des Kran- 
ken, „verwischt, unklar, blasser, flimmernd, 
unruhig, entrückter, wie durch einen Flor, wie 
durch einen Nebel" erscheinen. Der betreffende 
Kranke sieht unter diesen Umständen momentan besser, 
sobald er sein linkes schwächeres Auge schliesst, um 
das rechte Auge allein zu benutzen. 

Solchem Uebelstande, an welchem bei weitem die 
Mehrzahl der Schwachsichtigen in verborgener Weise 
leidet, ist man im Stande augenblicklich zu begegnen, 
sobald man die durch das schwächere Auge dem Ge- 
hirn zuströmende Lichtmenge qualitativ umändert, und 
um so viel, als das schwächere Auge weniger wahr- 
nimmt, an blauen Strahlen reicher, d. h. wahrnehm- 
barer macht. Und zwar erreicht man durch diese, für 
das schwächere Auge allein angewandte physikalische 
Lichtverbesserung je nach der Stelle, an welcher jener 
oben erwähnte, die £chwachsichtigkeit anbahnende Feh- 
ler sich befindet, 

dreierlei Resultate: 

1. Man übt bei einer wohl am stärksten vertrete- 
nen Klasse von Schwachsichtigen durch das rechts und 



Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. H9 

links anders wirkende Licht einen directenEinfluss 
auf den Centralpunkt des optischen Apparats 
aus. Die dort aus den beiderseitigen verschieden wahr- 
nehmbar zugerichteten Lichtströmen sich entwerfenden 
Bilder werden schärfer, ohne dass das schwächere 
Auge selbst in seiner Unterscheidungskraft dabei ir- 
gend gehoben wird. Denn der Gewinn, der sich beim 
Doppelgebrauch der Augen (des unbeschatteten guten, 
und des blau beschatteten schwachen Auges) in der 
schlagendsten Weise geltend macht, sinkt fast auf Null 
herab, wenn man gleich darauf den Vortheil ermisst, 
der in solchen Fällen nach Schliessung des rechten Auges 
für die isolirte Thätigkeit des linken Auges aus der 
blauen Abschattung erzielt wird. Das schwache linke 
Auge einzeln durch das nüancirte Licht behandelt, 
bleibt weit oder ganz hinter den Erwartungen zurück, 
die man vorher aus der erheblichen Verdeutlichung der 
Sehobjecte für dasselbe hegte. Der im gemeinsamen 
Gebrauch seiner Augen gehobene Kranke pflegt auch in 
der Regel aus eignem Antriebe diesen Einzelversuch an- 
zustellen und ist erstaunt, wie das unter dem blauen 
Lichte eben noch so energisch sich betheiligende schwä- 
chere Auge, für sich allein doch unter dieser Hülfe 
nichts vermag. Der Vortheil kann und muss also not- 
wendiger Weise erst auf dem weiteren und tieferen op- 
tischen Wege, erst da zur Verwirklichung kommen, wo 
die Verschmelzung der beiderseitigen Lichtströme vor 
sich geht, das ist, im Centralpunkte des Sensoriums. 
2. Bei einer anderen Klasse von Kranken hebt 
man durch den dunkler blauen Lichtstrom die Func- 
tion des schwächeren Auges selbst unmittel- 



120 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

bar, und ohne dass wiederum dabei die cen- 
traleLichtmischungirgend in Betracht kommt. 

Hat man in solchen Fällen das rechte gute Auge 
durch Schliessen ausser Mitwirkung gebracht, und das 
linke Auge ist seinerseits gänzlich ausser Stande im 
weissen Lichte zu lesen, so wird ihm die Fähigkeit da- 
zu unverzüglich gegeben, sobald man ihm die richtig 
passende blaue Nuance vorlegt. Oder liest in anderen 
Fällen das Auge unbewaffnet allenfalls noch die grösste 
Probeschrift No. 20., so treten ihm nach der Anwendung 
des blauen Planscheibchens auch noch die kleineren 
Probeschriften bis auf 19, 18, 17, ja noch kleinere klar 
und leserlich entgegen. 

3. Und endlich muss ich noch derjenigen Klasse 
von Kranken Erwähnung thun, bei welcher die bei- 
den eben von einander getrennt dargestellten, 
und ei gentlich hinter ein an der folg enden Heil- 
gebiete der einseitigen Abschattung, mit ein- 
ander in Schwingung versetzt werden und zu 
einander in Wirkung treten. Unverkennbar findet 
hier die Behandlung durch das modificirte Licht ihren 
günstigsten Boden, und wir sehen, wie ein Minimum an 
Ueberschuss von blauen Strahlen, von der bedürftigen 
Seite her gegeben, die Lichtbahnen an den schwierigen 
Stellen ebnet, und wie die rechts und links in leiser 
Verschiedenheit Beschatteten mit Einem Male ' ihres 
Grundübels überhoben werden. Wir besitzen darin das 
für Niemand verschlossene Auskunftmittel, auch in d e n 
Fällen noch Deutlichkeit und Arbeitskraft in der ausge- 
dehntesten Weise zurückzubringen, bei welchen schon 



Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 121 

die anstrengendsten Kurversuche zur radicalen Heilung 
sich vergebens erschöpfen mussten! 

So wenig man die Physiologie eines Wagschlusses 
zeihen kann, wenn sie durch das Experiment die rasche 
Ausgleichung von rechts und links verschieden intensiven 
Farbengläsern nachweist, so wenig kann man, meiner An- 
sicht nach, der hier genau sich anschliessenden thera- 
peutischen Anschauung etwas Unwahrscheinliches vor- 
werfen. Der krankhaft vorgegangenen Aenderung wird 
eine entsprechend physikalische Einrichtung zur Aus- 
gleichung gebracht, und es ist eine augenscheinliche 
Thatsache, dass die Abschattung der linken (schwächeren) 
Netzhaut das Centrum trifft, und dass die dort erfolgende 
günstige Einwirkung, in eben dem Maasse weiterstrebend, 
zuletzt dem redhten Auge zu Gute kommt, um dessen 
ungetrübte Function es sich lediglich bei so vielen Kran- 
ken noch handelt. 

Also rückgängig und von der Kehrseite her wird 
die rechte, bereits mit in den Verfall gezogene Netzhaut 
für den aufzufassenden Sinnes-Eindruck wieder empfäng- 
lich und geschickt gemacht. 

Aehnlich, wie in der Daguerreotypie die Strahlen auf 
einer verhältnissmässig sorgfältiger vorgerichteten Me- 
tallplatte, muss das jetzt auf des Kranken rechte Netz- 
haut fallende Licht ein im Ganzen wohl weniger helles, 
aber ein in seinen Umrissen schärfer abgesetztes, ein 
viel klareres, wirksameres, fasslicheres und unterscheid- 
bareres Bild entwerfen. Mitten durch den lebenden 
Organismus hindurch und von einer Oberfläche zur an- 
dern dringen die ordnenden Schwingungen des Lichtes 



122 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

zur Wiederherstellung einer reineren sensoriellen Per- 
ception. 

Und noch mehr! Ist das rechte, bereits die Deut- 
lichkeit versagende Auge durch Zuführen eines anregen- 
deren und schonenderen Lichtes von der linken Netz- 
haut her einmal zur besseren Wahrnehmung der Objecte 
gestimmt worden: so verbleibt ihm noch eine geraume 
Zeit hinterher dieselbe Fähigkeit des schärferen Erken- 
nens, auch wenn man das ursprünglich hülfreiche Glas 
von dem linken Auge schon längst entfernte. So wirkt 
die auf einem Umwege herbeigeführte Umstimmung des 
optischen Apparats nachträglich fort, bis der frühere 
Feind — das weisse Licht des linken Auges — auf dem- 
selben Umwege dem rechten Auge die Deutlichkeit all- 
mählich wieder verwischt und schwinden heisst! 

Das einfachste Verfahren, dessen man sich 
bei sämmtlichen Kranken der drei genannten Klassen 
bedienen kann, um sich von dem Vortheile der einseitigen 
Lichtverwendung zur Beschaffung grösserer Deutlichkeit 
zu überzeugen, besteht nach meiner Erfahrung darin, 
dass man die Kranken zum Versuch mit beiden ge- 
öffneten Augen in einer dazu geeigneten Schrift ohne 
Unterbrechung lesen lässt, während man abwechselnd 
bald ihr rechtes, bald ihr linkes Auge mit dem blauen 
Planscheibchen abschattet, um die Wirkungen zu ver- 
gleichen. 

Rechts dem besseren Auge vorgelegt, raubt das 
Glas ohne Noth zu viel der gelben und rothen Strahlen, 
das Papier erscheint merklich blau, zu dunkel, und nä- 
hert sich in sofern der schwarzen Farbe der darauf be- 



Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 123 

findlichen Buchstaben, die sich deshalb weniger scharf 
absetzen, und durch den geringeren Contrast an Deut- 
lichkeit verlieren. 

Links vorgelegt, macht dasselbe Glas (z. B. Nu- 
ance VI), welches drüben das Papier sehr dunkelblau 
gefärbt erscheinen Hess, dem überraschten Kranken vor 
seinem Auge — weil es eben weniger wahrnimmt — 
kaum einen blauen Eindruck. Die Papierfläche wird nur 
um ein Weniges und zwar sehr angenehm in ihrem bis 
dahin blendenden Scheine gemildert. Licht- und Orts- 
Sinn des betreuenden Auges befinden sich im Gleich- 
gewichte. Der Kranke geniesst den nöthigen Schatten, 
ohne, wie vor dem rechten Auge, Licht zu vermissen. 
Sein Sensorium wird richtig gestimmt, ohne dass der- 
jenigen Netzhaut", in welcher ihm die Hauptfäden seines 
Gesichtes auslaufen, im Mindesten Etwas in den Weg ge- 
legt wird. 

Und die Sehobjecte — hier die Buchstaben — wie 
gewinnen diese durch den dem linken (schwächeren) 
Auge gewährten Schatten ein anderes erfreuliches An- 
sehen! Schwarz und scharf, wie elegante Typen dem 
nachlässigen Zeitimgsdruck auf grauem Papier gegenüber, 
setzen sie sich in ihren Umrissen deutlich gegen die 
jetzt nicht mehr blendende, aber angenehm helle Fläche 
ab, heben sich vom Grunde los, und treten so klar ent- 
gegen, „als ob, wie der Kranke selbst sagt, zwei Augen 
„statt eines sie in sich aufnähmen, ja als ob in umge- 
kehrter Weise gegen sonst das blau beschattete Auge 
„jetzt entschieden thätiger wäre als das andere, und 
„doch sei dem nicht so; denn versuche er das rechte 



124 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

„Auge zu schliessen, so sehe das linke Auge fast so un- 
klar als vorher im unbeschatteten Zustande." 

Eine ähnliche Täuschung geht hier, namentlich bei 
dem Kranken der ersten Klasse, vor, wie sie uns von 
den Gefühlsnerven des Amputirten wohl bekannt ist. 
Wie dieser den Schmerz in den längst verlorenen Fuss 
verlegt, so bezieht der vor seinem längst schwach ge- 
wordenen Auge mit einem blauen Glase Versehene das, 
was in seinem Gehirn vorgeht, nur auf das excentrische 
Organ, doch mit dem wesentlichen Unterschiede, dass 
er von der vorgehenden Einwirkung einen reellen Nutzen 
hat, da es hier auf die Erregung selbst ankommt, 
und nicht erst wie dort, bei dem Amputirten, auf eine 
davon abhängige Bewegung, die nicht mehr Statt 
finden kann. 

Die schwächere Netzhaut ist gewöhnlich in ihrer 
ganzen Flächenausbreitung der Abschattung bedürftig, 
damit sie bei dem gemeinsamen Dienste beider Augen, 
statt störend, wieder nützlich mitwirke. Aber als eine 
Besonderheit kommt es auch vor, dass die schwächere 
Netzhaut nur in einzelnen bestimmten Punkten leidend 
ist. Dann ist die Folge davon, dass auch nur einzelne 
undeutliche Stellen auftreten, die sich beim Gemeinge- 
brauche der Augen durch Verdunkelung, Blendung oder 
Flimmern im Gesichtsfelde bemerklich machen. Durch 
die blaue Abschattung beider Augen können wir zwar 
diese Flecken mildern, durch die des schwächeren 
Auges aber unverzüglich auslöschen. 

In manchen mir sehr lehrreichen Fällen war ge- 
rade die von der macula lutea aus nach Innen oder nach 



Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 125 

Aussen hin • sich erstreckende Hälfte der Netzhaut des 
einen (linken) Auges leidend. Die Kranken lasen wohl 
mit dem rechten Auge allein geläufig, mit beiden Augen 
gemeinsam aber erschien ihnen je nach Umständen nur 
der Anfang oder das Ende der Zeilen deutlich. Durch 
den Beistand eines schwach blauen Plangläschens von 
der linken Seite her standen diesen Kranken zu ihrer 
freudigsten üeberraschung sofort die einzelnen Zeilen 
nach beiden Enden hin in grösster Klarheit vor Augen. 
Besonders denjenigen, welche beim Lesen jedesmal den 
Anfang der Zeilen mühselig hatten aufsuchen müssen, 
ward dadurch eine wesentliche Hülfe gewährt. 

Kurz, das Ziel, welches man gar oft durch eine 
lange Reihe von therapeutischen Versuchen uud aufer- 
legten Entbehrungen für alle diese Gesichts -Leidenden 
vergeblich erstrebt hatte, ward durch die eigentliche 
und passende Entbehrung, nämlich einer gering- 
fügigen Menge Lichtes, nur von der einen Seite her, mit 
dem ersten Augenblick erreicht. 



Casuistik. 

Fall 13 bis 18. 

Fall 13. 
Blaues Licht hebt die Unterscheidungskraft und 
bringt den von der Netzhaut nicht mehr in Span- 
nung erhaltenen Accomodations-Apparat zu neuer 
Lebensäusserung. 

Der Klempner G. Schulz hatte schon von Kindheit an 
mit solcher Schwachsichtigkeit zu kämpfen, dass ihm das 



126 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Lesenlernen nur mit Anstrengung gelang. Seine spätere 
Beschäftigung mit Metallarbeiten und namentlich mit Löthen 
war nicht geeignet, seinen Augen eine Erholung zu verschaf- 
fen. So las Schulz in seinem 21sten Jahre mit unbewaff- 
neten Augen nur eben noch die Jäger' sehe Schriftprobe 
No. 10., und zwar genau in der Entfernung von 1 Fuss. Er 
las sie nicht näher aus mangelnder Accomodationskraft, 
nicht weiter aus fehlender optischen Energie. Dem Kran- 
ken war bis dahin Nichts übrig geblieben, als sich durch 
eine starke Convex-Brille (No. 15.) für seine Arbeit tüchtig 
zu machen, wenn auch dabei das Gefühl der Anstrengung 
ihn nie verliess, und die Notwendigkeit einer unablässigen 
Unterbrechung nicht aufhörte. 

Hier galt es einen für die Licht -Therapie geeigneten 
Fall, wie solche für den Kenner unzählige vorkommen. Als 
ich eine blosse Planbrille in Nuance IV anwandte, hob die 
wahrnehmbarere Lichtart die Unterscheidungskraft Ibis so- 
weit, dass der Kranke statt der No. 10. mit Leichtigkeit 
No. 5. der Jag er' sehen Schriftproben las, und zwar bis in 
eine Nähe von 7 Zoll, und bis in die Entfernung von 2 Fuss. 

Die zur Unterstützung der Accomodation alsdann noch 
getroffene Combination der blauen Lichtart mit einer Con- 
vexschleifung No. 30. steigerte nicht nur die Möglichkeit, 
feine Objecte bis in die grösste Nähe zu unterscheiden, son- 
dern gab auch nach der anderen Richtung hin eine Sehferne 
von 2 Fuss und 6 Zoll. 

Der Kranke, welcher bereits der Notwendigkeit ge- 
folgt war, seinen Beruf zu vertauschen, kehrte sofort in seine 
frühere Thätigkeit zurück, und nach kaum drei Monaten 
hatte sich unter der Arbeit sein Zustand soweit gebessert, 
dass ich mit Nutzen auf eine schwächere Farbenwandlung 
und schwächere Lichtbrechung zurückgehen konnte. Bei 
einer Brille 

+ 50 in Nuance III 
hatte fortan die Netzhaut ihr richtig belebendes Licht, und 



Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 127 

unter ihm auch die Fähigkeit, den Accomodationsmuskel 
zur dauernden Einstellung für die Nähe festzuhalten. 

Als ich zu wiederholten Malen zum Gegenversuche 
weisse Convexgläser von den verschiedensten Schleifungen 
unterschob, wurden diese stets mit derselben Entschieden- 
heit als unwirksamer und als schmerzerregend zurückge- 
wiesen. 

Bei der angestellten ophthalmoscopischen Untersuchung 
gab sich deutlich eine Vermehrung und Hyperämie der 
Retinalgefässe zu erkennen. Ich belästigte aber auf diese 
Thatsache hin den Kranken nicht mit Blutentziehungen oder 
sonstigen Ableitungen, da die Erfahrung mich zur Genüge 
belehrt hat, dass in chronischen Fällen dergleichen Maass- 
regeln eben so wenig die venösen Stauungen des Augen- 
grundes beseitigen, als man weiss, dass dieselben bei Vari- 
cositäten der Unterschenkel ohne nennenswerthen Erfolg sind. 

Fall 14. 

Einseitige Abschattung giebt Deutlichkeit und 

Dauer. 

Der Forstmann Herr Dr. F , 40 Jahre alt, 

trug bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten bereits seit fünf- 
zehn Jahren Conv ex-Brillen , und war in deren Schärfe bis 
. zu No. 40. gestiegen, ohne dass ihm dieselben den gewünsch- 
ten Erfolg, namentlich die nöthige Ausdauer beim Sehen 
gewährt hatten. Meine Vermuthung über die einseitige Be- 
gründung dieser Sehschwäche bestätigte sich vollkommen, 
als ich im Mai 1854 die Augen einzeln prüfte. 

Das rechte Auge war tadelfrei, und hatte sich der 
Kranke daher auch gewöhnt, dasselbe nach Schliessung des 
linken Auges allein zu gebrauchen, wenn es galt, feine en- 
tomologische und ähnliche Unterschiede festzustellen. Das 
rechte Auge vermochte die Schrift auf dem Thalerscheine 
zu lesen. 



128 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Das linke Auge dagegen war schwachsichtig, las nur 
mit Anstrengung und bei möglichster Annäherung bis auf 
die kurze Dauer von drei Secunden die Jäger 'sehe Schrift- 
probe No. 8. Dasselbe fand die überraschendste Hülfe in 
einem einfachen blauen Planglase, las dadurch sofort die 
feinere Schriftprobe No. 4. , und sah im Verhältnisse zu der 
gewonnenen Deutlichkeit auch weiter und dauernder 
als zuvor. 

Nicht zu verkennen war also, dass in der schädlichen 
Mitwirkung des linken Auges der Grund für die unzurei- 
chende Thätigkeit des rechten Auges zu suchen sei, und ich 
konnte ebenso hoffen, dass durch die einseitige Anwendung 
eines wahrnehmbareren blauen Lichtes das linke Auge in 
ein nützliches Organ umgewandelt werden und dadurch das 
Zusammenwirken beider Augen günstig von Statten gehen 
werde. Statt der bisher gebrauchten Convexgläser No. 4U. 
wurde also demgemäss verordnet: 

1) eine Plan-Brille, 

Plan in weissem Glase rechts, 
Plan in blauer Nuance IV links; 

2) eine Convex-Brille, 

Convex 80 in Nuance II rechts, 

Convex 80 in Nuance IV links. 
So einfach ungekünstelt diese Maassregel war, so er- 
schöpfend war der Erfolg eines optischen Mittels, das den 
Grundfactoren der individuellen Sehschwäche entsprach. 
Herr Dr. F. beschäftigte sich, nach seiner Heimath zurück- 
gekehrt, während des ganzen Sommers 1854 täglich 5 bis 
6 Stunden und nur unter Benutzung der einseitig gefärbten 
Plan-Brille mit der genauen Durchsicht seines Herbariums 
und mit ähnlichen Arbeiten, die er längst aufzugeben ge- 
zwungen gewesen. Erst an den kürzer werdenden Herbst- 
und Wintertagen wurde für die Zeit der künstlichen Be- 
leuchtung die einseitig abgeschattete Convex-Brille No. 80. in 
Anwendung gezogen. 



Das blaue Licht' giebt Deutlichkeit. 129 

Ein als Gegenexperiment angestellter Versuch, die Bril- 
len umzukehren , so dass die Beleuchtung der einzelnen 
Augen vertauscht wurde, zerstörte sogleich die Totalwirkung. 
Bei fortgesetztem Gebrauche der blauen Plan-Brille erholten 
sich die Augen, und gewannen auch die Fähigkeit, ohne Un- 
terstützung zeitenweise genau genug zu unterscheiden. Der 
Kranke unterliess es nicht, im Interesse der Sache mir auch 
später über die Nachhaltigkeit seiner Kur Mittheilungen zu 
machen. 

Fall 15. 

Die einseitige Abschattung heilt radical das linke 

Auge von Amblyopie, und sichert das rechte vor 

ähnlichem Verfalle. 

Der Schneidermeister Deicke las mit seinem linken 
Auge, wenn er alle Anstrengung aufbot und dem Schrift- 
blatt sich möglichst dicht näherte, bis auf zwei Zeilen und 
ermüdete dann vollständig. Ferne Gegenstände waren ihm 
überhaupt unzugänglich. Dieser einseitigen Schwäche war 
er sich bereits seit zwei Jahren bewusst, ohne dagegen 
etwas zu unternehmen, da ihm für seine Arbeiten kein Hin- 
derniss daraus erwuchs. Erst seit den letzten Monaten 
schwand auch seinem rechten Auge Deutlichkeit und Aus- 
dauer so entschieden, dass ihm auch hier ein ähnlicher Ver- 
fall seiner Sehkraft sehr nahe gerückt wurde. 

Gewiss hätte, wie nach meinen Beobachtungen oft ge- 
schieht, auch hier das schwache linke Auge durch die schäd- 
lichen Rückwirkungen der gestörten binocularen Com- 
bination sein Nebenorgan langsam zur Untauglichkeit 
nachgezogen, wenn diesem heimlichen Vorgange nicht durch 
die zwischentretende Licht -Therapie eine andere Wendung 
wäre gegeben worden. Die einseitige Abschattung kam für 
die Sicherung des rechten Auges nicht nur auf, sondern ret- 
tete sogar — worauf ich freilich auch bei aller Abwesen- 
heit ophthalmoscopisch entdeckbarer Veränderungen nicht 
rechnen durfte — selbst das linke Auge. 

Böhm, Licht -Therapie. 9 



130 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

Nachdem der Kranke unter einer Brille, 

Plan in Nuance III rechts, 

Plan in Nuance V links, 
von jeglichem Hindernisse, namentlich von der links ange- 
bahnten Blendung, befreit, seine Beschäftigung, und zwar 
ohne alle Schonung wieder aufgenommen, begann die 
ihm anfänglich sehr zusagende Einrichtung allmählich und 
stufenweise zu lichtraubend zu werden, so dass er sich ihrer 
nur bei der hellsten Tageszeit oder zur Abendbeleuchtung 
hedienen durfte und sie schliesslich ganz ablegte. Denn die 
tiefere Abschattung wurde in demselben Grade ein Hinder- 
niss für das linke Auge, als es sich zur neuen Thatigkeit 
erhob. 

Bei sorgfältiger Erprobung, die ich mit dem linken 
Auge nach Verlauf von fünf Wochen anstellte, las dasselbe 
wieder geläufig Druckschrift, und hatte unter dem schonend 
anregenden Lichte den zweijährigen Zustand von Lethargie 
vollständig überwunden. 

Fall 16. 

Blaues Licht, dem schwachsichtigen rechten Auge 

allein zuertheilt, hebt dessen Sehkraft, und bringt 

beiden Augen die geschwundene Deutlichkeit und 

Ausdauer wieder. 

Frau Krüger, 35 Jahre alt, überstand in ihrem zwan- 
zigsten Jahre die Masern und diese hinterliessen, wie gar 
häufig bei Erwachsenen, einen so veränderten Zustand der 
Augen, dass die Kranke fortan für ihre Beschäftigung in der 
Nähe sich einer ziemlich starken Convex-Brille (-}- 18) be- 
dienen musste. So verstrichen 15 Jahre. Seit den letzten 
acht Monaten aber versagte ihr die genannte optische Hülfe. 
Ein bei jeder Beschäftigung alsbald überhand nehmendes 
Flimmern verundeutlichte die kleinen Objecte und gestattete 
ihr z. B. , nur wenige Zeilen hinter einander zu lesen. Die 
verschiedensten Versuche, zu schwächeren oder stärkeren 



Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 131 

Brillen mit oder ohne Färbung überzugehen, blieben dies- 
mal ohne Erfolg. 

Als ich die Kranke im Januar 1859 zum ersten Male 
untersuchte, entdeckte sich mir die Ursache ihrer neueren 
Gesichtsverschlimmerung und der Grund des vergeblichen 
Suchens nach Hülfe sehr bald. Die Augen waren verschie- 
den sehkräftig geworden. Das linke Auge las von + 18 
in Weiss unterstützt noch jetzt eben so deutlich und geläufig 
als sonst; aber das rechte las durch dieses Glas nur höch- 
stens bis No. 13. der Jäger 'sehen Schriftproben. Stärker 
gewählte Convexgläser befähigten zwar, bis zu der feineren 
Schriftart No. 10. vorzuschreiten, veranlassten aber eine 
merkliche Vergrösserung und gleichzeitig ein unangenehmes 
ziehendes Gefühl im Grunde des Auges. 

Die farbige Licht Wandlung war das einzige Mittel, 
um dem rechten Auge den Grad von Unterscheidungskraft 
wiederzugeben, den es seit acht Monaten seinem Nebenorgan 
gegenüber eingebüsst hatte, und ohne welche doch kein er- 
spriessliches Zusammenwirken mehr Statt finden konnte. 
Mit jeder dunkler blauen Nuance, die ich dem rechten Auge 
zu seinem Convexglase noch hinzufügte, bewährte sich im- 
mer sichtbarer diese erwartete Thatsache, und unter 

Convex 18 in Nuance VI 
las das rechte Auge für sich allein wieder mit derselben 
Deutlichkeit und Behaglichkeit, als das linke Auge unter 
seinem weissen Convexglase No. 18., wenn ersterem auch 
nicht ganz dieselbe Ausdauer zu Gebote stand. Eine com- 
binirte Brille 

+ 18 in Weiss links, 
+ 18 in Nuance VI rechts, 
war also an die Stelle der früheren einfach weissen Convex- 
Brille 18 zu setzen, um Alles das wieder zu erreichen, was 
gesunde Augen vermögen. Die aus der Lichtbrechung und 
Lichtwandlung combinirte Brille diente sogar in sofern noch 
eingehender, als auch die Arbeit bei künstlicher Beleuch- 
tung, die der Kranken seit den Masern niemals hatte recht 

9* 



132 JDie Erfolge der Licht -Therapie. 

zusagen wollen, mit derselben Leichtigkeit als bei Tage von 
Statten ging. 

Die optische Untersuchung des Augengrundes gab über 
die Schwachsichtigkeit des rechten Auges bis auf einen ge- 
wissen Punkt wissenschaftlichen Aufschluss genug, aber, 
wie in den meisten Fällen, für die Therapeutik leider kei- 
nen förderlichen Anhalt. Die Papilla optica war in ein 
senkrecht stehendes Oval verzogen, aus dessen äusserem 
Rande die Gefässe in vermehrter Zahl und von venöser 
Stauung geschwellt entstiegen. 

Dessenungeachtet erholte sich das Auge in seiner, wenn 
ich so sagen darf, veränderten Licht - Temperatur einiger- 
maassen, und zeigte bei späteren Untersuchungen wenn auch 
keine besser gewordene Unterscheidungskraft, doch eine 
entschieden grössere Ausdauer für seine isolirte Thätigkeit. 

Fall 17. 
Opacität des Glaskörpers im linken Auge. Eine 
links tiefer blau abgestimmte Planbrille bringt 
das deutliche Erkennen bis über die doppelte Seh- 
ferne hinaus. 
Um den Gewinn der Deutlichkeit, den die blauen Strah- 
len bieten, zu beurtheilen, kann man nicht nur die Steige- 
rung in der Kleinheit der erkennbaren Buchstaben be- 
nutzen, sondern auch eben so gut die Entfernungen zum 
Maassstabe nehmen, um welche dieselben Buchstaben im 
blauen Lichte weiter gelesen werden, als im weissen. Denn 
je kräftiger die Function der Netzhaut durch qualitativ ge- 
ändertes Licht gehoben wird, mit um so geringerer Zahl 
von Strahlen wird sie für das deutliche Erkennen auskom- 
men. Und so wird die von blauen Strahlen berührte Netz- 
haut verhältnissmässig weiter liegende d. h. ihr weniger 
Lichtstrahlen zusendende Gegenstände noch eben so gut 
erkennen, als nahe liegende, aber von weissem Licht be- 
leuchtete. 



Das blaue Licht triebt Deutlichkeit, 133 

Der Schlosser Heinrich Gabbe, 22 Jahre alt. hatte 
von Kindheit an nur eine kurze Gesichtsweite gehabt, ohne 
eigentlich myopisch zu sein; denn sein Familienstamm war 
frei von diesem in der Regel auf die Hälfte der Nachkom- 
menschaft übergehenden Fehler, und andererseits sprach 
auch die durch Convexgläser angestellte Erprobung gegen 
xMyopie. Der Kranke las mit beiden Augen zusammen höch- 
stens bis auf 8 Zoll. Sein linkes Auge, für sich allein be- 
nutzt, zeigte sich für das Lesen vollständig unfähig. Die 
Arbeitskraft hatte sich in den letzten Jahren um Vieles ver- 
ringert, und der Leidende selbst kam mir mit der Ansicht 
entgegen, dass sein rechtes Auge .immer bedenklicher vom 
linken entwerthet werde. 

Therapie. Während ich gemeinsam mit beiden Augen 
lesen Hess, hielt ich nur links ein blaues Planglas in 
Nuance IV vor. Die Sehweite stieg sofort von 8 bis auf 
12 Zoll. Eine Brille, 

Plan in Nuance III rechts, 

Plan in Nuance V links, 
erweiterte sodann die Deutlichkeit beim Lesen bis auf 15 Zoll. 
Und die am besten in die Combinations- Verhältnisse ein- 
gehende Abschattung: 

Plan in Nuance III rechts, 

Plan in Nuance VI links, 
gewährte eine Sehweite von 18 Zoll, in welcher der Kranke 
ohne Anstrengung und mit voller Ausdauer verbleiben 
konnte. 

Um diesem therapeutischen Resultat die Diagnose des 
Falles zur Seite zu stellen, wandte ich das Ophthalmoscop 
an. Das rechte Auge war tadelfrei. Links aber sah man 
eine zu den Bewegungen des Auges entgegengesetzt sich ver- 
schiebende — also hinter dem Drehpunkt des Auges ge- 
legene — Glaskörper- Verdunkelung, die mit vielen schwar- 
zen scharf abgesetzten Pünktchen durchsetzt war. 

In wie weiter Ferne mag wohl die Möglichkeit liegen, 
solchen aus frühster Jugendzeit her an ein handgreifliches 



134 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Hinderniss der Sinnesthätigkeit geketteten Kranken zu hel- 
fen, und sie aus ihrer Invalidität zu führen? Das Licht 
aber, das heutigen Tages der Physik die unerwartetsten 
Einblicke eröffnet, lässt sich willig herbei, starre Organisa- 
tionsfehler zu umgehen und ihnen ihre schädlichen Folgen 
zu nehmen. 



Fall 18. 
Die Zutheilung eines tiefer blauen Lichtstromes 
giebt dem rechten durch Commotion schwach- 
sichtig gewordenen Auge sofort die deutliche 
Wahrnehmung, und mit ihr den beiden Augen die 
geschwundene Ausdauer zurück. 

Ist durch die vorhergehenden Beispiele erwiesen wor- 
den, wie die Erhöhung der Deutlichkeit durch das blaue 
Licht sich 1) im Erkennen kleinerer Gegenstände und 2) in 
der Vermehrung der Sehferne kund giebt: so bleibt noch als 
dritter Nachweis übrig, wie die Deutlichkeit, welche im 
weissen Lichte keinen Bestand hat, der Zeit nach festge- 
halten wird, so dass der rasch Ermüdende durch den blauen 
Strahl Ausdauer erwirbt. 

Ernestine Frascati, 20 Jahre alt, erlitt durch Ge- 
genfliegen eines Stückchen Holzes eine so heftige Erschütte- 
rung des rechten Auges, dass diesem die Gegenstände nur 
wie durch einen Flor sichtbar erschienen, und das Lesen 
gewöhnlicher Druckschrift unmöglich war. Unerachtet einer 
sorgfältigen Behandlung nahm dieser Zustand nicht ab ; nach 
der dritten Woche wurde die Kranke von der neuen Wahr- 
nehmung beunruhigt, dass auch das linke Auge an Seh- 
schärfe verlor, an Ausdauer einbüsste, Schmerz bekam, und 
bei künstlicher Beleuchtung zu jedem Gebrauche unfähig 
wurde. 

Zur klaren Auseinandersetzung der einzelnen Erforder- 
nisse der Licht-Therapie für diesen Fall wurden drei Reihen 
von Versuchen angestellt. 



Das blaue Licht giebt Deutlichkeit. 135 

1. Das rechte, durch Commotion schwach gewordene 
Auge für sich allein erprobt, vermochte — wie schon er- 
wähnt — gar nicht zu lesen. Durch ein vorgelegtes Plan- 
glas in Nuance IV las dasselbe nothdürftig, und nur drei 
Secunden. Vermittels der tieferen Nuance V las dasselbe 
mit mehr Leichtigkeit und noch lö Secunden länger. Durch 
Nuance VI unterstützt, las es am besten, und volle zwei 
Minuten vergingen, ehe Ermüdung eintrat. Das Schriftblatt 
konnte beiläufig während dieser Versuche nur höchstens bis 
auf 10 Zoll genähert werden, da — wie ich dies bei sol- 
chen Kranken in der Regel beobachtet habe — in Folge 
der Commotion nicht nur die Netzhaut, sondern auch der Ac- 
commodations-Apparat in seiner Thätigkeit herabgesetzt war. 

2. Das linke, nur secundär in Mitleidenschaft gezo- 
gene Auge für .sich allein erprobt, vermochte eine geraume 
Zeit zu lesen, ehe ein Gefühl von Anstrengung und ein um- 
flortes Sehen entstand. Die schwache Nuance III war aus- 
reichend, diese Störungen abzuhalten. 

3. In der Hauptsache, bei dem gemeinsamen Gebrauch 
beiderAugen, zeigte es sich, dass die Kranke nur höch- 
stens bis auf eine halbe Minute deutlich las. Dann sah man 
sie verschiedene Entfernungen aufsuchen, das Buch schräge, 
bald rechts, bald links wenden, mit den Augenlidern immer 
rascher blinzeln. Umsonst! das Lesen musste unterbrochen 
werden. Erhielt dieselbe nun ein Planglas in Nuance IV 
nur vor ihrem linken Auge, so wurde die Deutlichkeit bis 
auf vier Minuten flüssig. Die Steigerung der Hülfe auf 
Nuance V verlängerte alsdann die gemeinsame Thätigkeit 
der Augen bis auf neun, die Steigerung auf Nuance VI als- 
dann noch bis auf fünfzehn Minuten. 

Aus diesen Thatsachen, welche die drei Versuchsreihen 
lieferten, ergab sich schliesslich die Combination einer 
Lichtbrille, 

Plan in Nuance III links, 

Plan in Nuance VI rechts, 
wodurch, ohne irgend ein Gefühl von Anstrengung, volle 



136 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Deutlichkeit und Ausdauer gewonnen wurde, und unter deren 
Vermittelung von Stunde an jede Schonung bei Seite gelas- 
sen werden konnte. Nach den fortgesetzten Beobachtungen 
des Herrn Dr. Wesche, eines jungen talentvollen Arztes, 
der sich eine grosse Gewandtheit und Sicherheit in der Licht- 
Therapie zu eigen gemacht, und die obigen Bestimmungen 
mit Sorgfalt und Genauigkeit aufgenommen hatte, kehrte 
in allmählichen Uebergängen sowohl die Function der 
Netzhäute als auch die des muscularen Apparates zu seiner 
Pflicht zurück, und die Kranke war nach Ablauf einiger 
Monate auch für die Ausführung der feinsten Handarbeiten 
keiner Kunsthülfe mehr bedürftig. 



-ÖO- 



IX. 3. 

Das blaue Licht giebt die Ferne. 



l_Jie Lichtbrechung vermittels der Concavgläser ist 
eine bekannte Hülfe, um kurzsichtig gebauten Augen 
den zu beschränkten Fernpunkt des deutlichen Erkennens 
hinaus zu schieben. Dass aber eine blosse Lichtart, 
und zwar die blaue, ein für die Augen von jedweder 
Bauart nutzbares, im Erfolge mindestens ebenso wirk- 
sames, und von den Umständen sogar häufiger erheischtes 
die Ferne gebendes Mittel ist, gehört zu den der Ophthal- 
mologie noch ziemlich fremd gebliebenen und nirgends 
gründlich erwogenen Beobachtungen. Freilich ist diese 
für den Therapeuten hoch wichtige Wirkung des blauen 
Lichtes mit seinen übrigen Eigenschaften eng verwebt 
und in den Darlegungen des vorhergehenden Abschnittes 
schon mit enthalten und bewiesen ; aber was einmal nicht 
als definitive Thatsache ausgesprochen, und aus seinem 
sonstigen Zusammenhang heraus nicht mit Nachdruck in 
den Vordergrund gestellt wird, pflegt allzuleicht seinem 



138 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

wahren Werthe nach unterschätzt zu werden und in Folge 
dessen unbenutzt zu bleiben. 

Auch könnte noch ein Zweifel an der ungemein 
grossen Wirksamkeit des blauen Lichtes, „die Sehferne 
zu erweitern", in d e m Umstände Nahrung finden, dass 
eine derartige Eigenschaft der Lehre der Physik schnur- 
straks zuwider zu laufen scheint, indem die Optik durch 
das lichtzerlegende Prisma und neuerdings durch manche 
schlagende Experimente (vergl. Seite 12) nachweist, 
dass die blauen Lichtstrahlen für das Auge brechbarer 
sind als alle übrigen, und dass der Punkt des deutlichen 
Erkennens für die blauen Strahlen näher liegt als für 
das weisse Licht, näher als für die gelben und rothen 
Strahlen. Auch kann es auffällig erscheinen, dass durch 
ein negatives Verfahren — denn blaues Licht erhält 
man ja durch eine Theilung des weissen — ein so po- 
sitiver Vortheil für die Sehweite gewonnen werde, ein 
Vortheil, der für den umfassendsten Theil der Augen- 
kranken geradezu eine Lebensfrage in sich schliesst, und 
der, obwohl so leicht erreichbar, doch bis heute so- 
wohl von der Wissenschaft unbeachtet als von der aus- 
übenden Kunst unverwerthet sollte liegen geblieben sein ! 

Neue Thatsachen sind indessen beredter als eine lange 
Vergangenheit, die darüber schwieg. Anders verhält es 
sich hinsichtlich der Aeusserungen des blauen Lichtes 
in dem physikalischen Gebiete des gesunden Auges, 
ganz anders in der Therapie des pathologisch ver- 
änderten. Was dort im gesunden Auge als überwie- 
gende Eigenschaft zum Vortheil der Nähe sich geltend 
macht, tritt hier gegen eine andere Eigenschaft des blauen 
Lichtes, die der Ferne dient, weit in den Hintergrund. 



Das blaue Licht giebt die Ferne. 139 

Man stelle nur unbefangen bei den passenden Kranken 
Versuche an, und man wird staunen, wie freigebig ein 
einfaches blaues Glasscheibchen den Punkt des deutlichen 
Sehens oft bis zum Zwei- und Dreifachen hinausschiebt, 
und wie die bescheidene Lichtart, in ihren entsprechenden 
Abstufungen gewählt, ungemein vielen Menschen, deren 
Gesichtskreis sich allen angewandten Mitteln zum Trotz 
immer enger zog, rasch und nachhaltig emporhilft. 

Die erste Entdeckung, dass das blaue Licht ein die 
Ferne gebendes Mittel ist, und gerade als solches 
unter Umständen unersetzlichen Werth hat, machte 
ich bei der Prüfung von Individuen, welche durch den 
organischen Bau ihrer Augen an wirklicher Myopie litten. 
Ich fand bei der Vergleichung ganz entschieden, dass 
diese mit blauen Concavgläsern um eine messbare Strecke 
weiter lasen, als mit ihren bisher gebrauchten farblosen 
Gläsern von derselben negativen Brennweite. Als ich 
nun die beiden bei der Combination sich als nützlich 
erweisenden physikalischen Wirkungen von einander 
trennte, die Kranken das eine Mal durch ihre passenden 
weissen Concavgläser, das andere Mal durch die ihnen 
zusagenden blauen Plangläser schauen 'Hess: so erkannte 
ich die ferngebende Wirkung beider Mittel im je Ein- 
zelnen. Ja es begegneten mir bald auch solche Kurz- 
sichtige, welche durch blosse blaue Plangläser in viel 
ergiebigerem Maasse für das Weitsehen gewannen, als 
durch die ihnen genau und richtig zusagenden weissen 
Concavgläser. 

Der Schln ss lag jetzt nahe, dass das blaue Licht 
ausser seiner physikalisch feststehenden Eigenschaft für 
das gesunde Auge brechbarer und zum Nahesehen 



140 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

förderlich zu sein, noch eine andere Eigenschaft besitzen 
müsse, wodurch es gewissen kranken Augen die 
verloren gegangene Ferne wiederzubringen im Stande 
sei. Der Boden für diese Wirkung konnte im Gegen- 
satz zu den brechenden Medien des Auges nur die Netz- 
haut selber und die Wirkung nur eine wahrscheinlich 
ausserhalb der Physik liegende, also eine vitale sein. 

Diese Ansicht verwandelte sich immer mehr zu 
einer unabweisbaren Thatsache. Die blaue Lichtart er- 
wies sich nicht nur bei wirklich Myopischen, bei denen 
ich nur zufällig zuerst darauf geführt wurde, sondern 
auch vielen im organischen Bau vollkommen Fehlerfreien 
als das beste die Ferne gebende Mittel. Ja sogar die in 
ihrem Accommodations-Bereiche fernsichtig Gewordenen 
fand ich von diesem Nutzen der blauen Strahlen nicht 
einmal ausgeschlossen. Denn wie bekannt ist, dass 
Presbyopische durch richtig gewählte weisse Convex- 
gläser kleine Objecte auch um etwas weiter unter- 
scheiden, weil neben dem stärker gebrochenen Lichte 
ihrer Netzhaut auch ein concentrirteres Licht zugeführt 
wird: so sah ich, dass durch blaue Convexgläser von 
derselben Schleifungsnummer sich ihr Unterscheidungs- 
vermögen für kleine Gegenstände noch erheblich weiter 
hinausrücken liess, weil ihrer Netzhaut nicht nur ein 
quantitativ vermehrtes, sondern auch ein qualitativ zu- 
sagenderes Licht zuströmte. 

Alle diese Erfahrungen an Kranken führten darauf 
zurück, dass die grössere Wahrnehmbarkeit der 
blauen Lichtart es ist, welche hier nur in einer be- 
sonderen Beziehung und einem mächtigen Heer von 
Fernbedürftigen gegenüber ihre heilsame Wirksamkeit 



Das blaue Licht giebt die Ferne. 141 

nach Aussen entfaltet. Wo nach überspannten Anfor- 
derungen die Grenze der Wahrnehmungsfähigkeit nach 
Aussen sich zu sehr — z. B. für das Lesen bis auf 
5 Zoll — beengte, und die ferner liegenden Buchstaben 
der im weissen Licht übersättigten und in sofern stumpf ge- 
wordenen Netzhaut zu wenig Sinnesreiz erregen, da wird 
das quantitativ zu geringe Licht durch qualitativ 
wirksameres Licht ersetzt, und das Schriftblatt kann 
augenblicklich bis auf 10, 15, ja 20 Zoll hinaus geschoben 
werden. 

Die blaue Lichtart gewinnt aber unter der Indication 
als ein die Ferne gebendes Mittel erst ihre volle Be- 
deutung fürs practische Leben. Und wenn in dieser ihrer 
Eigenschaft freilich nichts Neues, sondern vielmehr ein 
dem Ganzen als Theil Zugehöriges in Wirksamkeit tritt, 
so ist dieser Umstand deshalb von Seiten der Wissenschaft 
nicht weniger hervorzuheben, damit das blaue Licht von 
der ausübenden Kunst nach dieser heute in vielen Fällen 
noth wendigen Richtung hin eingehend benutzt und ver- 
werthet werde. 

Soll bei dem Aufsuchen der für jeden einzelnen Fall 
nöthigen Abstufung des blauen Lichtes die Wahl eine 
rationelle werden, so ist mein Rath, rein experimental, 
und zwar also zu verfahren. Man beginne damit, den 
Kranken in seiner grössten Sehweite lesen zu lassen, 
nachdem man schon vorher den durch Accommodations- 
Fehler etwa Myopischen oder Presbyopischen mit weissen 
Gläsern von der nöthigen Schleifung versehen hat. Als- 
dann lege man den Augen des Kranken der Reihenfolge 
nach die in der Intensität sich steigernden Nuancen blauer 
Plangläser so lange vor, bis derselbe ein Schriftblatt 



142 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

auf die grösste Entfernung hinaus geschoben hat, und 
bis man wahrnimmt, dass bei der nächstfolgenden Nuance 
der Kranke wegen quantitativer Lichtentbehrung mit dem 
Schriftblatt wieder eine rückgängige Bewegung machen 
muss. Man giebt dann schliesslich die gefundenen Plan- 
gläser oder die mit der betreffenden blauen Nuance com- 
binirten concaven oder convexen Gläser dem Kranken 
zum dauernden Gebrauch. 

Nun reihten sich mir aus der Erfahrung zwei schöne 
Thatsachen an, welche die vitale die Ferne gebende 
Wirkung des blauen Lichtes im Gegensatz zu den rein 
physikalischen, die Ferne gebenden Brechungsge- 
setzen in klarer Weise erkennen Hessen. 

Bei der ruhigen Beobachtung der Kranken, welche 
ich zur Feststellung des Grades ihrer Kurzsichtigkeit, 
und des ihnen nöthigen Grades von blauem Lichte in 
meiner Studirstube längere Zeit aus einer Schrift lesen 
Hess, deren Inhalt sie fesselte, und ihre Gedanken von 
dem mit ihnen selbst vorgenommenen Experiment ab- 
zuziehen geeignet war, gewahrte ich, dass sich dieselben 
dem Schriftblatt mit der Zeit immer mehr und mehr näher- 
ten. Liess ich aber dieselben durch eine für sie aus- 
gesuchte blaue Planbriile lesen, so sah ich, dass die 
Wirkung der Gläser sich im Gegentheil mit 
der Dauer der Zeit wesentlich steigerte, und 
dass ich bei Kranken, die gleich Anfangs durch die 
blaue Lichtart schon einen bedeutend weiteren Abstand 
gewonnen hatten, nach etwa einer halben Stunde wohl 
das Mehrfache der Entfernung messen konnte! Unmerk- 
lich und ohne alle Absicht war das Schriftblatt mit der 
vital immer freier werdenden Netzhaut-Function von Mi- 



Das blaue Licht giebt die Ferne. 143 

nute zu Minute weiter hinaus geschoben worden. Wer 
gleich Anfangs sechs Zoll gewann, las endlich unter 
derselben blauen Nuance um einen Fuss weiter und dar- 
über hinaus. 

Und ferner eine zweite Thatsache von nicht gerin- 
gerer therapeutischen Bedeutung! Wenn ich nach end- 
licher Erreichung des Zielpunktes der grössten Sehferne 
die blauen Gläser plötzlich bei Seite legte, und den 
Kranken ohne alle Unterbrechung mit unbewaffneten 
Augen fortlesen Hess : so verblieb derselbe in der nächsten 
Zeit mit seinem Schriftblatte in dem gewonnenen, ihm 
sonst ganz ungewöhnlichen fernen Abstand, und kehrte 
nachträglich erst ganz allmählich und unvermerkt zu 
seiner ursprünglichen kurzen Sehweite zurück! Die im 
blauen Lichte erstarkte Netzhaut behielt also 
thatsächlich ihre freier gewordene Function 
auch in dem ihr individuell feindseligen weis- 
sen Lichte eine geraume Zeit noch bei. 

Die Kenntniss von einer solchen Nachwirkung des 
blauen Lichtes, welche mit einer überraschenden Schnel- 
ligkeit in der Netzhaut mancher Kranken einheimisch 
wird, gab mir theils für das Technische der Unter- 
suchung, theils für die Erwartungen, die man an das 
blaue Licht zu knüpfen berechtigt ist, sehr beachtungs- 
werthe Anhaltepunkte. 

In Bezug auf die technische Untersuchung ist unter 
diesen Umständen ersichtlich, dass, je länger man sich 
— um vermeintlich nicht zu fehlen — mit der Wieder- 
holung des Experiments und mit den Messungen der 
im blauen Lichte wachsenden Sehferne beschäftigt, die 
betreffenden Kranken in demselben Maasse ihre Urtheils- 



144 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

fähigkeit über den Wechsel der Sehweite im weissen 
und blauen Lichte verlieren müssen. Erst nachträglich 
sah ich ein, warum im objectiven Beobachten sehr 
scharfe und geübte Personen, die mir beim Beginn der 
Untersuchungen die entschiedensten, stets stimmenden 
Angaben über die Verschiedenheit ihrer grössten Seh- 
ferne im weissen und im blauen Lichte gemacht hatten, 
mit der Dauer der Untersuchungen immer unsicherer und 
schwankender wurden. Der sonst so richtige Grundsatz, 
dass man beim Experimentiren kein so grosses Gewicht 
auf die ersten Ergebnisse legen soll, verkehrt sich hier 
ausnahmsweise in das Gegentheil. 

Was aber vor Allem dieser so bereitwillig erfol- 
genden, sich der Netzhaut bemächtigenden Nachwirkung 
ein Gewicht ertheilt, ist die ganz von selbst sich daran 
knüpfende Hoffnung, die Nachwirkung werde auch eine 
dauernde werden, das heisst nichts Anderes als, das 
blaue Licht werde für viele in der Netzhaut 
Erkrankte eine radicale Heilung ihrer Kurz- 
sichtigkeit ins Werk setzen. Doch es handelt sich 
hier nicht mehr um blosse Hoffnungen, nicht um ein 
angreifbares Theorem, sondern um eine abgeschlossene 
Thatsache. Eine zahlreiche Liste der seit Jahren ledig- 
lich durch die Wohlthat des specifisch einwirkenden, be- 
sänftigenden blauen Lichtes, von anderweitig unzugäng- 
lich gebliebener Kurzsichtigkeit und von der sich daran 
schliessenden Augenermüdung (Kopiopia myopica), ja 
von hochgradiger Amblyopie Geheilten ist der Beleg 
eines nicht anders zu deutenden Erfolges. Jeder Tag 
mehrt für mich und meine klinischen Zuhörer in der 
Art die Beweise, dass sie bereits für selbstverständlich 



Das blaue Licht giebt die Ferne. 145 

gelten. Allein was in den verschiedenen Gebieten des 
Wissens sich schliesslich yon selbst zu verstehen scheint, 
ist gar oft nicht in seinem wahren Zusammenhange be- 
griffen noch weniger streng bewiesen und, was die Haupt 
sache ist, nicht an dem rechten Orte benutzt worden. 

Ueber die Notwendigkeit verschieden blauen 

Lichtes für das rechte und linke Auge zur 

Steigerung der Sehferne. 

Die der blauen Lichtart inwohnende Kraft, die ver- 
lorene Ferne wiederzugeben, erreicht meistenteils erst 
dann ihre volle Wirkung, wenn wir uns der für die bi- 
nocularen Combinations-Störungen von mir angegebenen 
Methode bedienen, bei welcher der Grad der Abschattung 
so abgestimmt wird, dass das in seiner Netzhaut weniger 
weit erkennende amblyopischer gewordene Auge das 
verhältnissmässig dunklere Glas erhält. 

Die Therapie hat hierbei einen Plan von ganz eigen- 
thümlicher Art zu verfolgen. 

Wahrend das bessere — angenommen das rechte 
— Auge lediglich dasjenige Organ ist, dem wir die Ferne 
zugänglicher machen wollen, bietet das werthlosere linke 
Auge die Stelle dar, wo wir die tieferen Farbentöne in 
Wirkung setzen müssen. Jede dunklere Nuance, die wil- 
der Reihenfolge nach hier vorlegen, lässt für das rechte 
Auge das Schriftblatt, aus dem der Kranke liest, in auf- 
steigender Scala um mehrere Zolle weiter hinaus schieben, 
bis die Grenze kommt, bei der das linke Auge, mit noch 
dunklerer Nuance versehen, zu viel des Lichtes entbehren 
würde. Die Hülfe ist also eine lediglich vom schwächeren 

Böhm, Licht - Therapie. 10 



146 Di e Erfolge der Licht -Therapie. 

Auge (auf das stärkere) übertragene. Denn versuchen 
wir im Laufe des Experiments, das linke durch blaues 
Licht zur Mitwirkung herangezogene Auge zu schliessen : 
so verliert in demselben Moment das rechte Auge seinen 
ganzen Gewinn an Ferne, und schliessen wir das rechte 
Auge selbst, so überzeugen wir uns, dass das linke der 
vorhin gebotenen Lichttöne unerachtet fortfährt, nur in 
der unmittelbarsten Nähe mühselig zu lesen oder es er- 
weist sich wohl gar dazu überhaupt ganz unfähig. Nicht 
selten kommen auch hier solche für die Beobachtung 
äusserst lehrreiche Fälle vor, wo nach der Entfernung 
des dunkleren Glases links, das* rechte Auge erst 
ganz allmählich zur Nähe zurückkehrt: ein um so merk- 
würdigerer Beweis davon, wie die von links nach rechts 
übertragene Hülfe selbst in der Nachwirkung fortdauert. 
Diese individuell zu treffende Einrichtung der Licht- 
Therapie wird künftighin deshalb ein so weitgreifendes 
Gebiet practischer Anwendung finden, weil auf sie eine 
Menge von Gesichtsleidenden angewiesen ist, welche 
ursprünglich nichts mit einander Aehnliches zu haben 
scheinen, und schliesslich doch alle zu dem gemein- 
samen Schicksal gelangen, dass ihnen primär in dem 
einen und dann aus Combinations-Störung in 
dem anderen Auge die Ferne verloren geht. 
Der deutlichen Uebersicht wegen sind dreierlei Gruppen 
dieser Kranken hervorzuheben. 

a. Die für's Fernsehen der doppelten Licht- 
Abschattung bedürftigen Myopischen. 

Es liegt ausser allem Zweifel, dass die Augen, 
welche durch ihren organischen Bau eine zu starke 



Das blaue Licht giebt die Ferne. 147 

Lichtbrechung ausüben, sich auch dauernd in zu grellem 
Lichte befinden. Denn je näher sich das Auge zu seinem 
Sehobjecte begiebt, desto dichter liegen die von dem 
letzteren ausgehenden Strahlen. Man findet daher wenige 
Myopische höheren Grades, bei denen nicht für die an- 
gestrengte Beschäftigung in der Nähe mild blaue Gläser 
von Nutzen wären. Die Kranken werden durch diese 
Vorsichtsmaassregel nicht etwa, wie man so oft hört, 
„verwöhnt", sondern ihre Netzhaut gelangt dadurch 
erst in den natürlichen Lichtgrad, dessen sich der 
mit gesunder Lichtbrechung Begabte und in der gehörigen 
Entfernung vom Sehobject Verweilende dauernd erfreut; 
man verhütet ^eben durch die blaue Lichtart, dass sich 
zu der organischen Myopie nicht noch eine Schwäche 
der Netzhaut selbst geselle, wodurch dann die Sehweite 
aus doppelten Gründen verkürzt wird. 

Abgesehen von dieser allgemeinen Benachtheiligung 
der Myopischen giebt das zu grelle Licht den Kranken 
noch eine Veranlassung mehr, dass dieselben sich ge- 
wöhnen, nur mit dem einen Auge zu arbeiten, das an- 
dere zu vernachlässigen und schwach werden zu lassen. 
Von da ab pflegt eine lange Frist zu vergehen, bis auch 
das eine in alleiniger Thätigkeit gebliebene Auge an- 
fängt, seine ohnehin nur kurze Tragweite noch durch 
amblyopische Beimischung zu beengen. Aber auch noch 
jetzt ist es Zeit, dass wir uns bei der Behandlung an 
das verschuldende Licht wenden. Auch noch jetzt 
rechts und links verschieden geändert in seiner Qua- 
lität, giebt es oft zurück, was sein blendender Schein 
in den einzelnen Netzhäuten nach einander verdarb und 

raubte. 

10* 



148 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Zuvörderst beginne man damit, das Licht für das 
schwächere (in höherem Grade amblyopisch gewordene) 
und bereits lange Zeit ausgespannt gewesene Auge stär- 
ker wahrnehmbar zu machen. Sofort betheiligt sich als- 
dann dieses Auge unter dem dunkleren Glase wieder in 
lebhafter Weise am Sehen, unterstützt aufs neue das an- 
dere Auge, das vormals aus Uebermaass an Licht seine 
Mitwirkung abwies, und unaufgefordert gleitet das Schrift- 
blatt, auf dessen Zeilen der hülflose Myopische so eben 
noch niedergebückt verweilte, in die doppelte Entfer- 
nung! Alsdann erhöhe man noch den gemeinsamen Ge- 
winn der Ferne durch die Wahl eines zweiten heller 
blau gefärbten Glases für das später nachgesunkene 
zur Zeit noch nicht so stark in seiner Netzhaut alterirte 
Auge. Und legt man endlich diese Farbenstimmungen 
in zwei gleich geschliffene, genau für die Beschäftigung 
auserwählte Concavgläser, so hat die Therapie jeden 
einzelnen Zug ihres Kranken belauscht und berück- 
sichtigt. Der Zollstab wird mein Zeuge sein, ob diese 
Methode zu den imaginären gehört, oder einen Bestand 
haben wird. 

Wohl hat der Augenspiegel mir bestimmt genug 
nachgewiesen, wie bei vielen Myopischen schon von 
Hause aus Veränderungen des Augengrundes obwalten, 
die mit der Zeit einen so desfructiven Charakter an- 
nehmen, dass daran jede optische Hülfe, auch nur pallia- 
tiver Art, scheitern muss. Es wäre falsch, darin einen 
Einwurf gegen die Licht-Therapie zu erblicken. Denn 
jede Therapie hat ihre Grenzen und gewinnt nur in dem 
Maasse an Bestimmtheit, als sie diese Grenzen kennt. 
Aber ich muss glauben, dass in vielen Fällen, wo auch 



Das blaue Licht giebt die Ferne. 149 

die Licht- Therapie nicht mehr wirken kann, nur die Ver- 
zögerung derselben einen Theil der Schuld trägt. Denn 
wenn schon bei den Myopischen die von Jugend an 
vorhandene unabänderliche Säfteüberfüllung des Aug- 
apfels nachtheilig wirkt, so lässt es sich um so eher den- 
ken, dass die Netzhaut durch unberücksichtigt bleibende 
Lichtreizungen leichter in organische Krankheiten ver- 
fallen kann. Geschieht doch durch analoge Einflüsse 
ein Gleiches bei chronischen Reizungen auf der Schleim- 
haut des Magens und auf der äusseren Haut des Kör- 
pers. Aber selbst da, wo schon das eine Auge unter 
dem Augenspiegel die gezeichneten Zerstörungslinien 
deutlich trägt, ist noch Zeit zur Hülfe für das andere. 
Wo ursprünglich das gleich geschattete Licht das Prä- 
servativ-Mittel gewesen wäre, gewährt noch jetzt das 
rechts und links verschieden geschattete Licht einen 
nicht zu ersetzenden Ankerpunkt. Um soviel als wir 
unter blauem Lichte die Sehweite sich steigern sehen, 
sinkt mit gleichem Gewicht die Gefahr des nachgezo- 
genen und zu organischen Veränderungen schon vorbe- 
reiteten Auges. 

b. Die für das Fernsehen der doppelten Licht- 
Abs chattung bedürftig en, dem Baue nach fehler- 
freien Augen. 

Auf ganz ähnlichen nur noch reiner dastehenden 
Sachverhältnissen beruht die glückliche Wirksamkeit des 
zweifach abgeschatteten Lichtes bei den Augenkranken, 
welche ursprünglich frei von jeglichem Hindernisse der 
Lichtbrechung eine normale Accommodations-Breite be- 



150 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

sassen und die Ferne vollkommen beherrschten, aber 
durch das zu dauernd und zu grell einströmende Licht 
in ihren Netzhäuten erlahmen, und die Sehweite bis 
zur Hälfte, ja bis auf einen kleinen Rest einbüssen mussten. 
Hier ist es therapeutisch von der grössten Wichtigkeit 
zu wissen, dass fast in allen Fällen dieser Zu- 
stand nicht anders als bei den Myopischen 
mit einer Entzweiung der Netzhäute und mit 
Ausspannen des einen Auges anhebt. Der Kranke 
selbst hat, während die ersten Mahnungen sinkender 
Sehkraft sich ihm schon bemerkbar genug machen, von 
solchem Entwicklungsgange natürlich keine Ahnung. Ist 
aber das eine Auge erst ausgespannt und das andere 
trägt nun die ganze Last der Arbeit: dann rechne man 
sicher darauf, dass auch dieses der Verkürzung der 
Sehweite sehr bald anheim fällt. Viele geheime Fäden 
ziehen das zweite Auge dem anderen nach. 

Das Mittel ist jetzt gegeben, noch zur rechten Zeit 
dazwischen zu treten, und die entzweiten Augen wieder 
zur Gegenseitigkeit zu stimmen. Was in allen solchen 
Fällen die Netzhäute in demselben Lichtgrade unabän- 
derlich verweigern, nehmen sie, einer verschiedenen Be- 
leuchtung theilhaftig geworden, gern wieder auf. Man 
lege dem zuerst erlahmenden durch seine kurze Seh- 
weite immer leicht erkennbaren Auge ein blaues Glas- 
scheibchen vor, und in demselben Moment greifen die 
feinen Tasten seines Gefühls wieder eben so weit in die 
kleinen Objecte hinaus, als das andere zur Zeit noch 
weniger gesunkene Auge. Und man gebe diesem an- 
deren Auge noch daneben ein heller blaues Glasscheibchen, 
so wird man gewahren, wie in den ohnmächtig gewese- 



Das blaue Licht giebt die Ferne. 151 

nen Augen ein Wettstreit beginnt, das Fernere wieder 
zu erspähen. Dieser messbare Gewinn der Sehweite 
wird sogleich um die Hälfte verkürzt, wenn beide Augen 
unter eine gleichförmige Abschattung gebracht werden, 
der Gewinn geht ganz verloren bei dem versuchsweisen 
Umkehren der Gläser in der Art, dass das bessere Auge 
jetzt das dunklere Glas erhält. 

Freilich, wenn auch hier der rechte Moment ver- 
rinnt, treten die so weit gezeichneten Kranken in ein 
Stadium, wo sie der Licht-Therapie so gleichgültig wer- 
den können, wie andere Gesichtsleidende, deren Fern- 
sehen durch primäre Netzhaut -Affectionen zu Ende 
geht. Darin liegt kein Grund zur Herabsetzung der 
Licht -Therapie, sondern nur eine Mahnung, sie zur 
rechten Zeit und in der rechten Abstimmung in Anwen- 
dung zu bringen. 

c. Die wegen einseitiger Hornhaut-Trübung 
für das Fernsehen der doppolten Licht-Ab- 
schattung Bedürftigen. 
Und jetzt bleibt mir noch übrig, als bevorzugte 
Günstlinge der einseitigen Abschattung diejenigen zu 
erwähnen, welche aus Veranlassung einseitiger Horn- 
haut-Trübung im Laufe der Zeit auch in ihrem gesunden 
Auge die Ferne einbüssen müssen; Fälle, nach denen 
in Wahrheit Niemand des Suchens bedarf. Auch hier 
greifen dieselben pathologischen Vorgänge, dieselben 
therapeutischen Grundsätze Platz. Eine Fülle von Segen 
liegt hier alle Lebens-Stadien hindurch in der Verwen- 
dung eines blauen Glasscheibchens vor dem einen, dem 
getrübten Auge! 



152 Die Erfolge der Licht : Therapie. 

Schon um den frühsten Bildungsgang des Kindes 
frei zu machen, giebt es kein anderes erdenkliches, kein 
so leicht und so sicher helfendes palliatives Mittel. 
Niedergebückt und zu dem Zweck, womöglich nur das 
gesunde Auge allein in Anwendung zu bringen, in eine 
schiefe Haltung des Kopfes gezwängt, sieht man die von 
scrophulöser Ophthalmie genesenen, aber von einseitiger 
Hornhaut-Trübung nicht verschont gebliebenen und nun 
von der Kunst im Stich gelassenen Kleinen ihre ersten 
Leseversuche machen. Das blaue Glasscheibchen ledig- 
lich vor ihrem getrübten Auge allein verwendet, richtet 
sie ohne Weiteres hoch auf, und giebt ihnen die natür- 
liche gerade Haltung wieder. Manche solcher gequälten 
Kinder fragen zwar am Tage weniger nach einer der- 
artigen Unterstützung, aber greifen desto lieber danach, 
wenn sie sich während der künstlichen Abendbeleuch- 
tung irgend dauernd beschäftigen sollen, um mit ihren 
gesunden Altersgenossen gleichen Schritt zu halten. 

Doch die Kinderjahre liefern nur einzelne Vorboten 
des ganzen Heeres von Gesichtsleidenden, denen zwar 
Anfangs das unscheinbare Hornhautwölkchen keinen 
Eintrag that, aber bei welchen mit den vorschreitenden 
Jahren und wachsenden Anforderungen ihres Berufes 
das gesunde Auge den Anfeindungen des getrübten 
Auges unvermerkt unterliegt. Je nachdem der Beruf 
einen strengen Gebrauch des Gesichts erheischt, desto 
früher macht sich dieser Zeitpunkt geltend. Für mich 
steht der Erfahrungs-Satz fest, dass schon in den zwan- 
ziger Lebensjahren dieses einseitig vorbereitet gewesene 
Verderben reift, zumal bei der arbeitenden und auf 
Entbehrungen hingewiesenen Klasse, deren Augen so- 



Das blaue Licht giebt die Ferne. 153 

wohl der Form als der Sehkraft nach viel früher altern, 
als die Natur das Gesetz dazu vorschreibt. Daher die 
grosse Menge derer, welche in Folge der heimlichen 
Ueberwirkungen eines aus der Kindheit übrig gebliebe- 
nen kaum bemerkbaren Wölkchens des einen Auges 
schon in der rüstigsten Lebenszeit im zweiten Auge 
schwach werden und somit überhaupt Ferne und Aus- 
dauer zur Arbeit verlieren müssen. 

Ist nun gar in spätester Lebenszeit durch entschie- 
dene Presbyopie die Deutlichkeit in der Nähe, durch 
einseitige Hornhaut-Trübung die Deutlichkeit der Ferne 
verschlossen, wie unvergleichlich reich ist auch dann 
noch das optische Kleinod! Blaues Licht in wohlbe- 
rechnetem Maass in die richtige Seite der Convex -Brille 
gefügt, lässt wieder vereinte Kraft in die flach und 
stumpf gewordenen greisen Augen strömen! 



Casuistik. 

Fall 19 bis 23 und 24. 

Fall 19. 
Blaues Licht gewährt je nach der Auswahl dunk- 
lerer Nuancen ein ergiebigeres Maass der Seh- 
ferne und heilt Kopiopia retinalis. 

Der 11jährige Schüler Gustav Meisnitzer zeichnete 
sich durch sehr grosse und nach dem jedesmaligen Beleuch- 
tungsgrade sich ungemein lebhaft abändernde Pupillen aus. 
Seit zwei Jahren hatte sich seine Sehweite auffallend ver- 
ringert. Man vermeinte, dass sich bei ihm eine einfache 
Myopie ausbilde, bis die immer wachsende Schwierigkeit, 
bei künstlicher Abendbeleuchtung zu schreiben, und die 



154 Die Erfolge der Lieht -Therapie. 

gänzliche Unmöglichkeit, trotz grassier Annäherung zu le- 
sen, die Kitern veranlasste, arztliehen Kath einzuholen. 

leh theile diesen bei Kindern, welche sich in der Ent- 
wicklungszeit befinden, gar nicht selten vorkommenden 
Krankheitszustand mit, weil man, abgesehen von der unge- 
rechtfertigten Verordnung mancher innerer Mittel, geneigt 
ist, auf eine sehr unbequeme Schonung zu dringen, während 
die einfachste Licht- Therapie allen NY mischen rasch zu ent- 
sprechen vermag. 

Per Knabe las bei aller Bemühung nicht weiter als bis 
auf 9 Zoll und ohne Ausdauer, 

durch vorgelegte Planglaser in Nuance lll . . IS Zoll, 

durch Planglaser in Nuance IV' 24 - 

durch Plangläser in Nuance V 27 - 

hierbei war das volle Maass der Hülfe erfüllt, denn bei An- 
wendung der Nuance VI wurde das Schriftblatt wieder auf 
24 Zoll zurückgezogen. 

Planbrille in Nuance IV 
wurde für den Tag und 

Planbrille in Nuance V 
für die Beschäftigung bei künstlicher Beleuchtung verordnet. 
Indem die letztem Gläser gleichzeitig dem Kranken die 
Achromasie des Lichtes herstellten, konnte derselbe wieder 
dauernd und ohne alle Reizung lesen, und mit der Erholung 
der Netzhäute unter den zusagenden Strahlen kehrte Deut- 
lichkeit, Ferne und Ausdauer auch für das weiss 
und gelbliche Abend -Licht iu immer wachsendem Grade 
zurück. 

Fall 20. 

Myopischen kann oft die qualitative Aenderung 

des Lichtes zweckmässiger Ersatz f ü r die Concav- 

Gläser sein. 

Marie Bucher, 12 Jahre alt. litt an ererbter Kurz- 
siehtigkeit mit vorwaltender Schwäche des linken Amf 
Ohne optische Hülfe las sie klare Druckschrift nur bis auf 



Das blaue Licht giebt die Ferne. 155 

eine Entfernung von 10 Zoll, aber ohne genügende Aus- 
dauer. 

In Berücksichtigung ihres Accomraodations-Mangels ge- 
wann die Kranke durch eine weisse Concav- Brille No. 40. 
sechs Zoll, ohne jede Verkleinerung. 

Ganz dasselbe Resultat wurde aber auch erreicht bei 
Berücksichtigung ihrer Netzhäute durch blau abgeschattete 
Plangläser. Gab ich zunächst nur dem schwächeren linken 
Auge die Nuance V, so gewann schon die Kranke dieselbe 
Weite von 16 Zoll, und dabei mit dem vortheilhaften Unter- 
schiede gegen die Concav -Brille, dass die Augen eine ent- 
schieden behaglichere Stimmung fühlten. Noch mehr sagte 
die verschieden abgeschattete 

Planbrille in Nuance II rechts, 
Nuance V links, 
zu. Hatte die Kranke mit Hülfe derselben eine längere Zeit 
gelesen und die Brille wurde dann entfernt, so waren die 
Augen gestärkt und sehkräftiger als zuvor, und behielten 
auch ohne die Brille noch eine geraume Zeit hinterher die- 
selbe Sehweite bei, während nach Entfernung einer längere 
Zeit verwendeten Concav -Brille der Rückschlag sich um so 
. empfindlicher bemerklich machte. 

Statt dass der jugendlichen Kranken gleich ihren Ge- 
schwistern ein hoher Grad von Myopie in Aussicht stand, 
nahm von jetzt das Vermögen, weiter, dauernder und 
schmerzlos zu sehen, unverkennbar zu. Ich kann aus 
vielen ähnlichen Beobachtungen die Verwendung der blauen 
Lichtstrahlen zur Zeit der Entwicklungsjahre als ein wich- 
tiges und allein dastehendes Prophylacticum empfehlen, um 
der Ausbildung der höheren Grade einer hereditären Myopie 
entgegen zu wirken. 



156 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

Fall 21. 
Viele Myopische werden erst durch die gleichzei- 
tige Benutzung der qualitativen (farbigen) Licht- 
Aenderung den lichtbrechenden Gläsern zugäng- 
lich gemacht. 

Dieser therapeutisch ungemein einflussreiche Satz ver- 
werthete sich unter vielen anderen Beispielen bei einem 
vierzigjährigen Augenkranken Carl Schneider. Ihm fehlte 
seit seinem zehnten Jahre in Folge einer hereditären Myopie 
in hohem Grade die Ferne, welche sich in den letzten Jah- 
ren zur grossen Besorgniss — wie es so oft zu geschehen 
pflegt — durch zutretendes Netzhaut -Leiden noch enger 
einschränkte. 

Derselbe las mit seinem rechten Auge bis höchstens 
auf 6 Zoll, mit dem linken Auge gerade nur halb so weit. 
Legte ich ihm während des Lesens nur vor das schwä- 
chere linke Auge ein Planglas in Nuance IV vor, so be- 
merkte ich deutlich, wie das Schriftblatt ganz allmählich 
fortglitt. Nach 10 Minuten hatte der Kranke eine Sehferne 
von 15 Zoll erreicht, und was ich fast noch höher anschla- 
gen möchte, das linke Auge las, für sich allein erprobt, statt 
auf 3 bis auf 9 Zoll. 

Dies Experiment diente zunächst, um die kräftige Wir- 
kung der blauen Licht- Abschattung an den Tag zu legen 
und den Erfolg zu beweisen, den die Wiederherstellung der 
binocularen Combination auf Erwerb der Sehferne schon für 
sich allein ausübt. Der ganze Ertrag des optischen Gewin- 
nes aber machte sich erst geltend, als ich der abschatten- 
den Brille, 

Plan in II rechts, 
Plan in V links, 
noch die richtige Concav- Schleifung verlieh. 

Während die oft wiederholten früheren Versuche, die 
Sehferne durch ungefärbte Gläser zu verbessern, stets hatten 
aufgegeben werden müssen, indem die Augen trotz geringen 



Das blaue Licht giebt die Ferne. 157 

Gewinnes alsbald in unerträglichen Reizzustand verfielen, so 
eröffnete dem Kranken eine Brille, 

Concav No. 30. in Nuance II rechts, 

Convex No. 30. in Nuance V links, 
in der beruhigendsten und ergiebigsten Weise die Wahrneh- 
mung bis auf Entfernungen, die ihm noch niemals früher 
zugänglich gewesen waren. 

Fall 22. 

Verlust der Ferne und Ausdauer im weissen Lichte. 

Rascher Wiedererwerb der normalen Sehkraft 

durch die blaue Lichtart. 

Eine vielleicht weniger bekannte Thatsache ist, dass 
die Schuhmacher der Blendung viel ausgesetzt sind, und 
unter ihnen wieder namentlich die geschicktesten, denen 
es obliegt, die feinen Stepp -Nähte auf glanzledernen Schu- 
hen und Stiefeln auszuführen. Bei Tage schon, noch mehr 
aber bei ihrer künstlichen Beleuchtung durch die Glaskugel, 
bringt das von der schwarzen Lederfläche stark reflectirte 
Licht einen raschen Verfall der Netzhaut hervor. Zwei 
Jahre pflegen höchstens dazu zu gehören, dass die betreffen- 
den Arbeiter schon die entschiedensten Kennzeichen davon 
tragen. Die Deutlichkeit und Ausdauer im Sehen sind dann 
verschwunden, und die damit in gleichem Verhältniss ein- 
geschränkte Sehferne lässt sich am genausten nach dem 
Maassstabe feststellen. Und dieser Verfall des Sehvermögens 
pflegt schon im Anfang der zwanziger Jahre sich geltend zu 
machen. 

Es schien mir eine Pflicht, für diese Leute bedacht zu 
sein, und ich fand kein kräftigeres Gegenmittel, als das 
blaue Licht, namentlich rechts und links verschieden tief 
nüancirt, da in der Regel das eine Auge früher schwach zu 
werden und auszuspannen pflegt, als das andere. Rauch- 
gläser, in allen Abstufungen versucht, wollten den Kranken 
nicht zusagen. Aber die blaue Lichtart gab mit jeder tiefe- 
ren Nuance um viele Zolle grössere Sehferne und, zur rech- 



158 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

ten Zeit verwendet, nicht selten eine radicale Heilung von 
dieser Sehschwäche. 

Unter den vielen Beispielen dieser Art, welche den 
Stempel der grössten Uebereinstimmung zu tragen pflegen, 
will ich nur folgenden mittheilen. 

Der Schuhmacher Trebel, erst 21 Jahre alt, hatte 
progressiv seine ursprünglich ausgezeichnete Sehkraft ein- 
gebüsst. Er las nur noch höchstens bis auf sechs Zoll weit, 
und die Notwendigkeit der Anstrengung und Unterbrechun- 
gen steigerte sich in der letzten Zeit in merklicher Weise. 

Schon die milderen Nuancen blauer Plangläser mehrten 
seine Sehweite und namentlich die Zusammenstellung von 
Plan in Nuance II rechts, 
Plan in Nuance IV links, 
sagte für die binoculare Combination so zu, dass er das 
Schriftblatt bis auf 15 Zoll entfernte und nach einer 
halben Stunde fortgesetzten Lesens unwillkür- 
lich bis auf 20 Zoll angelangt war, während sonst 
von dem Ausgangspunkte 6 Zoll seine Sehweite sich allmäh- 
lich noch mehr einschränkte. Entfernte ich jetzt die Gläser, 
so verblieb er auch bei unbewaffneten Augen noch eine Weile 
in der gewonnenen Entfernung, das sprechende Zeichen, wie 
hier eine radicale Heilung, und zwar ohne das lästige 
Gebot der Schonung, binnen nicht langer Zeit erfolgen 
werde. Diese Besserung konnte sich nicht deutlicher ausprä- 
gen, als dass Trebel zu immer späteren Tages-Stunden erst 
das Bedürfniss zu seiner Brille spürte, und nach Verlauf von 
vier W r ochen sich ihrer nur noch beim künstlichen Abend- 
lichte bediente. 

Fall 23. und 24. 

Hornhautfleck des linken Auges. Die einseitige 

Abschattung in blosser Planbrille gewährt die 

dreifache Sehweite, bringt die verlorene Schärfe 

und Ausdauer für die Arbeit zurück. 

Der Schuhmacher Beschesnick hatte seit seinem sie- 



Das blaue Licht giebt die Ferne. 159 

benten Jahre einen Hornhautfleck des linken Auges, der frei- 
lich nur klein und kaum bemerkbar war, aber an der un- 
günstigsten Stelle, d. h. nach innen und unten, sich der 
Pupille gegenüber befand. 

Die Nachtheile, die so oft aus einem so übel gelegenen 
Fleck für das ganze Sehvermögen erwachsen, ohne dass die 
Kunst dagegen aufzukommen vermag, blieben nicht aus. Ob- 
gleich der Kranke noch nicht das zwanzigste Jahr erreicht 
hatte, war seine Sehweite für's Lesen bis auf sieben Zoll zu- 
rück gesunken. Schärfe und Ausdauer im Sehen nahmen 
progressiv ab. Vergeblich war jegliches radicale Kur -Ver- 
fahren geblieben. 

Ich führe kurz die Stufenfolge an, in der das blaue 
Licht, je nach eingehenderer Verwendung, den Schaden 
ausglich. 

Die Abschattung des rechten wegen Trübung zum 
Lesen ganz unfähigen Auges durch Planglas in Nuance III 
brachte die Sehweite beider Augen für's Lesen von 7 auf 
12 Zoll. 

Die Abschattung des rechten Auges durch Nuance IV 
bis auf 16 Zoll. 

Die Abschattung endlich durch 

Planglas in III rechts ) , . m , „ ... 

di i • v r i bls auf 22 Zoll! 

Planglas in V links ) 

Der palliativ bedachte Kranke arbeitete von Stunde an 
mit mehr Sehkraft und Ausdauer, als ihm je zuvor zu Gebot 
gestanden hatte, des Umstandes unerachtet, dass dasjenige 
Auge, von dem alle Nachtheile ausgegangen waren, 
bei der isolirten Erprobung unter dem blauen Glase 
kaum einen geringen Vortheil verrieth. Nur die Wie- 
derherstellung der Ordnung in den binocularen Verhältnissen 
konnte es also sein, aus der die grössere Sehferne und die 
vielseitigen sonstigen Erfolge dieses Falles hervorgingen. 

In ähnlicher Weise beobachtete ich die gänzliche Ent- 
wertung der Sehkraft durch einen geringfügigen Hornhaut- 



160 Di e Erfolge der Licht -Therapie. 

fleck des linken Auges bei einem Schuhmacher Betke. Auch 
hier trat unter den einzelnen Benachtheiligungen der Verlust 
der Sehferne, aber auch ebenso entschieden der Gewinn in 
dieser Beziehung durch einseitige Abschattung als messbarste 
Thatsache in den Vordergrund. 

Der Kranke, noch nicht 22 Jahre alt, vermochte beim 
Lesen das Buch höchstens bis auf acht Zoll zu entfernen, 
und alle übrigen Einschränkungen des Sehsinnes standen da- 
mit in gleichem Verhältniss. 

Eine blosse Planbrille, 

in Nuance II rechts, 
in Nuance V links, 
gewährte sofort für das Lesen eine bequeme Sehweite von 
2 Fuss und verringerte in eben so viel die übrigen Belastun- 
gen der Sehkraft, zumal wo eine dauernde Anstrengung der 
Augen erforderlich war. 

Ich habe nicht nöthig, auf das so ungemein weite Ge- 
biet aufmerksam zu machen, wo unheilbare Hornhaut-Trübun- 
gen uns zeither nöthigten, die Kranken ihrem Schicksal voll- 
kommen zu überlassen. Eine freiere Therapie wird sich hier 
unfehlbar entfalten, und mit grösster Leichtigkeit wird nach 
den von mir gewonnenen Grundsätzen die blosse Lichtwand- 
lung die niedergehaltene Arbeitskraft Unzähliger verviel- 
fältigen! 



-Öa£>- 



IX. 4. 

Das Haue Licht giebt die Nähe. 



Ast dem Auge die Wahrnehmung ferner Gegenstände 
geblieben, aber die Unterscheidung naher und kleiner 
Gegenstände aus zu geringer Lichtbrechung unmöglich: 
so begreifen wir diesen Fehler unter dem Namen Weit- 
sichtigkeit, Makropia oder Presbyopia, und un- 
sere Hülfe besteht in der Anwendung von Convexlinsen, 
welche die Bestimmung haben , dem zu gering licht- 
brechenden Auge die aus der Nähe kommenden und 
besonders stark divergirenden Strahlen genügend con- 
vergent in die Pupille zu senden, so dass dieselben bei 
ihrer ferneren Brechung nicht zu spät, d. h. erst hin- 
ter der Netzhaut, sondern, wie im gesunden Auge, auf 
der Netzhaut selbst sich begegnen und ein scharfes Bild 
entwerfen. 

Drei Jahrhunderte hindurch bediente man sich der 
Convexgläser rein empirisch, bis erst Kepler nachwies, 
worin das Wesen der Weitsichtigkeit besteht, und 
worin die eigentlich wirksame Eigenschaft der Convex- 
gläser zu suchen ist. Und wiederum sind seit Kepler 

Böhm, Licht - Therapie. 1 1 



162 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

bald drei Jahrhunderte verflossen, ohne dass sich die 
Therapie auf diesem Gebiete eines nennenswerthen Fort- 
schrittes erfreut hätte, und man in der Behandlung die- 
ses Accommodationsfehlers durch feinere Krankenbeob- 
achtung und sachgemässere Individualisirung diesen Lei- 
denden näher getreten wäre. 

Auch noch heute, wie gross auch die Zahl der dar- 
über verfassten Werke angewachsen, ist thatsächlich 
von keiner anderen Hülfe als von der blossen Licht- 
brechung die Rede, während es auf der Hand liegt, 
dass die lichtbrechenden aber dabei auch ebenso eine 
concentrirtere Lichtmenge auf die Netzhaut 
sammelnden Convexlinsen für die eine Hälfte der 
Weitsichtigen nicht nur unzureichend sind, sondern gerade- 
zu eine solche schädliche Wirkung ausüben, welche der 
Krankheit den besten Vorschub leistet. Unverkennbar 
hat man sich bei der Behandlung nur um die ausge- 
bildete Krankheit und um das fertig gewordene Missver- 
hältniss in der Lichtbrechung des weitsichtigen Auges 
bekümmert, statt, wie überall in der Therapie, die Ent- 
wicklung des Leidens zu berücksichtigen und je nach den 
Ursachen für die einzelnen Fälle eine ratio- 
nelle Grundlage bei der Wahl der Mittel zu 
gewinnen. 

Namen sind zwar gleichgültig; aber in ihnen, 
wenn sie aus Zeiten herrühren, wo man in der Wissen- 
schaft weniger sonderte, giebt sich oft am besten die 
einseitige Auffassung einer Krankheit zu erkennen, unter 
deren Druck dann auch die Therapie lange verharren 
musste. Durch die beliebte und mit Unrecht verallge- 
meinerte Benennung Presbyopia (die Fern- oder Weit- 



Das blaue Licht giebt die Nähe. 163 

sichtigkeit alter Leute) spricht sich auch ziemlich un- 
umwunden die Ueberzeugung aus, dass es für diese Art 
der Accommodationsfehler weder ein vorbeugendes noch 
rückgängig machendes Mittel gebe, und dass auch den- 
jenigen, welche in verfrühter Weise in ihren Sehorganen 
altern, nichts übrig bleibt, als mit den wirklich alt Ge- 
wordenen sich desselben Mittels zu bedienen. Säftelos 
und flach in seinen Medien geworden, matt und ent- 
spannt in seinem der Nähe dienenden Muskelapparat, 
habe das einmal weitsichtige Auge — so glaubte man — 
nur noch den einzigen Ersatz in den Convexlinsen zu 
suchen. 

Aber leider bezieht aus dem Alter die Makro- 
pie nur die eine Hälfte ihrer Bekenner. Stillschwei- 
gend übersah die Therapie die andere Hälfte, bei welcher 
das Auge, nur weil es von Arbeit überlastet und von 
zu scharfem Lichte über das Maass gesättigt ward, dem 
übrigen Körper an Jahren vorauseilt. Den Laien be- 
schleicht mit Recht ein unheimliches Gefühl, wenn er 
sich mit der Verwendung schwerer Convexlinsen schon 
allzufrüh unter die Marke des Alters fügen soll. Um 
eine Makrobiotik des Auges handelt es sich, auf dass 
dasselbe nicht vor der Zeit in Makropie verfalle, und 
diese Kunst, seine rüstige Einstellung für die Nähe zu 
verlängern, wird sich schwerlich anders verwirklichen, 
als wenn wir danach trachten, denjenigen Centraltheil 
des Auges angemessen vor Ueberreizungen und also 
auch vor Erschlaffung zu bewahren, der nicht nur zur 
Auffassung der sichtbaren Gegenstände geschaffen ist, 
sondern auch die wichtige Bestimmung hat, durch Re- 
flexwirkung die Einstellungsmuskeln für die Nähe zu be- 
ll* 



164 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

herrschen und dauernd in Spannung zu erhalten. Netz- 
haut und Accominodations -Apparat theilen in viel hö- 
herem Grade, als man in der Therapie zu bedenken 
pflegt, ein an einander gebundenes, einheitliches Leben, 
und wo die Netzhaut Ungebührlichkeiten ertragen muss 
und erlahmt, da folgt die Erschlaffung des Muskel- 
Apparates auf den Fuss nach. 

Wer eine solche Ansicht nicht für eine blos erklü- 
gelte hält, der muss fast unwillkürlich auf den Gedan- 
ken geleitet werden, dass aus dem vermittelnden Lichte 
wieder die schonenden blauen Strahlen eine neue Seite 
therapeutischer Wirksamkeit gewinnen. Sie bil- 
den in der That das ebenso natürliche wie leicht erreich- 
bare Mittel für die ganze Klasse von Kranken, welche, 
noch in voller Lebenskraft stehend, die Nähe verlieren 
und die weiteste Berechtigung haben, vor Presbyopie 
geschützt zu werden. Durch die Art, nicht durch die 
Beugung der Lichtstrahlen wird ihrem Accommodations- 
fehler vorgebeugt; wo der Fehler des Alters schon zu 
früh in ihnen die ersten Stadien durchlief, wird ihm 
noch gründlich abgeholfen, und wo derselbe, länger ein- 
gewurzelt, schon der schwächeren Linsen nicht mehr 
entbehren kann, wird seinem sonst rasch erfolgenden 
Wachsthume durch eine gleichzeitige Verwendung des 
blauen Lichtes wenigstens Einhalt gethan. Und wenn 
der genannten Lichtart in dem eben vorausgeschickten Ab- 
schnitt, bei dem entgegengesetzten Accommodations- 
fehler, eine Bedeutung und eine heilsame Kraft beige- 
messen wurde, so galt es um so mehr, durch den 
schlussgerechten Gang der jetzigen Darstellung, den 
blauen Strahl aus seinen Eigenschaften heraus in einer 



Das blaue Licht giebt die Nähe. 165 

anderen krankhaften Verkettung als ein unersetzliches 
nähebeförderndes Mittel kenntlich zu machen. 

Zwar geht schon aus der optischen Thatsache, dass 
das blaue Licht eine grössere Brechbarkeit besitzt, klar 
genug hervor, dass dasselbe bei gesunkener Brechungs- 
kraft des Auges ein gleich nützliches Palliativ sein könne, 
wie die farblosen convex geschliifenen Medien. Aber 
unvergleichlich wichtiger, als diese physikalische Eigen- 
schaft, sind die Beziehungen, welche der blaue Strahl 
unmittelbar zur Vitalität der Netzhaut, und von 
dort aus mittelbar auf das Einstellungsvermö- 
gen für die Nähe hat. 

Die Therapie muss hier eine ebenso verschiedene 
sein, als das Wesen dieses Sehmangels schon in der 
Wurzel auseinandergeht. Während die Presbyopie alter 
Leute ein primärer in Form und Muskelkraft des Auges 
begründeter, naturgemässer Zustand ist, für den es nur 
ein Palliativ in den weissen Convexgläsern giebt, 
ist die nicht minder häufige vorzeitige Makropie 
ein von der Netzhaut ausgehender, nur secundär der 
Accommodation aufgedrungener Fehler, der vermieden, 
vor Steigerungen bewahrt, ja noch gebessert werden 
kann, sobald wir nur, das Verhältniss von Ursache und 
Folge beachtend, das blaue Licht als das Hauptmittel 
verwenden und die Convexschleifung nur in soweit hin- 
zufügen, als es der bereits in dem motorischen Apparat 
verbreitete secundäre Krankheits - Antheil erfordert. 

Doch die Benutzung des blauen Lichtes zur plan- 
mässigen Abwehr der Makropie, und zur Beschränkung 
der Presbyopie auf ihre berechtigte Lebenszeit würde 
lange nicht so erspriesslich sein, käme bei diesem Mittel 



166 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

nicht auch hier wieder ein besonders günstiger Umstand 
in Betracht, der die Erfolge des combinirten Verfahrens 
erst auf den Höhepunkt bringt. Wir sind im Stande, 
dem Kranken, welchem die Deutlichkeit der Nähe sonst 
unabwendbar schwinden würde, die Hülfe des blauen 
Lichtes nicht nur vor beiden Augen in derselben Stärke, 
sondern noch viel zweckmässiger vor jedem Auge in 
anders gewählter Abstufung zu gewähren, sobald das 
eine Auge das vornehmlich schuldige ist, und die Um- 
stände mit in Erwägung kommen, welche als Verkettung 
in der binocularen Combination so schädlich auf die Ein- 
stellungskraft auch des anderen Auges weiterwirken. 

Der Schwerpunkt einer solchen individualisirenden 
Gläser-Therapie liegt in der grossen Nachhaltigkeit 
derselben. Während der nach bisheriger Weise nur 
symptomatisch und ohne Rücksicht auf seine Netzhäute 
nur mit immer stärker gewählten Convexgläsern Behan- 
delte seinem Grundfeinde gegenüber, d. h. in dem weissen 
Licht verbleibend, die Nähe immer von neuem verliert, 
behält der mit blossem blauen Lichte oder mit viel 
schwächeren blauen Convexgläsern Versehene einen 
dauernden Halt. Wer wird also ein auch bei Makropie 
so handliches und fügsames zweites Mittel nicht will- 
kommen heissen? In Wahrheit ein Theil der Therapie, 
den man in seiner Alltäglichkeit und scheinbarer Ein- 
förmigkeit für abgeschlossen und für fernere Bestre- 
bungen kaum noch beachtenswerth hielt, gewinnt durch 
seine jetzige Individuali sirbarkeit, und durch die grosse 
Zahl der hier sich hinein drängenden Fälle wieder einen 
schöpferischen Charakter und neue Anziehungskraft für 
den eingehenden Augenarzt. 



Das blaue Licht giebt die Nähe. 167 

Doch wenden wir uns von diesen Betrachtungen 
ab, welche auch für mich nichts weniger als leitend 
waren, sondern sich nur den therapeutischen Beobach- 
tungen unabweislich anschlössen, und lassen wir die 
Erfolge selbst sprechen, welche das blaue Licht allein, 
oder mit der Schleifung des durchsichtigen Mediums 
verbunden, für die Einstellung des Auges auf nahe 
Sehobjekte leistet, und es ergiebt sich alsdann eine drei- 
fache Stufenfolge in der Entwicklung der Makropie. 

Erste Entwicklungs-Stufe (Macropia incipiens 
seu retinalis). 

Zunächst enthüllt uns das blaue Licht eine Klasse 
von Kranken, bei welchen die Weitsichtigkeit noch ihren 
ursprünglichsten Charakter trägt, nur in der Netzhaut 
allein wohnt, und den Accommodations-Apparat noch gar 
nicht in ihr Gebiet mit hinein gezogen hat. Während 
die hierher Gehörigen bei angestellten Versuchen in der 
Ferne so gut erkennen, dass sie sich mit jedem Gesun- 
den messen können, fehlt ihnen die Unterscheidung in 
der Nähe. Sie erhalten aber die Nähe zurück 
durch blosse blaue Plangläser und dieser Erfolg 
ist ebenso überraschend, als er uns auf die Pathogenie 
dieses Sehmangels unabweisbar hinführt. Solche Kranke 
lesen z. B. noch geläufig, sobald man sie nur darin ge- 
währen lässt, dass sie ein zur Hand genommenes nicht 
allzufein bedrucktes Schriftblatt bis auf zwei Fuss und dar- 
über hinaus von sich entfernt halten. Sie gewinnen da- 
gegen beim Lesen sofort den beliebigen normalen Nähe- 
punkt, und rücken das Schriftblatt genau in demselben 
Verhältnisse dichter zu sich heran, als man ihren Augen 



168 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

in steigender Scala von I bis VI die blauen Plangläser 
von immer dunkler werdender Färbung vorlegt. In 
das richtige Lichtmedium gebracht, unterscheidet jeder 
Einzelne dieser Kranken dann auch wieder die feinsten 
Schriftarten, welche dem Weitsichtigen bekanntlich ent- 
schwinden, während sie dem Gesunden zugänglich sind, 
weil dieser sich die gehörige Annäherung erlauben kann. 
Diese Fernsichtigen der ersten Entwicklungs-Stufe 
sind offenbar nur deshalb auf die Weite angewiesen, 
weil ihrer gereizten Netzhaut die nahen respective klei- 
nen Objecte zu stark leuchten, oder, wie sie sich darüber 
auszudrücken pflegen, „blenden, ihnen ein unangenehmes 
zuletzt unerträgliches Flimmern" verursacheu. Ihrer 
durch Uebermaass von Licht gesättigten Netzhaut er- 
scheint ein noch so schöner schwarzer Druck in der 
Nähe grau und blass, ohne scharfe Contouren, also über- 
haupt undeutlich. Die weissen Convexlinsen jedweder 
Nummer , durch welche man ihrer Weitsichtigkeit abzu- 
helfen versucht, weisen sie entschieden zurück, weil je- 
des das Licht brechende Glas auch mehr Licht auf 
ihre Netzhaut sammelt, mithin diejenige Schädlichkeit, 
in Folge deren sie gerade die Nähe hatten aufgeben 
müssen, nur noch erhöht. Die blauen Plangläser da- 
gegen halten die rothen und gelben Strahlen von ihrer 
empfindlichen Netzhaut in entsprechendem Maasse ab, 
während sie den veranlassten quantitativen Verlust an 
Licht nebenher durch ihre eigene qualitativ grössere 
Wahrnehmbarkeit ergänzen. Ungestraft können sich die 
Kranken wieder der Lichtquelle nähern und in dem- 
selben Grade wieder die kleinen und kleinsten Objecte 
erkennen. 



Das blaue Licht giebt die Nähe. 169 

Diese therapeutische Betrachtung, so schlicht und 
einleuchtend sie ist, hat eine ungemein grosse Gültig- 
keit für das Leben, wo überall und auf die verschie- 
denste Art, durch das unablässig werbende weisse Licht, 
schon aus den allzufrühen Lebensjahren der Weitsich- 
tigkeit, lediglich von der Netzhaut aus (und deshalb der 
Name Macropia retinalis), ein starker Ersatz gewonnen, 
und das Alter in die Jugend hineingeschoben wird. Die 
Beschäftigung in zu grosser Helligkeit und die dauernde 
Beschäftigung mit kleinen Gegenständen in der Nähe 
stehen rücksichtlich ihres schädlichen Einflusses voll- 
kommen in gleicher Linie. Der täglich vor der Esse der 
Dampfmaschine postirte Heizer, wie der beständig mit 
dem Fassen der feinsten Stickrosen beschäftigte Juwelier 
treten zuletzt als gleich vernichtete und auf gleiche 
Therapie angewiesene Gesichtsleidende vor ihren Arzt. 
Beide befinden sich nur als die lautesten Vertreter an 
der Spitze einer vielfach abgestuften Reihefolge von 
ähnlichen Leidenden, deren Aetiologie sich uns nur nicht 
so schroff und unumwunden aufdrängt. 

Zweite Entwicklungs-Stufe (Macropia defati- 
gata seu Kopiopia). 

Der einfachen Macropia retinalis schliesst sich die 
Klasse derjenigen Weitsichtigen an, welche die Ueber- 
gangs-Stufe zur vollendeten Makropie bilden. Bei diesen 
Kranken ist bereits von der lichtscheuen Netzhaut aus 
eine Rückwirkung auf den Accommodations-Apparat er- 
folgt. Die zur Gewohnheit gewordene Vermeidung der 
zu stark leuchtenden Nähe hat secundär einen Nachlass 
in der Contraction der betreffenden Muskeln verursacht, 



170 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

einen Nachlass, der sich nicht zu jeder Zeit, wohl aber 
bei der dauernden Beschäftigung mit nahen Objecten 
geltend macht. Mit anderen Worten, die Einstellungs- 
muskeln für die Nähe fallen zu rasch der Ermüdung 
(Kopiopia) anheim. 

Man sieht dergleichen Kranke, wenn sie sich eine 
Zeitlang ausgeruht haben, wohl ihre Arbeit in ange- 
messener Nähe beginnen, aber auch ebenso sich sehr 
bald und allmählich immer mehr daraus entfernen. Wer 
von ihnen z. B. bei acht Zoll Entfernung Anfangs be- 
quem las, den findet man schon nach einer Viertel- 
Stunde das Schriftblatt in einer Entfernung von sechs- 
zehn Zoll und weiter halten, und zwar nicht mehr, wie 
bei der vorhergegangenen Klasse, aus blossem Schonungs- 
Bedürfnisse für die Netzhaut, sondern schon gezwungen 
durch wirkliche Erschlaffung des Accommodations-Appa- 
rates, d. h. durch überhand nehmende Weitsich- 
tigkeit. Und wenn man in der neueren Zeit darin 
ziemlich übereingekommen ist, die Augenermüdung als 
einen selbstständigen Krankheitszustand mit dem beson- 
deren Namen Kopiopia zu belegen, so muss ich als 
häufigste Species dieser Augen - Affection und zum Ge- 
gensatze von einer Art von Ermüdung, die sich bei den 
Myopischen (Siehe darüber Cap. 1X6.) vorfindet, eine 
Macropia defatigata in das System einreihen. 

Diese von der Netzhaut aus verschuldete Kopiopia 
hat man Gelegenheit schon häufig bei den jüngsten In- 
dividuen wahrzunehmen, wo man um so weniger einen 
schon selbstständig geschwächten Accommodations-Appa- 
rat erwarten darf. Nur muss ich hierbei die Bemerkung 
einflechten, dass, wenn man über ein solches charak- 



Das blaue Licht giebt die Nähe. 171 

teristisches Zurückweichen vom Arbeits-Object sich nicht 
aus der eigenen Beobachtung und Anschauung des Kran- 
ken überzeugt, man davon überhaupt nichts zu wissen 
bekommt. Denn das Entfernen des Objects ist eben ein 
vollkommen unwillkürlicher Act des Kranken. Unter 
Hunderten giebt es kaum Einen, der sich dessen bewusst 
wird, und sich dazu anliesse, seinem Arzte darüber eine 
andere Mittheilung zu machen, als „dass er schliesslich 
bei der Arbeit ermüde, und wider Willen zur Unter- 
brechung gezwungen werde." 

Aber wichtiger als die Aetiologie und Pathogenie 
dieser Kopiopia, deren Natur ich hier klar zu machen 
und als eine mittlere Entwicklungs-Stufe der Weitsichtig- 
keit darzustellen versuchte, ist die uns jetzt zu Gebote 
stehende rationelle Therapie. Wie das Leiden ein dop- 
pelt begründetes ist, so ist ihm auch nur durch eine 
zusammengesetzte Hülfe beizukommen. Erklärlich 
ist es, dass der Kranke, welcher das Schriftblatt all- 
mählich bis auf sechszehn Zoll hinausschieben musste, 
und endlich mehr den Weitsichtigen als den Gesunden 
zuzuzählen ist, in weissen Convexgläsern nur eine tem- 
poräre Auskunft haben, und andererseits in blossen blauen 
Plangläsern nur einen wohlthuenden Einfluss verspüren 
kann. Dagegen wahre Hülfe und volle Befriedigung 
können ihm erst die combinirten blauen Convex- 
gläser gewähren, unter deren schonendem Schutze und 
lichtbrechenden Kraft er die Nähe nicht wieder aufgiebt, 
d. h. der Ermüdung gänzlich überhoben wird. 

Das Verhältniss, in dem die beiden Hülfsmittel mit 
einander combinirt werden müssen, ist indessen ein in- 
dividuell sehr verschiedenes. Von zwei in ihrer äusseren 



172 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

Erscheinung und im Grade der Ermüdung vollkommen 
gleichen Kranken hat der Eine noch hauptsächlich an 
dem primären Reizzustande seiner Netzhaut zu leiden, 
der ihm nicht erlaubt, sich der Lichtquelle angemessen 
zu nähern, der Andere hat in höherem Maasse durch 
den rasch erschlaffenden Muskelapparat des Auges die 
Nähe eingebüsst. Während wir jenem durch die sehr 
schwach geschliffenen aber tief blauen Convexgläser 
No. 80. in Nuance VI vollständig zur Nähe verhelfen, 
bedürfen wir dazu für den Letzteren schon der Wahl 
der stark geschliffenen aber schwach gebläuten Convex- 
gläser No. 20. in Nuance III. So nur werden Beide sich 
wieder dauernd ihrem Berufe widmen, und bei ihrer 
Thätigkeit selbst oft radicale Heilung erfahren können. 

Und wenn der in der Hyalophthalmiatrik weniger 
geübte Arzt von Anbeginn nicht bestimmen kann, in 
welchem Verhältnisse wohl bei einem Kranken die Ma- 
cropia retinalis zur Macropia muscularis stehen mag, so 
ist ein sorgfältiges Versuchen das sicherste Mittel, um 
die passendste Combination aufzufinden. 

Der individualisirenden Behandlung ist aber auch 
dann noch nicht einmal ihr volles Recht geschehen, wenn 
wir das Verhältniss der Lichtart zur Lichtbrechung im 
Ganzen festgestellt haben. In der Wahl der blauen 
Lichtart selbst ist wiederum als noch speciellere Auf- 
gabe die Erforschung eingeschlossen: wie tief die Nuance 
für das rechte und wie tief sie für das linke Auge sein 
muss, damit der an Kopiopie Leidende wieder am voll- 
ständigsten die Nähe gewinnen und dauernd festhalten 
könne. 

In dieser Beziehung muss ich hier auf die thera- 



Das blaue Licht giebt die Nähe. 173 

peutisch wichtige Thatsache aufmerksam machen, dass 
die vorzeitige Weitsichtigkeit sogar meisten- 
theils nur in dem einen auf irgend eine ge- 
ringfügige Weise schadhaften Auge ihren Ent- 
stehungsgrund hat, während das andere in sich 
gesunde Auge den Accommodationsfehler nur mitmachen 
muss. Daher pÜegt auch die zweckmässigste Einrich- 
tung darin zu bestehen, dass wir von den zwei Augen 
des Kopiopischen das eine mit einem dunkleren, das 
andere mit einem verhältnissmässig helleren Convex- 
glase unterstützen. In messbarer Weise gewinnt dann 
der Kranke besser die Nähe und bekommt das Gefühl, 
dass er ihrer um so dauernder Herr bleiben werde, weil 
ihm die Hülfe ebenso genau entgegenkommt, als seine 
Krankheit an verschiedenen Stellen ihre Keimpunkte ge- 
habt hatte. 

Eine Combination 

-f 60 in III für das rechte, 

-f- 60 in V für das linke (z. B. durch eine kaum 

entdeckbare nubecula schwächere) Auge, 

erwirbt also für einen beispielweise gewählten Fall in 

wirksamerer Weise die Nähe, als wenn wir die selbst 

stärker geschliffenen Gläser 

N beiderseits 
1 (in Nuance IV 

gewähren. Und auch bei dem Gegenversuche, die obige 
Brille mit -\- 60 so vorzulegen, dass die Nuancen in 
umgekehrter Weise die Augen schützen, erweist es sich 
sofort, dass der Gewinn der Nähe bedeutend und oft 
bis über die Hälfte herabsinkt. 



174 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Dritte Entwickelungs-Stufe (Macropia 
perfecta). 

Erst nachdem die beiden früheren Stadien, denen 
keine Abhülfe geboten wurde, durchlaufen sind, gelan- 
gen unsere jugendlichen Kranken zu der Energielosig- 
keit ihrer Acconimodationsniuskeln , wobei, wie bei der 
eigentlichen Presbyopie, Ein- für Allemal, und auch selbst 
nach vorausgegangener Ruhe, die Einstellung des Auges 
für die Nähe unmöglich geworden. Unter den Convex- 
gläsern kann ich die Nummer 20 ungefähr als diejenige 
bezeichnen, zu der man alsdann schon seine Zuflucht 
nehmen muss, um gewöhnliche Druckschrift genügend 
erkennbar zu machen. 

Wie ganz anders ist aber auch hier der Erfolg, 
wenn wir diesen am weitesten vorgerückten Kranken 
das Licht nicht nur richtig brechen, sondern auch für 
ihre Netzhaut schonend genug zurichten! Stunden und 
Tage lang sind sie fähig, unter denselben aus blauer 
Glasmasse geschliffenen Linsen unablässig zu lesen, oder 
sonst in der Nähe ihr Geschäft eifrig zu betreiben, 
während sie die aus weisser Glasmasse geschliffenen 
Gläser schon nach wenigen Minuten als feindselig ver- 
blendende Werkzeuge zurückweisen. 



Das blaue Licht giebt die Nähe. 175 



Casuistik. 

Fall 25 bis 30. 

Fall 25. 
Ein blaues Planglas nur vor dem rechten Auge 
bringt einem Kranken mit einseitig begründeter 
Presbyopia incipiens die gewichene Unterschei- 
dung naher Gegenstände zurück. 

Der Kunst -Tischler Frank, wiewohl erst im Anfang 
der zwanziger Jahre, machte die Bemerkung, dass ihm das 
Erkennen in der Nähe in besorglicher Weise schwand, und 
da sich bei jeder andauernden Anstrengung ein Schmerz im 
oberen Augenlide rechter Seits seiner Sehstörung zugesellte, 
so hatte dies bei ihm den Verdacht auf Rheumatismus er- 
weckt. Der Kranke stellte sich mir im Mai 1857 vor, und 
fand ich bei genauerer Untersuchung folgende eigenthümliche 
Sachlage, von welcher er selbst bis dahin keine Wahrneh- 
mung gehabt hatte: 

Das rechte Auge war für sich allein presbyopisch ; denn 
während das linke Auge für's Lesen seinen Nähepunkt bei 
6 Zoll hatte, begann das rechte erst bei anderthalb Fuss, 
dieselbe Schrift zu unterscheiden. Für den Fernpunkt waren 
beide Augen gleich und erreichten ohne Schwierigkeit 3 Fuss. 
So erklärte sich auch, dass der Kranke während seiner jüngst 
verflossenen militairischen Dienstzeit niemals ein Hinderniss 
verspürt, im Gegentheil als Gardeschütze sich vor vielen 
seiner Kameraden bei den Schiess - Uebungen ausgezeichnet 
hatte. 

Des wissenschaftlichen Vergleiches wegen beschloss ich, 
gegen dieses Augenübel die Hülfe älterer Art durch Convex- 
gläser (Lichtbrechung) und die neue Hülfe durch ein einzel- 
nes blaues Planglas (qualitative Lichtänderung) genau neben- 
einander zu versuchen. 

Es ergab sich, dass ich für das rechte Auge in der 



176 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Reihefolge der weissen Convexgläser bis auf No. 30., in der 
Reihefolge der blau nüancirten Plangläser bis auf No. VI. 
steigen musste, um den Erfolg zu haben, dass das rechte 
Auge für sich allein, gleich dem linken, in der Nähe von 
6 Zoll zu lesen vermochte. 

In der Hauptsache der Behandlung, der Wiederer- 
möglichung des Zusammenwirkens beider Augen, 
stellte es sich aber alsbald heraus, dass das weisse Convex- 
glas No. 30. unbrauchbar war, während das blau nüancirte 
Planglas beiden Augen die Thätigkeit leicht und dauernd zu- 
sammenlegte. Denn bei der ersten Bewaffnung: 
+ 30 in Weiss rechts, 
Plan in Weiss links, 
las der Kranke zwar eine Weile nahe genug, aber nur unter 
häufigem Augenlidschlage, unter dem Gefühl jenes vermeintlich 
rheumatischen Schmerzes, der Anstrengung in beiden Augen 
und mit dem deutlichen Verlangen, das Schriftblatt allmählich 
weiter zu entfernen. 

Eine für mich wichtige Thatsache war endlich noch die, 
dass in demselben Moment das Lesen in der Nähe plötzlich 
wie abgebrochen, und wieder auf grössere Ferne verwiesen 
war, sobald ich das Convexglas entfernte. 

Bei der Bewaffnung 

Plan in Nuance VI rechts, 
Plan in Weiss links, 
hingegen las der Kranke nahe, behaglich, deutlich, 
dauernd, schmerzlos, auch unbekümmert, ob ich ihm 
abwechselnd das rechte oder linke Auge schloss, und end- 
lich, wenn ich die in der Beleuchtung combinirte Brille plötz- 
lich entfernte, so dauerte noch hinterher ganz wie unter dem 
Schutze derselben die Fähigkeit, nahe zu lesen, eine ganze 
Weile unverändert fort, bis allmählich die Einwirkung des 
weissen Lichtes die frei gewordene Thätigkeit des rechten 
Auges für die Nähe wieder lähmte. 

Der Kranke gab mir nachträglich noch einige Male Ge- 
legenheit, seinen Zustand zu prüfen. Ich überzeugte mich, 



Das blaue Licht giebt die Nähe. 177 

dass jedesmal die letzterwähnte Nachwirkung der Brille an 
Dauer gewonnen hatte. 

Fall 26. 
Eine einseitige Hornhaut - Trübung giebt Veran- 
lassung zu frühzeitiger Weitsichtigkeit und die 
einseitige blaue Lichtabschattung ist das Gegen- 
mittel. 

Die Erfahrung hat zur Genüge mich überzeugt, dass 
Personen mit einseitiger Hornhaut-Trübung verhältnissmässig 
viel früher und tiefer in Presbyopie versinken, als es dem 
natürlichen Laufe nach Statt finden sollte. Unverkennbar 
liegt die Schuld hiervon in der binocularen Combination und 
der davon wieder ausgehenden lähmenden Rückwirkung auf 
die Accommodation des getrübten sowohl als auch des gesun- 
den Auges. Die einseitige Abschattung kann vor solcher 
verfrühten Weitsichtigkeit nicht nur schützen, sondern bringt 
auch selbst da, wo dieselbe schon erfolgt ist, noch nachträg- 
lich die bündigste Hülfe. 

Frau B . . . war, wiewohl sie das vierzigste Jahr noch 
nicht erreicht hatte, bereits so weitsichtig geworden, dass sie 
beim Lesen das Schriftblatt nicht unter 18 Zoll nähern konnte, 
und trotz der Steigerung bis auf Convexgläser No. 25. keine 
genügende Ausdauer besass. Eine Hornhaut-Trübung des 
rechten Auges, welche sich bei ihr aus der Kindheit her 
erhalten hatte, veranlasste mich, einseitig das blaue Licht 
zu verwenden. Jedes tiefer nüancirte Planglas, welches ich 
dem rechten beiläufig zum Lesen unfähigen Auge vorlegte, 
erlaubte ihr, das Schriftblatt um einige Zoll näher zu rücken. 
Durch Nuance VI war das binoculare Sehen bis so weit ge- 
ordnet, dass die Kranke bequem auf 9 Zoll las. 
Eine Brille 

Plan in Nuance II links, 

Plan in Nuance VI rechts, 
entsprach allen Wünschen, um in der Nähe deutlich und 
dauernd zu unterscheiden. 

Böhm, Licht - Therapie. 12 



178 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

Nur für die Beschäftigung mit sehr kleinen Objecten bei 
künstlicher Beleuchtung hielt ich es zweckentsprechender, 
die qualitative Lichtänderung mit schwacher Lichtbrechung 
in einer Brille 

Convex 70 in Nuance II links, 
Convex 70 in Nuance V rechts, 
zu vereinigen. Rechts und links gleich nüancirte Convex- 
gläser, auch von viel stärkerem Wölbungsgrade, welche ich 
des Gegen Versuches wegen anwendete, wurden sämmtlich als 
wirkungsloser von der Kranken zurückgewiesen. 

Fall 27. 
Ein blaues Planglas in Nuance III, dem rechten 
Auge vorgelegt, eröffnet bei einer Presbyopia 
defatigata beiden Augen die Unterscheidung in 
der Nähe und gewährt damit Schmerzlosigkeit 
und Ausdauer beim Sehen. 

Otto Boeck, 27 Jahre alt, wurde seit 6 Monaten durch 
sein scheinbar mehr und mehr schwindendes Sehvermögen 
in seiner Beschäftigung als Klempner so behindert, dass er 
nur mit gröberen Arbeiten sich befassen konnte. »Bald nach 
„Beginne seiner Thätigkeit stelle sich rechter Seits ein Ge- 
fühl von Druck im oberen Augenlide ein, welchem dann 
„Undeutlichkeit und schliesslich gänzliche Unfähigkeit der 
„Unterscheidung nachfolge." 

Bei genauerer Einzelprobe der Augen ergab sich, eine 
wesentliche Verschiedenheit in der Sehweite. Das linke 
las von 6 — 12 Zoll ohne alle sonstige Nebenerscheinungen. 
Das rechte Auge las von 12—24 Zoll, und jener Druck im 
oberen Augenlide erschien in seiner vollen Stärke, sobald 
ich den Kranken anhielt, in der möglichsten Nähe von 12 Zoll 
andauernd zu lesen. Mit dem Vorlegen eines Planglases in 
Nuance III hingegen verschwand nicht allein das Gefühl des 
Druckes spurlos, sondern das Auge erhielt die Fähigkeit, 
dauernd und ohne Mühe bis in die Nähe von 6 Zoll zu le- 
sen. Unter dem lichtmildernden Glase war das- 



Das blaue Licht giebt die Nähe. 179 

selbe in jeder Beziehung dem linken Auge gleich 
fungirend! 

Wie sich erwarten Hess, wurde nun durch die einsei- 
tige Farbenunterstützung auch die gemeinsame Thätigkeit 
der Augen wieder frei. Mit einer Brille, bestehend aus 
einem 

Planglase in azurblauer Nuance III rechts. 

Planglase in Weiss links, 
war der Kranke aller Beschwerden überhoben, und von 
Stunde an in seiner vollen Arbeitskraft. 

Fall 28. 

Blaue Abschattung der Con vex-Brille No. 40. in 

stärkerem Maasse vor dem rechten (schwächeren) 

Auge erwirbt bei einer Kranken mit Presbyopia 

defatigata die Nähe und damit die Dauer. 

Frau Ziech, 38 Jahre alt, hatte die Einstellungskraft 
für die Nähe und damit den dauernden Gebrauch der Augen 
eingebüsst. Selbst nach vorausgegangener Ruhe war die 
Kranke nicht im Stande, das Schriftblatt näher als 14 Zoll 
zu halten, und beobachtete ich dieselbe anhaltend, während 
sie las, so deutete mir ein plötzlich erfolgender Augenlid- 
schlag auf eine objective Weise genau den Zeitpunkt an, 
von welchem ab das Erkennen der Schrift nur noch müh- 
selig von Statten ging. Ein allmähliches Entfernen des 
Schriftblattes gab dann eine augenblickliche Aushülfe, bis 
die Kranke schliesslich zu einer Sehweite von 22 Zoll zu- 
rückgewichen war. Hier aber erfolgte dann gänzliche Er- 
müdung. Seit Jahren schon hatten immer stärkere Steige- 
rungen in den Convexgläsern aushelfen müssen. Die letzten 
derselben, No. 20., vergrösserten schon merklich die nahen 
Objecte, ohne deswegen Ausdauer gewähren zu können. 

Auf ein anderes Mittel als auf blosse Lichtbrechung 
musste also hier Bedacht genommen werden. Bei der des- 
halb angestellten Einzelprobe der Augen ergab sich sehr 
bald der Grund, weshalb die bisherigen Versuche mit weissen 

12* 



180 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Gläsern rnisslingen mussten. Das rechte Auge war schwä- 
cher, trug die Schuld an einer heimlichen Disharmonie der 
Sehorgane und gab die Veranlassung zu jenem Blinzeln der 
Lider. Seinem Baue nach so weitsichtig wie das andere, 
sah dasselbe dennoch weniger weit, und auch in der Nähe 
selbst weniger deutlich seiner trägeren Netzhaut wegen. 
Dies forderte für sich allein ein gemässigteres und wahrnehm- 
bareres (rascher schwingendes) Licht, um mit der Netzhaut 
des linken Auges wieder in gleich lebhafte Thätigkeit ver- 
setzt zu werden. 

Deshalb entsprach auch eine Convex-Brille No. 40. mit 
gleicher Lichtänderung vor beiden Augen (in Nuance IV) 
nicht den vorliegenden Krankheits-Verhältnissen. Denn wenn 
ich bei der versuchsweisen Anwendung einer solchen Brille 
die Augen abwechselnd schloss, so bedurfte das rechte 
(schwächere) Auge noch einer ganzen Weile, ehe ihm die 
Schrift auf dem Probeblatt mit der Klarheit entgegentrat, 
wie solche dem linken Auge mit dem ersten Hinblick schon 
dastand. 

Dieser und manche andere wesentliche Unterschiede, 
die ich hier übergehen kann, schwanden dagegen spurlos 
unter der entsprechend combinirten Convex-Brille 
+ 40 in Nuance III links, 
-4- -10 in Nuance V rechts. 
Beide Augen waren unter dem gleich gebrochenen, aber 
jetzt verschieden schwingenden Lichte in jeder Beziehung 
gleich wirkend , und bis in die bequemste Nähe besass die 
Kranke wieder volle Sehkraft und Ausdauer. 

Fall 29. 
Rechts und links verschieden blau nüancirte Con- 
vexgläser No. 12. geben bei einer Presbyopia per- 
fecta den durch farblose Linsen unerreichbaren 

Gebrauch der Augen für die Nähe zurück. 

Frau Mieloff war mit ihrem 48sten Jahre bereits zu 
solcher Presbyopia perfecta gelangt, dass sie bis zu den 



Das blaue Licht giebt die Nähe. 181 

Convexgläsera No. 12. gestiegen war. Aber auch darin fand 
sie nicht die erwünschte Unterstützung. Diese Gläser ver- 
mochten ihr zwar die Strahlen naher Objecte genügend zu 
brechen, verursachten aber andererseits den Augen ein so 
concentrirtes Licht, dass die Netzhäute darunter litten. Ein 
Gefühl von Ziehen kündigte bei der Arbeit alsbald die 
Ueberreizung der Augen an, beim Lesen verloren die Buch- 
staben mit jedem Moment mehr die natürliche Schwärze, 
schienen zu erblassen und schwanden in einander. Ein ent- 
schiedener Verfall der optischen Energie sprach sich beson- 
ders darin aus, dass auch die Ferne an Klarheit verlor und 
z. B. Gesichtszüge bekannter Personen der Kranken bereits 
in der Entfernung von acht Schritt unkenntlich wurden. 

Der Versuch, auf schwächere Convexgläser zurückzu- 
gehen, misslang; schon die nächstfolgenden Nummern er- 
wiesen sich für das Lesen nicht lichtbrechend genug. So 
verblieb ich bei den Convexgläsern No. 12., legte aber die 
blaue Farbe hinein, und zwar in Rücksicht auf den Umstand, 
dass das rechte (vor 10 Jahren von mir am Schielen operirte) 
Auge wesentlich schwächer war, wählte ich die verschieden 
abgeschattete Brille 

-f 12 in Nuance III links, 
-f- 12 in Nuance V rechts. 

Die Kranke las sofort unter dieser Hülfe eines richtig 
gebrochenen aber auch schonenden und wahrnehmbareren 
Lichtes deutlicher und mit voller Ausdauer, und vermochte 
selbst bei künstlicher Beleuchtung feine Handarbeiten aus- 
zuführen, von denen sie bereits seit Jahren hatte Abstand 
nehmen müssen. Legte sie die Brille ab, so gewahrte sie, 
dass auch die Unterscheidung ferner Objecte in demselben 
Maasse gewann, als nach dem Gebrauche ihrer früheren Gläser 
sich darin eine besorgliche Abnahme geltend gemacht hatte. 
Ein später angestellter Versuch, den Augen eine andere Brille 
von Convexgläsern No. 12. beiderseits in gleicher Nuance 
(No. IV.) unvermerkt unterzuschieben, wurde sofort er- 
kannt, und als weit weniger hülfreich zurückgewiesen. 



182 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Fall 30. 

Blaues Licht kräftigt bei einer Kranken mitPres- 

byopia perfecta die Thätigkeit des Accommo- 

dations-Apparates für die Nähe. 

Frau Pasemann, 50 Jahre alt, befand sich in einem 
nach den bisherigen Anschauungen der Therapie bedenklichen 
Complex von Krankheits-Erscheinungen, ohne dass das Oph- 
thalmoscop die geringste Spur eines Leidens kund gab, von 
dessen planraässiger Bekämpfung man vielleicht eine Besse^ 
rung hätte erwarten können. 

Die Deutlichkeit der Objecte in der Ferne ging ihr nach 
und nach verloren, während in Bezug auf die Nähe die Fähig- 
keit zum Lesen selbst recht grosser Druckschrift schon seit 
Jahren ein Ende genommen hatte. Um experimentell eine 
genauere Bezeichnung von dem Zustande ihrer Netzhäute und 
ihrer Accommodationskraft zu geben, will ich nur anführen, 
dass es der weissen Convexgläser No. 10. bedurfte, um die 
Kranke zum Lesen einer Zeitung zu befähigen. Aber auch 
so kräftig unterstützt konnte sie das Blatt nicht näher als 
auf 2 Fuss bringen, und nach mühsamem Durchlaufen eini- 
ger Zeilen war auch dieses Resultat optischer Hülfe bereits 
verbraucht. Stärker als No. 10. gewölbte Gläser wies die 
Kranke entschieden zurück, weil sie ihr Vergrösserung der 
Objecte und Schwindel erregten. 

Ich stieg also bei der Wahl des Glases nicht hinsicht- 
lich der Wölbung, aber ich nahm aus dem Lichte, welches 
No. 10. auf die Netzhaut concentrirte , einen Theil der gel- 
ben und rothen Strahlen, und nach dem Zollstabe Hess sich 
der Werth dieser kostenfreien Therapie ermessen. Mit jeder 
blaueren Nuance näherte ruckweise die Kranke das Blatt 
den neu sich belebenden Augen, und durch Nuance V bis in 
die Nähe von 6 Zoll angelangt, las sie dauernd und ohne eine 
Andeutung von Ermüdung ihre Zeitung zu Ende. + 10 in V 
war die Chiffre, für welche es sonst keinen Ersatz giebt. 
0*0 



1X5. 

Das blaue Licht beseitigt 

— namentlich bei einseitiger Verwendung 
den Schmerz. 



Was hat das Licht mit den Gefühlsnerven und was 
die Farbe mit dem Schmerze gemein ? Wo ist die Stelle, 
von wo aus der Schmerz im Gesichtssinne heimlich ent- 
springt, und wo der Ort, an dem der Kranke die Wir- 
kung verspürt? Unter welchen Indicationen, an welchem 
Auge, und in welchen Abstufungen sollen wir das far- 
bige Licht gegen den Schmerz verwenden? Das sind 
von der Pathologie noch wenig ergründete, von der The- 
rapie kaum aufgeworfene Fragen. Und dennoch ist das 
farbige Licht, in der rechten Weise verwendet, das ein- 
zige erfolgreiche Mittel gegen den Schmerz da, wo jede 
Ruhe und Schonung umsonst, alle schwächenden Ver- 
fahrungsweisen vergeblich sind, und alle Anodyna, von 
der Blutentziehung an bis zur Atropa und zu dem Mohne 
uns im Stiche lassen. Die Zahl derer, die ich durch Ver- 
wendung zweier verschieden blauer Glasscheibchen als^ 
bald von lähmendem Augenschmerze befreite, ist zu gross 



184 Die Erfolge der Licht- Therapie. 

angewachsen, die Beobachtungen darüber sind zu sorg- 
fältig den Täuschungen entrückt, und diese Heilmethode 
hat sich schon zu viele Jahre nachhaltig bewährt, als dass 
ich nicht versuchen sollte, darüber einige Grundsätze fest- 
zustellen, die einer ferneren Ausbildung fähig sind, wenn 
es mir gelingen sollte, die Aufmerksamkeit meiner Fach- 
genossen darauf hin zu lenken. 

Hatte man sich zeither der blauen Gläser bei Augen- 
schmerzen bedient, so beabsichtigte man entweder eine 
einfache quantitative Verminderung des Lichtes, sobald 
dasselbe in gar zu verletzender Weise auf gesunde 
Augen wirkte, oder man wollte dadurch bei krankhaft 
reizbaren Augen den nur relativ zu hohen Lichtgrad 
herabstimmen. Allein mit der Erfüllung dieser beiden 
Indurationen durch die sogenannten Schutzbrillen ist 
die Licht-Therapie weit vom Ziele ihrer wahren Wirk- 
samkeit entfernt, trifft nur den weniger wichtigen Theil 
der Kranken, und lässt die ungemein grosse Zahl derer 
unbefriedigt, denen das Licht, merkwürdig genug, eine 
feindselig schmerzerregende Potenz verbleibt, auch wenn 
wir ihnen dasselbe bis zu dem Grade herabstimmen woll- 
ten, der für den Zweck irgend welcher Beschäftigung 
schon zu weit geführt ist, und bei dem dann Schmerz 
und Lichtmangel sogar noch nebeneinander her gehen. 
Rathlos standen wir einer ganzen Klasse von Kranken 
gegenüber, weil wir einfach nicht . bedachten , dass ihre 
Klage über das schmerzerregende Licht nicht in dem 
Lichtgrade überhaupt zu suchen sei, sondern in 
tler aufgehobenen Gegenseitigkeit ihrer beiden 
Augen, die durch keinerlei gemeinsame Herabstimmung 
der Lichtmenge Abhülfe finden kann, sondern nur durch 



Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 185 

eine Milderung des Lichtes für jedes einzelne Auge 
besonders. 

Schmerz ist das Product der dauernden 
aber vergeblichen Bemühungen des gesunden 
Auges, die von der anderen Seite ihm zuströ- 
menden Gesichts-Störungen zu negiren. Bei die- 
ser Auffassungsweise des Augenschmerzes und der darauf 
passenden und sich als unfehlbar erweisenden Behand- 
lung müssen wir auf das vermittelnde Organ zurückkom- 
men, welches das von beiden Seiten zusammenströmende 
Licht einigen soll, Sind diesem Vermittelungsorgane 
die beiden Lichtströme — wie sie eben von verschie- 
den gewordenen Augen aufgefasst werden — zu different, 
und erregen ihm Schwierigkeiten in der Combination, 
— und dazu ist unter Umständen eine äusserst geringe 
Abweichung der Lichtauffassung des einen Auges oft 
am allergefährlichsten — : so tritt der Fall ein, dass 
nicht sowohl eine wirkliche Sehstörung, als vielmehr eine 
Schmerzensäusserung zu Stande kommt, die dem dauern- 
den Gebrauche des Gesichts mit allem Erfolge in den 
Weg tritt. Die Stelle aber, wo der in der binocularen 
Combination heimlich aufkeimende Schmerz zur Wahr- 
nehmung kommt, ist thatsächlich als ein sehr verschiede- 
ner zu bezeichnen und die Kranken lassen sich in die- 
ser Beziehung in ganz bestimmte Gruppen trennen. 

Ein Theil fühlt die Schwierigkeit der Lichtaus- 
gleichung in dem vermittelnden centralen Organe selber 
als wirklichen Hirnschmerz, der bei nervösen Indi- 
viduen leicht in die Form der Migräne übergeht. Bei 
Anderen wird der Schmerz vom Centrum aus in man- 
cherlei Nervenbahnen ausgesendet, z. B. zum Magen, und 



186 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

dort entsteht, wenn den Augen nicht frühe genug die 
Ruhe gegönnt wird, Uebelkeit. Die Rückwirkung geht 
den Nacken herunter und wird dort von Vielen mit 
grosser Einstimmigkeit als ein Gefühl gespannter Stränge 
beschrieben, zieht zu den Fingerspitzen und erregt 
dort eine Empfindung wie beim Eingeschlafensein. 

Der bei weitem gewöhnlichste Sitz des excentrischen 
Schmerzes findet aber in den Nerven der unmittelbaren 
Umgebung des einen Auges seinen Boden. Und die- 
ses eine Auge, welches ringsum in seinen sensitiven 
Nerven empfindlich erregt wird, sobald der Kranke 
dauernd zu sehen sich bestrebt, pflegt merkwürdiger 
Weise nicht mit Vorzug das ursprünglich mit irgend 
einem Fehler behaftete und die centrale Schwierigkeit 
der Lichtausgleichung verschuldende Auge selbst zu sein, 
sondern ist sogar meistentheils das andere in sich 
vollkommen gesunde und brauchbare Auge. 
Gegen dieses gesunde Auge führt in der Regel der von 
dem inneren Zusammenhange seines Leidens Nichts ah- 
nende Kranke dem Arzte gegenüber seine ungerechte 
Anklage: „dieses", behauptet er, „sei das durch Schmerz 
„deutlich als schuldig sich kund gebende, ihm alle Aus- 
dauer verderbende und allein zu heilende Auge." 

Aber wie erfolglos jedes Mittel sein würde, das 
wir solchem schmerzenden Auge selbst zuwenden 
wollten, wird aus der soweit gegebenen Entwicklung des 
Schmerzes schon genugsam hervorleuchten. Ja, ich 
musste in der Regel die Erfahrung machen, dass ein 
blaues Glasscheibchen, auf dessen Hülfe wir in solchen 
Fällen eben angewiesen sind, das excentrische Schmerz- 
gefühl geradesweges schärft, statt es zu mildern, sobald 



Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 187 

ich dasselbe, um dem Wunsche des getäuschten Kran- 
ken willfährig zu sein, dem schmerzenden Auge selbst 
vorlegte. 

Wird dagegen in richtiger Weise dem schmerzlo- 
sen aber den verschuldeten Schmerz heimlich auf die 
andere Seite hinübersendenden Auge das blaue Glas- 
scheibchen vorgelegt: so entfernt dasselbe unverzüglich 
die centrale Schwierigkeit, und lässt somit auch die 
Leiden des gesunden Auges in demselben Moment ver- 
stummen. Auf das Unbedingteste ist man im Stande, 
z. B. den quälendsten Schmerz auf der rechten Seite will- 
kürlich schwinden und kommen zu heissen, je 
nachdem man das linke etwas schwächere Auge mit dem 
blauen Gläschen bald schützt, bald wieder im Stiche 
lässt. 

Anatomisch betrachtet ist der nervus trigeminus der 
Träger dieser schmerzhaften Affectionen in der Umge- 
bung des gesunden Auges, von dessen erstem Aste die 
Zweige des supraorbitalis, supratrochlearis, infratrochlea- 
ris und lacrymalis die Augenlider und Bindehaut von 
Oben Innen und Aussen versorgen, während der zweite 
Ast vermittels des infraorbitalis und subcutaneus malae 
dem unteren Augenlide allein Zweige zusendet. Mit 
vielen dieser Empfindungsnerven ist bekanntlich der Be- 
wegungsnerv der Augenlider, der n. facialis, verbunden, 
woraus sich erklärt, weshalb jene Schmerzempfindungen 
sich in manchen Fällen mit krampfhaften Zuckungen 
vereinigen. 

Ganz entsprechend dieser Nervenverzweigung, so 
wie sie das anatomische Messer nur verfolgen kann, 
lauten die Klagen der vom reflectirten Lichtschmerze Ge- 



188 D ie Erfolge der Licht - Therapie. 

quälten. Je nach ihren verschiedenen Angaben erkennt 
man genau diesen oder jenen einzelnen Ast des trige- 
minus heraus, während unterdessen das andere Auge, 
welches die Schwierigkeit der centralen Lichtcombina- 
tion veranlasst, schmerzlos und scheinbar schuld- 
los sich verhält, oder doch erst später daran Theil 
nimmt. 

Was den ' Grad der so erregten Schmerz empfindung 
betrifft, so haben diejenigen Kranken, welche der ge- 
ringsten Rückwirkung der centralen Licht-Schwierigkeit 
auf den trigeminus ausgesetzt sind, bloss von ihrem einen 
(und zwar meistens dem besseren) Auge ein gewisses 
Bewusstsein oder ein Gefühl leisen Druckes, . das sie 
bald nach Beginne der Arbeit beschleicht, aber hinreichend 
genug ist, um ihre Aufmerksamkeit zu zerstreuen und 
die Beschäftigung, namentlich geistige Thätigkeit, zu 
stören. Andere fühlen den Schmerz schon als einen 
peinlichen Druck im äusseren, Andere wieder im in- 
neren Augenwinkel oder in der Supraorbital- 
Gegend der einen Seite. Noch Andere beklagen sich 
über ein lästiges Brennen oder Ziehen genau dem un- 
teren Augenlide entlang oder oberflächlich in der 
Haut rings um die Orbita. Am empfindlichsten tritt 
die Schmerzens-Aeusserung als ein lebhaftes Stechen 
im Auge auf, als ob Sand oder ein einzelner fremder 
Körper zwischen den Augenlidern sich befände und die 
Conjunctiva reizte. 

Hat aber der eine oder andere dieser verschieden 
localisirten Schmerzen erst ein Weilchen in dem einen 
— meistens dem besseren — Auge gewährt, so pflegt 
dann auch das andere Auge in ganz ähnlicher Weise 



Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 189 

davon umzogen zu werden, und es naht die Zeit, wo 
der Kranke die Arbeit nicht fortsetzen kann. Sträubt 
er sich dennoch gegen die Unterbrechung, so sieht man 
alsdann auch noch objective Erscheinungen auftreten, 
die in einer Reflex Wirkung auf die motorischen Nerven 
— Aeste des facialis — begründet sind. Die Augen- 
lider gerathen in eine rasch blinzelnde, ja zuckende Be- 
wegung, es erfolgt ein Thränen und eine deutliche Hy- 
perämie in der Gefässverzweigung der Conjunctiva. Das 
Schliessen der Augen wird endlich allen Widerstrebens 
des Kranken unerachtet zur unbedingten Notwendigkeit. 
Da die Lichtwirkung es ist, welche die eben be- 
schriebenen Schmerzen herausfordert, so dürfen wir uns 
nicht wundern, dass ein Theil der Kranken, der am Tage 
fast oder ganz verschont bleibt, bei künstlicher (chro- 
matischer) Beleuchtung wegen Augenschmerzen der Ar- 
beit entsagen muss. Schon auf der Schule sammelt 
sich eine kleine klagende Schaar, auf der ein ungerechter 
Verdacht lastet, weil nach ihrer Angabe ein kaum ent- 
deckbares Hornhautwölkchen des einen Auges dem an- 
deren gesunden Schmerzen erregt und jede Anstrengung 
verbietet, wozu die langen Winterabende verwendet werden 
müssen. In der Gelehrten- und in der Künstler- 
Stube sieht es oft nicht weniger schmerzlich aus, und in 
den hell durch Gaslicht erleuchteten grossen industriel- 
len Werkstätten, wo Hunderte beisammen wirken, 
bleibt mancher rüstige Arbeiter im Rückstande, weil er 
gegen seine Augenschmerzen nicht die passende Erleich- 
terung finden konnte. 



190 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

Die Behandlung des in der gestörten Licht- 

Combination begründeten Augenschmerzes 

durch farbige Lichtmodificationen. 

Für alle diese, oft durch langwierige Kuren schwer 
geprüften Leidenden liegt die Hülfe in Form eines blauen 
Glasscheibchens, mit dem wir ihr schwächeres Auge 
unterstützen, in unserer Hand. Von der genauesten 
Wahl dieses farbigen Scheibchens hängt das Gelingen 
ab, und die Wahl ist nach dem Unterschiede zu treffen, 
der sich in der Sehkraft der beiden Augen bei ihrer 
Einzelprobe geringer oder auffälliger zu erkennen giebt. 
Es kann vorkommen, dass man hier erst nach mehr- 
fachen scheinbar entmuthigenden Versuchen mit einem 
glücklicheren Griff plötzlich den ganzen Ertrag dieser 
Behandlung erschliesst, und dem Tonkünstler ist man 
vergleichlich, der in einem entwertheten Instrumente die 
disharmonischen Schwingungen der Saiten wieder zum 
wohlthuenden Klange zu einigen sich bemüht. 

1. Unterscheidet das linke Auge z. B. noch voll- 
kommen so gut als das rechte, und steht diesem nur in 
der Ausdauer nach — weshalb man auch nöthig hat, 
die Einzelprobe der Augen auf längere Zeit auszudehnen, 
um überhaupt dieses Sachverhältniss zu entdecken — : 
dann genügt für das linke Auge schon ein Planscheibchen 
der schwachen Nuance n oder III. Mit einem solchen 
versehen, liest derselbe Kranke dauernd und ohne dass 
jemals im rechten Auge jener Schmerz aufkommt, der 
sonst den Moment der Ermüdung des linken Auges ver- 
rieth, und auch hartnäckig nicht eher nachliess, als bis 
mit der Unterbrechung der Arbeit dem linken Auge ein 
Weilchen Ruhe gegönnt wurde. 



Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 191 

2. Ist in einem anderen Falle das linke Auge gegen 
das rechte in seiner Sehkraft tiefer gesunken und hat 
dasselbe z. B. Mühe, gewöhnliche Druckschrift zu lesen: 
so wird es auch schon nothwendig, ihm Nuance IV oder 
V zur Unterstützung zu geben. Erst dieser stärkere die 
Sinnesthätigkeit anregende Schutz hält jeden Schmerz 
fern, der sonst einzelne Theile des Gehirns bis zum 
Hinterhaupte hin benahm, oder in excentrischer Rich- 
tung die verschiedenen Verzweigungen des trigeminus 
als Resonanzboden durchzog. 

3. Noch tiefere Abstände der Sehkraft beider Augen 
pflegen zwar seltener mit Schmerze sich zu paaren, weil 
das eine Auge seine Mitwirkung eher ganz aufgiebt. 
Aber auch hier treten noch an der äussersten Grenze 
befindliche und therapeutisch um so merkwürdigere Fälle 
auf, wo uns die Farben-Ausgleichung mittels der tiefsten 
Nuancen als anaesthetisches Mittel nicht im Stiche lässt, 
und wo dann das Glasscheibchen das zerstörende 
Messer zurückweist, das den schuldigen Augapfel zur 
Rettung des anderen zu entfernen schon bereit ist. 

4. Wohlthuend und sogar meist nothwendig erweist 
sich auch hier wieder die Maassregel, dass wir neben 
der tieferen Abschattung des eigentlich schuldigen Auges 
gleichzeitig eine mildere Abschattung für das andere nur 
secundär afficirte Auge verwenden; dass wir also dem 
linken Planglase von Nuance VI ein rechtes in III, oder 
dem linken Planglase in Nuance V ein rechtes in II zu- 
gesellen. Kehren wir alsdann versuchsweise eine so zu- 
sammengestellte und allen Erwartungen entsprechende 
Brille um, und vertauschen also die Rolle der Gläser: 
so leistet die Brille Nichts, ist ein Hinderniss für das 



192 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

deutliche Sehen, ja schärft die Schmerzen des Kranken 
in jäher Weise. 

4. Ist unabhängig von dem hier erörterten Unter- 
schiede in der Sehkraft der beiden Augen ein Accommo- 
dationsfehler vorhanden, so versteht es -sich von selbst, 
dass man diesem in der zusammenzustellenden Brille 
die nöthige Rücksicht zollt. Man bewirkt dann den 
Unterschied der Farben beiderseits nicht durch Plan- 
gläser, sondern für die Kurzsichtigen durch Concav-, für 
die Weitsichtigen durch Convexgläser. 

5. In manchen gar seltenen und nur durch das 
Experiment zu ermittelnden Fällen ist es heilsam, fin- 
den Schmerz links nur ein tief blaues Planglas gegen 
ein rechtes schwach gefärbtes und gleichzeitig + oder — 
geschliffenes Glas zu gewähren, damit vom linken Auge 
nur der Licht-Sinn benutzt, der Orts-Sinn ganz aus 
dem Spiele gelassen werde. 

So ermöglicht sich zur Bekämpfung des Schmerzes 
eine Combination, die zu Tausenden verschieden wirken- 
der Brillen führt, und welche für den, der sich im Laufe 
der Zeit ein feines Gefühl erworben hat, in einer Weise 
die Individualisirung des Einzelfalles gestattet, wie sie 
nirgend anderswo in der Therapie übertroffen werden 
möchte. 

Schliesslich muss ich über den Werth meiner opti- 
schen Behandlung des Augenschmerzes in Hinsicht auf 
radicale Heilung oder auf eine nur palliative Er- 
leichterung Einiges sagen. Langj ährige Erfahrungen 
haben darüber ein günstiges Urtheil sicher gestellt. Die 
radicale Heilung wird meistentheils erreicht. Ist die zu 
Grunde liegende oft dem Augenspiegel sich entdeckende 



Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 193 

AfYection des einen schuldigen Auges irgend von vor- 
überzuführender Art — unter Anderem habe ich Hyperä- 
mie der Retinal-Gefässe, welche häufigen Blutentziehun- 
gen nicht hatte weichen wollen, unter der beruhigenden 
Einwirkung eines blauen Glases in dem geschützten Auge 
selbst, oder durch Ueberwirkung in dem anderen Auge 
auffallend rasch verschwinden gesehen — , so haben wir 
den Vortheil gewiss, dass der Leidende seine Genesung 
erreicht, ohne gezwungen zu sein der Schmerzen wegen 
auch nur einen Tag, geschweige denn länger sich sei- 
nen Geschäften zu entziehen. Es wäre überflüssig, über 
diesen grossen Vortheil ein weiteres Wort zu verlieren. 
Aber die Beseitigung des Schmerzes pflegt auch selbst 
in den Fällen vollständig zu gelingen, wo die veran- 
lassende Krankheit des einen Auges (Hornhautflecke, 
leichtere Linsentrübungen, lose schwimmende Theilchen 
und Glaskörper, Exsudationen auf der Retina) eine un- 
abänderlich bleibende ist. 

Wir gewinnen in solchen Fällen durch das schmerz- 
stillende farbige Glas einstweilen Zeit, um Umstände 
schadlos vorübergehen zu lassen, die durch ihr tempo- 
räres Hinzukommen auf das Nervensystem so oft 
schmerzerweckend einwirken, und wo wir vergeblich 
nach der Ursache fragen, weshalb bei scheinbar unver- 
ändertem Zustande eine Exacerbation von Neuro- 
sen eintritt oder nachlässt. Hier ist nach dem allgemei- 
nen Standpunkte unserer Wissenschaft noch Manches dun- 
kel, welches aufzuhellen wir bis heute nicht im Stande 
sind ; freuen wir uns indessen, vorläufig hier in der The- 
rapie der Augenkrankheiten gegen solche noch verbor- 
gene Einwirkungen wenigstens eine zuverlässige optische 

Böhm, Licht - Therapie. 13 



194 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Wehr zu besitzen, der bei einem ungemein grossen Theil 
von Hülfesuchenden sich kein anderes Anaestheticum 
zur Seite stellen lässt. 



Casuistik. 

Fall 31 bis 35. 

Fall 31. 
Das durch einen Ueberschuss von blauen Strahlen 
für das schwächere linke Auge schonender und 
wahrnehmbarer zugerichtete Licht hebt den 
Schmerz des gesunden rechten Auges. 
Herr v. B , 16 Jahre alt, hatte, so weit seine Er- 
innerung reichte, niemals eine ganz ausdauernde Sehkraft be- 
sessen. Durch allmähliche Verschlimmerung in den letzten 
Jahren war die Frist der deutlichen Wahrnehmung für das 
Lesen bei Tageszeit bis auf zehn, bei künstlicher Beleuch- 
tung bis auf fünf Minuten zusammen geschmolzen. Wollte er 
länger sich der einmal gebotenen Pause zum Ausruhen er- 
wehren, so war es ein stechender Schmerz im rechten 
Auge, der ihn dann in rascher Steigerung aufs entschiedenste 
bezwang. Manche misslungene Versuche, diesem Uebel durch 
Convexgläser oder gefärbte Planbrillen abzuhelfen, hatten 
das anfängliche Vertrauen des Kranken zu einer derartigen 
Hülfe in einen unverhohlenen Widerwillen dagegen ver- 
wandelt. 

Als ich an einem sonnig klaren Morgen mit einer deut- 
lichen Druckschrift die Augen einzeln erprobte, las das rechte 
bequem von 2 Zoll Nähe bis auf 2 5 Fuss Entfernung. Das 
linke Auge erkannte überhaupt mühsamer, und las nur von 6 
bis auf 12 Zoll, zeigte sich also sowohl in seiner Accommo- 
dations- wie Sehkraft tiefer stehend als das andere Auge. 
Nach dieser Ermittelung der Differenz Hess ich beide Augen 



Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 195 

gemeinsam lesen. Genau nach 10 Minuten begann im besse- 
ren rechten Auge der erwähnte stechende Schmerz, und 
nicht viel später Flimmern, Thränen und Undeutlichsehen. 
Benutzte ich aber den Moment, wo das rechte Auge zu 
schmerzen begann, um rasch dem linken ein Planglas in 
Nuance V vorzulegen; so schwand der Schmerz des 
rechten Auges spurlos, und der Kranke war nun im Stande, 
in meiner Gegenwart eine volle Stunde zu lesen. Sein lin- 
ker Arm, mit dem ich ihn das blaue Glas dem be- 
treffenden Auge vorhalten Hess, erlahmte, nicht 
aber seine Sehkraft, welche im Gegentheil in ihrer ur- 
sprünglichen Frische verblieb. 
Eine Brillen -Verordnung 

Plan in Nuance II rechts, 

Plan in Nuance V links, 
war die einfache Maassnahme, um das seit Gedenken links 
angebahnte und durch binoculare Störung die Brauchbarkeit 
des ganzen Sinnes untergrabende Leiden zu heben. Eine 
radicale Besserung stellte sich in den nächsten Monaten all- 
mählich ein, und war um so mehr vollständig zu hoffen, als 
der Augenspiegel keinen Unterschied der Netzhäute und ihrer 
Gefässe entdecken Hess. 

Fall 3 2. 
Die einseitige Verwendung des blauen Lichtes für 
das schwächere rechte Auge sichert dem linken 
Auge seine schmerzlose Function, und bringt ein 
deutliches fernes und dauerndes Sehen zurück. 
Bertha Hempel, 15 Jahre alt, aus Bromberg, war 
von Seiten ihres Vaters hereditär myopisch. Dieser Fehler 
nahm seit den letzten Jahren nicht nur im Allgemeinen zu, 
sondern die jugendliche Kranke befand sich noch dabei in der 
besonderen Lage, dass sie beim Lesen oder bei anderen Be- 
schäftigungen von Minute zu Minute ihre Sehweite mehr ver- 
kürzen musste (Kopiopia myopica), um auf diese Weise ein 
Gefühl von Druck im linken Auge möglichst zu vermeiden, 

13* 



196 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

welches schliesslich doch eine solche Steigerung annahm, 
dass unerachtet der Annäherung die Unterbrechung der Ar- 
beit nicht weiter hinauszuschieben war. So wurde ihr jede 
Arbeit mühevoll und zerstückelt. 

Durch viele ähnliche Fälle belehrt, erkannte ich alsbald 
das nicht schmerzende rechte als das allein schuldige 
und therapeutisch zu berücksichtigende Auge. Bei der Einzel- 
probe las dieses auch in der That undeutlicher und hatte 
kaum die halbe Sehweite im Vergleich zu dem anderen. 
Die Kranke überzeugte sich dadurch erst von ihrem Irrthum, 
in welchem sie verzeihlicher Weise sich bisher befunden hatte, 
dass das schmerzlose rechte Auge die ganze Schuld ihres 
jahrelangen Leidens trage. 

Des exacten Versuches wegen wurde vorläufig nur dem 
rechten Auge ein Planglas in Nuance IV vorgelegt und das 
schmerzende linke blieb unbewaffnet. Der Erfolg war, dass 
die Kranke, statt wie bisher höchstens vier Minuten, eine volle 
halbe Stunde in meiner Gegenwart emsig las, ohne auch nur 
eine Spur des lästigen Druckes im linken Auge zu erfahren, 
oder ein Minimum von ihrer gleich anfänglich angenommenen 
Sehweite von 10 Zoll einzubüsssen. Nach achttägigem Ge- 
brauche der verordneten Brille, 

Plan in Nuance IV rechts, 
Plan in Nuance I links, 
berichtete die Kranke: 

1) dass sie nie wieder von ihren Augenschmerzen be- 
fallen worden, 

2) dass sie in vollkommen gerader Haltung und gleich- 
bleibender Entfernung mit Lesen und feinen Handar- 
beiten sich habe beschäftigen können, 

3) dass ihr die längst aufgegebene Beschäftigung bei 
künstlicher Abendbeleuchtung wieder leicht, und 

4) dass ihr auch das Klavierspielen durch den einseiti- 
gen Schatten wieder möglich geworden. 

Um gelegentlich ferne Gegenstände klar erkennen zu 
können, erhielt noch die Myopische eine Lorgnette, 



Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 197 

Concav 30 in Nuance IV rechts, 
Concav 30 in Nuance I links. 

Fall 33. 
Das links tiefer nüancirte Licht erhöht die Seh- 
kraft des an Hornhaut leidenden Auges und giebt 
durch Herstellung der binocularen Combination 
den schmerzlosen Gebrauch der Augen wieder. 

Die Kunstdrucker haben in ihrem Geschäft ein scharfes 
Gesicht deshalb nöthig, weil jeder einzelne Abzug, der fertig 
aus der Presse hervorgeht, einer genauen Revision unter- 
worfen werden muss, damit etwa vorkommende Fehler, Aus- 
bleiben oder zu starke Wirkung des Tones u. s. w., in den 
späteren Exemplaren vermieden werden. 

Herr Eduard Prescher war im Stande gewesen, bis 
zu seinem 47sten Jahre in dieser Beziehung den höchsten 
Anforderungen seiner Kunst nachzukommen, als ihm eine so 
rasch wachsende Abnahme seiner Unterscheidungskraft mit 
Schmerzen im rechten Auge befiel, dass er diese Er- 
scheinung nicht von seinem vorrückenden Lebensalter ableiten 
zu können glaubte. 

Bei der Untersuchung gab sich mir deutlich eine Stö- 
rung im binocularen Sehen als Hauptsache zu erkennen. 
Diese war angebahnt vom linken schon von Jugend her 
durch ein schwaches Hornhautwölkchen getrübten Auge. Das 
rechte Auge hatte der ungünstigen Beschaffenheit seines 
Nebenorganes nicht eher geachtet, als bis es alternd in der 
vollen Sehkraft nachzulassen begann; da wurde es von der 
hauchartigen Vergitterung, welche die linke Hornhaut den 
eindringenden Strahlen darbot, auf dem Wege der binocula- 
ren Combination angefeindet und rasch bezwungen. 

Der schlagende Erfolg einer höchst einfachen Therapie 
Hess mich wenigstens keinen passenderen Rückschluss auf 
die inneren pathologischen Vorgänge machen. Denn als ich 
dem linken Auge ein Planglas in der blauen Nuance IV 
darbot, las dasselbe nicht nur für sich allein viel deutlicher, 



198 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

und aus diesem Grunde statt bis auf einen Fuss bis um 
die Hälfte weiter, sondern in demselben Moment schwand 
auch der lästige Schmerz im rechten Auge und beiden Augen 
gemeinsam kehrte in dem Grade die Arbeitskraft zurück, 
dass der Kranke unter der Brille, 

Plan in Nuance II rechts, 

Plan in Nuance IV links, 
mit voller Genugthuung seine Berufsgeschäfte wieder auf- 
nehmen konnte, während die verschiedensten zum Gegenver- 
suche gegebenen Planbrillen mit gleicher Nüancirung beider 
Gläser nur eine kurz dauernde Erleichterung zu gewähren 
vermochten. 

Fall 34. 
Schmerzhafter Druck im schwächeren rechten 
Auge und ein damit verbundenes Unvermögen bei- 
der Augen zu jeder dauernden Beschäftigung ge- 
heilt durch Anwendung des blauen Doppel- 
Lichtes. 

Ein Lehrer, Herr Dr. G , 35 Jahre alt, war, wie 

zwei seiner Geschwister, aus Familien - Anlage kurzsichtig, 
und trug Concav-Gläser No. 18. Seit den letzten zwei Jah- 
ren litt derselbe an einem lästigen Drucke des rechten Auges, 
der ihm nur in kurzen Zeiträumen zu lesen oder zu schrei- 
ben gestattete, ihn Abends aber bei der künstlichen Beleuch- 
tung von jeglicher Thätigkeit ausschloss. Der Kranke selbst 
konnte sich über das Sonderbare seines Leidens nicht klarer 
ausdrücken, als »dass ein beständiger Streit in seinen beiden 
Augen Statt finden müsse, der zumal beim Beginne jeder Ar- 
beit am lebhaftesten sei, und wodurch ihm eine stets sich 
wiederholende mühsame Aufgabe erwachse, nur ganz all- 
mählich und wie durch Ueberlistung das linke Auge allein 
in den Dienst zu bekommen. Zu diesem Zwecke müsse er 
jedesmal erst ein Weilchen das rechte Auge nur durch eine 
eng geöffnete Liderspalte wirken lassen, oder auch wohl ganz 
schliessen. Aber auch dann sei ihm im günstigsten Falle 



Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 199 

doch nur für eine kurze Dauer der Gebrauch seines linken 
Auges gestattet, weil das rechte alsbald heftig zu drücken 
beginne, gleichviel, ob er dagegen dessen Lider fest abzu- 
schliessen suche oder nicht." 

Während der zweijährigen Dauer dieses seines Leidens 
war der Kranke mit vieler Aufmerksamkeit behandelt wor- 
den. Indessen hatten eine strenge Diät, das Verbot jedes 
Augenglases, ein derivirendes Verfahren durch Abführungen, 
Fussbäder mit Königswasser, häufige Blutentziehungen in der 
rechten Schläfe und Augendouchen den peinlichen Zustand 
in Nichts zu ändern vermocht. Der Schmerz im rechten 
Auge hatte im Gegentheile die Möglichkeit zur Arbeit immer 
mehr eingeschränkt. 

Als sich der Kranke im Januar 1858 an mich wandte, 
fand ich ausser jenen schon angegebenen subjectiven Seh- 
störungen bei der Einzelprüfung der Augen noch die ent- 
scheidende objective Thatsache, dass 

das linke Auge bis auf 7 Zoll. 

das rechte Auge nur bis auf 5 Zoll, 
aber auch in dieser Entfernung um ein Weniges undeutlicher 
las, als das linke. 

Li cht -Behandlung. 

In Rücksicht auf die ursprüngliche Myopie des Kranken 
wählte ich zunächst für die Beschäftigung in der Nähe eine 
Concav-Brille No. 20. Ohne zu verkleinern, gewährte diese 
Hülfe durch Lichtbrechung eine Sehweite von 9 Zoll. 

Um dagegen die in den letzten zwei Jahren hinzuge- 
kommene Zwietracht der Netzhäute zu schlichten, die auch 
unter den weissen Concav - Gläsern No. 20. sich fortsetzte, 
schien mir die für jedes einzelne Auge besonders berech- 
nete qualitative Lichtwandlung das einzige Auskunftsmittel. 
So entstand die Combination: 

Concav No. 20. in Nuance III links, 
Concav No. 20. in Nuance V rechts. 

Die Augen kehrten darunter sofort in die grösste 



200 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Einigkeit zurück, lasen beim ersten Hinblick die feinste 
Schrift, vertrugen ohne Schwierigkeit die künstliche Abend- 
beleuchtung, erfuhren auch nicht einmal andeutungsweise 
mehr den früheren Schmerz und waren zur andauerndsten 
Arbeit bereit und fähig. 

Diese durch blosse Lichtzutheilung so leicht gewonnenen, 
jeden Wunsch des Kranken erfüllenden Vortheile blieben 
sein dauerndes Eigenthum, und stellte ich nach dem eigenen 
Verlangen desselben noch eine zweite Brille, 

— 9 in Nuance III links, 

— 9 in Nuance V rechts, 

zusammen, die ihm auch für die Wahrnehmung fernerer Ob- 
jecte gleichen Gewinn leistete. 

Fall 35. 
Hyperästhesie des ganzen Nerven-Systems, geheilt 
durch eine für jedes einzelne Auge richtig ge- 
troffene Abtönung des blauen Lichtes. 

Als eines von jenen der optischen Behandlung anheim- 
fallenden Beispielen, die fast noch mehr das Interesse des 
Neurologen als das des Augenarztes in Anspruch nehmen, 
und wo mit der Ausgleichung einer binocularen Missstimmung 
eine unmittelbare Beruhigung im Gehirn und von dort aus 
eine Beschwichtigung nervöser Exacerbationen erreicht wurde, 
will ich folgenden Fall in der Kürze mittheilen. 

Fräulein Adler hatte in früher Kindheit nur mit Le- 
bensgefahr ein bösartiges Scharlachfieber überstanden, und 
als erst nach einer Reihe von Jahren sich ihre Körper- 
kräfte einigermaassen wiedergefunden, fehlte ihr doch für 
immer die Elasticität und Nachhaltigkeit, welche gesunden 
Organismen zu eigen sind. 

Bezüglich des Gesichts - Sinnes kam die Kranke um so 
mehr in Bedrängniss , als sich nach ihrem 4üsten Jahre ein 
presbyopischer Zustand den schon von je her schwachen 
Augen hinzugesellte. Keine passende Brille Hess sich für 
sie ausfindig machen. Bald nach Beginne jeder Beschäftigung 



Das blaue Licht beseitigt den Schmerz. 201 

umkreiste alsbald ein Schmerz rings die Orbita, der in 
den Vorderkopf sich verbreitete, zum Scheitel hinauf stieg, 
den Hinterkopf einnahm und selbst noch den Nacken her- 
unter zog, so dass es schliesslich zu einer wirklichen Steifig- 
keit des Halses kam. 

Andererseits steigerte sich ein leises Rauschen im Ohre 
bei jeder anhaltenden Beschäftigung der Augen zu einem 
förmlichen Geheul und schmerzhaften Ohrenzwange. Und 
waren diese secundären Wirkungen einmal von den Augen 
aus zu sehr angeregt, so konnte das Nachklingen derselben 
sich bis in die Nacht hinein verlängern und den Schlaf ver- 
scheuchen. 

Ich übergehe viele Versuche, welche ich anstellte, um 
durch die Anwendung immer dunkler gebläuter Convexgläser 
den schmerzlosen Gebrauch der Augen zu ermöglichen. 
-f- 25 hatte sich als diejenige Schleifungs - Nummer heraus- 
gestellt, welche nicht tiberschritten werden durfte; aber wenn 
auch diese Gläser in den dunkelsten Nuancen ausgeführt 
wurden, so blieb doch der Erfolg derselben nur ein unbe- 
friedigender. 

Eine noch eingehendere Untersuchung belehrte mich 
endlich, dass das rechte Auge rascher ermüdete als das 
linke, und in der Berücksichtigung dieses kleinen und ver- 
borgenen Umstandes lag der ganze Schwerpunkt der The- 
rapie. Als ich nach verschiedenen vergeblichen Farben- 
Zusammenstellungen die Combination, 
+ 25 in V links, 
-f 25 in VII rechts, 
richtig getroffen, verbreitete sich, um den eigenen Ausdruck 
der Kranken über ihre subjective Empfindung wiederzugeben, 
„eine beruhigende Kraft durch ihren Körper". Sie las dauernd 
ohne irgend eine schmerzhafte Erregung, ohne fremdartiges 
Geräusch zu hören, konnte plötzlich — was ihr stets die 
schwierigste Aufgabe gewesen — wieder gleichzeitig denken 
und schreiben und nach Ermüdung ihres Geistes sich wieder 
eines ruhigeren Schlafes erfreuen. 



202 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

Die Kranke gehört nicht zu den Hysterischen und war 
auch niemals eigentlich lichtscheu gewesen, so dass es 
auf eine blosse Lichtminderung angekommen wäre. Ledig- 
lich die positive Einwirkung des blauen Licht- 
strahles, und zwar in seinen richtig gewählten Abtönun- 
gen, kam hier in einer seltenen Weise zur Geltung. 



-OZ>- 



1X6. 

Das blaue Licht gewährt die Dauer. 



±Jer Beweis, dass in dem blauen Lichtstrahle das ra- 
tionelle Mittel gegen diejenige Gesichtsschwäche enthal- 
ten ist, welche wir unter der Benennung „Dauerlosig- 
keit des Auges (Kopiopia)" beschreiben wollen, 
bildet den natürlichen Schluss der optischen Heilmethode 
und den Einigungspunkt ihrer mannigfachen Einzelwir- 
kungen. Um über die Augenermüdung und deren Be- 
handlung eine Monographie zu geben, hätte ich in der 
That Nichts von allem dem übergehen können, was in 
den früheren Abschnitten dieser Arbeit über die Wege, 
die zur Ermüdung führen, und über die therapeuti- 
schen Eigenschaften des blauen die Dauer schützen- 
den Lichtes entwickelt worden ist. 

Denn wenn letzteres dafür aufkommt: 
1) dass keine Ueberreizung der beiden Netzhäute durch 
ein im Ganzen zu stark wirkendes Licht geschieht, 
oder — was noch häufiger — dass keine Beirrung 



204 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

des Gesichts-Sinnes durch eine vom rechten und lin- 
ken Auge nur verschieden empfundene Helligkeit 
zu Stande komme (Cap. VI., VIL, VIIL, IX l.); 

2) dass den betreffenden Kranken nicht die zum schar- 
fen und bequemen Sehen nöthige Wahrnehmbarkeit 
und Deutlichkeit der kleinen Objecte schwinde 
(Cap. 1X2.); 

3) dass den Kranken für die andauernde Thätigkeit 
nicht allmählich die Ferne (Cap. 1X3.), nicht die 
Nähe (Cap. 1X4.) verloren gehe; 

4) dass die Kranken nicht ein unter dem weissen Lichte 
allmählich bis zur Unerträglichkeit sich schärfen- 
des Schmerzgefühl überwältige (Cap. 1X5.); 

5) dass nicht zwei in ihrer Auffassungskraft ungleich 
gewordene Netzhäute für den gemeinsamen Ein- 
druck sich stören und deshalb — wenn anders 
der Gesichts-Sinn thätig bleiben soll — durch Schie- 
len sich aus der harmonischen Stellung zu entfer- 
nen gezwungen sind (Cap. VI. Seite 61): 

so ist der Erfolg aller dieser abwehrenden Wirkungen, 
dass der Kranke seiner auf so vielen Wegen von Er- 
müdung bedrohten Sinnesthätigkeit nicht beraubt wird, 
sondern unter den richtig verwendeten Graden des blauen 
Lichtes seiner Sehkraft dauernd Herr bleibt, und sogar 
erheblichen organischen Veränderungen ge- 
genüber sich stark erweisen kann, die auf dem 
W T ege von derHornhaut- bis zur Netzhautfläche 
hin sich recht oft im Auge wohl entdecken, 
aber bis auf den heutigen Tag in keiner ande- 
ren Weise unschädlich machen, geschweige 
denn von Grund aus beseitigen lassen. 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 205 

Aus den seither gegebenen Schilderungen der Augen- 
ermüdung geht nur zu deutlich hervor, dass man dieses 
unter der mannigfachsten Gestaltung in die Erscheinung 
tretende Augenleiden nicht unter einem solchen vollgül- 
tigen Gesichtspunkte aufgefasst hat, auf den uns eine 
schlagfertige Therapie unabweisbar zurückzukommen 
heisst. Die einzelnen Autoren haben, wie zum Theil 
schon die von ihnen gebrauchten Namenbezeichnungen 
beweisen, nur diese oder jene besondere Art der Augen- 
ermüdung beobachtet, gute Bruchstücke, aber eben nur 
diese gebracht und, in einer untergeordneten Specialität 
befangen, eine zu einseitige Anschauung der Pathogene- 
sis gewonnen. Sie konnten daher auch thatsächlich zu 
keinem durchgreifenden Mittel, und noch weniger zu 
zweckmässigen Modificirungen desselben gelangen. 

Beschränkte man sonst den Sitz der Ermüdung 
nur auf den abgeschlossenen Bereich der Netzhaut, gönnte 
man der Krankheit nicht einmal eine Selbstständigkeit, 
erklärte sie als ein Vorstadium zur Amblyopie, und 
fasste also dieselbe viel zu bedenklich auf: so ist man 
seit den letzten Decennien, durch die überraschenden 
Erfolge der Tenotomie auf die Verbesserung gewisser ko- 
piopischer Augen verleitet, andererseits zu weit gegangen, 
und hat die Krankheit wesentlich als ein Muskel-, als 
ein Accommodations - Leiden hinstellen wollen. Um so 
entschiedener tritt an uns die Aufgabe heran, die bereits 
im Jahre 1845 von mir in einer ihrer Hauptformen (als 
Kopiopia presbyopica) beschriebene und in die Licht- 
Therapie verwiesene Augenkrankheit, nach den 
inzwischen gemachten reichen Erfahrungen, in allen ihren 
proteusartigen Gestaltungen zu enthüllen, unter denen 



206 D ie Erfolge der Licht -Therapie. 

es ihr noch immer gelingt, auf alle Stände der mensch- 
lichen Gesellschaft einen dauernden und schweren Druck 
auszuüben, dessen Lösung nur Seitens der Licht-Thera- 
pie geschehen kann. 

Diesem Zwecke wird aber nicht besser entsprochen, 
als dass man die Kopiopia gleich der Amblyopia als 
einen generellen Krankheitszustand betrachtet, und den 
in so verschiedener Weise in die Erscheinung tretenden 
Formen der Augenermüdung gemäss, eine Eintheilung 
der Krankheit in gewisse Species gestattet. Dann ist 
die Verständigung über die einzelnen Fälle von Kopio- 
pia leichter, und die Behandlung wird vor Allem in 
den zu wählenden Namenbezeichnungen für den aus- 
übenden Arzt einen leitenden Anhaltpunkt finden. Hier- 
nach trennen sich von einander ab als Species der Ko- 
piopia : 
I. Kop. retinalis (simplex). 

Ermüdung im Gebiete des lichtempfindenden 
Apparats, der sensuellen Nerven selbst. Dieselbe 
kann sein, je nachdem beide Netzhäute leiden, 
oder nur eine den Krankheitsheerd bildet: 

a) binocularis, 

b) monocularis. 

IL Kop. retino - muscularis presbyopica. 

Ermüdung durch lähmende Rückwirkung von der 
Netzhaut auf die motorischen Nerven des Accom- 
modations - Apparats : 

a) binocularis, 

b) monocularis. 

III. Kop. retino - muscularis myopica. 

Ermüdung, nachdem vergeblich die äussersten 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 207 

Anstrengungen der motorischen Nerven (des 
Accommodations-Apparats) verbraucht worden: 

a) binocularis, 

b) monocularis. 
IV. Kop. dolorosa. 

Ermüdung nach eingetretener übermässiger Er- 
regung der dem Auge beigegebenen sensiblen 
Nervensphäre : 

a) binocularis, 

b) monocularis. 

I. Kopiopia retinalis (simplex). 
Diagnose. 

Die hierher gehörigen Kranken sind, gleich den 
später zu beschreibenden Species, mit voller Unterschei- 
dungskraft für kleine Gegenstände ausgerüstet. Am- 
blyopie so wie Presbyopie schliessen sich dadurch 
von vorn herein diagnostisch aus. Aber die Kranken 
büssen von allen Kopiopischen gewöhnlich schon in der 
kürzesten Zeit, ohne allen Umschweif, ohne, wie wir 
bei den übrigen Leidensgenossen erfahren werden, durch 
irgend einen Ausweg sich noch eine Weile zu helfen 
und zu halten, unmittelbar und jählings ihre Unterschei- 
dungskraft ein. Sie sind deshalb die reinsten Repräsen- 
tanten von einer der Intensität nach ungeschwächten, 
aber aller Dauer bar gewordenen optischen Energie. 

Beim Lesen z. B. verlieren die Buchstaben im 
weissen Lichte für diese Kranken rasch ihre Schwärze, 
und mit dem baldigen Erblassen auch gleichzeitig ihre 
scharfen Umrisse. Sie setzen sich nicht mehr als ein- 
zelne Körper von einander ab, und geben den Eindruck, 



208 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

als flössen sie in einander. Statt des Schriftblättes mit 
unterscheidbaren Buchstaben hat der Kranke nur noch 
die Wahrnehmung der Reihen, und mit dem Verschwin- 
den auch dieser zuletzt nur eine flimmernde Fläche vor 
sich. Das Gefühl von Blendung ist es, welches den 
Kranken oft schon nach Durchlaufen von einer Zeile 
unfähig macht, seiner Sehfunction ferner Herr zu bleiben. 
Erst ein Blick in die Ferne — welche der verringerten 
Lichtstrahlen wegen ein weniger reizendes Licht spendet, 
— oder besser, ein kurzes Schliessen der Augen bringt 
Erholung und neue wenn auch nur eben so flüchtige 
Unterscheidungskraft zurück. 

Die eben gegebene Beschreibung des rasch hin- 
schwindenden Unterscheidungs - Vermögens werden wir 
von Kranken, die überhaupt in der Beobachtung geübt 
sind, mit geringfügigen Abänderungen stets wieder hören. 
Die Diagnose ist aber damit noch nicht erschöpft und 
die Therapie verbleibt in einem fühlbaren Mangel, wenn 
wir nicht eine Thatsache in Anschlag bringen, deren 
sich die Kranken nicht bewusst zu sein pflegen, und 
welche uns zu einer Eintheilung Grund giebt. Wir 
müssen unterscheiden: 

a) eine Kopiopia simplex binocularis, 

b) eine Kopiopia simplex monocularis. 

a) Kopiopia retinalis (simplex) binocularis. 

Beide Netzhäute befinden sich in einem Zustande 
der unnachhaltigen Function. Der seltnere Fall! Und 
am seltensten ergiebt die Untersuchung, dass beide Netz- 
häute auch sogar hinsichtlich der Ermüdung an ein 
ganz gleiches Zeitmaass geknüpft sind. Früher pflegt 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 209 

das eine, später das andere Auge auszuspannen, und 
jedes Auge will auch therapeutisch deshalb anders be- 
dacht sein. 

b) Kopiopia retinalis (simplex) monocularis. 

Nur in einem Auge wohnt heimlich die Ermüdung 
und nur für dieses haben wir therapeutisch zu sorgen. 
Man sollte meinen, dass, wenn das eine Auge nur ver- 
sagt, das andere sich um so mehr der dauernden 
Thätigkeit widmen, und der Kranke keine, oder doch 
nur geringe Behinderung erfahren werde, ja man könnte 
erwarten, dass das zweite Auge sich um so functions- 
fähiger heranbilden werde, wie wir dies bei Individuen 
sehen, deren Geschäft mit Vorzug den Gebrauch eines 
einzelnen Auges erheischt.*) Dem ist nun aber bei 
unseren Kranken mit Kopiopia monocularis nicht so, und 
die Erfahrung lehrt das Gegentheil. Ihr bei derEin- 
zelprobe sowohl objectiv wie subjectiv sich fehlerlos 
und ausdauernd erweisendes Auge wird bei der gemein- 
samen Arbeit mit dem kopiopischen Auge sehr bald von 
dem letzteren zur Unterbrechung der Arbeit gezwungen, 
und der Kranke befindet sich in Folge dessen, wenn 
auch nur scheinbar, in keinem Yortheile vor dem mit 
Kopiopia binocularis Behafteten ; ja es kommt dabei als 
Besonderheit vor, dass der nur einseitig Kopiopische 
als ungerechter Kläger sein gesundes Auge beschuldigt, 



*) Die Graveure, Uhrmacher und überhaupt alle Individuen, 
welche durch ihren Beruf mit einem (gewöhnlich dem linken) 
Auge anhaltend und auch viel durch die Lupe zu arbeiten ver- 
anlasst sind, sehen mit diesem Auge sehr scharf, werden dagegen 
in grosser Zahl auf dem anderen ruhenden Auge schwachsichtig. 

Böhm, Licht - Therapie. 14 



210 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

aufmerksam gemacht durch eine unangenehm drückende 
Empfindung, welche gerade dieses Auge vor dem Mo- 
ment beschleicht, ehe es sich gezwungener Weise zum 
Aufgeben seiner Function herbeilässt. 

Das Nachziehen des zweiten gesunden Auges ist 
das Werk der binocularen Combination, die in ihrem 
heimlichen Verstecke eine viel unheilvollere Rolle spielt, 
als man bisher beachtet und danach entsprechende Maass- 
regeln getroffen hat. Eine wahre Fundgrube der The- 
rapie ist hier noch verborgen, und mit blossem Zu- 
theilen von Licht und Schatten an die rechte Stelle ord- 
net der Arzt das nutzlos gewordene Sehorgan, gleich 
dem Künstler, der im verstimmten Ton-Instrument durch 
geringes Spannen einer Saite die Accorde wieder har- 
monisch erklingen lässt. 

Der ophthalmoscopische Befund. 

Bei dem grösseren Theil der Kranken mitKopio- 
pia binocularis weist die Untersuchung einen nor- 
malen Augengrund nach, und das Leiden ist, in sofern 
noch als ein rein functionelles zu betrachten. In 
anderen Fällen dagegen nehmen wir schon organische 
Veränderungen der Netzhaut wahr, deren Entwickelung 
nur noch nicht zu dem Grade gediehen ist, dass da- 
durch die Unterscheidung kleiner Gegenstände im weissen 
Lichte überhaupt aufgehoben wird. Nur die Dauer der 
Auffassung ist im weissen Lichte beschränkt. 

Als die am häufigsten vorkommenden Gewebs-Stö- 
rungen dieser Art erwähne ich unter Anderen hier nur : 
die Ausdehnung und Vermehrung der Retinal-Gefässe, die 
Verringerung der Pigmentschicht und das dadurch ermög- 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 211 

lichte Hervortreten der Vasa chorioidealia, leichte Exsu- 
dat -Ueberzüge, Sclerectasie und mancherlei nicht allzu 
dicht gewordene Verdunkelungen der durchsichtigen Me- 
dien dicht vor der Retina. 

Bei der Kopiopia monocularis können die ge- 
nannten und ähnliche Gewebs-Störungen auf der leiden- 
den Seite oft schon einen sehr entschiedenen Charakter 
angenommen haben und die Unterscheidungskraft des 
betreffenden Auges ist dann in entsprechendem Grade 
bis zu wahrer Amblyopie gesunken. Die Untersuchung 
hat bei der einseitig begründeten Krankheit auch noch 
selbstverständlich den Vortheil, dass wir das Verhalten 
der gesunden Netzhaut mit dem der kopiopisch oder 
amblyopisch gewordenen vergleichen können. In der 
Regel stimmt der objective Thatbefund mit dem functio- 
nellen Sachverhältnisse, oft aber ist der Befund der Netz- 
häute auf beiden Seiten gleich, ja die Fälle sind nicht 
selten, wo die ophthalmoscopische Untersuchung irre 
führt und das Gegentheil von der Wahrheit zu lehren 
scheint, weil die functionelle Störung des einen Auges 
mehr in das Gewicht fällt, als die dem Ophthalmoscop 
sich aufdeckenden Gewebs-Störungen des anderen Auges. 

Ich kann es daher für die Lich-t -Therapie als 
Grundsatz aufstellen, dass man seinen Heilplan schon 
abschliesse, bevor die innere Untersuchung angestellt 
wird, welche möglicher Weise die Urteilsfähigkeit des 
Kranken für die anzustellenden Sehversuche schwächt, 
auch wenn man keine künstliche Erweiterung seiner 
Pupillen vorgenommen hat. Nachträglich angestellt, kann 
dann die innere Untersuchung zur genaueren wissen- 
schaftlichen Bestimmung des betreffenden Falles das 

14* 



212 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

Ihrige beitragen und zur Richtschnur der bisweilen 
sonst noch notwendigen therapeutischen Maassregeln 
dienen. 

Aber vor Allem muss ich bei der Kopiopia mo- 
nocularis auf den günstigen Umstand zurückkommen, 
dass unerachtet der noch so weit vorgeschrittenen Ent- 
wickelung von Gewebs - Störungen auf dem einen Auge, 
die uns sonst wohl entmuthigen müssten, die Licht- 
Therapie noch in ihrer vollen Wirksamkeit verbleibt. 
Der zehnte Theil der ursprünglichen Sehkraft, der bei 
einem Fall mit Kopiopia monocularis in der zerstörten 
Netzhaut noch wirksam ist, reicht hin, die Function des 
gesunden Nebenorgans zu beirren und zu lähmen; aber 
der tief genug gegriffene blaue Schatten vor dem kran- 
ken Auge, mit einem schwächeren vor dem gesunden 
gepaart, ist im Stande, die Netzhäute wieder zu befreun- 
den und dem rasch Ermüdenden die ganze Arbeits- 
kraft wieder in die Hand zu geben. 

Therapie der Kopiopia retinalis (simplex). 

Unter dem Einflüsse des weissen Lichtes nur functio- 
nell krank geworden, kann die Netzhaut des an Er- 
müdung Leidenden auch unter der fortdauernden Ein- 
wirkung des weissen Lichtes nichtgenesen. Oder gar 
schon gewissen organischen Veränderungen des Seh- 
Apparats verfallen , kann der Kranke im weissen Lichte 
ein- für allemal keine Dauer mehr entwickeln. Man 
ist hier in der That ebensowenig im Stande, durch eine 
blosse quantitative Verringerung der Beleuchtung 
etwas Namhaftes durchzusetzen, als man sich einer rei- 
nen Täuschung hingiebt, wenn man glaubt, durch eine 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 213 

recht lange fortgesetzte Schonung der Augen die Gesund- 
heit wieder herstellen zu können. Ich stelle hier meine 
zwanzigjährige Erfahrung diesem immer wiederkehrenden 
Irrthume entgegen, und die vielen wichtigen Entdeckun- 
gen, die der Augenspiegel hinzugetragen hat, geben die- 
ser meiner Ansicht den festesten objectiven Grund und 
Boden. Abgesehen von dem Lästigen, ja für die Meisten 
ganz Unausführbaren, was in einer lange gebotenen Un- 
thätigkeit liegt, ist mit höchst seltenen Ausnahmen die 
Frucht eines solchen negativen Verfahrens kernlos, es 
sei denn, dass es sich um die ersten Anfangs - Stadien 
der blos functionell begründeten Kopiopie handelt, die 
wir aber kaum je zu Gesicht bekommen. Nicht viel 
Besseres kann ich von der sogenannten Stärkung der 
Augen durch allerlei Einreibungen oder durch die kalte 
Douche sagen — Mittel, die viel rationeller klingen, als 
sie es sind, die wir immer der Reihe nach wieder auf- 
geführt finden, die aber endlich zu Grabe getragen wer- 
den müssen. 

Eine positive Hülfe muss den Netzhäuten geboten 
werden, und eine Einwirkung muss an der rechten Stelle 
geschehen, um wenn möglich noch Radicales zu erreichen, 
oder da, wo organische Veränderungen schon dazwischen 
traten, die Function dennoch wieder nachhaltig zu machen. 
Beides leistet der Vertausch des weissen Lichtes mit 
dem blauen. Was der Kranke lange Jahre und unter 
grossen Opfern und oft in weiter Ferne vergebens 
suchte, wird durch die erste passende Beleuchtung der 
Netzhäute mit der richtig gestimmten Licht -Nuance 
schnell erreicht, und zwar bei den hier besprochenen 
Kranken mit reiner Kopiopia retinalis, ohne dass wir 



214 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

den benutzten Gläsern eine andere als eine Plan-Schlei- 
fung zu geben benöthigt sind. Einzig und allein die 
wahrnehmbarere und doch schonende Eigenschaft 
der blauen Strahlen belebt die Netzhäute wieder, und 
bewahrt ihre Function vor nachfolgender Erschlaffung. 
Indessen ist auch mit der blossen Gradabschattung 
des blauen Lichtes für die meisten Fälle von Kopiopie 
erst etwas Gutes, aber noch nicht etwas Vollständiges 
geschehen. Da die Kopiopia simplex monocularis häufi- 
ger vorkommt, und auch bei der Kopiopia binocularis das 
Netzhautleiden im rechten und linken Auge verschiedene 
Stufen erreicht zu haben pflegt, so kommt es noch auf 
die richtige Zusammenstellung der Farbentöne an, damit 
jede Netzhaut, van ihrem angemessen schwingenden Lichte 
berührt, in dauernder Eintracht mit der Anderen verbleibe, 
und dem Kranken zu keinem Ausspannen der Sinnesthätig- 
keit Veranlassimg gebe. So wird je nach Umständen: 
eine Planbrille in Nuance II oder DI 

für den mit massiger Kopiopia simplex binocu- 
laris Behafteten, 
eine Planbrille in Nuance V oder VI 

für den in stärkere Kopiopia simplex binocu- 
laris Versunkenen, 

in Nuance II rechts, 
in Nuance IV links, 
für den an Kopiopia simplex monocularis sini- 
stra geringeren Grades Leidenden, 

™ * .„ I m Nuance IQ links, 
eine Planbrille ( . __ 

( in Nuance vi rechts, 

für den durch Kopiopia simplex monocularis 

dextra höheren Grades aller Ausdauer Beraubten, 



eine Planbrille 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 215 

oder eine andere solcher Combinationen zu wählen sein, 
damit statt einer bis auf Minuten zusammengeschmolzenen 
Sinnesthätigkeit wieder die volle Arbeitskraft in Fluss 
gerathe. Und, was dieser Therapie den grössten Triumph 
sichert, das anders beflügelte Licht ist bevorzugt, auch 
diejenigen Netzhäute in dauernder Schwingung zu er- 
halten, welche, nach der ophthalmoscopischen Unter- 
suchung von sichtbaren Organisationsfehlern durchwebt, 
für das weisse Licht ihre Nachhaltigkeit ein- für alle- 
mal versagen. 

IL Kopiopia retino - muscularis presbyopica. 

Diagnose. 

Die Folgen einer zu reizenden Einwirkung des weis- 
sen Lichtes bleiben nicht auf die von dessen Strahlen 
unmittelbar betroffene Fläche, nicht blos auf die Netz- 
haut beschränkt, sondern der von der reflectorischen 
Thätigkeit der Netzhaut abhängige Muskel-Apparat 
wird mittelbar und wie in einem .zweiten weiteren Kreise 
davon berührt. Die Unnachhaltigkeit der Retinal-Func- 
tion umgiebt sich mit einer Unnachhaltigkeit des Ein- 
stellungs - Vermögens für die Nähe, und so entsteht 
noch ein anderer auch vom weissen Lichte verschuldeter 
Krankheits-Bereich, den wir in diesem Zusammenhange 
der Licht-Therapie vindiciren müssen, der zwar in ver- 
steckterer Weise, aber deswegen nicht weniger drückend, 
eine zahlreich vertretene Klasse von Leidenden unter 
seiner Botmässigkeit hält. 

Das weisse Li cht lähmt beim Auge die moto- 
rische Kraft fast so viel als das Alter. Woher 



216 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

wohl sonst das Heer von Menschen mit jugendlicher Pres- 
byopie, die, noch in den zwanziger Jahren stehend, wohl 
ihr ganzes übriges Muskel-System, nur nicht das des 
Auges, in nervig ausdauernder Spannung zu erhalten 
im Stande sind? Sollten nicht die, — müssen wir uns 
sonst vom theoretischen Standpunkt aus fragen — welche 
sich unausgesetzt mit nahen und kleinen Objecten be- 
schäftigen, wie alle anderen mit Vorzug in Anspruch 
genommenen Muskeln, auch ihre Accommodations-Mus- 
keln stärker bekommen und functionsfähiger machen? 
Und doch sehen- wir nicht diese scheinbar richtige 
Schlussfolgerung sich bewahrheiten, und nicht die Myo- 
pie, sondern die Presbyopie aus der gespannten Be- 
schäftigung mit nahen Gegenständen hervorgehen. Es 
liegt eben etwas Anderes dazwischen, was sich gel- 
tend macht und diese Schlussfolgerung Lügen straft. 
Die von der dauernden Arbeit im weissen Lichte schwach 
gewordene Netzhaut lässt auch die von ihr abhängigen 
Muskeln schwach werden und ausspannen. Das dem 
weissen Lichte schonungslos ausgesetzte Auge wird vor- 
zeitig zur Presbyopie getrieben. 

Es giebt für diese Anschauung ein bestätigendes 
objectives Symptom, auf welches ich bereits früher die 
Aufmerksamkeit gelenkt habe, und welches, wie der 
fallende Barometer den wachsenden Druck der Luft, so 
den steigenden Grad der Ermüdung angiebt, dem der 
Accommodations- Apparat im weissen Lichte unterliegt. 
Wenn man einen mit Kopiopia presbyopica Behafteten 
lesen heisst, und das Schriftblatt von ihm so gehoben 
halten lässt, dass man seine Augen bequem beobachten 
kann, so nimmt man wahr, wie trotz der Einstellung 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 217 

für die Nähe die Pupillen nach einiger Zeit anfangen 
sich langsam zu erweitern. Das ist das physiologische 
Wahrzeichen vom Ueberhandnehmen der Presbyopie. 
Zuletzt kommt ein Moment, in dem sich die Pupillen 
plötzlich gross aufthun. Das ist der Beweis, dass der 
Kranke nun diesem Vorgange nicht mehr widerstehen 
kann. Das objective Symptom trifft genau mit der sub- 
jectiv fühlbaren Ermüdung überein. Ein jetzt rasch 
vorgeschobenes blaues Planglas — also eine Vermin- 
derung der Helligkeit mit qualitativ schonenderem Lichte 
— verkleinert die Pupillen, d. h. giebt der Netzhaut 
ihre Herrschaft zurück, stärkt in zweiter Linie den 
Muskel- Apparat und bringt als Endresultat dem Kranken 
dauernd die Nähe wieder. 

Bis zu welchem Antheil es sich im einzelnen Falle 
noch um die primäre Kopiopia retinalis handelt und 
bis zu welchem Grade durch die Einwirkung des Lichtes 
die secundäre Kopiopia muscularis sich hinzugesellt, ja 
sogar zur Hauptsache werden kann, das hängt vollkom- 
men von der individuellen Disposition des Kranken ab. 

Die grösste Verschiedenheit spricht sich hier that- 
sächlich aus, und jeder einzelne Fall ist sorgfältig zu 
ermitteln, weil sonst die Therapie der Genauigkeit ent- 
behrt und den zweierlei Bedürfnissen des Kranken nur 
annäherungsweise zu entsprechen vermag. Auch bei 
der Kopiopia presbyopica kann die pathogenetische Ent- 
wickelung von beiden Netzhäuten gleichzeitig ausgehen. 
Daher 

a) Kopiopia presbyopica binocularis, 

oder der Krankheitsheerd ist, und zwar in der 
Mehrzahl in dem einen Auge zu suchen, wäh- 



218 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

rend das andere Auge in Weitsichtigkeit und Er- 
müdung secundär hineingezogen wird, 
b) Kopiopia presbyopica monocularis. 



Therapie der Kopiopia presbyopica. 

Je genauer der Augenarzt einen Fall von Kopiopia 
presbyopica zergliedert, und sich über dessen Einzelhei- 
ten durch geeignete Sehversuche Klarheit zu verschaffen 
bemüht ist, desto eingehender und desto gemässig- 
ter kann die Wahl der Augengläser werden, um beiden 
Schwächen gerecht zu werden, die sich verschwisterten, 
und von denen die eine die andere nach sich zog. 

Die optische Einrichtung kann sich noch auf die 
blosse qualitative Abänderung des Lichtes beschränken, 
wo das Muskel -Leiden nur angebahnt ist, und deshalb 
auch erst mitzusprechen beginnt, nachdem das weisse 
Licht Gelegenheit hatte, der Netzhaut eine Weile hin- 
durch lästig zu werden. Ein blaues Glasscheibchen ohne 
alle Wölbung giebt hier der Netzhaut nicht nur die 
eigene Ruhe, sondern auch die volle Beherrschung der 
Accommodation für die Nähe wieder zurück. Die Hin- 
zufügung einer Convex-Schleifung würde dem nur schein- 
bar schon weitsichtigen Kranken — wenn anders der- 
selbe nicht davon die Belästigung verspürt und aus eige- 
nem Antriebe Abstand nimmt — jedenfalls zuviel und 
in sofern eine schädliche Unterstützung gewähren. 

Die optische Einrichtung muss schon combinirter 
werden und neben der qualitativen Licht- Aenderung sich 
auch der Lichtbrechung (der Convex-Schleifung) da be- 
dienen, wo das secundäre Muskel-Leiden zu einer reife- 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 219 

ren Entwickelung und mit der Zeit zur Selbstständigkeit 
gelangte. 

Die optische Einrichtung muss aber noch combinir- 
ter und der blaue Lichtstrahl in dem einen der beiden 
Convexgläser intensiver zuertheilt werden, wenn nur die 
eine Netzhaut den Ausgangspunkt der beiderseitigen 
Kopiopie und Presbyopie bildet, und wenn man sich 
überzeugt, dass nur die eine Netzhaut in ihrer Auf- 
fassungskraft für die Formen wesentlich gesunken, in 
ihrer Reizbarkeit gegen die Lichtquantität aber dieselbe 
geblieben, ja vielleicht gar gesteigert ist. 

Nach diesen in der Pathologie begründeten und das 
Schicksal des Kranken bestimmenden Verschiedenheiten 
werden folgende des Beispiels wegen anzuführende 
Licht-Verordnungen verständlich sein, welche ich, 
jede an ihrem Orte, als zuverlässige Hülfe gegen die Ko- 
piopia presbyopica bewährt gefunden habe: 

1. Eine Planbrille beiderseitsin Nuance IV 
wird für einen Kranken zu wählen sein, dessen beide 
Netzhäute — gleichviel, ob dieselben unter dem Ophthal- 
moscop gesund oder von leichten Organisationsfehlern 
befallen erscheinen — thatsächlich an Kopiopia leiden, 
und welcher von einer secundär hinzutretenden Presbyo- 
pie zu leiden hat, die ihn veranlasst, das vom weissen 
Lichte beleuchtete Schriftblatt während des Lesens all- 
mählich immer weiter und endlich so weit abzurücken, 
bis die Buchstaben, unerachtet aller Anstrengung, ihm 
unkenntlich werden. Unter dem nur qualitativ ge- 
änderten Lichte hört die Sehweite auf, sich ungebührlich 
hinauszuschieben und die volle Ausdauer ist gesichert. 

2. Eine Planbrille nur links in Nuance V 



220 D* e Erfolge der Licht -Therapie. 

ist das therapeutische Mittel da, wo nur in der linken 
Netzhaut eine Kopiopia wohnt, eine Weitsichtigkeit und 
Ermüdung beider Augen aber von dort aus heimlich 
eingeleitet wird. Unter dem quantitativ verringerten, aber 
qualitativ belebenderen Lichte bleibt das linke Auge trotz 
der Gewebs- Störungen, die etwa der Augenspiegel in 
seiner Netzhaut oft schon recht stark entwickelt zeigt, 
oder unerachtet der Nubecula, oder Cataracta incipiens, 
die wir bei seitlicher Beleuchtung zu entdecken vermögen, 
so in gehobener Stimmung, dass die binoculare Combi- 
nation ohne Hinderniss dauernd von Statten gehen, und 
dass die beiderseitige Accommodation für die Nähe 
in ungeschwächter Kraft sich bewähren kann. 

Unterwerfen wir in einem solchen Falle von Kopio- 
pia presbyopica monocularis das mit dem tieferen Blau 
bedachte linke Auge versuchsweise der Einzelprobe, so 
zeigt sich oft, dass dasselbe auch unter der gewährten 
Hülfe für seine eigene Function unrettbar verloren 
ist (vergl. S. 119) und z. B. das Lesen aufgeben muss. 
Unsere Absicht geht auch nur dahin, dass nicht auch 
die rechte in sich gesunde oder doch fehlerfreie Netz- 
haut auf Umwegen von Kopiopia und Presbyopia vom 
linken Auge aus bezwungen werde. Und dies gelingt 
auf eine für den Kranken selbst höchst überraschende 
Weise. Denn von dem Moment ab, wo wir zur Gegen- 
probe sein linkes, wie er selbst weiss, zum Lesen unfä- 
higes Auge den weissen Lichtstrahlen wieder aussetzen, 
oder wo wir das blaue Scheibchen statt des linken, sei- 
nem rechten Auge vorlegen, zieht ohne Weiteres die 
beiderseitige Presbyopie wieder ein, um mit Kopiopie 
zu endigen. 



4. Eine Convex-Brille < 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 221 

3. Eine Convex-Brille No. 60. in Nuance HI 
ist die combinirte Licht -Verordnung da, wo die Kopio- 
pia retinalis beider unter dem Ophthalmoscop sich nor- 
mal ausnehmenden Augen schon mit einer selbstständi- 
gen Presbyopie complicirt wurde, weil dem Kranken die 
vielleicht schon seit Jahren nothwendig gewesene Plan- 
Brille in Nuance III bei seiner blendenden Beschäftigung 
gefehlt hatte. 

-f- 40 in II rechts, 
+ 40 in VI links, 
ist die noch combinirtere Verordnung für einen Kranken, 
dessen rechtes Auge z. B. organisch ganz gesund, dessen 
linkes Auge aber auf der Netzhaut weisse Inseln als 
deutliche Spuren einer längst abgelaufenen Retinitis ex- 
sudativa, oder traubenartige schwarze Conglomerate als 
das Product einer Gefäss-Thrombose entdecken lässt. Die 
in sehr verschieden dunklen Bündeln den beiden Netz- 
häuten zugeführten Lichtstrahlen bringen zwar keine 
Genesung, aber eine gegenseitige Verträglichkeit der 
Augen, und mit dieser eine unermüdliche Arbeitskraft 
zurück. 

III. Kopiopia retino-muscularis myopica. 
Diagnose. 

Im grellsten Gegensatze zu den eben beschriebenen 
von der Kopiopia presbyopica Bezwungenen giebt es 
eine Klasse von Ermüdenden, welche ihr Bestreben, so 
spät als nur möglich von der Arbeit abzulassen, dadurch 
verwirklichen, dass sie ihre Augen dem Sehobject 
in immer stärkerem Grade näher bringen, bis 
sie, der Eine früher, der Andere später, auf dem kür- 



222 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

zesten Abstände angelangt, die zum Ausruhen nöthige 
Pause nicht mehr abweisen können. 

Geschieht diese Annäherung bei denen, die noch 
im Anfange der Krankheit sich befinden, während der 
Tagesbeleuchtung so allmählich und unvermerkt, 
dass darüber eine Stunde und wohl noch mehr Zeit verrin- 
nen kann, und dass weder die Kranken selbst davon ein 
Bewusstsein haben, noch Andere, die sich in ihrer Nähe 
befinden, davon Kenntniss nehmen : so macht sich diese 
charakteristische Annäherung bei der weiteren Entwicke- 
lung der Kopiopia myopica immer auffälliger geltend. 
Bei künstlicher Beleuchtung sind sogar alle auch 
die frühesten Anfänger dieser Kopiopia bei einiger Auf- 
merksamkeit kaum zu verkennen. So rasch bewältigt 
sie das chromatische Licht. 

Dem Volke gelten diese eigenthümlichen progres- 
siv der Sehferne verlustig gehenden Augenkranken für 
wahre Kurzsichtige, und zwar für selbstverschul- 
dete. „Denn sie können ja thatsächlich weit sehen, 
„und so kann es auch nur Unachtsamkeit auf sich selbst, 
„so muss es Angewohnheit sein, welche sie bei ihrer 
„Beschäftigung den Sehobjecten immer näher rücken 
„lässt. Kinder aber müssen fleissig ermahnt, und wenn 
„anders dies nichts hilft, pädagogisch von dieser Unart 
„geheilt werden." 

Auch die ärztliche Kunst hat sich dieser die Myopie 
gezwungener Weise simulirenden zahlreichen Kranken 
eben nicht allzu sorglich angenommen, sie nicht als eine 
besondere Klasse von Lichtkranken gekennzeichnet, 
um sie den eigentlichen Accommodations-Kranken 
diagnostisch gegenüber zu stellen; die Therapie hat sie 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 223 

nirgends in Rücksicht auf das aetiologische Moment 
zweckmässig bedacht. Selbst das Tenotom konnte, ohne 
Widerspruch zu finden, seine Ueb ergriffe machen, damit 
der „Muskel-Krampf" gehoben werde, der vermeint- 
lich daran Schuld sei, dass das mit freier Sehkraft be- 
gabte Auge in immer wachsendem Grade in die Nähe 
der Sehobjecte herangedrängt werde.*) 

Der wahre Grund, weshalb die Kranken mit Ko- 
piopia myopica sich in scheinbar ungebührlicher Weise 
dem Sehobject nähern, liegt darin, dass ihre Netzhaut, 
nach Verlauf einer gewissen Zeit im weissen Lichte 
unfähig geworden, kleine Gegenstände genau zu unter- 
scheiden, durch gesteigerte Annäherung eine stärkere 
Beleuchtung, einen erhöhten Sinnesreiz erstrebt, um neue 
Frist zu gewinnen, während deren sie unter einem grös- 
seren Gesichtswinkel ihre Thätigkeit noch fortzusetzen 
im Stande ist. Der erhöhte Reiz bleibt aber rück- 
sichtlich seiner Schädlichkeit derselbe, ja diese schärft 
sich in gleichem Grade mit der wachsenden Annäherung, 
treibt immer von Neuem zur Steigerung der Aushülfe, 
bis diese, erschöpft, die endliche Ermüdung nicht mehr 
abzuweisen vermag. 

Lange habe ich angestanden, den Namen Kopio- 
pia myopica für diese Licht-Kranken zu wählen, da 
es sich streng genommen mehr um eine Pseudomyopie 
handelt. Indessen wird durch diese Benennung am ent- 
schiedensten der Gegensatz zu den vorher beschriebenen 
Kranken angedeutet, welche durch rasch anwachsenden 



*) Sichel's Ansicht über die Entstehung der Augenermüdung 
und deren operative Heilung. 



224 Die Erfolge der Licht - Therapie. 

Nachlass ihrer Accommodations-Muskeln und also durch 
Presbyopie zum Ausruhen gezwungen werden; anderer- 
seits spricht für die Zweckmässigkeit dieser Benennung 
der Umstand, dass eine sehr namhafte Zahl der 
Individuen von wirklich myopischem Bau die- 
ser Art von Ermüdung anheimfallen. Der ohne- 
hin schon nicht ergiebige Fernpunkt dieser Accommo- 
dations - Kranken wird durch die kaum vermeidliche 
Ueberreizung ihrer Netzhaut im weissen Lichte (vergl. 
Seite 139 und 146) progressiv noch mehr verkürzt, und 
das Einschreiten Seitens der Therapie nicht nur durch 
Lichtbrechung (Concav - Gläser) , sondern auch durch 
qualitative Lichtänderung ist das einzige Mittel gegen 
die dem myopischen Bau sich noch hinzugesellende 
Kopiopie. 

Endlich muss ich zur Charakterisirung der Kranken 
mit Kopiopia retino - muscularis myopica auf die That- 
sache zurückkommen, dass auch bei ihnen nicht immer 
die beiden Netzhäute den gemeinsamen Ausgangspunkt 
zur Ermüdung abgeben, dass es sich nicht immer um eine 

a) Kopiopia myopica binocularis 

handelt, sondern dass in den meisten Fällen nur die 
eine Netzhaut die ganze Schuld trägt, so dass ledig- 
lich eine 

b) Kopiopia myopica monocularis 

den Krankheits zustand bildet. Nur die eine Netzhaut 
bahnt die Ermüdung an, sei es, dass sie von einem un- 
regelmässig zerstreuten Lichte getroffen wird , wozu das 
schwächste Hornhautwölkchen, die leiseste Linsentrü- 
bung Veranlassung geben kann, sei es, dass die eine 
der Netzhäute selbst von zarten Organisationsfehlern be- 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 225 

fallen , zwar für kurze Zeit in dem weissen Lichte noch 
genügend unterscheidet, dem dauernden Begegnen des- 
selben aber abhold geworden ist. 

Therapie der Kopiopia myopica. 

Je nachdem bei der Prüfung durch blosse Sehver- 
suche und oft auch noch durch die bestätigenden Er- 
gebnisse der Ophthalmoscopie sich feststellen lässt, dass 
der eine oder der andere der angeführten ätiologischen 
Verhältnisse den Verlust der Sehferne herbeiführte und zur 
Ermüdung trieb, entwickelt sich für die allen sonstigen 
Heilmitteln oft genug unzugänglich gewordenen Kran- 
ken eine eben so einfache als im Einzelnen individua- 
lisirbare Hülfe. 

1 . Eine Plan-Brille in Nuance II oder III bringt dem 
mit normalem Bau des Auges begabten, aber von leichter 
Kopiopia myopica heimgesuchten und deshalb besonders 
bei der künstlichen Beleuchtung belästigten Kranken 
die natürliche Sehweite und mit ihr die Ausdauer 
zurück. 

2. Eine Plan-Brille in Nuance IV, V oder VI ver- 
hilft dem , seines normalen Baues der Augen unerachtet, 
durch arge Kopiopie schon bei Tage und nach Minuten 
bis auf wenige Zoll an sein Arbeitsobject herangedräng- 
ten Kranken sofort zur natürlichen Sehweite und mit 
ihr zu der lange vermissten zwanglosen Thätigkeit. 

3. Eine Plan-Brille 

(in IV, V oder VI links, ist 

bei einer, des normalen Baues beider Augen unerach- 
tet, sich rasch einstellenden Kopiopia myopica monocu- 
laris sinistra das zuverlässig helfende Mittel. 

Böhm, Licht - Therapie. 15 



226 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

4. Eine Concav - Brille No. 40. in IV kann dem 
durch seine massige Myopie zur grössten Ausdauer Be- 
rechtigten, aber durch Kopiopie dieses Vorzugs eben so 
vollständig Beraubten durch keine andere therapeutische 
Maassregel ersetzt werden. 

5. Eine Concav - Brille No. 15. | * " ""J* 

( in VI rechts, ver- 
setzt ohne Verzug und ohne Nachtheil einen Augen- 
leidenden in rüstige Thätigkeit, der, ursprünglich von 
hereditärem myopischen Bau, in seinen mittleren Lebens- 
jahren von Kopiopia myopica dextra befallen, unter den 
vergeblichen Versuchen seiner radicalen Besserung, an 
körperlicher und geistiger Energie einbüsste, und nach 
noch so langer Schonung seiner Augen sich schliesslich 
zum Aufgeben seines Berufes verurtheilt sah. 

IV. Kopiopia dolorosa. 

Diagnose. 

Noch eine vierte Klasse von Kranken mit Augen- 
Ermüdung ist diagnostisch zu scheiden, welche fast nicht 
mehr in das pathologische Gebiet des Gesichts - Sinnes 
zu gehören scheinen, weil sie des dauernden Gebrauchs 
ihrer Augen beraubt sind, ohne dass dabei der Verlust 
der Sehschärfe, wie bei den übrigen Kopiopischen, schliess- 
lich den Ausschlag giebt. Im Gegentheil das Gesichts- 
bild bleibt ihnen bis zum letzten Augenblick deutlich, 
und die Notwendigkeit zur Unterbrechung im Sehen 
tritt dennoch ein. 

Denn nicht in dem zur ersten Entwerfung des Bil- 
des geschaffenen sensuellen, auch nicht in dem zur 
Schärfung des näher oder ferner liegenden Bildes be- 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 227 

stimmten motorischen, sondern in dem nur loser an 
das Auge geknüpften Nervengebiet der Sensibilität 
wohnt der Zwang, der mit der Modifieirung des Bildes 
nichts zu schaffen hat und dennoch auf seinen vielen 
dem Anatomen bekannten Bahnen zur Einschränkung der 
optischen Thätigkeit mahnt und zum Ausruhen nöthigt. 

Unangenehme, vom Auge aus das sensible Ner- 
vensystem durchziehende, in ihrer Eigenthümlichkeit 
oft nicht zu beschreibende, oder bis zu jähem Schmerze 
sich schärfende Empfindungen sind die Zwangsmit- 
tel, denen der Kranke nicht widerstehen kann, sondern 
durch Ausruhen gehorchen muss, wenn derselbe noch 
so sehr wünscht, sich für die Dauer seiner Augen zu 
bedienen. Und diese Empfindungen oder Schmerzen 
üben um so unbeschränkter ihre Herrschaft aus, je wi- 
derstandsloser das Nervensystem des einzelnen Kranken 
in seiner Totalität ist. Deshalb findet die Kopiopia do- 
lorosa erklärlicher Weise unter den Hysterischen und 
Hypochondrischen einen eben so fruchtbaren Boden als 
sonderbare Bahnverzweigungen, und ist man in der That 
der Wahrheit nicht allzu fern gewesen, wenn man schon 
öfters von einer Augen-Hysterie oder Augen-Hypochon- 
drie gesprochen hat, ohne darauf bedacht zu sein, gegen 
diesen wohlbegründeten Nervenzustand auch vom Auge 
aus eine entsprechende Erleichterung oder durchgrei- 
fende Hülfe zu bereiten. 

Bei der Beschreibung der Kopiopia dolorosa muss 

ich im Uebrigen auf dasjenige zurückverweisen, was ich 

bereits in dem Capitel 1X5. über den Augenschmerz, 

über dessen häutige Entstehung aus der tiefer stehenden 

Thätigkeit der einen Netzhaut, über dessen irreleiten- 

15* 



228 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

des Erscheinen auf der gesunden Seite, und über dessen 
Begründung in der schwierigen Combination der beider- 
seitigen Bilder bemerkt, so wie über die Wirkung des 
blauen Lichtes auf diese Verhältnisse mitgetheilt habe, 
, woraus hervorgeht , dass es sich der Entstehung nach 
nicht nur um eine 

Kopiopia dolorosa binocularis, 
sondern häufiger noch um eine 

Kopiopia dolorosa monocularis 
und deren rationelle Heilung handelt. 

Therapie der Kopiopia dolorosa. 

Verringerung oder Unterbrechung der Arbeit und 
schlimmsten Falls das gänzliche Schliessen der Augen 
sind freilich das selbstverständliche Mittel, den Reizun- 
gen ein Ende zu machen, welche meist nur die Gegend 
der Orbita und die Stirn umziehen, oft aber auch auf 
den Wegen der sensiblen Nerven bis weit durch den 
Körper ausströmen, bis in den Nacken und in die Fin- 
gerspitzen gelangen, bis in den Magen und das Ganglien- 
System des Unterleibs getragen werden, und dort Uebel- 
keit und sonstige Empfindungen erregen, deren nähere 
Erörterung die Grenzen dieser Arbeit überschreiten wür- 
de, und worüber wir in Romberg's Werk über Ner- 
venkrankheiten eine lebendige Schilderung erhalten. 

Das qualitativ geänderte Licht, welches die Netz- 
häute milde und schonend berührt und, in verschiedenen 
Nuancen nebeneinander dargeboten, die Disharmonie der 
Sinnesthätigkeit ausgleicht, ist das positive Mittel, 
um die mannigfachsten und wunderbarsten Reizungen 
zu besänftigen und zu heilen, ohne dass die Kran- 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 229 

ken der Schonung bedürfen und der gezwun- 
genen Ruhe anheim zu fallen brauchen. Denn 
Arbeit unter der richtigen Unterstützung gilt auch hier, 
wie bei jedem Organ, das wir der Genesung zuführen 
wollen, mehr denn die Ruhe, und die wiedergegebene 
Möglichkeit zur Beschäftigung und zur Zerstreuung ist 
namentlich nervösen Individuen eine der wichtigsten Be- 
dingungen zu ihrem neuen Gedeihen. 

So wird es nicht mehr irrationell erscheinen, wenn 
wir dem blauen Lichte die Fähigkeit zutrauen, dass es 
als eine besondere Kraft sein eng umgrenztes Wirkungs- 
gebiet überschreitet, und auf weit liegende Gegenden 
der erregten sensitiven Nervensphäre als Heilmittel Ein- 
fluss hat. 

Eine Plan-Brille in der geeigneten Nuance wird 
dies leisten bei Kopiopia dolorosa binocularis. 

('— 60 in II rechts, 
Eine Concav-Brille _ . , TrTT ,. , 

( — 60 in VIII links, be- 
freite unter Anderen eine schwach myopische Kranke, 
welche nach heftiger innerer Ophthalmie seit einem De- 
cennium die Sehkraft ihres linken Auges bis auf die 
blosse allgemeine Lichtwahrnehmung eingebüsst hatte, 
von namhaften Kopfschmerzen. Das tief blaue Licht, 
welches die kaum noch empfindende Netzhaut traf, lei- 
stete positiv, was durch ein dauerndes Versetzen des 
kranken Auges in absolute Dunkelheit nicht hatte be- 
wirkt werden können. 



230 Die Erfolge der Licht- Therapie. 



Casuistik. 

Fall 36 bis 40. 

Fall 36. 
Kopiopia retinalis des linken Auges; dieselbe Af- 
fection des rechten aus binocularer Combinations- 
Störung; Hülfe für beide Augen durch entspre- 
chende Grade blauen Lichtes. 

Fräulein Röstel, 29 Jahre alt, aus Märkisch Friedland, 
war bereits seit Jahresfrist zur Unthätigkeit gezwungen. Die 
Leistungen ihres Gesichts waren für den Tag erschöpft, wenn 
sie am Morgen eine 'halbe Stunde gelesen hatte. Ein Flim- 
mern vor dem linken Auge und zeitenweise Erscheinung 
eines runden wolkigen Fleckes im Gesichtsfelde hatte die 
Kranke als besondere Erscheinungen hervorzuheben. Vor 
Allem aber musste sie jedes helle Tages- oder künstliche 
Abendlicht sorgfältig meiden, wenn ihre Augen nicht nach- 
träglich lange an Ueberreizung leiden sollten. 

Die Verschlimmerung, welche sich jedesmal vor der Zeit 
der Menses einstellte, rechtfertigte wohl die Ansicht, dass 
das Uebel aus Congestion hervorgegangen sei, und bei der 
Ophthalmoscopie gab sich auch eine zu starke Ueberfüllung 
der Retinal -Gefässe zu erkennen. Nichtsdestoweniger waren 
alle noch so richtig auf diese Aetiologie berechneten und 
streng durchgeführten Kunstmittel, sowie das Verbot jeglicher 
Beschäftigung leider ohne allen Erfolg auf eine Herabstim- 
mung des Uebels geblieben. 

Die Anschauung des Falles von meinem therapeutischen 
Standpunkte aus war: gesunkene Unterscheidungskraft der 
linken Netzhaut bei verhältnissmässig erhöhter Empfindlich- 
keit derselben gegen das Licht, und von dort aus durch 
Combinations- Störung erzwungene Unbrauchbarkeit der ge- 
sunden rechten Netzhaut für dauernde Beschäftigung. Ein 
kurzer Leseversuch mit jedem Auge einzeln überzeugte auch 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 231 

bald die Kranke, dass ihr linkes Auge weniger deutlich und 
nur unter beständiger Gewährung von Ruhepunkten unter- 
scheiden konnte. Sie erhielt darauf hin: 
Planglas in Nuance IV rechts, 
Planglas in Nuance VI links. 

Die Befähigung zur andauerndsten Beschäftigung mit 
den feinsten Handarbeiten war das unmittelbar gewonnene 
Ergebniss dieser palliativ eingeleiteten Kur. Der absichtlich 
gewählte Aufenthalt im Theater und in anderen hell erleuch- 
teten Räumen wurde eben so leicht ertragen, als sich die 
früheren Erscheinungen der Reizung auf die Spitze treiben 
Hessen, sobald die Kranke sich die verordnete Brille so vor- 
hielt, dass das dunklere und hellere Glas vor die falsche 
Seite gelangte. 

Durch die Ausgleichung der Störung im binocularen 
Sehen vermittels des entsprechenden in blosse Plangläser 
gelegten Doppel-Lichtes leitete sich bei der Kranken schon 
während weniger Wochen ihres hiesigen Aufenthaltes eine 
radicale Besserung ein, so dass das Zeitmaass sich merklich 
verlängerte, während welches sie sich auch ohne die Brille 
mit Lesen und weiblichen Handarbeiten beschäftigen konnte. 

Fall 37. 

Kopiopia retinalis monocularis sinistra; Hülfe 

durch ein nur links verwendetes Planglas 

in Nuance V. 

Carl Ideler, 14 Jahre alt, hatte von frühster Jugend 
her ein schwaches linkes Auge gehabt, ohne dass daraus 
allgemeine Sehstörungen früher als in den letzten andert- 
halb Jahren entstanden waren. 

Bei der Untersuchung im Herbst 1856 las das kranke 
Auge nur bis No. 9. der Büchler'schen und bis No. 11. der 
Jäger'schen Schriftproben. Das Durchlaufen einer einzigen 
Zeile genügte, um die Leistungen des Auges vollkommen zu 
erschöpfen. Die Anwendung des Ophthalmoscops Hess ein 
gering bogenförmiges Aufsteigen der Gefässe aus der Papilla 



232 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

optica deutlich erkennen. Derselbe Umstand fand sich in- 
dessen auch im gesunden Auge vor. Ein Planglas in 
Nuance V verdeutlichte dem Auge die Buchstaben nicht 
unerheblich und liess auch die Ermüdung erst nach vier 
Zeilen eintreten. 

Der junge Gymnasiast verspürte nun beim Tageslichte 
nicht die geringste Gesichts-Störung. Desto mehr aber lehnte 
sich bei künstlicher Beleuchtung das linke Auge gegen jede 
Beschäftigung auf, und nahm durch Beirrung des binocularen 
Sehens das rechte Auge so mit in das Geleit, dass Ideler 
seit den letzten anderthalb Jahren von jeglicher abendlichen 
Beschäftigung hatte Abstand nehmen müssen. Ein auch noch 
so kurz angestellter Versuch strafte sich jedesmal durch 
Druck und Reizung beider Augen, und durch andauernde 
Migräne am nächstfolgenden Morgen. Viele Theorieen und 
manche Versuche mit Brillen waren an der Beseitigung die- 
ses zeitraubenden Augenübels gescheitert. 

Das linke Auge, ohne Zweifel der Ausgangspunkt der 
als Ermüdung in die Erscheinung tretenden binocularen 
Sehstörung, war allein zu berücksichtigen und erhielt das 
bereits oben erwähnte Planglas No. V. Das rechte Auge 
blieb ganz frei. Fünf Stunden hatte der auf den Erfolg 
gespannte Kranke am ersten Abend bei der üblichen Lam- 
penbeleuchtung eifrig gelesen, und noch harrte er vergeblich 
auf die leiseste Mahnung, dass es Zeit sei, seinen Augen 
Ruhe zu gönnen. Deutlich hatte er das Gefühl, dass bei 
dem qualitativ geänderten Lichte sich das linke Auge zur 
Arbeit einlegte, und jeder Gewinn schwand, so oft er ver- 
suchsweise dasselbe Glas dem rechten Auge anbot. 

Alle späteren in vierwöchentlichen Zwischenräumen ge- 
gebenen Berichte dienten nur zur Bestätigung eines so gün- 
stigen und doch so leicht gewonnenen Ergebnisses. Auch 
eine radicale Besserung blieb nicht aus. Das bis dahin am 
Tage schlummernde und am Abend durch Widerspen- 
stigkeit sich geltend machende Auge erholte sich und 
hatte sich, nach den letzten Berichten, von der Ermüdung, 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 233 

die ihm früher schon nach einer Zeile Zwang angelegt hatte, 
bis auf die Dauer von drei bis vier Minuten frei gemacht. 

Fall 38. 
Im rechten Auge begründete Kopiopia retinalis. 
Scala des Wirkungs- Vermögens blau nüancirter 
Plangläser, Dauer und Ferne zu geben. 
Der Schlosser S ehern y hatte, wiewohl er kaum in 
das mittlere Lebensalter getreten war, seit den letzten fünf 
Jahren ein entschiedenes Rückschreiten seiner Sehkraft be- 
merkt, so dass er schliesslich nicht weiter als acht Zoll von 
seinem Werkstück entfernt sein durfte, um mit der not- 
wendigen Ausdauer sein Geschäft treiben zu können. Durch 
angestrengtes und in Zeiten drohender Kriegsgefahr viele 
Nächte hindurch fortgesetztes Arbeiten in der Gewehrfabrik 
zu Suhl war sein Augenleiden zuerst eingeleitet worden. 

Scherny hatte bis auf den Tag seiner ärztlichen Un- 
tersuchung keine Ahnung davon gehabt, dass die Ursache 
seiner Gesichtsschwäche nur in seinem rechten Auge lag. 
Bei der Erprobung, welche ich an einem sonnenhellen Mor- 
gen mit jedem Auge einzeln anstellte, las das linke dauernd 
und in normaler Sehweite. Das rechte Auge aber las nur 
bis auf 

»5 Zoll Entfernung und 15 Secunden Dauer", 
mit vorgelegtem Planglas in Nuance III 

12 Zoll Entfernung, 2 Minuten Dauer, 
mit vorgelegtem Planglas in Nuance IV 

16 Zoll Entfernung, 6 Minuten Dauer, 
mit vorgelegtem Planglas in Nuance V 

22 Zoll Entfernung und mit bleibender Dauer; 
mit vorgelegtem Planglas in Nuance VI 

verminderte sich dem rechten Auge wieder Entfernung 
und Dauer, weil dasselbe, nach des Kranken eigener 
Aussage, statt lichtmildernd, zu lichtraubend und des- 
halb anstrengend wirkte. 
Nach diesen Ermittelungen über das ermüdende rechte 



•234 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

und gesunde linke Auge galt es. das erstere zu unterstützen 
und das letztere vor einer Combinations - Störung zu be- 
wahren. 

Durch eine Licht -Combination mittels 

Planglas in Nuance II links, 

Planglas in Nuance V rechts, 
wurde diesem doppelten Bedürfniss so vollkommen entspro- 
chen, dass der Kranke behaglich und ohne überhand neh- 
mendes Flimmern dauernd lesen und als tüchtiger Arbeiter 
seinem Berufe zurückgegeben werden konnte. 

Fall 3 9. 
Kopiopia retino-muscularis presbyopica des lin- 
ken Auges. Hülfe durch Conv ex-Brille No. 50., 

deren linkes Glas um zwei Nuancen tiefer 
abgeschattet war. 

Fräulein Pfefferkorn wusste, dass sie schon aus der 
Kindheit her an Schwachsichtigkeit des linken Auges ge- 
litten hatte. Dasselbe war zum Erkennen gewöhnlicher 
Druckschrift unfähig, las jedoch durch Convex-Glas No. 50. 
in Nuance III zwei Zeilen, mit -f 50 in IV drei, mit + 50 
in V vier Zeilen, um dann freilich auf lange Zeit der Er- 
holung zu bedürfen. 

Diese längst gewohnte Schwäche des linken Auges 
würde die Kranke nicht veranlasst haben, ärztlichen Rath 
einzuholen, wenn davon keine Ueberwirkung auf das andere 
Auge erfolgt wäre. Auch das rechte Auge wurde, obgleich 
die Kranke das zweiundzwanzigste Jahr noch nicht erreicht 
hatte, durch binoculare Störung Anfangs in Presbyopie und 
durch diese schliesslich in solche Kopiopie nachgezogen, 
dass nach Durchlesen einer einzigen Seite, unter schmerz- 
hafter Empfindung im linken Auge, gänzliche Ermüdung 
erfolgte. 

Die genau zutreffende Licht-Therapie Hess mich wenig- 
stens , wie in ungemein vielen analogen Fällen , keinen an- 
deren Rücksrhluss auf die Pathogenie machen. Denn als 



Das blaue Licht gewährt die Dauer. 235 

ich die Kranke zunächst mit Convex - Gläsern No. 50. in 
Nuance II versah , entsprachen diese der einmal vorhande- 
nen Weitsichtigkeit, indem sie die nahen Objecte genügend 
verdeutlichten, aber weder schwand das Schmerzgefühl des 
linken Auges, noch wurde die Ermüdung dadurch wesentlich 
gebessert. Erst mit der dunkleren Abschattung des linken 
Convex -Glases durch die wahrnehmbarere und schonender 
wirkende Nuance V, oder mit anderen Worten: erst durch 
eine der gestörten Combination abhelfende zwiefache cen- 
trale Beleuchtung trat eine so klare Anschauung der nahen 
Objecte ein, dass jeder Schmerz des linken Auges schwieg 
und die Fähigkeit zu unausgesetzt dauernder Beschäftigung 
gewonnen wurde. 

Jeder therapeutische Gegenversuch, der nicht auf dem 
oben angenommenen pathogenetischen Rückschluss basirt 
war, misslang. Stärkere Convex-G läser als No. 50. störten 
durch Vergrösserung ; Convex -Gläser No. 50., beide in 
Nuance V, hinderten durch Lichtberaubung. Das Umkehren 
der einmal als hülfreich befundenen Brille, 

-f 50 in Nuance II rechts, 

-f 50 in Nuance V links, 
steigerte sogar Schmerzgefühl und Ermüdung in auffallen- 
der Weise. 

Fall 40. 

Kopiopiaretino-muscularis myopica sinistra. Ein 

blaues Planglas in Nuance IV, nur dem linken 

Auge vorgelegt, gewährt beiden Augen die 

Ferne und die Ausdauer. 

Der Schneider Bier mann, 25 Jahre alt, wurde, als er 
nach Ablauf seiner Militair-Jahre zu seiner Gewerksthätig- 
keit zurückkehrte, von der Wahrnehmung überrascht, dass 
ihn sein früher sehr gutes und ausdauerndes Sehvermögen 
gänzlich verlassen hatte. 

Liess ich den Kranken, um die Art seiner Kopio- 
pie zu ermitteln, lesen, so war es ihm Anfangs bequem, 



236 Die Erfolge der Licht -Therapie. 

das Schriftblatt bis auf zwei Fuss entfernt zu halten. Bald 
aber meldete sich ein Gefühl von Druck in seinem linken 
Auge, dem er dadurch entging, dass er sich unwillkürlich 
von Minute zu Minute dem Schriftblatt mehr näherte. Nach 
einer viertel Stunde bei acht Zoll angelangt, wurden ihm 
die Buchstaben aber unklar, und alsbald hörte die Möglich- 
keit zu lesen ganz auf. 

Bei der Einzelprobe der Augen erwiess sich, dass das 
linke vorher schon durch das Gefühl von Druck mir ver- 
dächtig gewordene Auge nur halb so weit als das rechte 
las. Ophthalmoscopisch untersucht zeigte sich dasselbe voll- 
kommen gesund, aber reizbarer gegen das Licht als das 
andere Auge. An ihm allein hatte die Licht-Therapie ihre 
Aufgabe zu lösen. 

Unter einer Brille 

Plan in Nuance IV links, 
Plan III in Weiss rechts, 
erweiterten die Augen gemeinsam ihre Sehweite beim Lesen 
sofort von zwei bis auf drei Fuss, und die früher aneinan- 
der gereiheten Symptome — Druck im linken Auge, wach- 
sende Einschränkung der Sehweite und Ermüdung — kamen 
nicht mehr zur Verwirklichung. Mit der Darreichung eines 
einzigen blauen Glasscheibchens war Alles gewonnen, wo- 
nach der Kranke unter vielen Versuchen der älteren The- 
rapie ein ganzes Jahr vergeblich gestrebt hatte. Statt nach 
der ersten Morgenstunde schon erschöpft zu sein, war es 
ihm unbenommen, bis zur späten Abendzeit seiner Beschäf- 
tigung obzuliegen. 



-OQ- 



Andeutung der äussersten Grenze der 
Licht -Therapie. 



Ijei der immer wachsenden Zahl günstiger therapeu- 
tischer Erfahrungen, welche ich hinsichtlich der Wirkung 
des farbigen Lichtes in jüngster Zeit zu machen Gelegen- 
heit hatte, drängte sich mir lebhaft auch die Frage über 
die Grenze auf, bis zu welcher ein erblindendes Auge 
wohl noch fortfahre auf sein gesundes Nebenorgan schäd- 
lich überzuwirken , und bis wie weit in solchen Fällen 
unseren optischen Mitteln noch eine Verderben abwendende 
Kraft beizumessen sei. Indem ich eine näher eingehende 
Beantwortung dieser in vielen Beziehungen schwierigen 
Frage einem anderen Orte vorbehalte, kann ich dieselbe 
hier und für jetzt nur andeutend berühren. 

Schliesst man einem Menschen, der ein fast erblin- 
detes linkes und ein gesundes rechtes Auge hat, das 
gesunde dauernd vor jedem Lichtstrahle ab, und experi- 
mentirt man nur mit dem erblindenden: so verräth das 
letztere bekanntlich in vielen Fällen keinen Orts -Sinn 
mehr, oft kaum noch einen Licht-Sinn. Dem Kranken 



238 Grenze der Licht -Therapie. 

ist es ziemlich gleichgeltend, ob man Sonnenstrahlen in 
seine Pupille treten lässt, oder nicht. Schwache Schwin- 
gungen der optischen Nervenfaser mögen nach unseren 
heutigen Ansichten noch von den die Netzhaut treffen- 
den Lichtstrahlen in Bewegung gesetzt werden; doch 
gleichviel bis zu welcher Tiefe, sie kommen kaum mehr 
zur Perception und verschwinden fruchtlos auf ihrem 
Wege zum Centrum — dem Gehirn — , welchem zur Zeit 
des Experiments auch von der rechten Seite her jegliche 
Erregung (Erhellung) fern gehalten wird. 

Eine Erfahrung von ganz anderer Natur tritt da- 
gegen hervor, wenn man umgekehrt das gesunde Auge 
absichtlich in Thätigkeit setzt und die Wirkungen er- 
forscht, die in dieser Thätigkeit sich äussern, sobald man 
nebenbei das fast erblindete Auge bald schliesst bald 
wieder öffnet. Bei genauem Aufmerken verspürt der 
Kranke vom Oeffnen und Schliessen seines fast erblin- 
deten Auges zweifellos einen centralen Erfolg, und zwar 
vom Schliessen eine günstige Veränderung und ein klare- 
res Hervortreten kleiner Sehobjecte. Nur darf der Ver- 
such nicht zu lange hintereinander fortgesetzt werden. 
Die ohnehin schwache Wahrnehmung erschöpft sich bei 
Wiederholungen immer mehr. Und darin liegt nichts 
Auffälliges, sondern im Gegentheil etwas das subjective 
Gefühl des Kranken Bestätigendes, welches auch den 
Erfahrungen analog ist, die wir bei der experimentalen 
Erforschung der die Ferne gebenden Kraft des abge- 
schatteten blauen Lichtes (s. Seite 143) gemacht haben. 

Die von der linken Seite her, und wenn auch noch 
so schwach, central sich bewegenden Schwingungen 
mischen sich beim Bedecken des vermeintlich schon 



Grenze der Licht -Therapie. 239 

gleichgültig gewordenen Organs durch ein tief blaues 
Glas nicht mehr störend in die Schwingungen des sehen- 
den Auges ein, und eine sensorielle Beruhigung thut 
sich kund, unter deren längerer Einwirkung Schmerzen 
sich stillen und Unheil verkündende Licht- und Farben- 
Erscheinungen sich mindern und schliesslich aufhören. 
Zwischen der letzten Spur sensorieller Thätigkeit 
und zwischen absoluter Unthätigkeit liegt keine scharf 
gezogene Linie. Indessen auf und dicht vor der frag- 
lichen Grenze belinden sich viele Gesichtsleidende, deren 
eines noch gesunde Auge von dem anderen vermeintlich 
amaurotischen unverkennbar angefeindet und bei man- 
gelnder Hülfe gefährlich niedergezogen wird, so dass 
die Kranken sich sogar bereit finden lassen, das schäd- 
liche Organ zu opfern. Doch um wie viel höher steht 
die Kunst, wenn sie dieses letzten Opfers nicht bedarf! 



-0*0- 



Erklärung der Tafeln. 



Tafel I. 

Fig. 1. Das Farbenspectrum, wie es sich zeigt, wenn man 
ein Bündel Sonnenstrahlen einfach durch ein Prisma 
zerlegt. 

Fig. 2. Das Farbenspectrum, wie es von vier schwarzen 
Absorbtions-Streifen verändert wird, wenn man die 
Strahlen durch kobaltblaues Glas leitet, und 
dann erst durch das Prisma zerlegen lässt (s. S. 29). 

Fig. 3. Das Farbenspectrum, wie es noch mehr (durch Aus- 
löschen seiner weniger brechbaren Hälfte) verändert 
wird, wenn man die Strahlen durch eine wässrige 
Lösung des schwefelsauren Kupferoxyd- 
Ammoniaks treten lässt. 

Fig. 4. Das Farbenspectrum, wie es annäherungsweise auf 
ein homogenes Blau beschränkt wird, wenn man die 
Strahlen durch eine Lösung des Berlin er blau in 
Oxalsäure treten lässt. 

Tafel IL 

Die Tafel IL vergegenwärtigt die VI blauen Nuancen, wie 
dieselben für die Behandlung kranker undschwacher 
Augen durch farbiges Licht verwendet und mittels 
chemischer Lösungen festgestellt worden (s. S. 36). 

Die in je zwei Brillengläser gelegten Nuancen dienen zur 
Behandlung der binocularen Combinations-Störungen. 
Das schwächere Auge erhält zu seiner grösseren 
Bethä+igung das dunklere Glas (s. S. 45). 

Die Brillen-Gestelle sind mit einer solchen Brücke versehen, 
dass man nach der Individualität des Falles durch 
Umkehren der Brille beliebig das dunklere Glas 
rechts oder links verwenden kann. 



Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin. 



Tfif. I 







Taf.U. 







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